Arshaluys Mardigian und der Völkermord an den Armeniern

„Meine Seele sterben lassen, damit mein Körper weiterleben kann“
Der Zeitzeugenbericht vom Völkermord an den Armeniern 1915/16.

Im Alter von 17 Jahren schreibt die junge armenische Frau Arshaluys Mardigian in den USA ihre Kindheitserinnerungen auf: eindringlich und schonungslos. Es ist erstaunlich, dass ihre Geschichte erst jetzt zum ersten Mal in deutscher Sprache veröffentlicht worden ist.

Kurzer geschichtlicher Überblick

Armenien gilt als erstes christliches Land. Trdat III. (lat. Tridates; auch: der Große) war König von Armenien. Er wird als Heiliger und Gründer der armenischen Kirche verehrt, da er 301 das Christentum zur Staatsreligion Armeniens machte. Armenien wurde so das erste Land in der Geschichte, in dem die christliche Religion zur Staatsreligion wurde.

Gegen Ende der Epoche der Antike wurde Armenien zu einem Hauptkampfgebiet zwischen Byzanz und dem persischen Reich. Das Land im Kaukasus blieb Jahrhunderte ein umkämpftes Gebiet. Später wurde es Bestandteil des Osmanischen Reiches.

Mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet Armenien immer mehr unter den Einfluss Russlands. Insbesondere durch die Russisch-Türkischen Kriege wurden immer größere Teile Armeniens unter russische Herrschaft gebracht.

Unter Mustafa Kemal Atatürk und der 1908 an die Macht gelangten nationalistischen jungtürkische Bewegung um Talaat Pascha begann 1915 eine Verhaftungswelle und die Deportation von armenischer Intellektuellen in Istanbul. Dies war der Auftakt zu einem der schwärzesten Kapitel dieser beiden Länder: dem armenischen Völkermord.

Dieser Völkermord stand im Zusammenhang mit dem Unabhängigkeitskampf der Armenier und ereignete sich in der Zeit zwischen 1915 und 1917. Bei Massakern und infolge der Todesmärsche kamen in dieser Zeit zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier ums Leben.

Die Armenier betrachten diesen Völkermord bis heute als ungesühntes Unrecht. Doch die offizielle türkische Politik will davon nichts wissen. Sie verteidigt weiterhin ihre damaligen Verbrechen als durch den Krieg hervorgerufenen Sicherheitsmaßnahmen, die unvermeidlich waren. 1920 teilten sich die Türkei und die spätere UdSSR Armenien unter sich auf.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde Armenien 1991 unabhängig. Bis heute befindet sich das Land im politischen Konflikt mit Aserbaidschan und der Türkei.

Arshaluys Mardigian

Arshaluys Mardigian wurde am 12. Januar 1901 in einer Kleinstadt Westarmeniens geboren. Ihr Elternhaus war wohlhabend, besaß Ländereien und konnte den Kindern eine gute Schulbildung sicherstellen. Die 14-jährige Arshaluys hatte gerade die Möglichkeit, zu einem amerikanischen Schule in einer nahegelegenen Stadt überzuwechseln. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

Am Ostersonntag 1915 begannen Jungtürken damit, Massaker an den Armeniern auszuüben. So verlor Arshaluys ihren Vater und ihren Bruder. Am 14. Juni begannen die endlosen Todesmärsche der Vertriebenen, darunter fünf Geschwister, die Mutter und zwei Tanten.

Arshaluys wurde Zeugin unvorstellbarer Verbrechen an Erwachsenen und Kindern. Auch sie selbst wurde zum Opfer. Sie wurde dreimal geraubt und verkauft. Sie konnte fliehen und irrte länger als ein Jahr durch die Steppen der Provinz. Dabei verdingt sie sich bei kurdischen Bauern als Arbeitskraft, damit sie etwas zum Essen und Kleidung bekommt.

„Im Frühling 1917 begegnete sie auf ihrem Weg nach Norden unendlich langen Flüchtlingskonvois der aus den Balkanländern vertriebenen Türken. Sie erreichte Erzindjan, wo sie in der armenischen Kirche auf andere armenische Flüchtlinge stieß, und gelangte schließlich in das von den russischen Truppen bereits im Februar 1916 eroberte Erzurum, wo sie sich in der Amerikanischen Mission erholen konnte.“

Sie lernt einen russischen General kennen, der ihr weiterhilft. Bei einem kanadischen Arzt und Missionar kümmerte sie sich um Waisenkinder und um Armenierinnen, die aus Harems oder türkischen Familien befreit worden waren.

Arshaluys entschließt sich, in die USA zu gehen, um öffentlich als Zeugin des Völkermords auszusagen. Außerdem möchte sie Spenden für die Waisen und Überlebenden in Armenien und Syrien sammeln.

Mit Hilfe von Russen und Amerikanern kommt Arshaluys über Tiflis nach Sankt Petersburg. Es sind nur wenige Tage bis zum Ausbruch der Oktoberrevolution 1917. Sie wird Zeugin von Straßenkämpfen und Hungersnot.

In der amerikanischen Botschaft bekommt sie Hilfe, neue Ausweise und die Möglichkeit, mit einem Schiff nach Oslo und von dort weiter nach Halifax in Kanada zu gelangen. Am 5. November 1917 kommt Arshaluys schließlich in New York an, wo sie von einer amerikanisch-armenischen Familie aufgenommen wird.

Es beginnt eine zweite abenteuerliche Geschichte. Doch Arshaluys ist daran gelegen, als Zeitzeugin des Völkermordes an ihrem armenischen Volk aufzutreten. Sie beginnt damit, diese Geschichte zu erzählen.

Schon 1918 erscheint unter ihrem amerikanischen Namen das Buch: „Ravished Armenia: The Story of Aurora Mardiganian, the Christian Girl, Who Survived the Great Massacres“. Dieses Buch widmet sie „allen Müttern und Vätern hier in den Vereinigten Staaten, die eine Tochter im Glauben an Gott erzogen haben„.

Sie schreibt: „Ich habe mitangesehen, wie meine Mutter, bevor man ihre Leiche achtlos in die Wüste warf, ihren Geist aushauchte, weil sie mich gelehrt hatte, dass Jesus Christus mein Erlöser ist. Ich musste erleben, dass mein Vater gewaltsam starb, weil er mir, seinem kleinen Mädchen, empfahl: ‚Vertraue auf den Herrn, sein Wille geschehe.‘ Ich erlebte, wie Tausende und Abertausende von ihren Müttern zärtlich geliebte Töchter durch die Peitsche, das Messer oder unter den Qualen von Hunger und Durst sterben mussten oder in die Sklaverei gezwungen wurden, weil sie in Christus ihren König sahen und dem Christentum treu bleiben wollten. Gott hat mich gerettet, damit ich im Namen aller überlebenden Angehörigen meines Volkes eine Botschaft nach Amerika bringen konnte, und jeder Vater, jede Mutter wird spüren, dass alles, wovon ich auf den kommenden Seiten Zeugnis ablege, aus tiefer Überzeugung und Dankbarkeit dem gegenüber, der mich gerettet hat, berichtet wurde.“

Der Titel des vorliegenden Buches „… meine Seele sterben lassen, damit mein Körper weiterleben kann“ ist einer Begebenheit aus Arshaluys Erzählungen entnommen. Sie befand sich mit 24 anderen Mädchen im „Besitz“ eines alten Mohammedaners und dessen Söhnen. Diese wollten sie zwingen ihrem Glauben abzuschwören sowie sich ihnen hinzugeben. Dabei kam Arshaluys ihre Mutter in den Sinn, die sie noch lebend vermutete. Wenn sie leben würde und bei ihr wäre, würde sie sie fragen, „ob sie es für ratsam hielte, wenn ich meine Religion aufgäbe, um mein Leben zu retten“. „Wenn sie dann sagte, es sei richtig, und mir auf Dauer tröstend zur Seite stünde, dann würde ich meine Seele sterben lassen, damit mein und ihr Körper weiterleben könnten.“ Diese Geschichte geht, wie so viele, weiter – tragisch –, und der Leser wird verstehen.

Es ist wenig erstaunlich, dass die unfassbaren Erlebnisse und Beschreibungen des Mädchens aus Armenien das Interesse der sich im Aufschwung befindenden Filmindustrie von Hollywood auf sich ziehen. Der Genozid an den Armeniern wird zwar thematisiert, aber auch kommerzialisiert, und 1919 in dem Stummfilm „Ravished Armenia“ (auch „Auction of Souls“) sogar eine Schauspielerin aus Arshaluys Mardigian gemacht. Zwar werden auf diese Weise die geschichtlichen Ereignisse erstmals bekannt gemacht, aber gleichzeitig nach Hollywood-Art auch dramatisch überhöht. So ist etwa eine Filmszene, in der gekreuzigte Frauen gezeigt werden, bloß eine Inszenierung des Filmregisseurs. Doch die Beschreibungen in unserem Buch überbieten die Grausamkeiten bei weitem.

Um der deutschen Ausgabe des Buches noch mehr Gewicht zu verleihen, beinhaltet es neben der vorzüglichen Übersetzung von Walburga Seul auch eine historische Einordnung, die aus heutiger Sicht auf den Genozid von Tessa Hofmann vorgenommen wurde.

Arshaluys Mardigian lebte zuletzt in Los Angeles, wo sie am 3. Januar 1994 in einem Altenpflegeheim verstarb. Ihr Körper wurde verbrannt und in einem Gruppengrab anonym beerdigt. Die Grabstätte war nur versehen mit der Jahresangabe 1994.

Zuerst veröffentlicht bei CNAdeutsch


Arshaluys Mardigian
… meine Seele sterben lassen, damit mein Körper weiterleben kann.
Ein Zeitzeugenbericht vom Völkermord an den Armeniern 1915/16
Zu Klampen Verlag 2020
220 Seiten; 24 Euro
ISBN: 978-3866746084

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