Das Sterben des Herrn am Kreuz – 5/14

Die Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick, nach Clemens Brentano.

(…) – Verspottung und erstes Wort Jesu am Kreuz

Nach der Kreuzigung der Schacher und der Teilung der Kleider des Herrn rafften die Schergen alle ihre Geräte zusammen, schimpften und höhnten Jesus und zogen von dannen. Auch die übrigen anwesenden Pharisäer zu Pferd setzten sich in Bewegung, ritten um den Kreis vor das Angesicht Jesu, höhnten ihn mit vielen schmählichen Worten und ritten von dannen. Ebenso zogen die hundert römischen Soldaten mit ihren Führern vom Berg und aus der Gegend ab, denn es zogen fünfzig andere römische Soldaten herauf und besetzten die Posten.

Der Hauptmann dieser neuen Schar war Abenadar, ein geborener Araber, der später Ktesiphon getauft ward, und der Unteroffizier hieß Cassius, er war eine Art Beiläufer des Pilatus und erhielt später den Namen Longinus. Es ritten auch von neuem einige Älteste herauf, worunter jene wiederkehrten, die abermals vergeblich von Pilatus eine andere Inschrift für den Kreuztitel begehrt hatten. Er hatte sie gar nicht einmal vor sich gelassen. Sie waren um so erbitterter. Sie ritten um den Kreis und vertrieben die Heilige Jungfrau, welche sie ein loses Weib nannten; sie ward von Johannes zu den zurückstehenden Frauen gebracht, Magdalena und Martha hatten sie in den Armen.

Wenn sie, das Kreuz umziehend, vor das Angesicht Jesu kamen, schüttelten sie verächtlich den Kopf und sagten:
«Pfui über dich, Lügner! Wie zerbrichst du den Tempel und baust ihn wieder in drei Tagen?» –
«Andern hat er immer helfen wollen und kann sich
selbst nicht helfen!» –
«Bist du Gottes Sohn, so steige vom Kreuz herab!» –
«Ist er der König Israels, so steige er vom Kreuz nieder, so wollen wir ihm glauben.» –
«Er vertraute Gott, der helfe ihm nun.»
Auch die Soldaten spotteten und sagten: «Bist du der Judenkönig, so hilf dir nun.»

Als Jesus noch in der Ohnmacht so elend hing, sagte Gesmas, der Schacher zur Linken:
«Sein Teufel hat ihn nun verlassen.»

Ein Soldat aber steckte einen Schwamm mit Essig auf einen Stab und hielt ihn Jesus vor das Angesicht, und er schien ein wenig zu saugen; das Höhnen währte fort. Der Soldat sagte:
«Bist du der Judenkönig, so hilf dir selbst.»
Alles dieses geschah, während die frühere Schar durch den Haufen des Abenadar abgelöst wurde.

Jesus aber richtete sein Haupt etwas auf und sagte:
«Vater! Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun»,
und betete still weiter.
Da rief Gesmas:
«Bist du Christus, so hilf dir und uns!»

Das Höhnen währte fort, aber Dismas, der rechte Schächer, ward tief gerührt, als Jesus für seine Feinde betete, und da Maria ihres Kindes Stimme hörte, konnte ihre Umgebung sie nicht mehr zurückhalten, sie drang in den Kreis. Johannes, Salome und Maria Cleophä folgten ihr, und der Hauptmann vertrieb sie nicht.

Dismas, der rechte Schacher, erhielt durch das Gebet Jesu einen inneren Strahl der Erleuchtung, als die Heilige Jungfrau herzutrat, und er erkannte innerlich, daß Jesus und seine Mutter ihm als Kind schon geholfen, und er erhob seine Stimme ganz mächtig und laut und sagte ungefähr folgendes:
«Wie ist es möglich, ihr lästert ihn, und er betet für euch, er hat geschwiegen und geduldet und betet für euch, und ihr lästert, er ist ein Prophet, er ist unser König, er ist Gottes Sohn!»

Über diese unerwartete Strafrede aus dem Mund des elend hängenden Mörders entstand ein Tumult unter den Spöttern, und sie suchten Steine und wollten ihn am Kreuz steinigen. Der Hauptmann Abenadar aber wehrte ab, ließ sie auseinandertreiben und stellte Ordnung und Ruhe her.

Unterdessen fühlte sich die Heilige Jungfrau ganz gestärkt durch Jesu Gebet, und Dismas sagte zu Gesmas, welcher zu Jesus hinschrie:
«Wenn du Christus bist, so helfe dir und uns!»
«Und auch du fürchtest dich nicht vor Gott und leidest doch gleiches Urteil; wir aber sind mit Recht in dieser Peinigung, denn wir empfangen den Lohn unserer Taten, dieser aber hat nichts Ungerechtes getan. Oh! Bedenke deine Stunde und wende deine Seele um»,
usw. Er war aber ganz erleuchtet und gerührt und bekannte Jesus seine Schuld, sprechend:
«Herr, wenn du mich verdammst, so geschieht mir recht, aber erbarme dich meiner.»
Und Jesus sagte zu ihm:
«Du sollst meine Barmherzigkeit erfahren.»

Dismas erhielt nun die Gnade einer tiefen Reue, eine Viertelstunde lang. Das zuletzt Erzählte geschah meistens alles zugleich und dicht hintereinander von 12 bis 1/2 1 Uhr nach der Sonne, ein paar Minuten gleich nach der Kreuzaufrichtung; aber es wendete sich schnell alles anders in der Seele der meisten Zuschauer, denn noch unter den Reden des reumütigen Schächers geschah ein großes Zeichen in der Natur und erfüllte alle mit Angst.

(…)

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