Das Sterben des Herrn am Kreuz – 8/14

Die Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick, nach Clemens Brentano.

(…) – Verlassenheit Jesu
Viertes Wort Jesu am Kreuz

Auf Golgota machte die Finsternis einen wunderbar fürchterlichen Eindruck. Das greuliche Toben und Martern, das Geschrei und die fluchende Tätigkeit bei der Kreuzaufrichtung, die Anknebelung und das Gebrüll der beiden Schacher, das Höhnen und Umherreiten der Pharisäer, der Wechsel der Soldaten, das lärmende Abziehen der berauschten Henker hatte im Anfange der Verfinsterung den Eindruck zerstreut, und dann folgte die Strafrede des reumütigen Dismas und die Wut der Pharisäer gegen ihn. Nun aber wuchs die Finsternis, die Zuschauer wurden ernster und vom Kreuz abgewendeter.

Da empfahl Jesus seine Mutter dem Johannes, und sie ward hierauf aus dem Kreise hinausgebracht. Es trat jetzt eine dumpfe Pause ein, das Volk ward bange bei der zunehmenden Finsternis, die meisten schauten zum Himmel, in vielen regte sich das Gewissen, manche wendeten die Augen reumütig zum Kreuz, viele schlugen an die Brust und bereuten, die Gleichgesinnten zogen sich nach und nach zusammen, die Pharisäer, heimlich bang, erklärten alles noch natürlich, aber ihre Reden wurden immer kleinlauter und verstummten endlich fast ganz. Hie und da stießen sie wohl noch ein freches Wort aus, aber es machte sich sehr gezwungen.

Der Kern der Sonne war fahldunkel wie Berge im Mondschein, ein roter Ring umgab sie, die Sterne traten mit rötlichem Lichte hervor, die Vögel fielen aus der Luft auf dem Kalvarienberg und in den nahen Weinbergen zwischen die Menschen nieder und ließen sich mit Händen greifen, die Tiere umher brüllten und zitterten, die Pferde und Esel der berittenen Pharisäer drängten sich zusammen und ließen die Köpfe hängen. Dampf und Nebel umgab alles.

Um das Kreuz war es stille, alles war abgewendet, viele Leute flohen zur Stadt. Der gekreuzigte Heiland war mit dem Gefühl der tiefsten Verlassenheit in seiner unendlichen Marter, seine Feinde liebend und für sie betend, zu seinem himmlischen Vater gewendet.

Er betete, wie während seines ganzen Leidens, stets in Psalmenstellen, die nun an ihm in Erfüllung traten. Ich sah Engelsgestalten um ihn. Als die Dunkelheit aber zunahm und die Angst drückend auf allen Gewissen und eine dumpfe Stille über allem Volk lag, sah ich Jesus ganz einsam und trostlos hängen.

Er litt alles, was ein armer, gepeinigter, zermalmter Mensch in der größten Verlassenheit, ohne menschlichen und göttlichen Trost, leidet, wenn der Glaube, die Hoffnung, die Liebe ganz einsam, ohne Erwiderung und Genuß, ohne alles Licht, nackt ausgeleert in der Wüste der Prüfung stehen und mit unendlicher Marter allein von sich selbst leben. Er ist nicht auszusprechen, dieser Schmerz.

(…)

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