Die Wolke des Nichtwissens

Bei der „Wolke des Nichtwissens“ handelt es sich um eine geistliche Schrift, die ein englischer Kartäusermönch in seiner Muttersprache im 14. Jahrhundert verfasst hat.
Peter Dyckhoff, Priester, Autor und Lehrer des „Ruhegebetes“, hat diese Schrift neu ins Deutsche übertragen und legt sie in dem gleichnamigen Buch vor, das in diesem Sommer im Herder-Verlag erschienen ist. Ihm ist bewusst, dass die „Wolke des Nichtwissens“ in den zurückliegenden Jahrzehnten, auch in Deutschland, einen Leserkreis gefunden hat, der nicht unbedingt im katholischen Milieu zu suchen ist.

Insbesondere haben sich Vertreter asiatischer „Meditationsformen“ dieses Werkes bedient. Dabei wurde es teilweise für Zwecke eingenommen, die der Autor nicht intendiert hat. Zu jenen Vertretern, die sich der „Wolke“ etwa für buddhistische und andere Arten außerchristlicher Meditationsformen bedienten, gehören und gehörten auch namhafte Vertreter des Christentums.

Wenn heute Texte und Schriften christlicher Autoren aller Jahrhunderte für Praktiken Anwendung finden, ja gar missbraucht werden, so ist dies riskant: Diverse „New Age“-Praktiken und esoterische Lehren sind mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar, und eine unreflektierte „Instrumentalisierung“ – auch und gerade in katholischen Einrichtungen – dient weder dem katholischen Seelenleben noch dem eigentlichen Ansatz fernöstlicher Praktiken.

Aus katholischer Sicht ist klar: Alle Menschen hat Gott geschaffen, dass sie dereinst zu ihm in den Himmel heimkehren mögen. Der Weg dorthin ist der christliche Heilsweg. Gott wünscht ihn für jeden Menschen. Diesen Heilsweg zu gehen, der für Christen auch ein Kreuzweg sein kann, setzt die bedingungslose Liebe zu Gott voraus. Denn dies ist das erste und wichtigste Gebot. Gott verlangt es, weil er uns zur vollen Freiheit, d. h. zur Freiheit der Kinder Gottes führen möchte.

Die „Wolke des Nichtwissens“ ist eine wahrhaftige Gebetsanleitung zum inneren, dem kontemplativen Gebet. Die wichtigste Voraussetzung dazu ist die „völlige Loslösung des Menschen von allen beengenden und bedrängenden Bindungen“. Gefordert wird die „unbedingte Hingabe an Gott“. Denn Gott, der die Liebe ist, ist das Ziel unseres Lebens, – unser Himmel. Jedoch:

„Solange wir auf Erden leben und unsere Seele mit unserem Körper verbunden ist, wird sie immer die ‚Wolke des Nichtwissens‘ zwischen sich und Gott erkennen und als großes Hindernis empfinden.“

Diese wichtige Erkenntnis sei allen mitgeteilt, die meinen, den allmächtigen Gott von sich aus, mit eigenem Willen und Können, erobern, erfahren und besitzen zu können. Wir werden immer – auch im Gebet – unserer Körperlichkeit bewusst. Denn die „Gedanken und das, was mit ihnen zu tun hat“, drängen sich immer wieder in unser Bewusstsein und wollen uns von Gott ablenken.

Dies kann ermüden und mutlos machen. Darum übergibt der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ sein Buch nur jenen, die es gefunden haben, oder besser, die „von ihm gefunden“ worden sind. Er will damit sagen, dass man dieses Buch nicht nur „einfach so“ zur Hand nimmt, darin liest und sofort Gott findet. Er setzt vielmehr darauf, dass der Leser zunächst eine „innere Verbindung“ mit ihm aufbaut. Erstaunlich, dass der Autor der „Wolke“ sogar fordert, dass niemandem aus dem Buch einem anderen vorlesen und daraus erzählen soll, weil diese Person es sowieso nicht verstehen würde.

„Wenn du jedoch spürst, dass ein anderer mit ganzem Herzen und ungeteilter Hingabe Jesus Christus sowohl im aktiven Leben als auch im Gebet nachfolgen möchte, so gewähre ihm Zugang zur ‚Wolke des Nichtwissens‘.“

Mit diesem wichtigen Hinweis soll vermieden werden, dass die Worte des Buches vergeudet werden. Es wird nur demjenigen dienen, der es ganz liest, sich darauf einlässt und das Gelesene dauerhaft aufnimmt.

Die „Wolke des Nichtwissens“ ist also kein Buch, das man liest und wieder weglegt. Entweder der Leser wird ergriffen, und dranbleiben, oder er lässt es. Doch wer sich ergreifen lässt, begibt sich auf den Weg, nicht nur ein Freund Gottes sein zu wollen, er ist auch bereit, Gott bedingungslos zu folgen. So wird die angesprochene Liebe niemals auch nur eine abstrakte Liebe sein.

„Sei demütig und dankbar und tue den ersten Schritt“ – so lautet die Überschrift des 2. Kapitels. Unser Mittun ist unerlässlich.

Die Mönchsväter, auch Wüstenväter oder Altväter genannt, berichten oft in einfachen Worten, worum es eigentlich beim Beten und in der Meditation geht. So kam eines Tages ein junger Mann zu einem Mönch und sprach: „Was ist die Herzensruhe und was ist ihr Nutzen?“ Der Mönch antwortete ihm: „Die Herzensruhe ist, in deiner Zelle sitzen mit Furcht und Erkenntnis Gottes, und sich fernhalten von der Erinnerung an Erlittenes und von Hochmut.“

Demnach sind die Lehren der „Wolke des Nichtwissens“ nicht etwas völlig Neues. Sie resultieren nicht etwa nur im Hintergrundwissen eines Kartäuser-Autors des 14. Jh. Ein Blick in die Geschichte der Aszetik, in der es um die Wege der Vollkommenheit geht, zeigt dies: Seit dem frühen Christentum werden die Wege erklärt, wie Nachfolge Christi möglich ist, ohne auf einem wirklichen Kreuzweg das Martyrium erleiden zu müssen. Immer werden dabei die geistigen Fähigkeiten, Gedächtnis, Verstand und Willen gefordert.

Die heilige Ordensfrau und Märtyrin Sr. Benedicta a Cruce (Edith Stein), die dem Karmelitenorden angehörte, dessen wichtigsten Persönlichkeiten die Lehrer des geistlichen Lebens, Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz sind, schreibt in ihrer Studie „Kreuzeswissenschaft“:

„Im Betrachten und Nachsinnen (…) sieht Johannes vom Kreuz noch eine Betätigung der sinnlichen Fähigkeiten. Je reiner, einfacher und vollkommener, geistiger und innerlicher die allgemeine Erkenntnis ist – und das ist sie, wenn sie sich in eine ganz lautere Seele ergießt, die frei ist von anderweitigen Eindrücken und Einzelerkenntnissen -, desto freier und zarter ist sie und desto eher kann sie sich der Wahrnehmung entziehen. Die Seele befindet sich wie in einem tiefen Vergessen und lebt gleichsam zeitlos.“

Die „Wolke des Nichtwissens“ geht von Jesus Christus aus. Sie betrachtet die Worte der Heiligen Schrift. Im letzten, dem 75. Kapitel, heißt es zwar, dass der Herr uns manchmal die Liebe nicht empfinden lässt, „weil er eine größere Wertschätzung von uns erwartet“. Wir sollen die Liebe „wiederschenken“, dann belebt Gott sie aufs Neue.
Ob dieses Buch etwas für SIE ist?

„Eines der wichtigsten Zeichen, durch das wir erkennen, ob die Übung der „Wolke des Nichtwissens“ für uns der richtige Weg ist, besteht in dem Empfinden, das sich einstellt, wenn wir nach längerem Entzug das Gnadengeschenk der Liebe wieder neu empfangen dürfen. Es zeigt sich ein noch heftigeres und brennenderes Verlangen und eine noch größere Sehnsucht, dieses Werk der Liebe zu üben als je zuvor.“

Zuerst veröffentlicht bei CNA


Peter Dyckhoff
Wolke des Nichtwissens
Verlag Herder 2020
ISBN: 978-3451385841
208 Seiten; 12 Euro.

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