Vom heiligen Meßopfer

Nach der Lehre des Konzils von Trient

Um die ewige Erlösung zu wirken (Hebr. 9,12), wollte Christus sich einmal auf dem Altare des Kreuzes dem Vater zum Opfer darbringen. Sein Priestertum sollte aber mit seinem Tode nicht aufhören. Deshalb brachte er beim letzten Abendmahl seinen Leib und sein Blut unter den Gestalten von Brot und Wein Gott Vater dar und wollte damit seiner Kirche ein Opfer hinterlassen, durch welches das blutige, einmal am Kreuze darzubringende Opfer vergegenwärtigt, das Andenken daran bis zum Ende der Welt festgehalten und seine heilsame Kraft zur Nachlassung der Sünden zugewendet würde, die von uns täglich begangen werden.
(Trid. Sess. XXII, c. I).

MISSALE ROMANUM

 

Das Konzil von Trient bringt das Opfer der heiligen Messe mit der Passahfeier im Abendmahlsaal und mit dem Opfer Christi am Kreuze in Verbindung. Es erklärt: die heilige Messe ist ein «wahres und eigentliches Opfer». Die Opfergabe, die Gott in der heiligen Messe dargebracht wird, ist ein und dieselbe wie jene, die einst am Kreuze geopfert wurde, nämlich Christus, der Gottmensch, eine reine, heilige, unbefleckte, Gott vollkommen wohlgefällige Opfergabe, eine Opfergabe von unendlichem Wert. Darin liegt die überragende Würde des Opfers der heiligen Messe, daß wir in ihr Christus selbst, den lebendigen Christus mit Gottheit und Menschheit, mit seinem heiligen Innenleben, mit seinem Beten, Lieben, Lobpreisen und Sühnen, mit den unendlichen Verdiensten seines Erdenwirkens und mit der überschwenglichen Fülle der Güter und Werte seines erklärten Lebens im Himmel als unsre Gabe vor Gott bringen können. Die Macht dazu ist uns durch die heilige Taufe verliehen worden: dazu sind wir Getaufte, Christen, um diese erhabene Opfergabe Gott mit dem Priester darbringen zu können und ihm dadurch eine vollkommene, Gottes wahrhaft würdige Verherrlichung zu bieten und so den Zweck unsres Daseins ganz zu erfüllen.

Die Gestalten von Brot und Wein sind zum Vollzug des eucharistischen Opfers wesentlich notwendig, da sie das Opfer Christi in der heiligen Messe zu einem sichtbaren Opfer machen. «Die Natur des Menschen verlangt ein sichtbares Opfer» (Konzil von Trient).

Christus der Opferpriester

Christus ist in der heiligen Messe zugleich die Opfergabe und der Opferpriester. Am Kreuz und auf dem Altar haben wir «ein und dieselbe Opfergabe und ein und denselben Opfernden [Priester]» (Konzil von Trient). «Weil im Alten Testament wegen der Unzulänglichkeit des levitischen Priestertums die Vollendung [das Vollkommene] nicht erreicht werden konnte, mußte ein anderer Priester auftreten, unser Herr Jesus Christus» (Konzil von Trient). In der heiligen Messe steht der «heilige, schuldlose, reine Hohepriester, der nicht aus der Zahl der Sünder, sondern über alle Himmel erhaben ist» (Hebr. 7, 26), am Altar. Sein Beten und Opfern hat einen unendlichen, göttlich großen Wert. Jedes Opfern und Beten eines Geschöpfes im Himmel und auf Erden, das nicht in das Opfern dieses Hohenpriesters und Hauptes der Menschheit irgendwie einbezogen und mit ihm eins geworden ist, wäre gehaltlos, eine Schale ohne Kern, vor Gott ohne Wert und Wirkung.

Christus und der menschliche Priester

Christus ist in der Feier der heiligen Messe der eigentliche Priester und Opferer. Aber er opfert durch den sichtbaren, d.h. durch den geweihten menschlichen Priester. Dieser besitzt in seinem Priestertum kein anderes Priestertum als das Christi selbst, er übt Christi unsichtbares Priestertum in sichtbarer Weise aus, ganz und gar abhängig vom Hohenpriester, als dessen Werkzeug und Stellvertreter. So ist und bleibt Christus der eigentliche Priester. Er ist dies in der heiligen Messe nicht etwa bloß dadurch, daß er sie eingesetzt und sie darzubringen befohlen hat; auch nicht bloß dadurch, daß sie ihre Kraft und Wirksamkeit von ihm hat, oder bloß dadurch, daß er Priester und Gläubige zur Feier und Mitfeier der heiligen Messe anregt, sondern vor allem durch die unmittelbare und persönliche Darbringung des eucharistischen Opfers. Christus opfert, indem er in jeder heiligen Messe, durch die Kraft seiner Gottheit und Menschheit, mittels des geweihten Priesters Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut verwandelt. In der Verwandlung (Konsekration) vollzieht sich die eigentliche Opferhandlung der heiligen Messe. Diese Verwandlung nimmt aber in jeder heiligen Messe Christus selber vor: «Das ist mein Leib. Das ist mein Blut.» In jeder Messe betätigt er seine priesterliche Gesinnung Gott und den Menschen gegenüber, die vollkommene Hingabe an den Vater zum Heile der Menschen. Mag der geweihte Priester, der Mensch, auch unvollkommen sein, mag er mit Schwachheiten und Sünden behaftet, ja mit unreinen Händen am Altare stehen, das Opfer, das er darbringt, bleibt doch immer rein: das Opfer Christi. Deshalb ist das eucharistische Opfer stets und überall das heilige, unbefleckte Opfer und, wie das Opfer am Kreuz, von unendlichem Wert und unendlicher Vollkommenheit.

Opferhandlung – Konsekration

Zum Opfer gehört außer der Opfergabe und dem Opferpriester auch die Opferhandlung. Die eucharistische Opferhandlung ist in der Konsekration des Brotes und Weines beschlossen. Die «Opferung» der Messe ist nicht die eigentliche Opferhandlung: sie ist die Überbringung der Opfergaben auf den Altar, die liturgische Zubereitung der Opfergaben und zugleich der sichtbare Ausdruck unsrer Teilnahme am Opfer, da die Opfergaben auch ein Sinnbild von uns sind (Opfervorbereitung). Wahre und wirkliche Opferhandlung ist die heilige Wandlung. Gerade als Opferhandlung muß die Wandlung irgendwie der sinnlich wahrnehmbare, menschliche Ausdruck der inneren Opfergesinnung Christi und der sich mit ihm opfernden Kirche sein.

Wie bringt nun die heilige Wandlung die innere Opfergesinnung Christi, seine restlose Selbsthingabe an den Vater, sichtbar zum Ausdruck? Sicher ist, daß Christus, und zwar indem er als Haupt der Kirche und mit seiner Kirche opfert, im Opfer der heiligen Messe die Opfergesinnung, die er am Kreuze hatte, unverändert besitzt und zur Darstellung bringt, freilich nicht mehr in der Form eines blutigen, qualvollen Sterbens, sondern «in unbIutiger Weise» (Konzil von Trient). Sicher ist, daß die heilige Messe wie das Kreuzesopfer ein wahres, in der Gegenwart sich vollziehendes Opfer ist. Bei diesem Opfer wird an der Opfergabe eine Handlung vorgenommen, in der der Heiland seine ewig bleibende, unendlich vollkommene Gesinnung gegen Gott, von der er am Kreuze beseelt war, zum Ausdruck bringt und für die Ehre Gottes und unser Heil fruchtbar macht.

Messe und Kreuzesopfer

Deshalb ist die heilige Messe in ihrem Wesen eine Nachbildung des Kreuzesopfers Christi, aber nicht ein leeres, schattenhaftes Bild, wie es etwa ein Passionsspiel ist, sondern eine wirkliche Darstellung, in welcher derselbe Christus, der sich am Kreuze opferte, lebendig, wenn auch nicht in blutiger Weise, im gleichen Geist und mit derselben inneren Gesinnung sich opfert wie ehedem am Kreuze. Die heilige Messe ist demnach ein lebendiges, die Wirklichkeit geheimnisvoll in sich schließendes Bild, eine lebendige Vorführung und in diesem Sinne eine wesenhafte Vergegenwärtigung oder Erneuerung (Röm. Katechismus) des Kreuzesopfers. Die heilige Messe schließt also eine innere und wesenhafte Beziehung zum Kreuzesopfer ein und ist nur in dieser Hinordnung auf das Kreuzesopfer ein wahres Opfer.

Darin liegt die Würde und Bedeutung der heiligen Messe, daß sie ein und dasselbe Opfer ist wie das am Kreuze, ebenso heilig, ebenso gottgefällig. Deshalb verschafft auch sie Gott unendliche Ehrung, bietet ihm unendlichen Lobpreis, unendliche Danksagung und Anbetung. Für uns aber zeitigt jede heilige Messe dieselbe Frucht wie das Kreuzesopfer: sie wendet uns die von Christus am Kreuze erworbenen Verdienste, Gnaden und Genugtuungen zu.

Messe und Leben Christi

Weil die heilige Messe ihrem innersten Wesen nach zum Kreuzesopfer in Beziehung steht, muß sie zuallererst aus diesem verstanden und erklärt werden. Das Kreuzesopfer ist der klarste Ausdruck der Opfergesinnung, des vollkommenen Gehorsams und der liebenden Selbsthingabe Christi an den Willen Gottes. Aber Christi Tod am Kreuz ist nicht das Letzte. Zum Werke der Erlösung gehört nicht bloß das Sterben Christi, seine Erniedrigung, sondern auch die Auferstehung und die Himmelfahrt, seine Erhöhung und Verklärung. Tod und Auferstehung Christi gehören zusammen wie Erlösung von der Sünde und Mitteilung der Gnade. «Um unsrer Sünden willen ist er gestorben und um unsrer Rechtfertigung willen ist er auferstanden» (Röm. 4,25). Die Verklärung Christi ist die Vollendung seines Sterbens, sie gehört zur Vollständigkeit der Erlösung und bildet mit dem Leiden und Sterben Christi ein Ganzes. So steht geschrieben: «Christus mußte leiden und am dritten Tage auferstehen» (Luk. 24,46). Die Verklärung Christi ist nicht bloß Opferlohn, sie ist auch Opferziel. Deshalb ist die heilige Messe ein Gedächtnis nicht bloß des Leidens, sondern auch der Auferstehung und Himmelfahrt Christi, seines verklärten Lebens und Wirkens. Die ganze Erlösungstat Christi, die ihren Höhepunkt hat in Tod und Auferstehung, ist so der Inhalt der Feier der heiligen Messe (vergl. das Kanongebet «Unde et memores» nach der Wandlung).

Messe und Kirchenjahr

Trotz aller Verschiedenheit der im Opfer der heiligen Messe gefeierten Festgeheimnisse und trotz aller Abwechslung in den Lese- und Gesangsteilen bleibt das Meßopfer immer und notwendigerweise eine Abbildung und Darstellung des Kreuzestodes Christi, an Weihnachten ebenso wie an Ostern oder am Feste der heiligsten Dreifaltigkeit. Ob im Sinne der Liturgie Christus in der heiligen Messe als Herr und König oder als Mann der Schmerzen oder als Arzt und Totenerwecker auftritt, immer erscheint er hier als der, welcher als Haupt seiner Kirche seinen Opfertod am Kreuze unblutig erneuert und opfernd uns dessen Früchte zuwendet. Freilich wechseln diese Früchte und Gnaden, je nach dem Festgeheimnis und je nach der Verfassung unsrer Seelen. Ja man kann sagen, daß in der eucharistischen Feier die einzelnen Ereignisse des Lebens Christi, wie sie im Laufe des Kirchenjahres vor uns treten, in gewissem Sinne lebendige Wirklichkeit werden. Denn auf dem Altar erscheint wahrhaft und persönlich derselbe Heiland, der einmal geboren wurde, litt, starb und jetzt im Himmel thront, den wir im Evangelium lehren und heilen sehen; beim heiligen Opfer macht er an den Gliedern seines mystischen Leibes in besonderer Weise die Gnaden wirksam, die er in den verschiedenen Geheimnissen seines Erdenlebens seiner Kirche einmal erworben hat. So bildet und baut Christus im Laufe der Zeiten und gerade im Kirchenjahr seinen mystischen Leib aus, die Kirche.

Opfer der Kirche

Die heilige Messe ist nicht bloß das Opfer Christi, sie ist auch das Opfer der Kirche; sie wird von der Kirche und durch die Kirche Gott dargebracht. Im Opfer der heiligen Messe besitzt die Kirche ihr erhabenstes Gut, ihren größten Reichtum, die höchste Form ihrer Frömmigkeit. In ihr kann sie dem unendlichen Gott einen unendlichen Erweis von Liebe und Dankbarkeit darbieten, einen unendlichen Ersatz für jede Sünde und Schuld. In ihr wird Christi Opfern und Beten das Opfern und Beten, Lieben und Lobsingen der Kirche und ihrer einzelnen Glieder. In ihr wird die Kirche selbst die Priesterin der Menschheit und der Gesamtschöpfung und singt Gott durch Christus und mit Christus und in Christus den Hymnus des vollkommensten Lobpreises. In ihr erfüllt die Kirche ihren eigentlichsten und ersten Beruf, für den sie geschaffen ist und in den Wassern der Taufe neugeboren wird. Heiligeres, Segenvolleres kann sie nicht vollbringen, als was sich in der Feier der heiligen Messe vollzieht. Heiligeres, Segenvolleres gibt es auch für den Christen nicht, als die heilige Messe im rechten Geiste mitzufeiern.

Dies geschieht dadurch, daß wir in Christus und mit Christus, unsrer Opfergabe, uns selbst mitopfern. Die Opfergabe vertritt die Stelle dessen, der sie darbringt. In der Opfergabe bringt der Opfernde sich selbst zum Opfer; tut er dies nicht, so opfert er rein äußerlich und nur unvollkommen.

Wenn wir zur heiligen Opferfeier kommen, sind wir erschienen, nicht um irgend eine Privatandacht zu verrichten, um irgend etwas zu beten oder eine Betrachtung zu machen, z.B. über die Geheimnisse des Leidens Christi, auch nicht um bloß die Meßgebete mitzubeten, sondern um das heilige Opfer zu feiern und, wenn es möglich ist, seine Frucht, die heilige Kommunion zu empfangen. Wir kommen, um in geistiger Gemeinschaft mit der Kirche im großen und mit der in dem Gotteshause zur Opferfeier verbundenen Teilkirche (Pfarrei), in Gemeinschaft mit dem zelebrierenden Priester am Altare und mit dem uns in sein Opfer aufnehmenden Hohenpriester Christus zu beten und zu opfern. Wir kommen, um Christus als unsre Opfergabe zu erwarten, um ihn dann mit der ganzen Fülle seines heiligsten Herzens, mit seinen Gebeten und Tugenden der allerheiligsten Dreifaltigkeit darzubieten, zum Ausdruck unsrer Liebe, Anbetung, Hingabe und Huldigung. Wir kommen, um im äußern Opfern auch uns selbst zu einem Opfer mit Christus zu machen, um in die Opfergesinnung Christi einzugehen.

Die Feier der heiligen Messe ist wesenhaft Gemeinschaftsfeier, in welcher der einzelne in das Leben, Denken, Wollen und Tun der Gemeinschaft eingeht und sich in der Gemeinschaft Christus, dem sich opfernden Hohenpriester und Haupte, hingibt. Da kommt die «Gemeinschaft der Heiligen» mit ihrem wundervollen, übernatürlichen Lebens- und Güteraustausch zur herrlichsten Entfaltung.

Bei der Feier der heiligen Messe treten wir in Opfergemeinschaft mit den Heiligen und Seligen des Himmels, unsern verklärten Brüdern und Schwestern. Sie legen ihre Gebete und Verdienste, ihre Tugenden und Abtötungen, ihre Entsagung und Buße, ihre Liebe zu Gott, ihr heldenhaftes Wirken und Leiden in unsre Hand, damit wir dies alles als unser Eigentum und unsre Opfergabe durch Christus und mit Christus dem himmlischen Vater darbringen. So wird diese Opfergabe duftend vom Wohlgeruch ihrer Tugenden, ihrer Jungfräulichkeit, Demut, Nächstenliebe – duftend vom Wohlgeruch der Reinheit und Heiligkeit der hehren Gottesmutter, der Apostel, der Martyrer, der Bekenner und Jungfrauen (vgl. die Secreta am Feste der hl. Katharina von Siena, 30. April).

Wir treten auch in lebendige Opfer- und Gütergemeinschaft mit den Gliedern der Kirche auf Erden. Ein Gedanke, ein Wille, ein Streben verbindet uns, wenn wir zur heiligen Feier um den Altar geschart sind. Wie schön äußerte sich diese Gemeinschaft im Opfergang der früheren Jahrhunderte! Was der einzelne zum Altare brachte, gehörte der Gesamtheit und wurde die Opfergabe aller, die Gabe, an der dann alle im Opfermahl gleichmäßig teilnahmen. Diesen Gedanken bringt z.B. die Secreta des fünften Sonntags nach Pfingsten zum Ausdruck mit den Worten: «Was die einzelnen zur Ehre Deines Namens dargebracht, möge allen zum Heile dienen

In erster Linie treten wir aber in Opfergemeinschaft mit Christus. Er gibt sich uns selbst mit allem, was er ist und hat, er gibt uns seine Tugenden, seine Gebete, seinen Gehorsam, seine Demut, die Verdienste seiner Kindheit, seines verborgenen und öffentlichen Lebens, seines Leidens und Sterbens, die Reichtümer seines verklärten Lebens und legt dies alles in unsre Hände, damit wir es als unsre Gabe dem Vater weihen.

Opfergemeinschaft mit der verklärten Kirche im Himmel, mit der streitenden Kirche auf Erden und mit Christus fordert aber von dem, der die heilige Messe innerlich mitfeiern will, Hingabe an die innere Gesinnung der Kirche und ihres Hauptes Christus: Absage an die Sünde, ein Leben, das mit der heiligen Taufe, ihren Gnaden und Verpflichtungen Ernst macht.

Ein Opferwille verbindet in der heiligen Messe Christus und seine Kirche, die Gemeinschaft und die einzelnen; alle, die die heilige Messe mitfeiern, sollen sich in einem Liebesopfer vereinen, im selben Drang der vollkommenen Hingabe an den Vater, in dem einen Geiste Christi, der mit ihnen eine Opfergabe geworden ist. Wer dieses Eingehen in Christus und in die Gemeinschaft tiefer erfaßt und eifriger betätigt, der hat auch reicheren Anteil an den Früchten der heiligen Messe. Engere Opfergemeinschaft bringt auch reichlichere Opferfrucht. So soll die Opferfeier der Heiligen Messe im Mittelpunkt der katholischen Frömmigkeit stehen.

Messe und Erlösung

In der ununterbrochenen Feier der heiligen Messe steht die Kirche gleichsam immer am Fuße des Kreuzes. Aus Christi Blut wird sie immerfort neu geboren, erhält sie neue Kraft, stetes Wachstum. Aus der heiligen Messe, die ja das Kreuzesopfer gleichsam verewigt und festhält, strömen der Kirche, und in ihr den einzelnen, alle Gnaden zu: die Kraft der heiligen Sakramente, die Kraft der heiligen Weihen, die Kraft zum Heldenmut in Opfer und Entsagung, die Kraft zur Erwerbung der ewigen Verklärung.

Das Werk der Erlösung ist in der Kirche und in den einzelnen noch nicht vollendet. In der heiligen Messe und durch sie wird es stets weiter vollzogen und seiner Vollendung entgegengeführt. Deshalb betet die Kirche : «So oft man das Gedächtnis dieses Opfers feiert, wird das Werk unsrer Erlösung vollzogen» (Secreta am 9. Sonntag nach Pfingsten). Die heilige Messe schöpft die erlösende, heiligende, gnadenspendende Kraft aus dem Kreuzesopfer; dieses wirkt sich aus im Opfer der heiligen Messe. In diesem Sinne kann die Liturgie sagen: «Wir opfern dir [in der heiligen Messe] jenes Opfer, von dem jedes Martyrium seinen Ausgang nahm» (Secreta vom Donnerstag in der 3. Fastenwoche). Jede Kraft zum Martertod und jede Gnade, für Christus den Tod zu erleiden, quillt ja aus dem Kreuzesopfer Christi, das in der heiligen Messe vergegenwärtigt wird, in ihr seine Kraft ausstrahlt und den Seelen einströmt. In diesem «einen Opfer» des Kreuzes, das in der heiligen Messe «erneuert» wird (Röm. Katechismus), sind alle Opfer des Alten Bundes zur Vollendung gebracht (Secreta am 7. Sonntag nach Pfingsten). Dort war nur der Schatten, im Opfer auf dem Altar ist die Wirklichkeit: Christi Opfer.

Opfermahl

Die Opferfeier findet naturgemäß im Opfergenuß, Opfermahl, ihren Abschluß. Die «Kommunion» ist nicht ein Wesensbestandteil der Opferhandlung im strengen Sinne, gehört aber doch zur Vollständigkeit des Opfers, ähnlich wie die Auferstehung und Verklärung Christi zur Vollständigkeit des Erlösungswerkes Christi am Kreuze gehört. Der Vater hat unsre Opfergabe, Christus, wohlgefällig angenommen. Was wir in Form der Opfergabe durch Christus zu ihm emportrugen und vor sein Angesicht brachten, das steigt nun in Form der Gnade und des Segens auf uns hernieder als ein wirksamer Friedenskuß des Vaters für seine Kinder, als eine liebevolle Umarmung der Kinder im Sohne seiner Liebe, an dem er sein ganzes Wohlgefallen hat. Als Sünder traten wir mit dem Priester an den Altar; Christus wurde unsre Opfergabe. Jetzt empfangen wir in wunderbarem «Austausch» in der heiligen Kommunion den verklärten, geopferten Christus, unsre Opfergabe, damit sie uns mit göttlichem Leben, mit Christi Geist und Gesinnung erfülle und unsern Willen in seinen Opferwillen hineinziehe und für den neuen Tag, die neue Woche mit seiner Hingebung an den Vater verbinde (vgl. die Secreta des 18. Sonntags nach Pfingsten).

So sind wir im Opfermahl Träger der Gesinnung Christi geworden. Nun soll der Opferduft in die Mühen und Beschwerden des Tages hineingetragen werden. Das Mitopfer mit Christus, das Opfermahl, hat uns stark gemacht, alles zu tragen, allem zu begegnen, alles zu einer Ausstrahlung des großen Werkes zu machen, das wir in der heiligen Messe vollzogen haben. Das Morgenopfer will umgestaltend, segnend, heiligend das ganze Tun und Lassen des Tages ergreifen und es zu einer wohlgefälligen Opfergabe für Gott machen.

«Durch Ihn [Christus] und mit Ihm und in Ihm ist Dir, Gott, dem allmächtigen Vater alle Ehre und Verherrlichung» – in der Feier der heiligen Messe, dem Wesenskern und Mittelpunkt des ganzen christlichen Lebens.

Wert und Wirkungen der heiligen Messe

Jede heilige Messe ist ihrem Zwecke nach ein Anbetungs-, Dank-, Sühn- und Bittopfer und kann und soll deshalb für die verschiedenen Nöte der Kirche und der Einzelperson, zur Nachlassung der Sünden, zur Genugtuung für die Sünden, für die Lebenden und Toten dargebracht werden (Konzil von Trient).

Das Opfer der heiligen Messe umfaßt:

das Selbstopfer Christi; als solches ist es von unendlicher Reinheit, Heiligkeit und Würde, besitzt einen unendlichen Wert und überragt jede andere Form der Gottesverehrung (Frömmigkeit) unendlich;
das Opfer der Kirche als einer Gemeinschaft; unter diesem Gesichtspunkt ist das heilige Meßopfer ebenfalls immer und überall, selbst wenn der opfernde Priester und die Mitopfernden nicht rein und heilig sind, das eine heilige, unbefleckte Opfer der allzeit heiligen und gottwohlgefälligen Kirche, freilich nicht von unendlicher Würde;
das Opfer des Priesters und der Mitopfernden, insofern sie im eigenen Namen opfern. Unter dieser Rücksicht richtet sich die Würde, der Wert und die Wirkung der heiligen Messe nach dem Verdienst und Gnadenstand, nach der Reinheit, Frömmigkeit und Seelenverfassung des Priesters beziehungsweise der Mitopfernden.

Das Opfer der heiligen Messe bewirkt mittelbar, nämlich mittels der Gnade der Reue und Liebe, die es von Gott erwirkt, die Nachlassung der Sünden; unmittelbar, entsprechend der Seelenverfassung der Opfernden, den Nachlaß der zeitlichen Sündenstrafen, sowohl für die Lebenden als für die Verstorbenen. Ebenso können alle Güter der natürlichen Ordnung durch die bittende Kraft des heiligen Meßopfers erwirkt werden, wenn alle Bedingungen des Bittgebetes erfüllt sind. Das gleiche gilt, wenn der Priester die heilige Messe andern zuwendet, für sie «appliziert».

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