Das Sterben des Herrn am Kreuz – 9/14

Die Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick, nach Clemens Brentano.

(…) – In diesem Leid errang uns der liebende Jesus die Kraft, in dem äußersten Elende der Verlassenheit, wenn alle Bande und Beziehungen mit jenem Dasein und Leben, jener Welt und Natur aufhören, in denen wir hienieden stehen, und wenn also auch jene Aussichten sich schließen, welche dieses Leben aus sich selbst zu einem andern Dasein eröffnet, durch die Vereinigung unserer Verlassenheit mit den Verdiensten seiner Verlassenheit am Kreuz siegreich zu bestehen.

Er errang uns die Verdienste des Bestehens im äußersten Kampf gänzlicher Verlassenheit und opferte sein Elend, seine Armut, seine Verlassenheit für uns elende Sünder auf, so daß der mit Jesus im Leibe der Kirche vereinigte Mensch nicht mehr verzweifeln darf in der äußersten Stunde, wenn sich alles verfinstert und alles Licht scheidet und aller Trost.

In diese Wüste der inneren Nacht brauchen wir nicht mehr einsam und gefährdet hinabzusteigen!

Jesus hat in den Abgrund des bitteren Meeres dieser Verlassenheit seine innere und äußere Verlassenheit am Kreuze hinabgesenkt, und so hat er den Christen in der Verlassenheit des Todes, in der Verfinsterung allen Trostes nicht mehr einsam gelassen. Es gibt keine Wüste, keine Einsamkeit, keine Verlassenheit, keine Verzweiflung in letzter Todesnot mehr für den Christen, denn Jesus, der das Licht, der Weg und die Wahrheit ist, ist auch diesen finsteren Weg segnend und alle Schrecken bändigend gewandelt und hat sein Kreuz in dieser Wüste aufgerichtet.

Jesus, ganz verlassen, ganz arm, ganz hilflos, gab, wie die Liebe tut, sich selbst hin, ja er machte seine Verlassenheit selbst zu einem reichsten Schatz, denn er opferte sich und all sein Leben, Arbeiten, Lieben und Leiden und das bittere Gefühl unseres Undankes seinem himmlischen Vater für unsere Schwachheit und Armut auf. Er machte vor Gott sein Testament und gab all sein Verdienst der Kirche und den Sündern. Er gedachte aller, er war in seiner Verlassenheit bei allen, bis ans Ende der Zeit, und so betete er auch für jene Irrgläubigen, welche meinen, er habe als Gott sein Leiden nicht gefühlt und habe nicht oder nur weniger gelitten als ein Mensch, der in solchen Leiden stehen würde.

Indem ich aber seines Gebets teilhaftig und mitfühlend wurde, vernahm ich, als sage er, man solle doch ja lehren, daß er dieses Leiden der Verlassenheit bitterer, als ein Mensch es vermag, gelitten habe, weil er ganz mit der Gottheit vereint, weil er ganz Gott und Mensch war und nun im Gefühl der von Gott verlassenen Menschheit als Gottmensch das Leiden der Verlassenheit vollkommen in seinem ganzen Maß fühlend erschöpfte.

Und so rief er in seinem Leiden das Zeugnis seiner Verlassenheit aus und eröffnete damit allen äußerst Bedrängten, welche Gott als ihren Vater erkennen, die Freiheit zu vertrauter
kindlicher Klage. –

Jesus rief gegen 3 Uhr mit lauter Stimme:
«Eli, Eli. Lama Sabachtani!»
Das heißt:
«Mein Gott. Mein Gott. Warum hast du mich verlassen?»

Als dieser Ruf unseres Herrn die bange Stille umher unterbrach, wendeten sich die Spötter wieder zum Kreuz, und einer sprach:
«Er ruft den Elias»,
ein anderer:
«Wir wollen sehen, ob Elias kommt und ihm herunterhilft.»

Die Mutter aber, da sie die Stimme ihres Sohnes hörte, konnte nichts mehr zurückhalten, sie drang wieder zu dem Kreuz hin, und Johannes, Maria Cleophä, Magdalena und Salome folgten ihr.

Es war, während das Volk umherzagte und wehklagte, ein Zug von etwa dreißig reitenden vornehmen Männern, aus Judäa und der Gegend von Joppe zum Feste ziehend, angekommen, und da sie das schreckliche Verfahren mit Jesus und die drohenden Erscheinungen in der Natur sahen, sprachen sie ihr Entsetzen laut aus und riefen:
«Wehe! Man sollte diese greuliche Stadt, wäre der Tempel Gottes nicht in ihr, niederbrennen, solche Schuld hat sie auf sich geladen!»

Diese Äußerung der vornehmen Fremden ward dem Volk eine Stütze. Murren und Wehklagen brach nun überall aus, und die Gleichgesinnten zogen sich zusammen.

Alle Anwesenden zerfielen in zwei Parteien, der eine Teil wehklagte und murrte, die anderen schimpften und tobten dagegen, die Pharisäer aber wurden immer kleinlauter, und weil sie einen Aufstand des Volkes fürchteten, da auch in Jerusalem eine große Bestürzung herrschte, so besprachen sie sich mit dem Hauptmann Abenadar, worauf man zum nahen Tor sendete und es schließen ließ, um die Verbindung mit der Stadt zu unterbrechen, und durch einen Boten fünfhundert Mann von Pilatus‘ und Herodes‘ Leibwache begehrte, um einem Aufstand vorzubeugen.

Einstweilen schaffte der Hauptmann Abenadar durch seinen Ernst Ordnung und Ruhe und untersagte den Hohn, um das Volk nicht zu reizen.

Bald nach drei Uhr ward es heller, der Mond begann von der Sonne zu weichen, und zwar nach entgegengesetzter Richtung. Die Sonne erschien strahllos, umnebelt und rot, und der Mond sank schnell nach der entgegengesetzten Seite, als wenn er falle. Es kehrten auch die Sonnenstrahlen nach und nach zurück, und die Sterne verschwanden, doch war es noch immer trübe. Mit dem nahenden Licht wurden die Spötter wieder kühner und triumphierten, und da geschah es, daß sie sagten:
«Er ruft den Elias.»
Abenadar aber gebot Ruhe und Ordnung.

(…)

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