Um Mitternacht stehe ich auf um Dich zu preisen

(vgl. Ps 118,62)

„Einmal habe ich es erlebt, wie ein etwa siebzehnjähriger junger Mann, mit dem ich auf dem Berg Athos eine klösterliche Gastzelle zum Übernachten teilte, mitten in der Nacht aufstand und sich wohl eine Stunde lang vor seinem Bett niederkniete und sich immer wieder verneigte.
»Wer schläft, sündigt nicht«, sagt man. Mag sein.

Andererseits kann, wer schläft, währenddessen nicht Herz und Sinn zu Gott erheben. Der Psalmist ist am ehesten mit dem Verliebten vergleichbar, dem es leid ist um die Zeit, wo er seine ferne Liebste vergessen muss. Die Nacht ist ihm zu lang, so dass er sie um Mitternacht unterbricht, vielleicht um ihr einen Brief zu schreiben.

»Den Schlaf nicht lieben«
ist eine der Regeln des heiligen Benedikt für die Mönche (Regula Benedicti 4, 37).

Einige Mönchsgemeinden stehen tatsächlich noch in der Nacht zum Gebet auf. Wir tun es in der Regel nicht, aber wir sollten uns deshalb umso mehr an das halten, was der folgende Vers sagt: »Ich bin ein Freund all derer, die Dich fürchten und ehren«, also zum Beispiel derer, die um Mitternacht zum Gebet aufstehen, und aller Gottesfürchtigen.“

(Robert Spaemann, Meditationen eines Christen)

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