„Sie haben Schweigepflicht – ein Gelübde?“

„Nein“, sagte der Mönch, „über meinen Glauben kann ich Ihnen nichts sagen, ich gehöre einem schweigsamen Orden an.“

„Sie haben Schweigepflicht – ein Gelübde?“

„Ich habe keine anderen Pflichten, als die man sich selbst auferlegt dadurch, dass man in den Orden eintritt.“

„Welche sind das?“

„Sie fragen viel – es sind keine, die ich Ihnen mit Worten begreiflich machen könnte. Ich bin zur Schweigsamkeit nur so weit verpflichtet wie ein Stummer. Es ist mir nicht verboten zu reden. Ich verbiete es mir auch nicht selbst. Alle Pflichten in dem Orden, dem ich angehöre, sind ohne Gelübde, weil sie sich eben von selbst verstehen.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Ich habe Ihnen ja das Gleichnis vom Stummen erzählt, obwohl auch Gleichnisse meist nur mit anderen Worten sagen, was nicht mitteilbar ist. Es handelt sich um einen Stummen, der, sagen wir, reden kann wie alle anderen. Aber er kann nicht anders reden als alle anderen. Um über meinen Glauben mit anderen reden zu können, müsste ich aber anders reden als die anderen, weil mein Glaube ein anderer Glaube ist. Und wollte ich das versuchen, würden sie mich ja nicht verstehen. Ich wiederum verstehe Sie nicht: Sie stellen Fragen, Sie fragen immer weiter. Eine antwortende Stimme, falls es eine solche gäbe, könnte sich ja bei Ihnen kaum Gehör verschaffen.“

„Ich wollte nicht zudringlich sein“, sagte der Mann.
„Wenn ich mich nicht bis hierher durchgefragt hätte, ich hätte dieses Kloster nie gefunden. Ich bin sehr lange unterwegs gewesen und habe mich mehrmals vergangen, mehrmals verirrt. Meine Zudringlichkeit war größer als meine Müdigkeit. Ich erinnere Sie an das Gleichnis von dem Mann, der einen anderen nachts weckt und so lange zudringlich bittet, ihm mit etwas Essbarem auszuhelfen, bis der andere sich dazu bequemt, aufzustehen und es ihm zu geben.“

Der Mönch lächelte und nickte.
„Ja, wenn er es hat. Der Mann hat am richtigen Haus angeklopft. Ich kann Ihnen nichts geben, Sie sprechen nicht dieselbe Sprache.“

„Wie viele Ausreden einer findet, der keine Konvertiten machen will“, sagte der Mann.

Jetzt sah ihn der Mönch eindringlich an, und über sein Gesicht ging wieder ein heiteres Lächeln, aber er schwieg, nur schien es dem Mann, als sei dieses Schweigen beredter als alles, was der Mönch bisher gesprochen hatte. Der Mann wandte die Augen ab und sah in den Garten hinaus, und auf einmal spürte er, dass es hier drinnen völlig windstill war; kein Halm schwankte, kein Blatt bewegte sich, kein Zweig schaukelte im Lufthauch. Die Vögel saßen regungslos in den Büschen. Man meinte das Sonnenlicht lautlos und inständig über die Mauern des Kreuzganges herunterströmen und im Boden versickern zu hören. Es war, als habe er ein neues Sinnesorgan erhalten, ein Gehör für die Lautlosigkeit.

Eine Weile spürte er noch, wie der Atem seinen Körper durchflutete, steigend, sinkend und steigend. Dann hörte auch das auf, ja, recht eigentlich hörte es auf, wie auch alles im Garten, und besonders der Mönch, aufgehört, aufgehorcht hatte. Der Mann war selbst ganz und gar ein regungslos, lautlos, atemlos Horchender geworden. Er bemerkte zum erstenmal, dass die Lautlosigkeit einen eigentümlichen Klang hatte. Natürlich war das Wort „Klang“ für etwas Lautloses unangebracht, wie aber sollte er seinen Eindruck dem Gedächtnis anders einprägen als mit Worten. Obwohl sich das alles nicht wörtlich fassen ließ. Er begriff nun, dass der Mönch vorhin nicht davon hatte reden wollen, darum hatte er davon geschwiegen.

Zeit verging, verging und kam wieder nach einer Weile, als der Duft der Rosen dem Mann so deutlich zu Bewusstsein kam, dass er sogleich feststellte: Die Luft bewegt sich jetzt wieder, sie hat den Duft der Rosen zu mir herübergetragen. Ohne eine Luft, die sich bewegte, gäbe es diese Erfahrung meiner Sinne nicht, die wenigen Schritte, die mich von dem Rosenstrauch trennen, würden zu einer für den Duft unüberbrückbaren Entfernung. Der Wind ist es, der ihn mir herüberweht. Ich muss nun auch wieder auf meinen Fragen bestehen. Jetzt bebte ein Halm unter dem Abflug einer Mücke. Ein Tropfen lief einen Zweig entlang und fiel mit leisem Klingen in eine Wasserlache. Ein Sperling flatterte auf, und der Wind durchblätterte das Laub.

Der Mann fühlte sich leicht und leer wie ein Boot, dem eine Brise ins Segel haucht. Er wollte nun doch noch eine Frage stellen, die er sich in seiner Wissbegier zurechtgelegt hatte: wieviel Mönche in dem Kloster lebten. Diese Frage aber war nun überflüssig geworden, er wusste bereits, dass ein solches Kloster nur für einen einzigen Menschen da ist; um einen Menschen baut es sich von selber auf und bildet alle notwendigen heiligen und profanen Räume, durch die der Geist des Einzelnen gehen muss.

So verbeugte er sich nur schweigend und ging dem Ausgang zu. Der Mönch folgte ihm höflich. Als sie das Tor erreichten, kamen dem Mann gleichsam alle Gedanken, die ihn bis ans Tor geführt hatten, wieder entgegen, besonders der Gedanke, den Mönch um Brot zu bitten, weil er sehr hungrig gewesen war. Zwar wies er diesen Gedanken lächelnd ab, er fühlte sich gesättigt und wunschlos; erst, als er schon aus dem Tor getreten war, sagte er doch noch gewohnheitsmäßig, wie er es auf seiner Wanderschaft automatisch vor fremden Türen tat: „Bitte um Brot!“

Der Mönch bückte sich, hob einen flachen Stein auf und reichte ihn dem Mann.

Dazu gehört Mut, dachte der Mann.

Er nahm den Stein aus der Hand des Mönchs entgegen und hielt ihn ehrfürchtig auf der flachen Hand. Das ist der Grundstein zu meinem eigenen Kloster, dachte er, es wird sich darauf bauen lassen. Dann machte er sich wieder auf den Weg. Als er sah, dass sein Weg immer tiefer in die Wildnis führte und keine Aussicht bestand, heute noch Brot und Dach zu finden, freute er sich darüber, dass er einen Stein bei sich hatte, auf den er sein Haupt betten konnte.

[Das Kloster von Jeannie Ebner (1918-2004),
bearbeitet von Heinrich Spaemann (1903-2001)
– ohne Quellenangabe]

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