Tradition und Lehramt – eine Buchempfehlung

Die römisch-katholische Kirche verfügt über ein für alle Gläubigen verbindliches, lebendiges Lehramt – d.h. ein Lehramt, das von lebendigen Menschen ausgeübt wird. Der einzige „traditionalistische“ Territorialbischof bietet in seinem Buch TRADITION UND LEHRAMT eine fundierte „Pastorale Wegweisung“ an, wie die durch Jahrhunderte überlieferte Liturgie heute und in Zukunft Bestand haben und Frucht bringen kann.

Hierzu schreibt Pfarrer Stefan Thiel eine Buchempfehlung:

Kann man sich in einem Botanischen Garten verirren trotz Wegweisern? Ja, wenn man die Wegweiser falsch interpretiert. So ist es auch in der Kirche, wo wir die Hl. Schrift und die Tradition haben, doch durch ihre falsche Interpretation schon unzählige Sekten und Häresien entstanden sind. Deswegen hat Jesus zu der unverfälschten Überlieferung Seiner Kirche noch das lebendige Lehramt Petri und der Apostel gegeben, die sozusagen lebendige Führer durch das Dickicht sind, denen der Heilige Geist die Fähigkeit verleiht, die Wegweiser richtig zu deuten. Das ist gerade in der heutigen Zeit, wo es so viele Fehlinterpretationen gibt, wichtig zu wissen.

Bischof Fernando Rifan zeigt in seinem Buch, daß es sowohl Fehlinterpretationen des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt, als auch Auffassungen, die in den der überlieferten Liturgie verbundenen Kreisen verbreitet sind, die mit der Lehre der Kirche unverträglich sind, und daß beide eine gemeinsame Wurzel haben: einen irrigen Begriff vom kirchlichen Lehramt. „Tradition und lebendiges Lehramt“ wird deshalb Widerspruch der einen wie der anderen Seite hervorrufen, erklärt schon der Werbetext für dieses Buch, was nicht gerade verkaufsfördernd zu sein scheint. Eine nüchterne Betrachtung zeige indes dem unvoreingenommenen Leser: „Bischof Rifan behauptet nichts, was einer sachlichen Kritik nicht standhält: Er legt den katholischen Standpunkt schlüssig dar; ein reicher Fußnotenapparat lädt darüber hinaus theologisch-wissenschaftlich Gebildete und Interessierte zur weiteren Vertiefung in die Materie ein.“

Die Ablehnung des lebendigen Lehramtes der Kirche, nur weil dessen Verlautbarungen nicht zur eigenen theologischen Auffassung oder zu Äußerungen früherer Päpste passen, wäre auch schon eine Art der Protestantisierung, so wie die Protestanten nur die Bibel und ihre persönliche Auslegung, bzw. die der Reformatoren gelten lassen.

Das betrifft ja heute vor allem die Theologie und katholische Bücherschreiber. Sie unterscheiden ihre Lehre vom öffentlichen Lehramt der Kirche und stellen sich ihm gewissermaßen entgegen. Jedoch hat schon Papst Pius XII. festgehalten: „Es hat in der Kirche niemals gegeben, gibt nicht – oder wird jemals geben ein rechtmäßiges Lehramt von Laien [worunter auch Professoren zählen, selbst wenn sie Priester sind], das von Gott der Autorität, der Führung und der Wachsamkeit des heiligen Lehramts entzogen ist; ja vielmehr bietet diese Verweigerung der Unterwerfung ein schlagendes Beweismittel und Kriterium, daß Laien, die so sprechen und handeln, nicht vom Geiste Gottes und Christi geleitet sind“ (S. 46).

So reicht es aber auch nicht, für die überlieferte hl. Messe zu sein, weil sie schon immer so gefeiert wurde und frühere Päpste das festgelegt haben, sondern wir brauchen handfeste Argumente, warum die alte Messe bewahrt werden sollte, warum sie ein heilsames Korrektiv für die neue Messe ist und auch ihre Bewahrung mit dem lebendigen Lehramt der Kirche übereinstimmt, wobei das Buch von Bischof Rifan natürlich schon vor Traditionis custodes geschrieben wurde und nur am Schluß eine aktuelle Stellungnahme dazu enthält. Umso interessanter ist es, daß es trotzdem ganz konkret auf die jetzige Situation angewandt werden kann, indem es vor der falschen Haltung warnt, die Traditionis custodes kritisiert, die zwar zum Glück nicht häufig zu finden ist, die aber gerade jetzt nicht als „Trotzreaktion“ auf das Schreiben des Papstes entstehen sollte. Wenn der Papst den liturgischen Frieden, den Papst Benedikt geschaffen hatte, aufkündigt, indem er das Gespenst der Spaltung beschwört, müssen wir umso mehr um die Einheit und den liturgischen Frieden bemüht sein.

Wer „behaupten wollte, die Messe im jetzt verbindlichen Römischen Ritus sei ungültig oder unerlaubt, oder man könne mit ihr seine Sonntagsplicht nicht erfüllen, würde sich damit die Stelle der höchsten kirchlichen Autorität anmaßen. Bedauerlicherweise sind manche der Ansicht, der einzige Grund für die Zelebration der Messe im überlieferten Ritus oder die Teilnahme an ihr bestehe darin, der neue Meßritus sei ungültig oder irrgläubig und daher unerlaubt. Die [von Bischof Rifan] angeführten ernstzunehmenden und schwerwiegenden Gründe reichen jedoch völlig für unser vom Hl. Stuhl gebilligtes Festhalten an der überlieferten Meßform hin – und erweisen einen Rückgriff auf das genannte Argument, das im übrigen falsch und ungerecht wäre, als überflüssig. Ausschließlich Wahrheit und Gerechtigkeit haben unsere Richtschnur in diesem Kampf zu sein: Nur die Wahrheit macht uns frei (Joh 8,32), andernfalls würden wir Luftstreiche ausführen (1 Kor 9,26)“ (S. 69).

Wie oben beschrieben, sind oft gerade die Anmerkungen in dem Buch hilfreich: „Die Tatsache, daß sämtliche Träger der kirchlichen Lehrautorität (d.h. der Papst und alle mit ihm in Gemeinschaft stehenden Bischöfe) am neuen Meßritus festhalten, ist eben deswegen ein Argument für dessen Legitimität. Eine Parallele dazu: Der heilige Alfons von Liguori bemerkt, daß ein Papst, bei dessen Wahl betrügerische Unregelmäßigkeiten vorgelegen haben, nichtsdestoweniger deswegen, weil die ganze Kirche ihn als Papst anerkennt, im vollgültigen Besitz seines Amtes ist (Alfons Maria von Liguori, Verita della fede, Neapel 1838, S. 454 f.)“ (S. 77, Anm. 90). Extreme Positionen der Traditionalisten führen ja unweigerlich zum Sedisvakantismus.

Ich muß persönlich zugeben, daß man angesichts der Situation der Kirche und vor allem der Liturgie und der Verwirrung angesichts sich widersprechender Verlautbarungen des Vatikans und vieler (deutscher) Bischöfe schon fast verzweifeln könnte und unsicher wird, was denn nun der auch für die Pforten der Hölle unüberwindliche Weg der Kirche ist. Da bietet das kleine Büchlein eine wirkliche, hilfreiche Pastorale Wegweisung.

Einen großen Teil des Buches machen die Konsequenzen und Anwendungen der authentischen Lehre über Tradition und lebendiges Lehramt aus, zuerst in Bezug auf die hl. Messe und dann auf das Zweite Vatikanische Konzil. Dabei fand ich es sehr interessant, daß schon 1966 die Glaubenskongregation unter Kardinal Ottaviani allen falschen modernistischen Interpretationen des Konzils die richtige Interpretation im Sinne der Kontinuität mit der Tradition der Kirche entgegengesetzt hat und dieses Schreiben vollständig in dem Büchlein abgedruckt ist.

Unter den einzelnen Punkten, wo Aussagen des Konzils heute oft falsch verstanden werden, ist ja die Kollegialität der Bischöfe von besonderer Aktualität. Spannend ist auch die Feststellung, daß die Aussagen des Konzils zur Religionsfreiheit keine Kritik an Aussagen früherer Päpste zur Bedeutung des katholischen Staates etwa darstellen sollten, sondern vor allem als Verurteilung des Umgangs mit der Religionsfreiheit in den damaligen kommunistischen Staaten gedacht waren, wo das Konzil ja aus vermeintlich politischer Klugheit und um der dort lebenden Gläubigen willen auf eine offene Verurteilung des Kommunismus verzichtet hatte. „Die Grenzen der Staatsmacht zu umreißen bedeutet nicht, sie von der Verpflichtung freizusprechen, die wahre Religion – die katholisch Kirche – anzuerkennen, sie in ihrer Sendung zu unterstützen, sie gegen Angriffe zu verteidigen oder Gott und Christus dem König öffentliche Verehrung zu erweisen. Und wenn das Konzil erklärt, daß es ‚die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi unangetastet läßt‘, dann bestätigt es damit, daß die in den Enzykliken Mirari vos (Gregor XVI.), Quanta cura (Pius IX.), Mortalium animos, Quas primas (Pius XI.) gelehrten Prinzipien und die gesamte traditionelle Lehre über das Soziale Königtum Christi unverändert in Kraft bleiben“ (S. 122).

Wenn Bischof Rifan zum Gehorsam der Kirche gegenüber z.B. den hl. Ignatius zitiert: „Wir müssen, um in allem sicher zu gehen, stets festhalten: was meinen Augen weiß erscheint, halte ich für schwarz, wenn die hierarchische Kirche so entscheidet, überzeugt, daß in Christus (…) und der Kirche (…) derselbe Geist wohnt, der uns zum Heil unsrer Seelen leitet und lenkt…“, dann sind manchmal die Anmerkungen des Übersetzers zu solchen Aussagen witzig erhellend: „Anm. d. Übers.: Diese Bemerkung des hl. Ignatius in seinen Geistlichen Übungen wurde gelegentlich gründlich mißverstanden, etwa in dem Sinne, auch evidentes Fehlverhalten eines kirchlichen Oberen sei gutzuheißen. Dies ist selbstverständlich nicht der Fall. So schreibt einer der größten Söhne des hl. Ignatius, Franziskus Suarez SJ, der maßgebliche ‚Haustheologe‘ der Jesuiten – dem niemand unterstellen wird, er habe den Geist seines heiligen Ordensgründers nicht recht erfaßt: ‚Wenn er (der Papst) etwas anordnet, was gegen die guten Sitten verstößt, wird ihm nicht zu gehorchen sein; wenn er irgendetwas unternimmt, was der offensichtlichen Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl zuwiderläuft, wird man ihm zu Recht widerstehen; wenn er eine Gewalttat zufügt, wird man ihn mit Gewalt abwehren dürfen, freilich mit der Mäßigung, die einer schuldlosen Verteidigung eigen ist.‘ (Franziskus Suarez, Tractatus de fide theologica, disp. 10; sect. 6; Opera omnia, Paris 1858, Bd. 12, S. 321)“ (S. 143).

https://www.facebook.com/stefan.thiel.7161

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Bischof Fernando Arêas Rifan
Tradition und lebendiges Lehramt. Pastorale Wegweisung
Vorwort von Gerhard Ludwig Kardinal Müller
Renovamen Verlag 2021
170 Seiten; 15 Euro
ISBN: 978-3956211553
Aus dem Französischen übertragen durch Paolo D’Angona, Priester der Diözese Roermond

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