Joseph Gelineau und die Abschaffung des traditionellen Ritus

Die für die Freunde des überlieferten Ritus der Kirche wichtige Webseite „summorum-pontificum“ erinnert in einem Beitrag vom 9. Oktober 2020 an den Jesuiten Pater Joseph Gelineau und seiner Ansicht von der Zukunft der katholischen Liturgie.

Der äußerst interessante Artikel erinnert jedoch nicht explizit daran, dass Pater Gelineau ein wirkungsmächtiger Mann in der Kirche Frankreichs gewesen ist. Denn er bahnte mit seinen Kompositionen einem neuartigen „singsang“, den er fast überall in seinem Heimatland einführte, den vorläufigen Niedergang des gregorianischen Chorals den Weg. Zwar ist weithin bekannt, dass Gelineau die Gesänge von Taizé mitprägte und viele Lieder komponierte, wie etwa das bekannte „Ubi caritas Deus ibi est“. Dass dieser jesuitische Komponist, von Bischöfen und Ordensoberen gefördert, seinen Gesang und seine Melodik in besonderer Weise in den Klöstern, und hier insbesondere auch in den monastischen Klöstern, einführen konnte, wissen viele nicht.

Wer in den 70er und 80er Jahren französischen Benediktiner- oder Trappistenklöster besucht hat, konnte sowohl in den weiblichen wie den männlichen Abteien erleben, wie nicht mehr die Gregorianik sondern Gelineaus Melodien die Ordensleute begeisterten. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat, ob dieses Phänomens, die wunderliche Aussage erhalten, dass erst durch Gelineau und den Novus Ordo die echte Kontemplation in die monastischen Klöster Einzug halten konnte.

Ob es gerechtfertigt ist, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass jene Neuerungen, die die Kirche in Frankreich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil beglückten, gescheitert sind? Die Kirche, die jene Reformen voller Eifer aufgenommen, mitgemacht und sogar forciert hat, ist fast am Ende angekommen. Jeder kann sich selbst davon überzeugen.

Heute jedoch gibt es in jenem ehemals wirklich katholischen Frankreich Neuaufbrüche. Über Jahrzehnte in kleinen Gemeinden aufgebaut, existieren mehrere Orden, und Kirchengemeinden, die das Alte nicht vergessen oder wieder aufgegriffen haben. Dort wird der gregorianische Choral gepflegt – nicht innerhalb von Konzerten sondern in der katholischen überlieferten Liturgie.

Joseph Gelineau wurde am 31. Oktober 1920 in Champ-sur-Layon (Landkreis Maine et Loire), Frankreich geboren. 1941 wurde er Jesuit und studierte Theologie, Komposition und Orgel. Er promovierte mit einer theologischen Arbeit über die Formen der Psalmodie in den syrischen Kirchen des 4. und 5. Jahrhunderts. Joseph Gelineau starb am 8. August 2008.

+

Ein Ritus in zwei Formen?

Zur Unterstützung seiner These, daß die Liturgie des Novus Ordo nicht dem römischen Ritus angehört, verweist Peter Kwasniewski auch auf einige Stimmen aus dem Kreis der Radikalreformer, die ebenfalls von einer Diskontinuität zwischen dem alten und dem neuen Ritus ausgehen – von einem Bruch, den sie begrüßen.

Nicht aufgeführt hat er dabei einen der prominentesten Vertreter dieser Bruchs-Theorie, den französischen Jesuiten Joseph Gelineau. Gelineau sah in den Reformen des Consiliums und Pauls VI. nur erste Schritte auf einem Weg, der mit der Abschaffung des überkommen Ritus beginnen und schließlich zu einer neuen Theologie und einer neuen Kirche führen sollte. Es lohnt sich, einen Blick in das 1978 erschienene Büchlein mit dem vielversprechenden Titel „Demain la liturgie“ zu werfen, das im gleichen Jahr auch auf Englisch und 1979 auch auf Deutsch: „Die Liturgie von morgen“ herausgekommen ist.

Und es schadet nichts, dabei zwei Werke mit ganz ähnlichem Titel daneben zu legen: Das bereits 1948 erschienene „The Mass of the Future“ des amerikanischen Jesuiten Gerald Ellard, das eine wichtige Rolle beim Umschlag der liturgischen Bewegung in den USA in die liturgische Revolution gespielt hat, und Klaus Gambers „Liturgie Übermorgen“ von 1966. Das stammt aus einer Phase, in der Gamber noch große Hoffnungen auf die in „Sacrosanctum Concilium“ projektierte Liturgiereform setzte und es nicht für ausgeschlossen hielt, „daß erst jetzt, nach fast zweitausend Jahren Kirchengeschichte, die eigentliche Blütezeit der Kirche beginnt“ (S. 20). Von den genannten jesuitischen Reformern unterscheidet sich Gamber freilich in seinem weitaus nüchterneren und nicht auf Bruch, sondern auf Erneuerung zielenden Herangehen, in dem bereits die Grundlagen seiner später überaus kritischen Einschätzung der Liturgiereform sichtbar werden.

Doch zurück zu Gelineau. Anders als Ellard und Gamber, die – ersterer bereits Jahrzehnte – vor der Inkraftsetzung des Novus Ordo geschrieben haben, hatte der Franzose schon 10 Jahre Gelegenheit, die Auswirkungen der Reform zu beobachten, und das ermutigt offenbar ihn zu weitgespannten Hoffnungen. Gleich auf einer der ersten Seiten (englische Ausgabe S. 11) macht er eine Aussage, die ein bezeichnendes Licht auf die Fragewirft, ob der neue Ritus noch zur römischen Ritenfamilie gehört.

„Denken Sie – falls sie sich überhaupt noch daran erinnern können – zurück an das gesungene lateinische Amt mit gregorianischem Choral. Vergleichen sie das mit mit der modernen Messe nach dem Konzil. Nicht nur die Worte, sondern auch die Melodien und bestimmte Handlungen sind jetzt anders. Tatsächlich ist es eine andere Messliturgie. Wir müssen es ganz klar sagen: Der römische Ritus, wie wir ihn gekannt haben, existiert nicht mehr. Er ist weg. Einige Mauern des Gebäudes sind gefallen, andere wurden versetzt – wir können das als eine Ruine ansehen, aber auch als Teile des Fundaments für ein neues Gebäude“.

Die Genugtuung, die aus diesen Worten spricht, ist unüberhörbar, und sie erklärt auch die Erbitterung, mit der viele Theologen, Kleriker ebenso wie Laien, auf die Fortexistenz der überlieferten Liturgie und deren Rehabilitierung durch Benedikt XVI. reagiert haben und immer noch reagieren.

Jedes lateinische Staffelgebet, jedes gregorianisch gesungene Amt führt ihnen vor Augen und Ohren, daß der römische Ritus sehr wohl noch existiert – und daß der Ritus modernus, in den sie so große Hoffnungen gesetzt hatten, buchstäblich keine davon erfüllen konnte. Und das gilt sowohl für diejenigen, die von der Reform nur eine in ihren Augen „zeitgemäße“ Erneuerung der Kirche erhofft hatten als auch für die Radikalreformer, die damit weiterreichende Erwartungen verbunden hatten – bis hin zur Umformung der Kirche Christi in eine säkulare Institution zur Verwirklichung sozialrevolutionärer Vorstellungen. Verloren ist ihre Sache, wie aus „Fratelli tutti“ zu ersehen ist, noch lange nicht.

Das Tragische und durchaus Unverständliche an der Entwicklung von fünf Jahrzehnten ist, daß auch die „gemäßigten Modernisierer“ weder bereit noch in der Lage sind, das Scheitern ihrer Hoffnungen einzugestehen und daß sich die meisten Angehörigen der Hierarchie offenbar in ihrer Rolle als Konkursverwalter eingerichtet haben.

„Das Konzil“ hat zwar, wie es den Anschein hat, die Verbindlichkeit aller Dogmen und allen Kirchenrechts aufgehoben – aber Zweifel an der Liturgiereform gelten nach wie vor als Ketzerei.

Von einigen erfreulichen Ausnahmen in den USA und in England, aber auch einigen wenigen in Mitteleuropa wie z.B. in Frejus-Toulon, abgesehen, ist keinerlei Bereitschaft erkennbar, es zumindest mit einem geregelten oder gar produktivdn Nebeneinander der beiden Spiritualitäten und deren liturgischen Ausformungen zu versuchen, die doch nach offizieller Lesart nur „zwei Formen des ein- und desselben römischen Ritus“ darstellen sollen.

Die Praxis dementiert die Theorie, wie es klarer kaum vorstellbar ist.

Quelle: www.summorum-pontificum.de

+