Das Sterben des Herrn am Kreuz – 6/14

Die Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick, nach Clemens Brentano.

(…) – Verfinsterung der Sonne
Zweites und drittes Wort am Kreuz

Bis gegen 10 Uhr, da das Urteil durch Pilatus gesprochen ward, waren abwechselnd einzelne Hagelschauer gefallen, dann trat bis 12 Uhr heller Himmel und Sonnenschein ein, und nun kam ein trüber, roter Nebel vor die Sonne. Um die sechste Stunde aber nach der Sonne, wie ich sah, um halb eins etwa, denn die jüdische Zeit zählte anders und weicht ab von der Sonne, da entstand eine ganz wunderbare Verfinsterung der Sonne.

Es wurde mir der Hergang sehr ausführlich gezeigt, aber leider konnte ich es nicht behalten und habe keine Ausdrücke, es wieder zu sagen. Ich war anfangs wie außer der Erde, als ich es ankommen sah; ich sah allerlei Himmelsringe und Sternbahnen wunderbar durcheinander kreisend. Ich sah den Mond an einer anderen Seite der Erde und sah ihn einen schnellen Lauf oder Sprung tun, wie eine schwebende Feuerkugel; dann war ich wieder in Jerusalem und sah den Mond über dem Ölberg hervorschießen, voll und bleich, die Sonne war umnebelt, und er zog sehr schnell von der Morgenseite vor die Sonne heran. Anfangs sah ich an der Ostseite der Sonne wie eine dunkle Bank, diese wurde wie ein Berg und bedeckte sie bald ganz, der Kern des Bildes erschien fahl, ein roter Schein wie ein glühender Ring war umher, der Himmel wurde ganz dunkel, die Sterne traten rotschimmernd hervor.

Es kam ein ungemeines Erschrecken über Menschen und Tiere, das Vieh brüllte und lief von dannen, die Vögel suchten sich Schlupfwinkel und fielen scharenweise auf die Hügel um den Kalvarienberg nieder, man konnte sie mit Händen greifen.

Die Spötter begannen zu schweigen, die Pharisäer versuchten noch, alles natürlich zu erklären, es gelang ihnen aber schlecht, und auch sie wurden von einer inneren Angst befallen. Alle Menschen schauten zum Himmel empor. Viele schlugen an die Brust und rangen die Hände und schrien:
«Sein Blut komme auf seine Mörder!»

Manche in der Ferne und Nähe warfen sich auf die Knie und baten Jesus um Verzeihung, und Jesus wendete in seinen Schmerzen die Augen zu ihnen.

Während die Finsternis immer zunahm und alles zum Himmel schaute und das Kreuz, außer von Jesu Mutter und nächsten Freunden, verlassen stand, richtete Dismas, der in tiefer Reue versunken gewesen war, in demütiger Hoffnung sein Haupt auf zu Jesus und sprach:
«Herr! Lasse mich an einen Ort kommen, wo du mich erlösen magst, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!»
Da sprach Jesus zu ihm:
«Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.»

Die Mutter Jesu, Magdalena, Maria Cleophä, Maria Magdalena und Johannes standen aber zwischen den Kreuzen der Schacher um Jesu Kreuz und schauten den Herrn an, und die Heilige Jungfrau, ganz von Mutterliebe überwältigt, flehte innerlich sehr inbrünstig, Jesus möge sie doch mit ihm sterben lassen. Da blickte der Herr seine liebe Mutter gar ernst und mitleidig an und wendete seine Augen zu Johannes und sagte zu ihr:
«Frau, sieh, das ist dein Sohn; er wird noch mehr dein Sohn sein, als wenn du ihn geboren hättest.»
Er lobte auch noch Johannes und sagte:
«Er ist immer arglos glaubend gewesen und hat sich nicht geärgert, außer damals, da seine Mutter ihn wollte erhöht haben.»

Zu Johannes aber sagte er:
«Sieh! Das ist deine Mutter!»,
und Johannes umarmte die Mutter Jesu, die nun auch seine Mutter geworden war, ehrerbietig wie
ein frommer Sohn unter dem Kreuz des sterbenden Erlösers. Die Heilige Jungfrau aber war nach diesem feierlichen Vermächtnis ihres sterbenden Sohnes so von Schmerz und Ernst erschüttert, daß sie in den Armen der heiligen Frauen das äußere Bewußtsein verlor und, von ihnen umgeben, dem Kreuz gegenüber eine Weile auf den Erdwall niedergesetzt und sodann aus dem Kreise des Richtplatzes zu ihren Freundinnen gebracht wurde.

Ich weiß nicht, ob Jesus alle diese Worte laut mit seinen heiligen Lippen aussprach, aber ich ward sie inne, als er seine heilige Mutter dem Johannes als Mutter und diesen ihr als Sohn vor seinem Tod übergab. In solchen Betrachtungen wird vieles vernommen, was nicht geschrieben steht, und man kann nur das wenigste mit den gewöhnlichen Worten wiedererzählen.

Was dort so klar ist, daß man glaubt, es verstehe sich von selbst, das weiß man hier nicht mit Worten verständlich zu machen. So verwundert man sich dort gar nicht, daß Jesus, die Heilige Jungfrau anredend, nicht
«Mutter»
spricht, sondern
«Frau»;
denn man fühlt sie in ihrer Würde als das Weib, welches der Schlange das Haupt zertreten sollte in dieser Stunde, da durch den Opfertod des Menschensohnes, ihres Sohnes, jene Verheißung wahr geworden ist. Man wundert sich dort nicht, daß er ihr, die der Engel gegrüßt:
«Du bist voll der Gnade!»,
den Johannes zum Sohn gibt, weil man sieht, daß dessen Name ein Name der Gnade ist, denn dort sind alle das, was sie heißen, und Johannes war ein Kind Gottes geworden, und Christus lebte in ihm. Man fühlt dort, daß Jesus mit jenen Worten Maria allen zur Mutter gegeben, welche, ihn wie Johannes aufnehmend und an seinen Namen glaubend, Kinder Gottes werden und nicht aus Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Man fühlt dort, daß die Reinste, Demütigste, Gehorsamste, welche, zu dem Engel sprechend:
«Siehe die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte»,
die Mutter des ewigen fleischgewordenen Wortes geworden war, jetzt, da sie von ihrem sterbenden Sohne vernimmt, daß sie nun auch eine geistliche Mutter eines andern Sohnes sein solle, mitten in den zerreißenden Schmerzen des Abschieds wieder demütig gehorsam in ihrem Herzen gesprochen hat:
«Siehe die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte»,
und daß sie alle Kinder Gottes, alle Brüder Jesu als ihre Kinder aufnahm. Alles dieses erscheint aber dort so einfach und hier so mannigfaltig, daß es mehr durch die Gnade Gottes zu fühlen als mit Worten auszusprechen ist. Ich muß bei solchen Dingen gedenken, wie mir mein himmlischer Bräutigam einst sagte:
«In den glaubenden, hoffenden, liebenden Kindern der Kirche steht alles geschrieben.»

(…)

+