Das Sterben des Herrn am Kreuz – 7/14

Die Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick, nach Clemens Brentano.

(…) – Zustand der Stadt und des Tempels während der Finsternis

Es war nun ungefähr 1/2 2 Uhr, und ich wurde in die Stadt geführt, zu sehen, wie es dort hergehe. Ich fand eine allgemeine Angst und Bestürzung. Nebel und Nacht lag in de n Straßen, die Menschen tappten verirrt umher, viele lagen in Winkeln mit verhülltem Haupt und schlugen an die Brust, viele schauten nach dem Himmel und standen auf den Dächern und wehklagten.

Die Tiere brüllten und verbargen sich, die Vögel flogen niedrig und fielen nieder. Ich sah, daß Pilatus den Herodes besucht hatte und daß sie in großer Bestürzung nach dem Himmel schauten, auf derselben Terrasse, von welcher Herodes am Morgen die Verspottung Jesu mitangesehen hatte. Dies sei nicht natürlich, sagten sie, Jesus sei gewiß zuviel geschehen. Ich sah hierauf Herodes mit Pilatus nach dessen Palast über das Forum gehen. Sie waren beide sehr geängstigt und gingen mit starken Schritten, von Wachen umgeben. Pilatus schaute nicht nach dem Richterstuhl Gabbatha hin, wo er Jesus verurteilt hatte.

Das Forum war öde, die Leute eilten hie und da in die Häuser, andere liefen wehklagend umher.

Es sammelten sich auch einige Haufen auf den öffentlichen Plätzen. Pilatus in seinem Palast ließ die Ältesten aus den Juden berufen und fragte sie, was ihnen diese Finsternis bedeute, er halte sie für ein drohendes Zeichen, ihr Gott scheine über sie zu zürnen, daß sie den Galiläer mit Gewalt zum Tode begehrt, der gewiß ihr Prophet und König gewesen sei, er habe seine Hände gewaschen usw. Sie aber blieben hartnäckig, legten alles als eine gewöhnliche Naturerscheinung aus und bekehrten sich nicht. Jedoch hie und da bekehrten sich viele Leute, und zwar auch alle jene Soldaten, die gestern bei der Gefangennehmung Jesu am Ölberg gefallen und wieder aufgestanden waren.

Es sammelte sich unterdessen viel Volk vor dem Schloß des Pilatus, und wo sie morgens geschrien:
«Kreuzige ihn, hinweg mit ihm!»,
schrien sie jetzt:
«Ungerechter Richter! Sein Blut komme auf seine Mörder!»

Pilatus mußte sich mit Soldaten umgeben, und jener Zadoch, der am Morgen, als Jesus ins Richthaus ging, seine Unschuld laut ausgerufen, schrie und lärmte dermaßen vor dem Palast, daß Pilatus ihn beinahe festnehmen ließ.

Pilatus, der elende Mensch ohne Seele, machte den Juden die größten Vorwürfe: er habe keinen Teil daran, es sei ihr König, ihr Prophet, ihr Heiliger gewesen, den sie zum Tode gebracht, und nicht der seine, ihn gehe er nichts an, sie hätten seinen Tod gewollt.

Im Tempel herrschte Angst und Schrecken im höchsten Grade. Sie waren im Schlachten des Osterlammes begriffen, als plötzlich die Nacht einfiel, alles war verwirrt, und hie und da brach bange Wehklage aus. Die Hohenpriester taten alles, um die Ruhe und Ordnung zu erhalten; man steckte alle Lampen beim hellen Tage an, aber die Verwirrung ward nur noch größer. Ich sah Annas in peinliche Angst geraten, er lief aus einem Winkel in den andern, um sich zu verbergen. Als ich wieder zur Stadt hinausging, bebten die Schirme und Gitter vor den Fenstern der Häuser, und es war doch kein Sturm.

Die Dunkelheit ward immer größer. Ich sah auch im äußeren Teil der Stadt an der West/Nordgegend, gegen die Stadtmauer zu, wo viele Gärten und Gräber sind, einzelne Grabeingänge einsinken, als wanke der Boden.

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