Kardinal George Pell im Gefängnis, Bd. 1

Am 13. Juni 2019 notiert Kardinal Pell in sein „Gefängnistagebuch“, was Father Peter Cross ihm an jenem Tag sagte, als er zum Bischof geweiht wurde: „Das bedeutet, dass du den Rest deines Lebens damit verbringen wirst zu tun, was man dir sagt.“

Diese Wirklichkeit erfuhr Pell, der eine großartige Laufbahn in der kirchlichen Hierarchie machte, als Bischof immer wieder. Zwischen den beiden Buchdeckeln des ersten von drei Bänden seines Gefängnistagebuchs begegnen dem Leser solche Tatsachen. Auch von unglaublichen Wahrheiten, von denen er nur wenig oder überhaupt keine Vorstellungen hat, ist die Rede.

George Kardinal Pell, der vor wenigen Tagen, am 8. Juni, sein 80. Lebensjahr vollendete und damit nicht mehr zu den Papstwählern gehört, wurde im Jahr 2001 von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof von Sydney und zwei Jahre später zum Kardinal ernannt. Er gehörte eher zu den konservativeren Kirchenfürsten, was sich auch darin zeigte, dass er beim Weltjugendtag in Köln (16.-21. August 2005) zu jenen Würdenträgern gehörte, welche die täglich stattfindenden Pontifikal- und Hochämter im klassischen römischen Ritus zelebrierte. Von Papst Franziskus wurde Pell im Jahr 2014 zum Leiter der vatikanischen Finanzen bestimmt und zu einem der Mitglieder seines Kardinalsrates.

Bald danach wurden Vorwürfe bekannt, die Kardinal Pell sexuellen Missbrauch vorwarfen. Aus diesem Grunde begab er sich 2017 aus dem sicheren Rom nach Sydney, um sich vor Gericht gegen diese Anschuldigungen verteidigen zu können.

„Am Nachmittag erhielt ich einen Schriftsatz von einem der Kläger, in welchem dem Bundesstaat Victoria, einem Schwesternorden, der Kinder- und Familienhilfe und mir jede Menge angeblicher Vergehen vorgeworfen werden. Seine Beschuldigungen gegen mich waren von der Staatsanwaltschaft zurückgezogen worden, ehe die Sache vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurde. Der Kläger war ein Drogenabhängiger mit einem Vorstrafenregister. Er warf mir unangemessenes Verhalten in einer Einrichtung vor, die ich in elf Jahren nur ein paarmal besucht hatte, und in einem Schwimmbad, das ich nie besucht und von dessen Existenz ich nicht einmal gewusst hatte. Er hatte mich im Fernsehen »wiedererkannt«, nachdem er mich, wie er behauptete, 40 Jahre zuvor in diesem Schwimmbad einmal gesehen hatte. […]“

Kardinal Pell, geboren 1941, Priester seit 1966 und Bischof seit 1987, wurde am 13. März 2019 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

„Ich habe einen Besen bekommen und meine kleine Zelle gefegt. Die Farbe auf dem Boden ist immer noch abgeblättert, es gibt keinen Vorhang, und während ich hier sitze und schreibe, ist die offene Toilette nur gut einen Meter von mir entfernt. Doch das ist für den Moment mein Zuhause.“

Seinen Prozess bezeichneten später sogar Gegner Pells und Gegner der Kirche als skandalös. Das Gericht hatte entschieden, dass der Bischof im Jahr 1966 in der Kathedrale von Melbourne im Anschluss an die Hl. Messe in der Sakristei und bei offen stehender Tür zwei Chorknaben sexuell missbraucht habe.

Die obersten Richter Australiens hoben dieses Urteil am 7. April 2020 auf. Kardinal Pell wurde unverzüglich freigelassen. Einige Monate danach, am 30. September 2020, kehrte er wieder nach Rom zurück.
George Kardinal Pell war 404 Tagen im Gefängnis. In dieser Zeit schrieb er ein Tagebuch. Sein Gefängnistagebuch „Unschuldig angeklagt und verurteilt“ besteht aus 4 Bänden, deren erster Band nun in deutscher Sprache beim Verlag Media-Maria erschienen ist.

Was Pell in seinem Buch notierte sind spontane Gedanken, Gebete, Lebenserinnerungen – und über 400 Seiten, die seine Leser herausfordern. Natürlich geht es immer wieder um die Gerichtstage, um die Verteidigung und deren Strategien. Niemand wird sich bei der Lektüre seiner Analysen, Erkenntnisse, aber auch seiner Betroffenheit und Enttäuschungen nicht berühren und beindrucken lassen. Pell kennt das Leben. Er kennt auch jene Abgründe denen die Menschen ausgesetzt sind.

„Heutzutage sind junge Christen stärkeren feindlichen Mächten ausgesetzt, als ich es vor 50 Jahren war, angesichts von gescheiterten Ehen, rückläufigen Kirchenbesucherzahlen, Drogen, Pornografie und den fragwürdigen Wohltaten der Social Media.“

„Dass viele Menschen unzufrieden und rastlos sind, beweisen die Ehen, die in die Brüche gehen, die Alkohol- und Drogenprobleme und die Pornografiesucht.“

Pell macht sich Gedanken über Papst und Kirche. Er blickt zurück und nach vorne. Oft sieht er sich in einem „Netz der Täuschung“. Dann sind ihm Briefe, die er in großer Zahl aus aller Welt zugeschickt bekommt und beim Gefängnis-Zensor durchgehen, willkommen und Trost.

„Ein australischer Priester teilte mir mit, dass er gerade sechs Muslime in die katholische Kirche aufgenommen, sie getauft und gefirmt habe, wovon zwei von ihrer Familie verstoßen worden sind. Als er bei einer von ihnen nachfragte, warum sie diesen Schritt tun wolle, antwortete sie ganz schlicht, dass sie »Jesus lieben wolle, wie hoch auch immer der Preis dafür sei«.“

Frommer Lesern seines Buches werden es dem Kardinal danken, dass er sich immer wieder an Gebete erinnert oder neue verfasst und sie aufgeschrieben hat.

„Lieber Herr Jesus, gib mir die Kraft, morgen meine Fassung und meine christliche Würde zu bewahren und mich nicht vom Zorn darüber hinreißen zu lassen, wie ungerecht das alles ist. Möge Maria, deine Mutter, unsere Mutter und daher auch meine Mutter, bei mir sein, damit ich ein annehmbares Opfer zum Wohl der Kirche bringen kann.“

Wie am Anfang dieses Textes sei auch am Schluss noch einmal an den 13. Juni 2019 erinnert, da Kardinal Pell im Gefängnis seinen Gefängnistagebucheintrag mit diesem kurzen Gebet beendet:

„Du, der du wolltest, dass die neunte Stunde
Eine Stunde des Gebetes sei:
Höre uns, während wir in der Stunde des Gebetes beten,
und bewirke, dass unser Gebet und unsere Bitten sich erfüllen, und rette uns.“

Man kann gespannt sein, wie es im zweiten Band des Gefängnistagebuches, das noch in diesem Jahr erscheinen soll, weiter gehen wird.

George Kardinal Pell
Unschuldig angeklagt und verurteilt – Band I
Das Gefängnistagebuch
Vorwort von George Weigel
Verlag Media Maria 2021
416 Seiten; 24,90 Euro
ISBN: 978-3947931255

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