Die Kirche, Corona und der Unterschied

[…] Noch in einem anderen Punkt unterscheidet sich unsere Situation gravierend von der Zeit der Pestepidemien. Auch Priester, die gern ihr eigenes Leben einsetzen würden, fürchteten, selbst ein Risiko für die Gläubigen zu sein, gerade für die Älteren und Geschwächten. Wie sollte das nicht den Mut dämpfen? Auch jedem Gläubigen wurde täglich in Erinnerung gerufen, es sei die größere Nächstenliebe, sich nun von anderen fernzuhalten, um niemanden zu gefährden.

Das stimmt – zum Teil. Und es ist gut, zu lernen, dass Distanz eine Weise der Nächstenliebe sein kann, auch zu anderen Zeiten. Denn zur Nächstenliebe gehört nicht nur Nähe, sondern auch Ehrfurcht. Wir haben Verantwortung für andere, denen wir vielleicht unbefangen „zu nahe treten“.

Aber bevor man skrupulant wird, sollte man sich bewusst machen, dass wir als Menschen kontingent sind: Wir können weder uns selbst 100%ig – in diesem Fall vor Ansteckung – schützen, noch können wir 100%ig verhindern, dass wir ein Risiko für andere sind. Das gilt zum Beispiel auch für den Straßenverkehr.

Daher ist hier mit der Tugend der Klugheit die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zu stellen: Welches Risiko für welches Gut kann und darf man eingehen? Und da ist es erlaubt zu vergleichen:

– Ist derzeit das Risiko einer Infektion anlässlich der Sakramentenspendung größer als beim Kauf einer belegten Semmel in der Bäckerei (samt Dialog mit der Verkäuferin, mit MNS natürlich), oder eines Gelato am Eisstand?
– Ist das Risiko einer Dreiviertelstunde Verweildauer in einer Kirche (bei Mindestabstand von zwei Metern) größer als fünf Stunden in einem Mehr-Personen-Büro zu sitzen (Mindestabstand ein Meter)?
– Ist es ein verhältnismäßig zu großes Risiko, einen Menschen im Altenheim zu besuchen und die Krankenkommunion zu bringen, als ihm monatelange Isolation zuzumuten?
[…]

Von Prof. Dr. Marianne Schlosser. – Siehe:

https://de.catholicnewsagency.com/article/sakramente-in-zeiten-von-corona-0941

https://de.catholicnewsagency.com/article/sakramente-in-zeiten-von-corona-teil-12-0942

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