Und verwechseln Sie niemals Liebe mit Sentimentalität …

Mutter Thekla, ehemalige Äbtissin eines orthodoxen Klosters, starb am 7. August 2011 im Alter von 93 Jahren. Sie war die letzte überlebende Nonne eines Klosters in North Yorkshire (Orthodox Monastery of the Assumption Normanby), das heute nicht mehr existiert. Mutter Thekla schrieb den folgenden, mit Humor gespickten Brief „an eine(n) neuen Konvertit-en(-in)“ im Jahr 2009, als sie 91 Jahre alt war.

Liebe(r) xxx,
ich habe gehört, dass Sie auf dem Weg sind, orthodox zu werden. Ich weiß nichts über Sie, außer der Tatsache, dass Sie Engländer(in) sind.

Bevor wir weitermachen, sollte ich noch einen Punkt klarstellen. Man hat mir nicht gesagt, warum Sie konvertieren wollen, aber ich versichere Ihnen, dass es überhaupt keinen Sinn hat, wenn es aus negativen Gründen geschieht. Sie werden in der Orthodoxie genauso viel „Falsches“ (wenn nicht mehr) finden wie in der anglikanischen oder römischen Kirche.

Der erste Punkt ist also: Sind Sie bereit, sich mit Lügen, Heuchelei, dem Bösen und allem anderen auseinanderzusetzen, und zwar in der Orthodoxie genauso wie in jeder anderen Religion oder Konfession?
Erwarten Sie eine Art irdisches Paradies mit viel Weihrauch und der richtigen Musik?
Erwarten Sie, dass Sie direkt in den Himmel kommen, wenn Sie sich dich langsam, pompös und in der richtigen Form von der richtigen Seite bekreuzigen?
Haben Sie ein Kochbuch mit allen authentischen russischen Rezepten für die Osterfeierlichkeiten?
Sind Sie ein Experte darin, sich bei jeder möglichen oder unpassenden Gelegenheit dreimal zu küssen?
Können Sie sich elegant niederwerfen, ohne dass alles Mögliche aus deinen Taschen fallen zu lassen?

ODER …

Haben Sie die Evangelien gelesen?
Haben Sie dem gekreuzigten Christus gegenübergestanden?
Haben Sie im Geiste am letzten Abendmahl teilgenommen – Verstehen Sie die Bedeutung des Heiligen Abendmahls?

UND …

Sind Sie bereit, in aller Demut zu verstehen, dass Sie in diesem Leben nichts über den Glauben hinaus wissen werden; dass Glaube bedeutet, die Wahrheit ohne Beweise zu akzeptieren. Glaube und Wissen sind der ultimative Widerspruch – und das ultimative Aufgehen ineinander. Gelebte Orthodoxie basiert auf dem Paradox, das sich im Gottesdienst fortsetzt – privat oder öffentlich.

Wir wissen, weil wir glauben, und wir glauben, weil wir wissen.

Sind Sie vor allem bereit, alle Dinge als von Gott kommend zu akzeptieren? Wenn wir immer „glücklich“ sein sollen, warum dann die Kreuzigung Jesu?

Sind Sie bereit, bei allem, was passiert, zu glauben, dass es irgendwo, irgendwie einen Sinn haben muss? Das bedeutet nicht passives Ertragen, sondern ständige Wachsamkeit, Hören auf das, was verlangt wird, und vor allem Liebe. Arm, alt, krank, bis zum letzten Atemzug, – wir können lieben. Nicht den sentimentalen Unsinn, der so oft mit Liebe verwechselt wird, sondern die Liebe des Opfers – die innere Kreuzigung von Gier, Neid und Stolz.

Und verwechseln Sie niemals Liebe mit Sentimentalität.
Und verwechseln Sie niemals Anbetung mit Affektiertheit.

Seien Sie demütig – lieben Sie, auch wenn es schwierig ist. Keine sentimentale so genannte Liebe. – Und behandeln Sie den Gottesdienst nicht als Theateraufführung!

Ich hoffe, dass diese Zeilen etwas Sinn machen …
Mit meinen besten Wünschen,
Mutter TheklaIch

Quelle

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