Der Tod Jesu – 1/5

Mit Bargil Pixner OSB und Paul Badde auf dem Weg der Kreuzigung Jesu:

»Bemerkenswert eindrücklich ist diese Stunde von Gerhard Kroll im Jahr 1964 in Leipzig in seinem Buch ›Auf den Spuren Jesu‹ beschrieben worden«, sagte Bargil.

»Der Mann hatte die DDR nie verlassen und wurde doch einer der besten Kenner des Heiligen Landes. Erst nach dem Fall der Mauer hat er mich einmal hier besucht und gesagt, er hätte sich in seinem Standardwerk nur einmal bei einer Treppe um ein paar Stufen vertan. Bei vielen Orten klingen seine Beschreibungen wie Augenzeugenberichte. Er war ein grandioser Wissenschaftler und ein genialer Visionär. Leider ist er schon gestorben. Doch warte, die Stelle über Christi Tod muss ich dir kurz vorlesen.«

Pater Gerhard Kroll SJ (geb. 1914 in Oppeln, gest. 1997 in Berlin) war seit 1940 Priester der Gesellschaft Jesu. Eine Predigt zum Thema „Hat Jesus gelebt?“ wurde zur Geburtsstunde seines viele Auflage erlebenden Buches „Auf den Spuren Jesu“ (1964). Das konkurrenzlose Standardwerk beinhaltet einen einzigartigen Fundus an Informationen zur Zeit und zum Leben Jesu. Obwohl Kroll damals, zur DDR-Zeit, niemals das Heilige Land besuchen konnte, gelang es ihm durch fortlaufende Forschungen und Sammlungen der Zeugnisse Jesu Christi im Heiligen Land das Leben Jesu in seiner Gesamtheit historisch zu belegen. – Leider ist dieses Buch heute nur noch antiquarisch zu erhalten.

Bargil hatte sie extra in die Grabeskirche mitgenommen, als Fotokopie aus dem dicken alten Buch aus seiner Zelle.

»›Am frühen Nachmittag begann im Tempel die feierliche Liturgie zur Vorbereitung des Pessachfestes‹ schrieb Gerhard Kroll also über diese Stunde.
›Vor den Augen des Hohepriesters wurde ein makelloses Opferlamm geschlachtet. Dann versammelten sich die Ältesten der vierundzwanzig Priesterordnungen, und es begann das hochheilige Sühneritual des Pascharüsttages.

Josephus schätzt die Zahl der Lämmer, die dabei geschlachtet wurden, auf 18.000. –

Posaunen und Hornsignale verkündeten weithin hörbar das große Ereignis, dass Gott an seinem blutbesprengten Opferaltar mit seinem Volk Frieden und Versöhnung schloss – während draußen vor dem Tor der Stadt das wahre Lamm Gottes verblutete, von seinem Volk nicht erkannt, von seinen Jüngern verlassen, nur von einigen Frauen und einem Apostel beweint.‹«

»Wie müssen wir uns die Kreuzigung konkret vorstellen?«

»Nach meinen Berechnungen wird Jesus gekreuzigt um 9 Uhr. Um 12 Uhr ist diese so genannte Finsternis, es verdunkelt sich alles. Gegen 3 Uhr nachmittags stirbt Jesus. Sechs Stunden hat die Kreuzigungsqual gedauert. Die Frauen, denke ich mir, die Jesus gefolgt waren, durften wohl nicht mit auf den Berg, höchstens seine Mutter. Alle anderen mussten drunten im Tal bleiben, da ging ein Weg vorbei entlang der zweiten Mauer, die vom Süden nach Norden ging. Jesus wurden die Kleider abgenommen.

Er wird dann hingeworfen, nackt – vielleicht hat er ein Lendentuch gehabt, vielleicht auch nicht. Das Turiner Grabtuch zeigt einen splitterfasernackten Mann.

Bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts waren öffentliche Hinrichtungen auch in Europa vor allem darum so beliebt, weil viele zur Richtstätte kamen, um die letzte Erektion des Gehenkten im Augenblick des Todes zu beobachten und zu beklatschen. Gekreuzigte in der Antike waren nackt; sie bekamen für ihre letzte Zurschaustellung kein Lendentuch umgebunden.

Die Römer wussten, womit sich die Menschen am ehesten ergötzen und unterhalten ließen.

Manche meinen zwar, Pilatus habe hier die jüdischen Sitten berücksichtigt. Doch andere gut dokumentierte Vorkommnisse seiner Amtszeit zeigen, dass er darauf herzlich gepfiffen hat. Wir wissen also nicht, ob Jesus völlig nackt war oder nicht, ob man ihn so entblößt an den Pfahl genagelt hat, wie seine Mutter ihn geboren hat. Es ist gut möglich, als ultimative Demütigung. Wir können uns die Fleischwerdung Gottes jedenfalls bis zu seinem letzten Atemzug nicht drastisch genug vorstellen.

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Paul Badde
Heiliges Land.
Auf dem Königsweg aller Pilgerreisen
FE-Medienverlag 2020
ISBN: 978-3863572709
320 Seiten; 12,80 Euro

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