Das Sterben des Herrn am Kreuz – 2/14

Die Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick, nach Clemens Brentano.

(…) – Kreuzigung der Schächer

Während der Annagelung des Herrn lagen die Schacher, noch mit den Händen an die Querhölzer über den Nacken gebunden, an der östlichen Seite des Kalvarienberges am Weg auf dem Rücken, und es stand eine Wache bei ihnen. Sie waren beide, der Ermordung einer jüdischen reisenden Frau und ihrer Kinder zwischen Jerusalem und Joppe verdächtig, auf einem Schloß jener Gegend, das Pilatus auch manchmal bei Kriegsübungen bewohnte und wo sie wie reiche Kaufleute erschienen, gefangengenommen worden. Sie hatten lange bis zum Beweis und der Verurteilung gesessen. Ich habe das Nähere vergessen.

Der sogenannte linke Schacher war älter und ein großer Bösewicht, er war der Verführer und Meister des Bekehrten. Man nennt sie gewöhnlich Dismas und Gesmas, ich habe die richtigen Namen vergessen, ich will darum den Guten Dismas, den Bösen Gesmas nennen.

Sie waren beide von jenem Räuberhaufen an der ägyptischen Grenze, in dessen Herberge die Heilige Familie mit dem Kinde Jesus auf der Flucht nach Ägypten übernachtet hatte, und Dismas war jener aussätzige Knabe, der in dem Badewasser des Jesuskindes von seiner Mutter auf Anraten Marias gewaschen worden und augenblicklich heil geworden war. Die Barmherzigkeit und der Schutz, den seine Mutter der Heiligen Familie damals gegen ihre Gefährten angedeihen ließ, war durch jene vorbildliche Reinigung belohnt worden, die jetzt bei der Kreuzigung in Erfüllung trat, da er durch das Blut Jesu gereinigt ward.

Dismas war ganz verkommen, er kannte Jesus nicht, doch war er nicht bösartig, und die Geduld des Herrn hatte ihn gerührt. Er sprach hier liegend immer mit seinem Gesellen Gesmas von Jesus. Er sagte:
«Sie gehen schrecklich mit dem Galiläer um; es muß wohl ein ärgeres Übel sein, was er mit seinem neuen Gesetz getan, als unsere Tat, aber er hat eine große Geduld und Macht über alle Menschen.»

Da erwiderte Gesmas:
«Was für eine Macht hat er denn? Ist er so mächtig, wie sie sagen, so könnte er uns allen helfen.»

So und dergleichen redeten sie, und als das Kreuz im Aufrichten war, kamen Schergen und schleppten sie heran mit den Worten, es sei nun die Reihe an ihnen, und man band sie von den Querhölzern und eilte sehr, denn die Sonne war trüb, und es war eine Bewegung in der Natur, als nahe ein Ungewitter.

Die Schergen stellten Leitern an die aufgerichteten Stämme und befestigten die gekrümmten Querhölzer halb eingelassen mit einem Pflock oben an die Stämme. Es wurden nun zwei Leiterstangen an jedes Schächerkreuz gestellt, worauf Henker standen. Unterdessen hatte man ihnen von dem Myrrhenessig zu trinken gegeben, ihnen die offenen, schlechten Wämser ausgetan und zog sie nun an den Armen mit Stricken, die über die Kreuzarme geworfen wurden, hinauf, indem sie unter Schlagen und Prügeln auf Pflöcken, die durch die Stämme in Löcher gesteckt waren, aufstiegen.

An den Querhölzern und dem Stamm waren schon Stricke, ich meine von gedrehtem Bast, angeknüpft. Ihre Arme wurden verdreht über die Querhölzer gebogen und über den Handgelenken und Ellbogen und ebenso über den Knien und Fußknöcheln von den Stricken umschlungen und durch Umdrehen eingesteckter Prügel so gewaltig angeknebelt, daß die Muskeln bluteten und die Knochen krachten. Sie stießen ein furchtbares Gebrüll aus, und der gute Schacher Dismas sagte beim Hinaufsteigen:
«Wäret ihr mit uns umgegangen wie mit dem armen Galiläer, so brauchtet ihr uns nicht mehr da hinaufzuziehen.»

(…)

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