Johannes von Dalyatha – zwei neue Bücher

Johannes von Dalyatha – Syrischer Eremit

Wer ist Johannes von Dalyatha, von dem der Beuroner Kunstverlag in der neuen Reihe „Paradies der Väter“ zwei Bücher herausgegeben hat: „Briefe“ und „Geistliche Reden“?

Johannes Saba von Dalyatha lebte zwischen 690 und 780. Er wurde in einem Dorf der Provinz Beit Nouhadra, das heute nördlich von Mossoul im Irak liegt, geboren. Um 710 beginnt er sein Noviziat im Kloster Mar Yuzadaq. Nach sieben Jahren Ausbildung darf er sein Einsiedlerleben in den Bergen von Dalyatha beginnen, einem einsamen Ort auf über 4.000 m Höhe, der an der Grenze zwischen der heutigen Türkei und dem Irak liegt. Dort verbringt Johannes den größten Teil seines Lebens.

Erst gegen Ende seines Lebens verlässt er die unwirtliche, karge Hochgebirgswelt und geht in sein früheres Kloster Mar Yuzadaq zurück. Hier schließen sich ihm weitere Brüder an. Johannes wird Abt einer Mönchsgemeinschaft und baut gemeinsam mit seinen Brüdern das Kloster Arqol auf. Bald leben hier bis zu vierzig Brüder, denen er eine Lebens- oder Mönchsregel übergibt. Als Johannes stirbt, wird er in seinem Kloster begraben.

Obgleich Johannes im hohen Alter starb, kommt er mit seinem Tod einer Verurteilung durch eine Synode zuvor. Kurz nach seinem Tod im Jahr 786/787 wurde Johannes von einer Synode unter dem Patriarchen Timotheos I. zusammen mit zwei anderen Mönchsschriftstellern verurteilt. Johannes wurde des Messalianismus[1] und Sabellianismus[2] beschuldigt. Offensichtlich waren diese Anschuldigungen nicht gerechtfertigt, denn Johannes wurde in späterer Zeit rehabilitiert.

Es ist keine Frage: für Menschen, die Gott suchen, können sowohl die Briefe wie auch die Reden des Johannes hilfreich sein. Denn sie sind nicht nur vom Glauben durchdrungen, und genährt aus den liturgischen und biblischen Schriften; vor allem sind sie persönlich und dem konkreten Menschen zugewandt.

Die ältesten Manuskripte des Johannes von Dalyatha stammen offenbar aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Es sind eine Reihe von Predigten, Briefen sowie einige anderen Schriften erhalten.

Dem geneigten Leser dieser Zeilen wird bekannt sein, dass die Mönche des Ostens heute jene sind, die einer meist schismatischen Kirche angehören. In der Einleitung in die „Briefe“ erfahren wir aber, dass „damals“, also im 8. Jahrhundert, einfach von der „Kirche des Ostens“ gesprochen wurde. Diese Kirche lag „außerhalb des römischen bzw. byzantinischen Reiches“ und wurde als „häretisch“ und „nestorianisch“ bezeichnet. Dennoch werden auch in der lateinischen Kirche wichtige Schriften dieser Epoche als relevant anerkannt.

Briefe

Einem Einsiedler wird es nicht langweilig, denn er muss neben seinem liturgischen Leben auch seinen Lebensunterhalt sichern. Wie schwierig dies im Hochgebirge gewesen sein mag, können wir nur erahnen. Außerdem empfängt er dort oben vorbeikommende Menschen, denen er selbstverständlich als Gastgeber karitative Dienste leistet. All dies steht gegenüber dem Schreiben von Briefen im Vordergrund. Die über 50 bekannten Briefe des Johannes von Dalyatha richten sich an andere Einsiedler und Mönche, die er im geistlichen Leben anleitet anhand seines eigenen Erlebens und seiner „mystischen Gedankengänge“.

Johannes schreibt von „Verwirrung der Regungen und Wahrnehmungen“, die hinführen zu einem „regungslosen und namenlosen Schweigen“. Wer sich auf den „Schauder des Ortes einlässt, wird eintauchen in eine „unerklärliche Süßigkeit“. Unser Einsiedler ist sich seiner Hilflosigkeit und Unfähigkeit bewusst, seinem Gegenüber wirklich verständlich zu vermitteln, was er sagen möchte. „Tadle mich nicht, wenn ich lalle wie ein Dummer“, schreibt er, und gleichzeitig würdigt er Gottes Wirken im Gegenüber, indem er ihn über sein eigenes kleines Ich erhebt: „Das gütige Auge deines Herzens, das ins Verborgene sieht, decke meine Fehler zu.“ Er nimmt den Suchenden ernst und erkennt die Heiligkeit des „im Herrn Wandernden“ und ein Licht, das ihn „in Ergriffenheit versetzt“.

In seinen Briefen werden Dinge behandelt wie menschliche Begierden, die Angst vor dem Feind und der Spott seiner Gegner, aber auch die eigenen seelischen Verletzungen. So sind die Einsiedler-Briefe aus dem 8. Jh. aktueller denn je. Sie erinnern manchmal an die „Apophthegmata Patrum“, jene Quellen an Weisheiten und Aussprüchen östlicher Theologie, die von Askese und bewundernswerten Lebensweisen ostkirchlicher Mönche des 4. Jahrhundert berichten. Wie in dieser Textsammlung ist es auch den Briefen von Johannes von Dalyatha eigen, eine besondere Lebenssituation aus der Sicht des Evangeliums zu betrachten und relativ kurz aber prägnant zu antworten.

Im Brief 39, der von den Herausgebern die Überschrift erhalten hat: „Ich kann dir nicht geben, was du selbst tun musst“ wird in besonderer Weise deutlich, dass Johannes sich keineswegs als derjenige sieht, der von sich aus Autorität besitzt. Er weist sowohl auf Gott hin als auch auf den Suchenden selbst. Und er betont, dass er nicht derjenige ist, der die Schau besitzt und der aus sich heraus etwas wichtiges sagen kann, schon gar nicht in Gottes Namen. Doch Johannes ist grundehrlich und deftig in seiner Sprache:

Wenn du ein Freund Gottes bist, warum vergöttlichst du dich so trügerisch? Und erschaffst Dinge, die er nicht erschaffen hat?“ „Du hast noch nicht die Welt hergegeben und den Ewigen aufgenommen. Erlaube mir jetzt dieses Schimpfwort: Du bist geworden wie die Schlamper, bis du endlich das Licht des Allsichtigen wirklich siehst. Was wahr ist, hast du für dich als Lüge gehalten. Verweile ein wenig an diesem Punkt, der für dich schmerzhaft ist, wenn das Licht nicht funkelt in der Lampe deines Mönchseins.

Geistliche Reden

Sind Reden, auch wenn es „geistliche Reden“ wären, nicht gerade das Gegenteil von dem, was ein Einsiedler tun sollte, nämlich Schweigen? Und ist es nicht auch ein Widerspruch, wenn ein Einsiedler zu den Menschen spricht? Tatsächlich hat der Mönch und Eremit Johannes von Dalyatha keine Reden im herkömmlichen Sinne gehalten. Seine Texte waren an einen konkreten Bruder gerichtet. Von solchen Adressaten wurden die Texte „gesammelt, aufbewahrt und später verbreitet“. So gesehen kann „Rede“ auch „Gespräch, Predigt oder Abhandlung bedeuten“. Es handelt sich also um Texte, die „eine Rede wert sind“.

Die Reden des Johannes sind „lebenspraktisch“ wie seine Briefe. Sie bewegen sich vom Äußerlichen zum Innerlichen. Asketische Übungen beginnen am Leib. Ziel ist die Reinheit des Herzens. Seele und Herz sollen befreit werden von allem „was die Schau Gottes verhindert“: die Leidenschaften, die Regungen des „Leibes, der Seele oder des Intellekts“. Schweigen und Stille sind Voraussetzungen für ein notwendiges Staunen und Innewerden.

Bete, mein Bruder, dass er, der hier schreibt, nicht geht, sondern mit seiner Kraft meine Kraftlosigkeit stärkt.

29 geistliche Reden sind in dem Buch aufgezeichnet. In der 25. Rede „hören“ wir die Worte des Johannes, die ein Bruder vor sich liegen hat, damit er sich an dessen Anweisungen erinnere, „um nicht von neuem in diese aufreibende Versuchung zu fallen“:

Zuerst: „Du hast dein Leben sinnlos und im Dreck verbracht, hast Grund zum Schämen und bist aller schlechten Dinge wert.“ Der Bruder soll auf sich achten, als wäre heute sein letzter Tag. Er soll sich nicht interessieren und darauf achten, was in der Welt vor sich geht. Auch soll er nicht überlegen, was andere Mönche ihm sagen würden. Der Bruder sei aus der Welt fortgegangen, hinein ins Mysterium, er ist für Christus gestorben. Der Bruder soll nicht der Welt gehören, sondern „lebendig in Gott“ sein.

Alsdann hört der Bruder den Johannes: „Sei bereit, allen Menschen zum Gespött zu werden, zum Gegenstand von Häme und Verachtung, Schimpf und Schande. Nimm das alles fröhlich an wie dich selbst.“ Er soll die Leiden und Unglücke von den Dämonen erdulden. Er soll ertragen, „was von der Natur aus an Schwierigem und Bitterem geschieht“, und er halte fest am Vertrauen auf Gott.

Johannes rät dem Bruder, er solle „in jeder Bedrängnis“ sich „selbst die Schuld“ geben und sie nicht bei den Menschen suchen. Der Meister weiß: „Von nur einer Stunde ganz draußen gehst du zugrunde. Schweige von nun an und ertrage stattdessen alles, was kommt“. Die harte Rede wird am Ende versöhnlich, indem es heißt: „Wenn du all das mit Gottes Hilfe beachtest, und dich hütest, wirst du schnell gerettet.

Ein Wort über die Herausgeber und den Übersetzer

Mit der neuen Buchreihe des Beuroner Kunstverlags „Paradies der Väter – Schriften syrischer Mystiker“ werden den westlichen, deutschsprachigen Christen Einblicke in die Frömmigkeit und Lebensweise der syrischen frühen Mönchseremiten vorgelegt. Sie haben in einer „unwirtlichen Umgebung ihren Weg zu Gott gesucht“. Ihre wertvollen Aufzeichnungen mögen den „orientierungssuchenden Menschen Richtung und Halt im persönlichen Leben“ geben.

Matthias Binder ist evangelischer Pfarrer und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Fachbereichs Kirchengeschichte der Philipps-Universität in Marburg. Er hat eine sprachlich hervorragende Übersetzung vorgelegt und in beiden Bänden eine gut verständliche und ausführliche Einleitung präsentiert.

Anlässlich eines Interviews, das Binder am 17.5.2020 dem Deutschlandfunk gab, antwortete er auch auf die Frage, wie es dazu kam, dass er sich „mit Schriften syrischer Mystiker aus dem achten Jahrhundert“ beschäftige.

Er habe es gemacht, weil es ihn fasziniere und interessiere. „Für mystische Themen habe ich mich aus historischer Sicht, auch persönlich, schon länger interessiert. Ich war eigentlich mehr vertraut mit der europäischen und mit der deutschen mittelalterlichen Mystik und habe es willkommen geheißen, dass ich mich auf die Weise auch einmal intensiver mit einem syrischen Mystiker beschäftigen konnte.[3]

Die drei Herausgeber der ersten beiden Bände der Reihe „Paradies der Väter“ sind Gabriel Bunge, Grigory Kessel und Gerd Vatter. Während Bunge bekannt sein dürfte, macht sich Kessel gerade einen Namen. Vatter dürfte der Unbekannteste der Herausgeber sein.

Auch wenn der Einsiedler und ehemalige Benediktiner Dr. phil. Dr. h.c. Gabriel Bunge noch immer einen guten Namen hat, wenn es um das frühe Mönchtum geht, so darf nicht verschwiegen werden, dass er die katholische Kirche 2010 verlassen hat um sich der schismatischen russisch-orthodoxen Kirche von Moskau anzuschließen. Bunge, der 1940 in Köln geborene wurde, studierte Philosophie und Theologie. 1962 wurde er Benediktiner in der Abtei von Chevetogne in Belgien, wo damals bereits der byzantinischen Ritus in der Tradition der Ostkirche gepflegt wurde. Seit 1980 lebt er als Eremit im schweizerischen Tessin.

Dr. Dr. Grigory Kessel arbeitet und forscht am Institut für Byzanzforschung der Akademie der Wissenschaft in Wien und an der Universität von Manchester (England). Er beschäftigt sich u. a. mit der syrischen Tradition des Christentums. Es gibt von ihm mehrere Veröffentlichungen, u. a. monastische, sowie medizinische syrische Texte.

Als dritter Herausgeber der Reihe wird Gerd Vatter genannt. Er wird als „geistliches Kind“ von Gabriel Bunge bezeichnet, der ihn auch in die russisch-orthodoxe Kirche aufgenommen hat. Vatter ist Rechtsanwalt und Steuerberater in Nürnberg.

[1] Messalianer: Mitglieder einer schwärmerisch-mystische Sekte, innerhalb der Kirche seit 350 von Mesopotamien herkommend in Syrien, Armenien, Kleinasien.

[2] Sabellianismus, ein im 4. Jh. entstandenes polemisches Wort, mit dem jedes theol. Denken als häretisch diffamiert werden sollte.

[3] Vgl. https://www.deutschlandfunkkultur.de/schriften-eines-syrischen-mystikers-suche-nach-dem.1278.de.html?dram:article_id=476783

(zuerst erschienen bei UNA-VOCE-KORRESPONDENZ 50. Jg. 2/2020)

Johannes von Dalyatha: Briefe.
Aus der syrisch-aramäischen Sprache übersetzt von Matthias Binder
Beuroner Kunstverlag, Beuron 2020
ISBN: 978-3870713683
144 Seiten, 22 Euro

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Johannes von Dalyatha: Geistliche Reden.
Aus der syrisch-aramäischen Sprache übersetzt von Matthias Binder
Beuroner Kunstverlag, Beuron 2020
ISBN: 978-3870713690
176 Seiten, 24 Euro

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