Kollateralschäden

[Frage] Manche fürchten, dass Menschen Krankheiten verschleppen und häusliche Gewalt zunehme. Von einem Mehr an Depressionen und steigenden Suizidraten ist die Rede. Panikmache? Oder gibt es für solche Befürchtungen historische Vorbilder?

Axel W. Bauer:
US-Präsident Donald Trump hat neulich sinngemäß gesagt, die Therapie der Krankheit dürfe nicht schlimmer sein als die Krankheit selbst, und das entspricht dem 2400 Jahre alten Hippokratischen Prinzip, dass man dem Kranken nützen, ihm aber nicht schaden soll. Die Gefahr, dass es massive Nebenwirkungen gibt, liegt auf der Hand.

[Frage] Woran denken Sie dabei?

Nehmen wir nur die sogenannten elektiven Operationen, die jetzt in großer Zahl abgesagt wurden, also Eingriffe, die nicht absolut dringend sind, die aber dennoch Krankheiten betreffen, unter denen die Patienten erheblich leiden.
Selbst die Zahl der Einweisungen wegen eines Herzinfarkts ist zurückgegangen. Niemand weiß genau, wo diese Patienten geblieben sind. Es ist unwahrscheinlich, dass es zurzeit weniger Infarkte gibt als sonst.

Wir sehen Defizite, die aus der falschen politischen Beurteilung folgen, es sei im Augenblick nur noch eine einzige Krankheit relevant, nämlich COVID-19. Die Intensivstationen sind derzeit mit Rücksicht auf potenzielle COVID-19-Patienten viel weniger belegt als sonst. Das ist aber kein gutes Zeichen, sondern es weist darauf hin, dass Patienten, die etwa nach einer Operation kurzzeitig auf die Intensivstation kämen, momentan gar nicht behandelt werden.
Ihre Eingriffe werden verschoben, nur dadurch sind Betten frei.

Axel W. Bauer, DIE TAGESPOST 23.04.2020

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