Mai 2021: Provokation gegenüber dem Lehramt der Kirche

[…] Die Katakombenzeit ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass […] die Diskrepanz zwischen dem universalen Anspruch des Evangeliums und der Minderheitssituation derer, die diesen Anspruch anerkennen, bis zum Ende der Tage nicht verschwinden wird. Und dass es deswegen kein Betriebsunfall ist, wenn man als Christ be- und abgedrängt wird.

Im Gegenteil, es gehört sogar ein offensiver missionarischer Impetus dazu. Die Bedrängnis, zu der die frühe Kirche gezwungen war, hat ihr am Anfang ihrer Ausbreitung einen ihrer Wesenszüge geradezu in Fleisch und Blut übergehen lassen. Es ist die Unbekümmertheit, mit der die Christen berufen sind, IN der Welt aber nicht VON der Welt zu sein.

Und letzteres als ein unaufgebbares Merkmal so zu leben, dass an den Glaubenden ablesbar ist, wo der Ausgang aus der Welt der Schatten ist, nämlich dort, wo Christus bekannt und bezeugt und wo nach Seinen Geboten gelebt wird. Im Leben nach den nicht von der Welt und ihren „Wirklichkeiten“ erdachten Weisungen liegt die Rettung aus der Sklaverei des Vergänglichen.

Die Christen in der Verfolgung haben deswegen durch die Verfolgung zu allen Zeiten ein Gespür für die Wahrheit behalten. Denn die Prüfungen haben sie ihren Glauben nicht als ihre eigene Idee von einer Gottesbeziehung, sondern als ein Geschenk, als Gnade erfahren lassen. Sie waren automatisch imprägniert gegen die Versuchung, dieses Geschenk für austauschbar zu halten.

Das Athanasianische Glaubensbekenntnis spricht es in seinem ersten, den meisten nicht bekannten Satz aus, wenn es sagt: „Wer immer gerettet werden will, für den ist es vor allem notwendig, dass er den katholischen Glauben festhält.

Legt man diese Haltung der frühen, im Untergrund durch Leiden und durch den Zwang zu Entscheidung zu beachtlicher Dynamik gereiften Kirche auf das, was wir derzeit in den Wirrnissen der Zukunftsplanungen des „Synodalen Weges“ der deutschen Kirche erleben, zeigt sich, dass beides nicht zueinander passen will.

Denn heute ersetzt die Lebenswirklichkeit die Offenbarung, die Mission wird nicht mehr von dem Willen zur Rettung bestimmt, sondern abgelöst von der Einreihung einiger weniger unanstößiger christliche Inhalte in die Parade der Religionen und Weltanschauungen. Die Theologie hat sich ihrer Fähigkeit zur Objektivität entledigt, weshalb sich die Praxis der Seelsorge nicht mehr am Glaubensgut orientiert.

Der Wunsch, alle Menschen an dem teilhaben zu lassen, was zur Ewigkeit dient, wird durch die Sucht ersetzt, die Kissen im Diesseits möglichst flauschig aufzuschütteln, um das Dösen im Halbschlaf nachmoderner philanthropischer Träume nicht zu stören.

Dabei geht es auch ans Eingemachte, wenn die zeitüberhobene Gültigkeit des verbrieften Glaubensgutes, wie es im Katechismus zusammengefasst ist, bestritten und zur Änderung freigegeben wird.

So geschieht es derzeit im Hinblick auf die Anerkennung und Würdigung von außerehelichen Paarbeziehungen und deren Installation als ordentliche Heilswege, bei der Forderung nach einer Aufgabe des katholischen Eucharistieverständnisses zugunsten einer Gleichzeitigkeit in der Anerkennung gegensätzlicher Vorstellungen von dem, was das Vermächtnis des Herrn bedeutet, und beim Ruf nach Aufgabe der wesenhaften Ausschließlichkeit in der Spendung des Weihesakraments an dazu berufene Männer.

Nicht nur Theologen, sondern auch Bischöfe fordern eine Hermeneutik der apostolischen Tradition, die lange schon nicht mehr der Verständlichmachung der Wahrheit in der jeweiligen Zeit dienen will, sondern die Botschaften der Zeit in kirchliches Vokabular kleidet, damit man an sie glaubt. Man krönt diesen betrügerischen Ersatz der Verkündigungsinhalte mit den Begriffen „Fortschreibung“ oder „Weiterentwicklung“ der Lehre, eine perfide Methode des Durcheinanderwerfens.

Der Mai dieses Jahres ist voller Akte der Provokation gegenüber dem Lehramt unter dem Vorzeichen einer neuen Zukunftsfähigkeit der Kirche.

Man braucht wenig Phantasie, um sich den Zusammenbruch der Institution vorzustellen, der nach der offiziellen Aufgabe der Bindung an die Offenbarung und in der Abkehr von einer, von der Wahrheitsfähigkeit des Menschen überzeugten objektiven Theologie und ihrer lehramtlichen „Leitplanken“ (Bischof Stefan Oster) folgen wird.

Was allerdings noch tragischer im Raum steht, ist die damit verbundene Zerstörung der Kirche als Heilsinstrument.

Wenn Rom die Entscheidung einiger deutscher Bischöfe ungeahndet lässt, die Basis des katholischen Glaubens mit wohlfeilen Argumenten zu verlassen und sowohl die neopagane „Lebenswirklichkeit“ einer von allem Christlichen weitgehend entbeinten Gesellschaft als auch eine, die apostolische Tradition ignorierende „pastorale Praxis“ gegen das authentische Lehramt in Stellung zu bringen, wird es keine andere Wahl für die Treuen geben, sich dem Paradigmenwechsel durch den Gang in die Katakomben zu entziehen. Alles andere würde bedeuten, sich an einem Verrat durch die Mimikry eines verbissenen Dabeibleibens zu beteiligen.

Somit ist die Stunde des Martyriums wieder da. Und inmitten des teutonischen Feldzugs gegen das Wesen der Kirche steht diese Herausforderung: die mutige Entscheidung, inmitten eines neuen deutschen Schismas, das in vertikaler Hinsicht als Lösung von der lehramtlichen Autorität und in horizontaler Hinsicht als Trennung der Theologie von der Rechtgläubigkeit daherkommt, katholisch zu bleiben.

Die neue Bedrängnis kommt nicht von den Cäsaren, sondern aus der Mitte der Kirche.

Das, was jetzt im Mai in der Segnung und kirchlichen Würdigung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und in der Aufgabe des katholischen Eucharistieverständnisses durch die Übernahme einer protestantischen Auslegung inklusive der von Bischof Georg Bätzing ermutigten Interkommunion geschieht, bedeutet eine reguläre Kirchenspaltung und öffnet strukturell den Weg zu immer neuem Verrat.

Wer sich jetzt als Bischof, Priester oder Laie unsicher fühlt, wohin er gehen soll, kann sich von Octavius den Ausweg zeigen lassen. Man wird auf ihm allerdings nur als Märtyrer bestehen.

Pfarrer Dr. Guido Rodheudt

(Auszug aus: „Octavius und die Kirche in Deutschland“,
VATICAN-Magazin Mai 2021)

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