Nachgedacht: über „Tradition“

[…] Tradition von vornherein abzulehnen, noch dazu wenn es sich um die Tradition der Kirche handelt, verrät Unkenntnis der Grenzen der eigenen Vernunft. Denn wenn wir fragen: wie legitimiert sich die kirchliche Tradition, so werden wir letzten Endes auf Gott zurückverwiesen, auf seine Offenbarung. Nur von ihm als der Quelle aller Wahrheit können wir Wahrheit empfangen, nur sein Wort ist so wertvoll, dass er für alle Zeiten bewahrt werden sollte.

Tradition geht somit zurück auf Gott, auf die Hingabe Gottes an den Menschen, auf Inkarnation im weitesten Sinne des Wortes. Unsere Beziehung zu Gott ist zunächst nicht davon geprägt, dass wir uns Gottübereignen, sondern dass Gott sich uns nähert, sich uns tradiert. Gott geht ein in die menschliche Wirklichkeit, um so für den Menschen erkennbar und erfahrbar zu werden. Da wir die Sprache Gottes nicht verstehen, spricht er in der Sprache der Menschen. Da wir sterben müßten, wenn wir ihn schauen, erscheint er in menschlicher Gestalt. Da wir auf sinnliche Wahrnehmung angewiesen sind, dürfen wir ihn, der sich uns gibt, nicht nur nehmen, sondern buchstäblich in uns aufnehmen unter den Gestalten von Brot und Wein.

Gott selber liefert sich uns aus: Der Vater liefert den Sohn aus, der Sohn gibt sich hin für das Leben der Welt und beide geben den Jüngern den Geist. In dem Wort „ausliefern“ als Übersetzung für „tradere“ schwingt schon das ganze Risiko mit, das Gott bei diesem Vorgang eingeht. Er gibt sich selbst in die Hände des Menschen (vgl. Mt 17,22), er übereignet sich dem antwortenden Glauben oder auch Unglauben des Menschen.

Annahme oder Ablehnung von Tradition bedeutet also Annahme oder Ablehnung der Wahrheit, die Gott ist. In diesem Zusammenhang in Abgrenzung von Tradition auf die Möglichkeiten des eigenen Verstandes zu verweisen, zeugt von Arroganz, ja von Dummheit. Wenn es wirklich einen Gott gibt – und das glauben wir – der Himmel und Erde geschaffen hat, dann kann Wahrheit nur von ihm und in ihm empfangen werden und zwar auf dem Weg, den er für den besten hält. Wahrheit an einer anderen Stelle zu suchen als dort, wo er sie hinterlegt hat, in der Heiligen Schrift und im Glauben der Kirche, kann nur in Irrtum führen.

Tradition (Überlieferung) ist Grundstruktur der Offenbarung Gottes, ist aber auch Grundstruktur des Rückweges des Menschen zu Gott. Wir stammen von Gott und gehen zu ihm zurück; er ist unser Ursprung und unser Herz ist unruhig, bis es in ihm Ruhe findet. Doch wir können diesen Rückweg nur antreten, indem wir uns eingliedern lassen in den Leib Christi und ihn gehen zusammen mit den Glaubenden aller Zeiten. In diesem Zusammenhang ist Tradition das Band der Einheit, das durch die Identität des einen Glaubens den Leib Christi in der Wahrheit zusammenhält.

Dieser Gedanke leitet über zu einem weiteren Punkt, den ich zum Schluß noch kurz ansprechen möchte. Schon auf rein menschlicher Ebene, aber auch für unseren Glauben hat Tradition immer auch die Funktion eines Korrektivs. Tradition relativiert den eigenen geschichtlichen Standort und zeigt und, dass wir nicht unbedingt der bis jetzt unerreichte Höhepunkt der Menschheitsentwicklung sind. Gott hat nicht uns, sondern unsere Väter auserwählt, seine Offenbarung zu empfangen; insoweit auch wir sieempfangen – und wir empfangen sie wirklich- empfangen wir sie aus ihren Händen. Tradition könnte uns beistehen im Kampf gegen alle Formen des Götzendienstes, sei es auch die Vergötzung der eigenen Vernunft.

KarI Barth sagte einmal: „Kritischer müßten mir die Kritischen sein“. Vielleicht kann uns die Tradition lehren, kritisches Denken auch auf uns selbst, auf unsere eigene Vernunft anzuwenden und im Spiegel früherer Denkbemühungen zu erkennen, wie viel von dem, was uns als der letzte Schrei erscheint, nur unkritisch übernommenem Zeitgeist entstammt, dem was moderne Philosophie „die Verfallenheit an das Man“ nennt.

Wenn wir aus der Tradition erkennen, dass z.B. ein Origenes oder Augustinus auf Fragen, die uns heute bewegen, sehr viel tiefere Antworten zu geben wußte als das, was unsere moderne wissenschaftliche Theologie zustande bringt, könnte uns das zu größerer Bescheidenheit führen und vielleicht zu der Bereitschaft auf die Wahrheit und nur auf sie zu hören, wo immer sie uns begegnet.

Damit bin ich zum Schluß gekommen. Zusammenfassend könnte man das bekannte Wort des Plato „kümmert euch nicht um Sokrates, kümmert euch um die Wahrheit“, abändern und sagen: „kümmert euch nicht um Tradition, kümmert euch um Gott.“ Es geht nicht darum, Tradition als solche festzuhalten, es geht auch nicht darum, sie abzuschaffen, letztlich geht es für uns als Christen darum, Gott zu dienen und an seinem Leben in Ewigkeit Anteil zu gewinnen. Wo Tradition sich verselbständigt, wo der Mensch ihre Pflege absolut setzt, da wird selbst das Wort der Schrift zum Buchstaben, der tötet. Wo auf der anderen Seite Tradition leichtfertig abgebrochen wird, da wird nicht nur das Band zwischen den Generationen zerrissen, sondern auch der Zugang zum Glauben und d.h. zu Gott selber verstellt. Von daher könnte man vielleicht sagen, dass gerade eine Gemeinschaft wie die unsrige dazu berufen ist, im gemeinsamen Gespräch der Generationen miteinander und vor allem im ständigen Blick auf ihn, der Mitte und Ziel unseres Lebens ist, Tradition und damit den Zugang zu Gottes Offenbarung zu bewahren oder auch neu zu eröffnen.

Aus einem Aufsatz von Christiane Reemts OSB, Äbtissin.

Abtei Mariendonk – www.mariendonk.de

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Ein Kommentar zu „Nachgedacht: über „Tradition“

  1. Schon allein aus einem Punkt ist es gegen die Vernunft, die Tradition abzulehnen: Alle großen Heiligen sind die Wege der Tradition gegangen und heilig geworden. Die Tradition zu verleugnen würde heißen auch ihre Früchte abzulehnen.

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