SEXAGESIMA

Die Strenge des Winters hat schon etwas nachgelassen und die milde Luft eines schönen Morgens lädt die Bewohner der „Ewigen Stadt und das togatragende Volk“ zu einer Wanderung nach der Paulskirche ein, die man einst unter einem gedeckten Gange vom Mittelpunkte der Stadt aus bis zur Basilika unternehmen konnte. Natürlich noch, bevor die eigentliche Fastenzeit beginnt. In der heutigen Messe mischen sich ernste Bußgedanken mit jubelnder Freude über den großen Völkerapostel. Vielleicht hat die rätselhafte „translatio St. Pauli“, welche das Hieronymianum am 25. Januar verzeichnet, den Anstoß zur heutigen Stationsfeier gegeben, und der heutige Sonntag ist noch eine letzte Erinnerung an dieses Fest.

Es bestand nämlich in Rom im 7. Jahrhundert das Bestreben, einige Feste von geringerer Bedeutung, die auf einen Werktag fielen, auf den darauffolgenden Sonntag zu verlegen.

Bemerkenswert ist ferner, daß sich während der Weihnachtszeit in den verschiedenen alten orientalischen und gallikanischen Liturgien stets ein Fest der Apostelfürsten von höherem oder geringerem Range findet. Dieses Fest wurde entweder unmittelbar nach Weihnachten oder im Verlaufe des Januar gefeiert.

Die heutige Statio in St. Paul ergibt sich überdies aus der aufsteigenden Ordnung, in der man die Titelheiligen der großen römischen Patriarchalbasiliken an den Sonntagen vor der Fastenzeit feiern wollte. Die Reihe eröffnet Laurentius als der Bannerträger (Staurophoros), ihm folgen die Apostel Petrus und Paulus, und den Ehrenplatz nimmt der göttliche Erlöser selbst ein.

… Das Leiden ist ein Gesetz im Reiche der Gnade, und läßt in der gegenwärtigen Heilsordnung keine Ausnahmen zu. Es ist gleichsam die übernatürliche Atmosphäre, in welcher ein Christ leben muß, der auf den Tod Jesu getauft ist.

Die Perikope [Epistel 2 Kor 11,19-33; 12,1-9] enthält auch die Selbstverteidigung des Apostels gegenüber der mächtigen Partei der judaisierenden Christen, die den Heidenchristen das jüdische Gesetz aufzwingen wollten. In Korinth hielt man diese Prediger aus dem Stamme Abrahams für bedeutendere Männer als Paulus, der den Korinthern seines leisen und wenig Eindruck machenden Vortrags wegen ganz geringfügig vorkam. Paulus fügt sich vorerst in die Schätzung der Korinther, hält aber dann den hochtrabenden Titeln seiner Gegner die eigenen Vorzüge entgegen, die seine apostolische Sendung erweisen: „Sie sind Hebräer, ich auch; sie sind Israeliten, ich auch; sie sind Nachkommen Abrahams, ich auch; sie sind Diener Christi (ich spreche wie ein Tor), ich noch mehr.

Dann zeigt er, wie schwer der Dienst Christi auf seine Schultern drückt; sie sind bereits gebeugt durch Entbehrungen, Verfolgungen und Geißelungen, die er um des Glaubens willen ertragen. Und bei all diesen Leiden obliegt ihm noch die Sorge für die Kirche des Abendlandes. Wohl könnte er sich seiner Gesichte rühmen und seiner Entzückung in den dritten Himmel, wo er Dinge vernahm, die kein Mensch aussprechen darf. Doch diese Gnaden schätzt er wenig oder überhaupt nicht. Wert haben für ihn bloß die Mühen und Drangsale des Lebens, denn auf den Ruinen der „Hoffart des Lebens“ pflanzt der Herr die Siegeszeichen seiner Gnade auf.

… Von welchen Gefahren ist unser ewiges Heil im Weltgetriebe bedroht! Guter Same fällt mitunter auch auf steinigen Weg. Wird er aber Von den Vorübergehenden nicht zertreten, picken ihn die Vögel nicht auf und wird das Pflänzlein des Evangeliums nicht von Gestrüpp und Dornen überwuchert, so droht ihm immer noch das furchtbare Wort Jesu: „Es kommt der Teufel, und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden.

Auf eine so wichtige Angelegenheit, von welcher das ewige Heil abhängt, müssen wir also mit der ganzen Anspannung unseres Geistes bedacht sein. Am Fuße des Altares wollen wir versprechen, zur Erreichung unseres letzten Zieles alle Kraft einzusetzen, wie der hl. Paulus es wünscht. Aus diesen Gedanken heraus entstanden in den alten Zeiten unzählige Klöster und bevölkerten sich mit Scharen von Heilsbegierigen jeden Alters, Geschlechts und Standes. Welchen Nutzen hat der Mensch, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dafür Schaden an seiner Seele leidet?

(Stationskirche: St. Paul)

(Ildefons Schuster in Liber Sacramentorum)

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