Über die Hochherzigkeit

[… Die] besondere Übung der Tugend der Hochherzigkeit.

Das sollen Sie mutig und sanft unternehmen, nicht mit roher Gewalt. Sie sollen die Sanftmut und Demut mit Hochherzigkeit üben, denn diese zwei Tugenden braucht man immer, ohne sie jemals aufzugeben. Die Hochherzigkeit besteht darin, unabhängig zu werden von allen Dingen und Geschöpfen und sich nicht damit abgeben, zu denken, ob sie uns lieben und an uns denken oder nicht; dabei darf man sich nicht aufhalten. Ich will wohl, daß Sie mich lieben und daß Sie glauben, daß ich Sie recht liebe; aber ich will, daß die Freundschaft, die Sie zu mir hegen, Ihrer Vollkommenheit und der Vereinigung Ihres Geistes mit Gott nicht schade, sondern Ihnen dazu diene, sich noch mehr mit ihm zu vereinigen. Ich will nicht, daß Sie an mir und an unserer Mutter hängen.

Man muß alle Bedenken mißachten und sich mutig erheben, erhobenen Hauptes über alles weggehen und nicht auf die Handlungen des Nächsten achten, was er tut oder sagt und wie er sich gegen uns verhält. Wir würden nie etwas tun, wollten wir alles überlegen und die Gedanken und Überlegungen wiegen. Die Hochherzigkeit geht über all das hinweg, sie hält sich nur an Gott allein, dem zuliebe sie alles tut, und sie tötet ab, was menschlich ist, um nur mehr für ihn zu leben. Man muß seiner Seele Mut machen und ihr sagen, daß alles für Gott und für die Ewigkeit bestimmt ist. Tatsächlich gehören wir nicht mehr uns selbst, wir sind Gott geweiht, um ihn zu lieben und ihm vollständig zu dienen. Man muß also hochherzig seinen Weg gehen, ohne über etwas erstaunt zu sein, und jeden seinen Weg gehen lassen. Meine liebe Tochter, für uns genügt es, Jesus Christus den Gekreuzigten (1 Kor 2,2) zu kennen. Seien Sie nicht kleinlich in der Übung der Tugenden, sondern gehen Sie geradewegs, freimütig, einfältig und in gutem Glauben voran. Gewiß, ich fürchte den Geist des Zwangs. Meine Tochter, ich wünsche, daß Sie ein weites und großmütiges Herz auf dem Weg Unseres Herrn haben, aber ich will auch stets, daß es mild sei.

Das innerliche Leben besteht darin, die Natur sterben zu lassen und nach der Gnade und der Vernunft zu leben. Wenn uns die Mücken stechen, muß man sie nur ganz einfach verjagen; wenn uns Widerstände kommen, muß man sie ebenfalls nur ganz einfach abwehren, d. h. sich von ihnen abwenden und sich nicht mit ihnen befassen. Ich will Ihnen sagen, wie ich es machen wollte und wie ich will, daß Sie es machen. Ich erwarte von Ihnen nicht, daß Sie keine Gefühle haben, wohl aber, daß Sie diese bekämpfen, besiegen und mit Sanftmut und Geduld überwinden.

Bleiben Sie ruhig, wenn Sie keine Kreuze haben; Unser Herr wird Ihnen wohl welche senden, wann es ihm gefällt.

Franz von Sales

+