Liturgie

Die Anhänger der überlieferten Liturgie müssen es sich eingestehen: ja, es gab eine Volksbewegung gegen die neue Liturgie, aber sie wurde nicht zu einer Bewegung für die alte – sie führte vielmehr zu einem gänzlichen Auszug aus der Kirche. Die Weisheit, die der katholischen Kirche gern zugeschrieben wird, hatte sie im 20. Jahrhundert gänzlich verlassen. Sie wagte eine „Meßreform“, die in Wahrheit eine Revolution von oben war – nicht bedenkend, daß eine Revolution, auch wenn unter Einsatz der Autorität durchgesetzt, im Zeitalter der Massendemokratien sehr schnell unbeherrschbar werden mußte. Wir müssen das traurige Faktum akzeptieren, daß ein Großteil der dennoch in der Kirche gebliebenen Gläubigen inzwischen umerzogen ist. Goethe macht auf das anthropologische Faktum Aufmerksam, daß Ehrfurcht keine natürliche Eigenschaft des Menschen ist, sondern daß er sie sich erwerben muß. In der Formlosigkeit der modernen Gesellschaft ist die alte Liturgie tatsächlich ein Fremdkörper. Sie zieht jetzt diejenigen an, die eine innere Widerstandsbereitschaft besitzen – und das kann immer nur eine kleine Elite sein – eine Elite nicht im Sinn akademischer Würden oder ökonomischer Macht wohlgemerkt, sondern an seelischer Kraft und Selbstständigkeit – die ist in allen Etagen der Gesellschaft zu finden.

Die Glaubenskatastrophe hat ein Paradoxon hervorgebracht. Die alte Liturgie lebt aus einer Verehrung für Hierarchie und Ordnung, aber ihre Verteidiger haben ein anarchisches Temperament. Sie mißtrauen jeder Institution und Autorität, die nicht willens ist, sich der Überlieferung zu unterwerfen, und das trifft auf die meisten Repräsentanten von Kirche und Staat zu. Der regierende Pontifex, dessen eingestandenes Ziel es ist, die nach 50 Jahren nachkonziliarer Entwicklung immer noch vorhandenen Reste von Tradition der Kirche auszumerzen, hat richtig erkannt, daß sein Werk unvollendet bleiben wird, solange es gelingt, den alten Ritus an die kommenden Generationen weiterzugeben. Die alte Liturgie enthält alles, was ein Katholik braucht, um katholisch zu sein – sie ist sogar imstande, einen Papst, der seine Aufgaben nicht erkennt, eine Weile zu ersetzen. Das hat er genau verstanden, und diese Vorstellung ist für ihn unerträglich.

Martin Mosebach, UVK August 2022

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