Das Sterben des Herrn am Kreuz – 14/14

Die Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick, nach Clemens Brentano.

(…) – Der verwirrte, abergläubige Pilatus war in großen Schrecken und zu aller Regierung unfähig. Das Erdbeben erschütterte seinen Palast, es rollte und schwankte unter ihm, er floh von einem Raum zum andern. Die Toten schrien ihm aus dem Vorhof sein falsches Gericht und widersprechendes Urteil entgegen. Er glaubte, dieses seien die Götter des Propheten Jesus, und sperrte sich in dem heimlichen Winkel seines Schlosses ein, wo er seinen Göttern räucherte und opferte, und er tat ihnen Gelübde, auf daß sie ihm die Götter des Galiläers unschädlich machen möchten. Herodes war in seinem Palast wie unsinnig vor Angst und ließ alles zusperren.

Es waren wohl an hundert Verstorbene aus aller Zeit, welche in Jerusalem und in der Umgegend mit ihren Leibern sich aus den eingestürzten Gräbern erhoben und meistens paarweise zu einzelnen Stellen der Stadt wanderten, dem hin- und herfliehenden Volk entgegentraten und mit kurzen Strafworten von Jesus zeugten. Die meisten Gräber lagen einsam draußen in den Tälern, aber es waren auch viele in den neuangelegten Teilen der Stadt, besonders in der Gartengegend gegen Nordwest, zwischen dem Ecktor und Kreuzigungstor, und auch um und unter dem Tempel waren viele vergessene, heimliche Gräber.

Nicht alle die Leichname, die beim Einsturz der Gräber sichtbar wurden, standen auf; manche wurden bloß sichtbar, weil die Gräber gemeinschaftlich waren. Viele aber, deren Seelen Jesus aus der Vorhölle emporgesendet, richteten sich auf, erhoben die Gesichtsklappen ihrer Leichenverhüllung und schritten wie schwebend durch die Straßen zu den Ihrigen hin.

Sie traten in die Häuser ihrer Nachkommen mit drohenden Strafreden über die Teilnahme am Mord Jesu.

Ich sah die einzelnen Gestalten, wie sie befreundet waren, zusammenkommen und paarweise durch die Straßen der Stadt ziehen. Ich sah die Bewegung ihrer Füße unter der langen Totenkleidung nicht, sie strichen wie schwebend leicht über den Boden hin, ihre Hände waren teils verschlungen in breiten Binden, teils hingen die weiten, um die Arme gebundenen Ärmel lang über die Hände nieder. Die Gesichtsdecken waren aufgeschlagen über das Haupt, die bleichen, gelben Gesichter sahen trocken und verdorrt aus den langen Barten hervor; die Stimmen klangen fremd und ungewohnt, und diese Stimmen und das Hinstreichen von Ort zu Ort, unaufhaltsam und unbekümmert um alles umher, war ihre einzige Äußerung, ja sie schienen nichts als Stimmen. Sie waren nach den Sitten ihrer Sterbezeit, nach Stand und Alter etwas verschieden gekleidet. An den Scheidewegen, wo die Todesstrafe Jesu vor dem Zug nach Golgota ausposaunt worden war, standen sie still und riefen Jesu Ruhm aus und Wehe den Mördern. Die Menschen standen fern, hörten und zitterten und flohen, wenn sie vorwärtsschritten.

Auf dem Forum vor Pilatus‘ Palast hörte ich sie drohende Worte ausrufen, ich erinnere mich des Wortes:
«Blutiger Richter.»

Alles Volk floh in die äußersten Winkel der Häuser und versteckte sich, es war eine große Angst in der Stadt; um vier Uhr ungefähr kehrten die Leichen zu den Gräbern zurück. Nach Christi Auferstehung erschienen aber hie und da noch viele Geister. Das Opfer war unterbrochen und alles in Verwirrung, nur ein kleiner Teil des Volkes aß das Osterlamm am Abend.

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