Martin Werlen greift Katholiken an – update

Eigentlich sollte auf TU DOMINE nicht auf Bücher aufmerksam gemacht werden, die den katholischen Glauben und die Katholiken verunglimpfen. Hier sei einmal eine Ausnahme gestattet. Das Buch, um das es hier geht, wird vom Rezensenten abgelehnt und verworfen.

Nicht erst seit dem Ende seiner Zeit als Abt von Einsiedeln (2001-2013) äußert sich der Schweizer Benediktiner zur Situation in Kirche und Welt. Insbesondere kümmert er sich um die „Zukunft“ der Kirche in der Schweiz, aber auch weltweit. Dabei gehört er zu denen, die eine andere Kirche propagieren. Er will eine Kirche, die es niemals geben kann, er will sie ohne Tradition. Für ihn müssen das Zölibat aufgehoben werden und Frauen selbstverständlich Priesterinnen sein dürfen. Zwar wird Werlen nicht offiziell zur „Gruppe St. Gallen“ gezählt, doch unter vorgehaltener Hand wird er nicht nur als einer der Unterstützer genannt.

Es ist bezeichnend für den Zustand der katholischen Kirche, dass ausgerechnet das Sprachrohr des Papstes dieses Buch lobend bewirbt.vatican-news

Hier geht es um das Buch: Martin Werlen. Raus aus dem Schneckenhaus! Nur wer draußen ist, kann drinnen sein.

Einer der gröbsten Fehlgriffe findet sich bereits auf der Verlagsseite. Zitat:

„Es gibt eine Gruppe von Menschen, die haben sich freiwillig in die Abschottung begeben, um nicht von den ‚Viren der Zeit‘ angesteckt zu werden. Tragisch: Diese kranken oder möglicherweise kranken Menschen geben in vielen Fragen in den Glaubensgemeinschaften den Ton an. Sie verwechseln das selbstgerechte Abgeschottetsein mit Glauben.“

Hier werden Andersdenkende zu pathologisiert, als „krank“ abgestempelt. Werlen und der das Buch herausgebende Herder-Verlag arbeiten hier mit der Sprache totalitärer Regime von den Nazis bis zu den Sowjets. Das Zitat zeigt, wie in diesen Kreisen „Dialog“ gemeint ist: Andersdenkende (hier: Katholiken, die den Kurs und die Positionen des Autors nicht teilen), sind nicht mehr satisfaktionsfähig, keine ernstzunehmenden Gesprächspartner, sondern nur noch entweder „böse“ oder „krank“.

Eigentlich, so müsste man sagen, fällt auch Jesus selbst unter das zitierte Verdikt von Abt Martin Werlen. Denn z. B. in den Abschiedsreden bei Johannes spricht Jesus sehr klar von den «Viren der Zeit». Auch die Apostelbriefe schreiben davon. Es ist eine perfide Unterstellung, dass Katholiken, die nicht dem Reformkurs von Werlen folgen, sich in Abschottung begeben.

Der nachfolgende Text entstammt der Feder eines jungen Katholiken, der sich intensiv mit dem Buch auseinandergesetzt hat:

Abt Martin Werlen verurteilt treue Katholiken als Pharisäer

Der ehemalige Abt von Einsiedeln bleibt aber trotz allem dem Vagen, Unbestimmten und Diffusen verpflichtet.

An wenigstens einer Stelle seiner Anklageschrift gegen diejenigen Personen, die er Pharisäer nennt, wird Abt Martin Werlen OSB deutlich: „Die Versuchung des Pharisäers, so haben wir gesagt, ist die Versuchung jedes glaubenden Menschen. Sie zeigt sich im Gesetzesdenken, im Starrsinn, im Festgefahrensein, in der Überheblichkeit, in der Verachtung, in der Selbstgerechtigkeit, in der Heuchelei, in der Herzensverhärtung, in der Scheinheiligkeit, in der Verlogenheit, in der Arroganz, im äußerlichen frommen Getue, in der Verurteilung, in der Lieblosigkeit und in der Haltung: Alles ist klar.“ Und weil er sonst selbst Pharisäer wäre, war es das auch schon mit der Klarheit für den ehemaligen Abt von Einsiedeln. Ansonsten bleibt er in seinem Buch „Raus aus dem Schneckenhaus!“ dem Vagen, Unbestimmten und Diffusen verpflichtet.

Nun kann ein glaubenstreuer Katholik Dingen wie „Selbstgerechtigkeit“ oder „Heuchelei“ auch nichts abgewinnen. Die von Abt Martin angesprochene Haltung „Alles ist klar“ zeigt allerdings, woher der Wind weht: Sobald die Kirche etwas eindeutig definiert und Katholiken dies verteidigen, sieht der Schweizer Benediktiner rot. Diese Position zieht sich durch das Buch wie ein roter Faden. Außerdem windet sich Abt Martin wie ein Sophist zur Zeit des Sokrates, oder wie ein Modernist in unserer Zeit, wenn er Begriffe umdeutet und teilweise ganz ihres Inhalts entleert.

Ein Beispiel: „‚Gott gibt es nicht‘? Ist eine solche Aussage nicht lächerlich? Wenn wir das ein wenig weiterdenken, machen wir eine erschreckende Entdeckung: Genauso lächerlich ist es, wenn ein Mensch behauptet: ‚Gott gibt es.‘“ Erst einige Seiten später erfährt der Leser ansatzweise, was diese Aussage bedeutet soll: „Wenn wir den Gott verehren würden, den es gibt, dann würde ich mich von diesem Glauben verabschieden. Weil wir den Gott verehren, der da ist, suche ich Tag für Tag seine Gegenwart mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren.“ Wem ist mit solchen Spitzfindigkeiten gedient? Das bleibt wiederum unklar.

Besonders infam ist der Angriff des Abtes auf die Lebensschutz-Bewegung. „Wie anders würde das Engagement fürs Leben wahrgenommen, wenn Märsche fürs Leben tatsächlich fürs Leben wären – in seiner großen Vielfalt!“ Für den Schweizer Benediktiner scheint der Einsatz gegen Abtreibung defizitär zu sein. Stattdessen wünscht er sich wohl Akzeptanz von Transsexualität und anderen sexuellen Verwirrungen, wie aus den Zeilen, die der Verurteilung der Lebensschutz-Bewegung vorausgehen, deutlich wird.

„Pharisäer und Pharisäismus müssen beim Namen genannt und konkret angesprochen werden“, behauptet der Autor, um sich wenig später selbst zu widersprechen: „Alle, die uns zum Einknicken vor den Pharisäern bewegen könnten, sind nicht namentlich genannt. Sie brauchen in der Tat keine zusätzliche Werbung.“ Nun also zur Sache: Wer sind die Pharisäer und jene, die den Leser zum „Einknicken“ vor ihnen bewegen könnten?

„Als ich etwa dem Nuntius (dem diplomatischen Vertreter des Papstes) in unserem Land mit dem Rang eines Erzbischofs“, so Abt Martin, „auf Twitter schrieb: ‚Bin schon überrascht, dass ein Nuntius Blogs verbreitet, die die Deutsche Bischofskonferenz als häretisch bezeichnet‘, wurde ich von ihm einfach blockiert.“ Gemeint ist natürlich Erzbischof Thomas Gullickson. Abgesehen davon, dass Abt Martin, selbst wenn sein Anliegen berechtigt gewesen wäre, sich völlig im Ton vergriffen hat, ist es schon bemerkenswert, dass plötzlich die Haltung „Alles ist klar“ – Häresie! – von jenem Schweizer Benediktiner vertreten wird, obwohl er sie gerade erst als „Versuchung des Pharisäers“ verurteilt hatte.

Im Hinblick auf die Corona-Maßnahmen schreibt der Abt: „Als klar wurde, dass die Gottesdienste für unbestimmte Zeit nicht mehr in der gewohnten Weise stattfinden können, hieß es in einem sich aus eigenem Antrieb ‚katholisch‘ nennenden Internetportal: ‚Ab Montag kommt das kirchliche Leben zum Erliegen.‘ Welch unkatholisches Kirchenverständnis! Bei Weitem ist nicht alles katholisch, was sich katholisch nennt.“ Gemeint ist das österreichische Nachrichtenportal kath.net, das für viele Katholiken erste Anlaufstelle ist, um sich aus dezidiert katholischer Sicht zu informieren.

Und natürlich kam „das kirchliche Leben“ für die allermeisten glaubenstreuen Katholiken „zum Erliegen“, ist doch, wie es das Zweite Vatikanische Konzil festhielt, „die Liturgie der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“. Plötzlich war es unmöglich, die Eucharistie zu empfangen oder zur Beichte zu gehen. Wenn der Zugang zu den Sakramenten nicht konstitutiv ist für das katholische Kirchenverständnis, dann kann man ja auch Protestant sein. Für Abt Martin wäre das anscheinend ohnehin kein großes Problem: „Der Pharisäer versteht sich heute oft als Hüter der Konfessionsgrenzen. Steht am Anfang jeder Spaltung in Glaubensgemeinschaften nicht Pharisäismus? Wenn wir uns das in allen Glaubensgemeinschaften eingestehen, finden wir den Weg schnell zueinander.“

Neben Erzbischof Gullickon und kath.net werden auch die vier sogenannten Dubia-Kardinäle angegriffen, die Papst Franziskus im Jahr 2016 nach Veröffentlichung des nachsynodalen Apostolischen Schreibens Amoris laetitia um einige Klarstellungen zur kirchlichen Lehre baten. „Bei jeder Aussage, die weiterführt, wehren die Pharisäer ab und verlangen Klarstellungen. Überall wittern sie Gefahren. Im Zentrum ihrer Sorge steht nicht die Verkündigung des Evangeliums, im Zentrum ihrer Sorge sind ihre Dubia (Zweifel) – die aber in Wirklichkeit keine Dubia sind, denn sie wissen, was richtig und was falsch ist.“ Seit mehr als vier Jahren warten die Dubia-Kardinäle auf Antwort von Papst Franziskus. Abt Martin fokussiert sich auf den sekundären Begriff „Dubia“, als hätten die Kardinäle keine andere Bezeichnung für ihr Schreiben wählen können.

„Es ist offensichtlich: Hinter den Fragen steht die Absicht, eine Falle zu stellen“, behauptet der Abt, ohne diese These zu begründen. Tatsächlich scheinen die vier Kardinäle von aufrichtiger pastoraler Sorge motiviert, wie sie es in der Vorbemerkung zu ihrem Schreiben an den Papst zum Ausdruck bringen: „Wir haben eine ernste Verunsicherung vieler Gläubiger und eine große Verwirrung festgestellt, und zwar im Hinblick auf Fragen, die für das Leben der Kirche von großer Wichtigkeit sind. Wir haben festgestellt, dass auch innerhalb des Bischofskollegiums einander widersprechende Interpretationen des achten Kapitels von Amoris laetitia gegeben werden.“

Die Abrechnung von Abt Martin mit allem, was er als pharisäisch bezeichnet – also letztlich mit der Treue zur überlieferten Lehre der Kirche –, gehört in kein katholisches Bücherregal. Sicherlich gibt es die von ihm erwähnte „Versuchung des Pharisäers“. Doch um sie tatsächlich zu überwinden, gibt es wirkliche Hilfen: die Sakramente, das Gebet, die geistliche Lektüre guter Bücher – allen voran der Heiligen Schrift. Katholiken mit einem derart fundierten Leben sind dann in der Position, die Kirche wieder aufzubauen und an der Neuevangelisierung der Gesellschaft mitzuwirken.

Herder-Verlag

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