Das Sterben des Herrn am Kreuz – 11/14

Die Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick, nach Clemens Brentano.

(…) – Da nun die Stunde des Herrn gekommen war, rang er mit dem Tode, und ein kalter Schweiß drang aus seinen Gliedern. Johannes stand am Kreuz und trocknete Jesu Füße mit seinem Schweißtuch. Magdalena lehnte, ganz von Schmerz zermalmt, an der Rückseite des Kreuzes. Die Heilige Jungfrau stand zwischen Jesus und des guten Schachers Kreuz, von den Armen der Maria Cleophä und der Salome unterstützt, und sah zu ihrem sterbenden Sohn hinauf. Da sprach Jesus:
«Es ist vollbracht!»,
und richtete das Haupt empor und rief mit lauter Stimme:
«Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!»

Es war ein süßer lauter Schrei, der Himmel und Erde durchdrang; dann senkte er sein Haupt und gab seinen Geist auf, und ich sah seine Seele wie einen leuchtenden Schatten bei dem Kreuz zur Erde hinab in den Kreis der Vorhölle fahren.

Johannes und die heiligen Frauen sanken zur Erde auf ihr Antlitz nieder.

Abenadar, der Hauptmann, von Geburt ein Araber, als Jünger nachmals Ktesiphon getauft, hielt, seit er Jesus mit dem Essig tränkte, auf seinem Pferd dicht am Kreuzhügel, so daß der Vorderteil des Tieres erhöht stand. Er schaute lange tieferschüttert, ernst, unabgewandt ins dornengekrönte Antlitz unseres Herrn. Des Rosses Haupt war bang und krank gesenkt, und Abenadar, dessen Stolz sich beugte, zog auch den Zügel nicht an. Da sprach der Herr die letzten Worte laut und kräftig und starb mit Erde, Holl‘ und Himmel laut durchdringendem Geschrei.

Die Erde bebte, und der Fels zerbarst weit klaffend zwischen Jesus und des linken Schachers Kreuz. Das Zeugnis Gottes ging mit Schreck und Schauder mahnend tief durch die trauernde Natur. Es war vollbracht – die Seele unseres Herrn verließ den Leib, und bei dem Todesschrei des sterbenden Erlösers erbebten alle, die es hörten, mit der Erde, die wallend ihren Heiland anerkannte, doch die verwandten Herzen nur durchfuhr ein scharfes Schwert des Schmerzes. Da war es, daß die Gnade über Abenadar kam, da zitterte sein Roß und wankte seine Leidenschaft und brach sein stolzer, harter Sinn gleich dem Kaivariafels. Er warf den Speer von sich und schlug mit starker Faust gewaltig an sein Herz, laut schreiend mit der Stimme eines neuen Menschen:
«Gelobt sei Gott, der Allmächtige, der Gott Abrahams und Jakobs, dieser war ein gerechter Mann, wahrhaftig er ist Gottes Sohn!»

Und viele der Soldaten, von des Hauptmanns Wort erschüttert, taten ebenso wie er.

Es wollte aber Abenadar, der nun ein neuer, ein erlöster Mensch war, nachdem er öffentlich dem Sohne Gottes huldigte, nicht länger mehr im Dienst seiner Feinde stehen. Er wendete sein Pferd zu Cassius, dem Unteroffizier, den man Longinus nennt, stieg ab, hob seine Lanze auf und gab sie ihm, sprach einiges zu den Soldaten und zu Cassius, der nun das Pferd bestieg und hier befehligte; denn Abenadar eilte vom Kalvarienberg und durch das Tal Gihon zu den Höhlen des Tales Hinnom; er kündigte den dort verborgenen Jüngern den Tod des Herrn an und eilte weiter zu Pilatus in die Stadt.

Es kam ein tiefes Erschrecken über alle Anwesenden mit dem Todesschrei Jesu, als die Erde bebte und der Kreuzhügel zersprang, es war ein Schrecken, der durch die ganze Natur ging, denn da zerriß auch der Vorhang des Tempels, da stiegen viele Tote aus den Gräbern, da sanken Wände im Tempel, stürzten Berge und Gebäude in vielen Weltgegenden ein. Abenadar rief sein Zeugnis aus, viele Soldaten zeugten mit ihm, viele aus dem anwesenden Volk und den zuletzt gekommenen Pharisäern bekehrten sich. Viele schlugen an die Brust, wehklagten und irrten vom Berg durch das Tal nach Hause.

Andere zerrissen ihre Kleider und streuten Staub auf ihr Haupt. Alles war voll Furcht und Schrecken. Johannes richtete sich auf, mehrere der heiligen Frauen, die bisher entfernt gestanden, drangen in den Kreis, sie erhoben die Mutter Jesu und die Freundinnen und führten sie aus dem Kreis hinaus, um sie zu erquicken.

Da der liebende Herr alles Lebens die martervolle Schuld des Todes für die Sünder zahlte, als Mensch seine Seele seinem Gott und Vater empfahl und seinen Leib dahingab in den Tod, überzog dieses heilige zerschmetterte Gefäß die bleiche kalte Farbe des Todes.

Sein Leib erzitterte in Schmerzen und ward weiß, und die Ströme des an den Wundstellen niedergeronnenen Blutes erschienen dunkler und deutlicher.

Sein Angesicht ward länger, seine Wangen sanken ganz ein, seine Nase ward schmaler und spitzer, seine Kinnlade sank nieder, seine geschlossenen, blutvollen Augen öffneten sich halbgebrochen, er hob das dornengekrönte Haupt zum letzten Mal wenige Augenblicke und ließ es sinken auf die Brust unter der Last der Schmerzen, seine Lippen, blau und gespannt, zeigten in dem offenen Mund die blutige Zunge.

Seine Hände, früher um die Nägelköpfe gekrümmt, öffneten sich und sanken mehr hervor, indem die Arme sich ganz streckten, sein Rücken gegen das Kreuz sich anschloß und die ganze Last des heiligen Leibes auf die Füße niedersank.

Da sanken seine Knie zusammen, nach einer Seite sich wendend, und es drehten sich seine Füße etwas um den Nagel, der sie durchbohrte.

Da erstarrten die Hände seiner Mutter, ihre Augen verdunkelten sich, Todesbleiche bedeckte sie, ihre Ohren hörten nicht mehr, ihre Füße wankten, sie sank zur Erde, und auch Magdalena, Johannes und die andern sanken mit verhülltem Angesicht, dem Schmerz hingegeben, nieder.

Und als die liebeste, traurigste Mutter aufgerichtet ward von den Freunden und die Augen emporrichtete, sah sie den vom Heiligen Geist rein empfangenen Leib ihres Sohnes, das Fleisch von ihrem Fleisch, das Gebein von ihrem Gebein, das Herz von ihrem Herzen, das heilige Gefäß, aus ihrem Schoß in göttlicher Überschattung gebildet, nun aller Zier, aller Gestalt und seiner heiligsten Seele beraubt, hingegen den Gesetzen der Natur, die er geschaffen und die der Mensch in Sünde mißbraucht und entstellt hat, von den Händen derjenigen, die herzustellen und zu beleben er gekommen war ins Fleisch, zertrümmert, mißhandelt, entstellt, getötet.

Ach! Ausgestoßen, verachtet, verhöhnt hing, einem Aussätzigen gleich, das ausgeleerte Gefäß aller Schönheit, Wahrheit und Liebe zerrissen am Kreuz zwischen Mördern.

Wer faßt den Schmerz der Mutter Jesu, der Königin aller Märtyrer! Das Licht der Sonne war noch trüb und neblig, es war schwül und drückende Luft bei dem Beben der Erde, nachher aber folgte eine empfindliche Kühle.

Die Gestalt von unseres Herrn Leichnam am Kreuz war ungemein ehrbar und rührend. Die Schacher hingen in schrecklicher Verdrehung wie betrunken da, sie schwiegen zuletzt beide, Dismas betete.

Es war bald nach drei Uhr, da Jesus verschied. Als der erste Schrecken des Erdstoßes vorüber war, wurden mehrere der Pharisäer frecher. Sie nahten dem Riß des Kalvarienberges, warfen Steine hinab, banden Stricke zusammen und ließen sie hinab, als sie aber den Grund nicht erreichen konnten, wurden sie etwas bedenklicher, auch ergriff sie das Wehklagen und das Brustschlagen des Volkes, und sie ritten von dannen. Mehrere waren ganz verwandelt in ihrem Innern.

Auch das Volk verlor sich bald nach der Stadt und durch das Tal in Schrecken und Angst. Viele hatten sich bekehrt. Ein Teil der anwesenden fünfzig römischen Soldaten verstärkte die Wache am Tor, bis die verlangten 500 andern ankamen. Das Tor war geschlossen worden, einige der Soldaten hatten andere Posten umher besetzt, um Zulauf und Verwirrung zu verhüten. Cassius (Longinus) und etwa fünf Soldaten blieben in dem Kreis, sie lagen an der Umwallung umher. Die Verwandten Jesu umgaben das Kreuz und saßen ihm gegenüber und wehklagten und trauerten. Mehrere der heiligen Frauen waren zur Stadt gekehrt.

Es war einsam, still und traurig. Aus der Ferne im Tal und auf entlegenen Höhen erschien hie und da scheu einer der Jünger und schaute furchtsam und neugierig nach dem Kreuz und zog sich bei jeder Annäherung von Menschen wieder zurück.

(…)

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