Aktive Sterbehilfe ist nicht mehr zu bremsen

Der Medizinethiker Professor Axel W. Bauer gab der TAGESPOST ein Interview. Er reflektiert über die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass „einzig die Selbstbestimmung als Kriterium für Leben und Tod“ anzusehen ist.

Bauer sieht „nach dem Urteil eine Art Grundrecht auf Selbsttötung“. Da nun jedes das Recht habe, die angebotene Hilfe zu Selbsttötung auch anzunehmen, würden auch „die Sterbehilfe und der assistierte Suizid“ „jetzt nicht mehr zu bremsen sein“.

Der Medizinethiker weißt auf sein Buch „Wir sollen sterben wollen“ aus dem Jahr 2013 hin. So hat er darauf hingewiesen, dass es künftig immer mehr ältere und pflegebedürftige Menschen gebe, die gepflegt und versorgt werden müssten und resultiert: „Da wäre aus der Sicht des Staates ein freiwilliges Zurückgreifen der Senioren auf den assistierten Suizid finanziell gesehen nicht unpassend“.

Mit einem Blick in das Jahr 2030, also in zehn Jahren, kann er sich „vorstellen, dass im Rahmen einer ärztlichen Beratung Alternativen zur laufenden Therapie erörtert werden oder gar erörtert werden müssen. Da wird man manchem Patienten alternativ zur Chemotherapie etwa gegen den Krebs, die starke Nebenwirkungen hat, auch die Möglichkeit des assistierten Suizids aufzeigen“.

Die Palliativmedizin, die von Seiten der Kirche gerne als das „Nonplusultra gegen die Sterbehilfe“ angesehen würde, käme an ihre Grenzen. Denn es werde immer wieder „Fälle geben, die von der Palliativmedizin nicht erfasst werden“. Schon heute gäbe es Menschen, „die sterben wollen, weil sie verzweifelt sind, sich in einer aussichtslosen Lage befinden, aber die durchaus noch eine Weile leben würden. Es wird ein Teil von Menschen übrig bleiben, die einfach nicht mehr weiterleben wollen. Das sind Menschen, die dieses Grundrecht einfordern werden und bei denen palliativmedizinische Behandlung gar nicht indiziert wäre“.

Auf die Frage, welchen Ausweg er sähe, antwortet Professor Axel W. Bauer, dass er ehrlich gesagt keinen Ausweg sehe.

Das Bundesverfassungsgericht nimmt im säkularen Staat die Rolle ein, die das Wort Gottes in der Kirche hat. Selbst Vertreter der Sterbehilfe waren überrascht davon, wie sehr ihnen das Bundesverfassungsgericht entgegengekommen ist. Ich wüsste nicht, dass irgendwo sonst im europäischen Kontext ein Verfassungsgericht ein derartiges Grundrecht auf Suizid geschaffen hätte.

DIE TAGESPOST, 18.06.2020

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2 Kommentare zu „Aktive Sterbehilfe ist nicht mehr zu bremsen

  1. Interessant ist nun, wie sich Hilfskräfte nun verhalten sollen, wenn sich jemand das Leben nehmen möchte. Darf jemand noch ärztlich versorgt werden, der sich die Pulsadern aufgeschnitten oder der Gift genommen hat? Darf man noch jemanden, der sich vom Hochhaus stürzen will, versuchen vom Gegenteil zu überzeugen oder gar ein Sprungkissen aufstellen? Macht man sich gar noch strafbar oder schadenersatzpflichtig?

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  2. Selbstverständlich kommt die aktive Sterbehilfe, da sie dem dominierenden Hominismus entspricht: Der Mensch definiert autonom (= selbstgesetzgebend) seinen Lebensstil und begreift alles dem Entgegenstehende lediglich als überkommende und störende Hemmnisse, die demzufolge beseitigt werden müssen – seien es Naturgesetze, ethische Gebote, göttliche Offenbarung oder unerwünschter Nachwuchs und nutzlose Greise. Wenn der Mensch die göttliche Ordnung nicht mehr respektiert, dann steht seiner Hybris nichts mehr im Wege. Der sich allmächtig fühlende Mensch will bestimmen, wer wann geboren wird und wer nicht (Abtreibung), wie viele Geschlechter existieren sollen („Gender“) und eben auch, wer „sozialverträglich“ abzutreten hat (Motto: „Wollen Sie wirklich weiter Ihren Angehörigen und der Gemeinschaft zur Last fallen? Halten Sie das für ethisch vertretbar? Überlegen Sie sich das!“).

    Hat man in dieser Wolfsgesellschaft keinen Nutzwert mehr und keine Möglichkeit, seine Interessen durchzusetzen – wie etwa Ungeborene oder sieche Greise – dann wird man unweigerlich zum Spielmaterial der anderen. Demzufolge sterben Kinder im Mutterleib, weil die kühl kalkulierende Effektivitätsgesellschaft sie als überflüssig betrachtet. Oder ältere Menschen, die zum Produktionsprozess nichts mehr beitragen können und somit nur noch unproduktiv Ressourcen verbrauchen, hier „hilft“ die aktive Sterbehilfe als selbst kreiertes “Menschenrecht“ auf Selbstbestimmung des Todeszeitpunktes.

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