San Giovanni in Fiore – 1. April 1190

San Giovanni in Fiore, am 1. April 1190. – Der Theologe und Zisterzienser-Abt Joachim von Fiore sieht dramatische Änderungen der katholischen Kirche voraus, die in seinen Schriften zu einem Treibsatz in der Geschichte des Abendlands werden.

Die Kerze auf dem Tisch ist fast herabgebrannt. Es ist die Studierstube Abt Joachims. Der kalabresische Zisterziensermönch ist ein umfassend gebildeter Gelehrter. Nach einem bewegten Pilgerleben, das ihn über Palermo, Jerusalem und verschiedene Klöster Mittel- und Süditaliens geführt hat, ist er in diesem Skriptorium an seinem Lebensziel angekommen.

Das Kloster San Giovanni ist seine eigene Neugründung im Süden Kalabriens. Es liegt fast schon in der Sohle des Stiefels, inmitten der Wälder des Sila-Gebirges, die im Winter oft im Schnee versinken. Jetzt schmiegt sich noch kein Ort um das Kloster. Der Stauferkönig Heinrich VI., ein Sohn Kaiser Barbarossas, hat Joachim den Grund geschenkt, wo der markante Bau wie ein Solitär auf einer Lichtung liegt.

Ostern ist früh in diesem Jahr. Nachts ist es noch sehr kalt. Da ist der gelehrte Mensch noch früher wach als sonst, auch außerhalb der Zeiten für das nächtliche Stundengebet, das er mit seinen Mitbrüdern im Chorraum ihrer Kirche verrichtet. Sein Lebensthema aber verfolgt ihn Tag und Nacht, in seinen Träumen und im Skriptorium und dieses Thema hat ihn auch heute Morgen wieder geweckt. Das ist die rätselhafte Apokalypse des Johannes von Patmos. Vor sieben Jahren hat Joachim in Rom um die Erlaubnis nachgesucht, nur noch über diese Offenbarung zu forschen und zu schreiben. Vor zwei Jahren hat Papst Clemens III. ihm die Erlaubnis erteilt. Und heute Morgen war es ihm noch auf dem Nachtlager, bevor er dem feierlichen Hochamt zur Erinnerung an die Auferstehung Christi von den Toten in der neuen Basilika als Abt vorstand, als habe sich ihm mit einem Mal das innere Geheimnis der Geheimen Offenbarung erschlossen, über die er sich seit Jahren wie ein Alchimist über den Stein der Weisen gebeugt hatte. Er hat das Ereignis wie eine Erleuchtung wahrgenommen, wie eine Eingebung, gerade so, als habe er einen Schlüssel zum Verständnis der Weltgeschichte gefunden.

Jetzt, am Ende dieses Ostertages, will er die Entdeckung endlich schriftlich festhalten.

„Wie die Dreifaltigkeit ist auch die Weltzeit gegliedert: als eine Geschichte des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, schreibt er voller Hast. Das war die Kernformel.

Das erste Zeitalter war ein Zeitalter der Knechte, das zweite ist eines der Freien und das dritte wird ein Reich der Freude, der Liebe, des Öls, des Sommers, der Helle des Tages, der Lilien, des Geistes und des Pfingstfestes sein.

Und nun – die Erschütterungen der Papstkirche zeigen es überall – wird das Zweite Reich bald abgelöst werden. Der Petruskirche wird endlich eine letzte Johanneskirche folgen. Es wird keine Fürsten und Bischöfe und auch die Trennung zwischen Priestern und Laien nicht mehr geben. Sehr bald wird dieses “Dritte Reich“ nun kommen!

Der Antichrist, der Böse persönlich, wird durch sein Erscheinen dieses Reich ankündigen müssen: das letzte Heil der Geschichte!

Seine Abtei liegt rund 500 Kilometer südlich vom Monte Cassino. Das kleine Fenster des Raumes lässt schon ins nächste Jahrhundert blicken. Im Osten an der Adria sehen wir da einen Reiter, der in Apulien einen Hügel hochjagt, auf dem ein geheimnisvolles Kastell aus neun Achtecken errichtet wird. Acht schlanke Oktogone werden auf der Baustelle wie Zacken einer Krone einem massiven Oktogon mit einem achteckigen Innenhof in der Mitte hinzugefügt. Mehr Achtecke sind noch nie einem Haus einverleibt worden.
Was soll das für ein Bau werden?
Eine kaiserliche Gefängnisburg?
Ein kosmischer Brunnen?
Und ist der Reiter vielleicht schon der Antichrist?
Keiner weiß es, doch wahrhaftig, eine neue Zeit hat angefangen.

Am Horizont zeigt sich ein erster rosa Streif der Morgenröte über den Bergen. Weit hinten sehen wir schon die Jünger des Franziskus in ihren braunen Kutten in Scharen durch die italienischen Ebenen und Städte der kommenden Jahre ziehen, in selbstgewählter Armut und merkwürdiger Freude, unter ihnen die ersten Naturforscher und Entdecker Europas mit ihrer überschäumenden Liebe zu aller Kreatur. Jede Zwölfzahl im Wald ist ihnen eine Kirche, überall wo sie sich versammeln, erkennen sie die Türme und goldenen Mauern des himmlischen Jerusalem. Zusammen mit den Dominikanern in ihren schwarzweißen Gewändern antworten sie in Predigt und Lebensstil den Bewegungen der Ketzer, die allenthalben wie ein kultureller Taifun durch Europa ziehen und ein Lied angestimmt haben, das Jahrhunderte lang nicht mehr verstummen wird.

In immer neuen Strophen leugnen diese Radikalerneuerer die verwandelnde Kraft der Taufe, die Wirklichkeit der Wunder, die Gegenwart Christi im Altarsakrament und den Sinn von Gebeten, die an Heilige gerichtet werden. Die Klöster sind ihnen zu fett geworden, die römische Kirche die Hure der Apokalypse oder Babylon, jedenfalls ein unglaubwürdiger Sündenpfuhl, der von Grund auf auszumisten, zu reinigen und zu reformieren sei, in vollkommen neuen Formen gemeinschaftlichen Lebens und einer Theologie, die angeblich wieder an den Wurzeln ansetzt.

Die Welt hat gedürstet nach ihnen, glauben sie: nach der endlich ganz und gar „wahren Kirche“. Endlich soll unter ihnen die Kirche zu dem werden, wozu sie von Christus selbst auserwählt ist!

In Südfrankreich wird diese erste Bewegung der „Reinen“ und „Vollkommenen“ in einem Vernichtungskrieg aufgerieben; das ist das vorläufige Ende der attraktiven Bewegung der Katharer, deren moderner Totalitarismus damals Europa von innen schon mehr bedroht, als die Sarazenen es von außen können.

Rom wird auch die Dreifaltigkeitslehre dieses Joachim von Fiore bald als Irrlehre verwerfen.

Die Kreise, die seine Gedanken ziehen, kann keiner verhindern. Immer noch kratzt seine Feder über Pergament, als wir in den Nachbarraum eintreten. …

Aus: Paul Badde. Abendland

Paul Badde
Abendland
Die Geschichte einer Sehnsucht
FE-Medienverlag 2020
ISBN: 978-3863572907
464 Seiten; 17,80 Euro

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