Papst Benedikt XVI. über die hl. Katharina von Siena – Heiligenkalender am 30. April

… die hl. Katharina von Siena. Das Jahrhundert, in dem sie lebte – das 14. Jahrhundert –, war eine schwierige Zeit für das Leben der Kirche und der ganzen Gesellschaftsstruktur in Italien und in Europa. Doch der Herr läßt auch in Augenblicken großer Schwierigkeiten nicht ab, sein Volk zu segnen, indem er heilige Männer und Frauen erweckt, die den Verstand und das Herz aufrütteln und Bekehrung und Erneuerung bewirken. Katharina ist eine von ihnen, und auch heute noch spricht sie zu uns und spornt uns an, mutig den Weg zur Heiligkeit zu beschreiten, um in immer vollkommenerer Weise Jünger des Herrn zu sein.

Sie wurde 1347 in Siena in einer sehr kinderreichen Familie geboren und starb 1380 in Rom. Im Alter von 16 Jahren trat sie, von einer Vision des hl. Dominikus veranlaßt, in den weiblichen Zweig des Dritten Ordens der Dominikaner, den sogenannten „Mantellaten“ ein. Sie blieb in der Familie, bekräftigte das Gelübde der Jungfräulichkeit, das sie bereits als Heranwachsende in privater Form abgelegt hatte, und widmete sich dem Gebet, der Buße und den Werken der Nächstenliebe, vor allem zum Wohl der Kranken. Als der Ruf ihrer Heiligkeit sich verbreitete, führte dies zu einer intensiven Tätigkeit geistlicher Beratung für Menschen aller Stände: Adlige und Staatsmänner, Künstler und Menschen aus dem Volk, geweihte Personen, Kleriker, einschließlich Papst Gregors XI., der zu jener Zeit seinen Sitz in Avignon hatte und den Katharina nachdrücklich ermahnte, nach Rom zurückzukehren. […]

Katharina hatte viel zu erleiden, wie viele Heilige. Einige mißtrauten ihr so sehr, daß das Generalkapitel der Dominikaner sie 1374, sechs Jahre vor ihrem Tod, sogar nach Florenz beorderte, um sie zu prüfen. Ihr wurde ein gelehrter und demütiger Ordensmann zur Seite gestellt, Raimund von Capua, später Generalmagister des Ordens. Er wurde ihr Beichtvater und auch ihr „geistlicher Sohn“ und schrieb eine erste vollständige Biographie der Heiligen. Sie wurde 1461 heiliggesprochen.

Die Lehre Katharinas, die nur mit Mühe lesen lernte und erst als Erwachsene schreiben konnte, ist im Dialog der göttlichen Vorsehung oder Buch der göttlichen Lehre, einem Meisterwerk der geistlichen Literatur, in ihren Briefen und in der Sammlung ihrer Gebete enthalten. […]

In einer Vision, die aus Katharinas Herz und Verstand nie mehr ausgelöscht wurde, brachte die Gottesmutter sie zu Jesus, der ihr einen wunderschönen Ring schenkte und zu ihr sagte: „Ich, dein Schöpfer und Erlöser, vermähle dich mit mir im Glauben, den du stets rein bewahren sollst bis du im Himmel mit mir deine ewige Hochzeit feierst“ […]. Jener Ring blieb nur für sie selbst sichtbar. In diesem außergewöhnlichen Ereignis wird der lebendige Mittelpunkt von Katharinas Religiosität und jeder echten Spiritualität deutlich: die Christozentrik. Christus ist für sie gleichsam der Bräutigam, zu dem eine Beziehung der Innerlichkeit, der Gemeinschaft und der Treue besteht; er ist das über alles geliebte Gut.

Diese tiefe Vereinigung mit dem Herrn wird durch ein anderes Ereignis aus dem Leben dieser bedeutenden Mystikerin erläutert: den Herzenstausch. Raimund von Capua zufolge, der das darlegt, was Katharina ihm anvertraut hat, erschien ihr der Herr mit einem leuchtend roten menschlichen Herzen in der Hand, öffnete ihre Brust, legte es dort hinein und sagte: „Liebste Tochter, so wie ich jüngst das Herz genommen habe, das du mir schenken wolltest, so schenke ich dir jetzt das Meinige; von jetzt an wird es den Platz einnehmen, an dem das Deinige war“ (ebd.). Katharina hat wirklich die Wortes des hl. Paulus gelebt: „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

Wie die Heilige aus Siena verspürt jeder Gläubige das Bedürfnis, sich die Empfindungen des Herzens Christi zu eigen zu machen, um Gott und den Nächsten so zu lieben, wie Christus liebt. Und wir alle können unser Herz verwandeln lassen und lernen, wie Christus zu lieben, in Vertrautheit mit ihm, die genährt wird vom Gebet, von der Betrachtung des Wortes Gottes und von den Sakramenten, vor allem durch den häufigen und ehrfürchtigen Empfang der heiligen Kommunion. […]

Liebe Brüder und Schwestern, die Eucharistie ist eine außerordentliche Liebesgabe, die Gott uns immer wieder schenkt, um unserem Glaubensweg Nahrung zu geben, unsere Hoffnung zu stärken, unsere Liebe zu entflammen, um uns ihm immer ähnlicher zu machen. Um eine so starke und authentische Persönlichkeit bildete sich eine echte geistliche Familie: Menschen, die von der sittlichen Autorität dieser jungen Frau mit sehr hohem Lebensniveau angezogen waren. Manchmal waren sie auch beeindruckt von den mystischen Phänomenen, denen sie beiwohnten, wie den häufigen Ekstasen. Viele stellten sich in ihren Dienst und betrachteten es vor allem als Privileg, von Katharina geistlich geleitet zu werden. […]

[…] Gabe der Tränen verbunden. Sie sind Ausdruck einer feinfühligen und tiefen Sensibilität, einer Fähigkeit zur inneren Ergriffenheit und zur liebevollen Zuneigung. Nicht wenige Heilige hatten die Gabe der Tränen und äußerten damit erneut die innere Bewegtheit Jesu, der vor dem Grab des Freundes Lazarus und dem Schmerz Marias und Martas sowie beim Anblick von Jerusalem in seinen letzten irdischen Tagen seine Tränen nicht zurückgehalten und versteckt hat. Katharina zufolge vermischen sich die Tränen der Heiligen mit dem Blut Christi, von dem sie in leidenschaftlichem Ton und mit sehr ausdrucksstarken symbolischen Bildern gesprochen hat: „Denkt an den gekreuzigten Christus, Gott und Mensch (…) Setzt euch den gekreuzigten Christus zum Ziel, verbergt euch in den Wunden des gekreuzigten Christus, versenkt euch in das Blut des gekreuzigten Christus“ […].

Hier können wir verstehen, warum Katharina, obgleich sie sich der menschlichen Unzulänglichkeiten der Priester bewußt war, stets sehr große Hochachtung vor ihnen hatte: Sie spenden durch die Sakramente und das Wort die erlösende Kraft des Blutes Christi. Die Heilige aus Siena hat die geistlichen Amtsträger, auch den Papst, den sie den „sanftmütigen Christus auf Erden“ nannte, stets aufgefordert, ihrer Verantwortung treu zu sein, wozu sie stets allein durch ihre tiefe und beständige Liebe zur Kirche bewegt wurde. Bevor sie starb, sagte sie: „Wenn ich aus dem Leib scheide, habe ich wahrhaftig das Leben in der heiligen Kirche und für die heilige Kirche vollendet und hingegeben, was für mich eine einzigartige Gnade ist“. […]

Von der hl. Katharina lernen wir also die höchste Wissenschaft: Jesus Christus und seine Kirche zu kennen und zu lieben. Im Dialog der göttlichen Vorsehung beschreibt sie mit einem einzigartigen Bild Christus als Brücke, die zwischen Himmel und Erde gespannt ist. Sie besteht aus drei Stufen: den Füßen, der Seite und dem Mund Jesu. Indem sie diese Stufen emporsteigt, durchschreitet die Seele die drei Abschnitte eines jeden Weges der Heiligung: die Loslösung von der Sünde, die Übung der Tugend und der Liebe, die süße und liebevolle Vereinigung mit Gott.

Liebe Brüder und Schwestern, wir wollen von der hl. Katharina lernen, mit Mut Christus und die Kirche zutiefst und aufrichtig zu lieben. Machen wir uns daher die Worte der hl. Katharina zu eigen, die wir im Dialog der göttlichen Vorsehung am Ende des Kapitels lesen, in dem von Christus als Brücke die Rede ist: „Aus Barmherzigkeit hast du uns im Blut gewaschen, aus Barmherzigkeit wolltest du Umgang haben mit den Geschöpfen. Du bist außer dir vor Liebe! Es genügte dir nicht, Mensch zu werden, sondern du wolltest auch sterben! (…) O Barmherzigkeit! Mein Herz versinkt im Gedanken an dich: Wohin ich meine Gedanken auch wende, finde ich nichts als Barmherzigkeit“ […].

Papst Benedikt XVI.
Generalaudienz am Mittwoch, 24. November 2010

 

 

Das Versagen ihrer Diener schadet der Kirche nicht

Der gesamte Abschnitt über die Eucharistie mündet in eine Klage Gottes: Caterina solle angesichts dieses Sakramentes verstehen, „zu welcher Würde dessen Diener“ berufen seien, und in welch erschreckender Diskrepanz dazu sie leben (Dial. 113). Sie sollten ihre Mitmenschen stützen, durch Verkündigung, Lebensbeispiel und Gebet, sollten „das zweite Ich“ Christi in dieser Welt sein. Stattdessen seien sie gleichgültig gegenüber dem Seelenheil anderer, „tun, als ob sie nichts sähen“ (D. 122), oder geben großes Ärgernis durch Unzucht, Habgier und Stolz. Zugleich aber untersagt die Gottesrede mit großer Strenge das empörte Urteilen über diese Priester oder ihre Verachtung. Kein Versagen ihrer Glieder kann der Kirche ihren Schatz nehmen: die „Frucht“ der Erlösungsgnade bleibt in ihr. Doch die Schönheit der „Blüten“, die Anziehungskraft der Kirche, wird durch das Verhalten derer, „die der Kirche das Blut aussaugen“, das heißt: von ihr leben, aber nicht für sie, schwer geschädigt (D. 12).

Die „Braut Kirche“ braucht ihrerseits Menschen, die sie „stützen“ und ihre Sendung tragen. Alle Glieder der Kirche, das ist Caterinas tiefste Überzeugung, schulden einander nicht nur gute Werke, sondern das Gut-Sein. Die Berufung zur Heiligkeit ist keine Privatangelegenheit; vielmehr hat aufgrund der inneren Verbundenheit der Glieder selbst das verborgenste Tun des Einzelnen Auswirkungen auf den gesamten Leib (D. 6f.). Darum sind alle, die das Sakrament empfangen, aufgerufen, sich für das Heil der Mitmenschen einzusetzen, „die empfangene Frucht mit dem Preis der Liebe in wahrer Demut und dem Licht des heiligsten Glaubens zu bezahlen“ (Br. 371). Erkennt jemand den schmählichen Zustand, so sind weder blankes Entsetzen, noch Verachtung oder gar Zynismus die gottgewollte Reaktion, sondern „heiliges Mitleid“, das freilich nicht tatenlos bleibt: Wenn jemandem von einem hohen Herrn ein kostbares Geschenk gesandt würde, dann würde er es sicher annehmen, auch wenn der Bote in schmutzigen Lumpen daherkäme. Und wenn er den Herrn liebt, wird er sich darum bemühen, dass der Bote sich ordentlich kleidet (D. 15; 120)!

Denn wer „bis zum Herzen Christi gelangt ist“, das im Sakrament der Eucharistie offensteht, der bekommt selbst ein „neues Herz“ – wie Caterina es in ihren Gebeten für den Papst erbat. Das Kennzeichen des neuen Herzens ist der „Hunger nach dem Heil“ der Mitmenschen, der Hunger und der Durst Christi, in mutigem Einsatz und tapferem Ertragen. Hierin eine echte Tochter des heiligen Dominikus, sieht Caterina die Auswirkungen in Verkündigung und fürbittendem Gebet: „Der Mund spricht von dem, wovon das Herz erfüllt ist“ – zu den Menschen über Gott, zu Gott zugunsten der Menschen. Darin besteht in dieser Welt die Vollendung der christlichen Liebe: „Christus gießt sein Blut fortwährend aus für uns, am Tisch des Altares … Wir, die wir an diesem Tisch essen und der genossenen Speise ähnlich werden, beginnen zu handeln wie Er.“

(aus: Marianne Schlosser. „Medizin gegen die Eigenliebe“, in „Die Tagespost“)

 

Caterina von Siena.
Gespräch mit Gott über seine Vorsehung,
Übers. Claudia Reimüller,
Hg. Werner Schmid,
Verl. St. Josef Kleinhain 2017
550 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3901853357

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Die Liebe des Heilands ist größer als sein Leiden

Das Geschehnis der Herzensöffnung (Joh 19,34), das seit der Patristik auf den Ursprung der Sakramente gedeutet wird, hat Caterina tief bewegt. Wie sie selbst berichtet, habe sie den Herrn gefragt, warum er zugelassen habe, dass sein Herz noch nach dem Verscheiden aufgestochen wurde. Er habe geantwortet, dass seine Liebe weit größer sei als sein zeitlich begrenztes Leiden; Zeichen dafür sei das hervorströmende Blut, nachdem das Leiden bereits überstanden war. Diese Liebe ist gegenwärtig und wirksam in den Sakramenten – namentlich der Taufe und der Buße, welche durch Reinigung die Taufgnade wieder aufleben lässt, und ganz besonders der Eucharistie. Darum kann Caterina die Kirche wie auch das Herz des Erlösers mit demselben bildhaften Ausdruck „Gasthaus“ oder „Laden“ (bottiga) nennen, wo die Pilger Stärkung erhalten auf ihrem Weg.

Entsprechend ist ein umfangreicher Abschnitt des Dialogus (110–116) der Eucharistie gewidmet – jenem Sakrament, das unübersehbar den Mittelpunkt von Caterinas äußerem wie innerem Leben bildete (vgl. Legenda minor II, 12; Supplementum II, 6). Wieder lehrt Gott-Vater Caterina, dieses Sakrament gleiche der Sonne und dem Feuer. „Feuer“ steht für die göttliche Liebe, die sich im menschgewordenen Sohn mit dem „Blut“, der Lebenshingabe, vereint; beide sind untrennbar. „In diesem süßen Sakrament wird euch im weißen Brot die ganze göttliche Wesenheit mitgeteilt“; mit „Leib, Blut, Seele und des ewigen Gottes Gottheit“ wird Christus empfangen. Dabei sieht Caterina ebenso die gesamte Dreifaltigkeit beteiligt: Der Vater ist der „Tisch“, der als „Speise“ den Sohn darbietet; und der Heilige Geist „bedient“ bei diesem Mahl (D. 78), das bereits das Hochzeitsmahl des Himmels voraus verkosten lässt (D. 112). Vorausgesetzt, das Sakrament wird „in Sehnsucht und Glauben“ empfangen.

Ein weiteres Gleichnis erläutert, dass Empfangen keineswegs als rein passiver Vorgang aufzufassen ist: Die Sehnsucht jedes einzelnen Menschen gleicht einer Wachskerze, bei manchen ist sie groß, bei anderen klein. Alle empfangen dasselbe Feuer, doch nicht mit derselben Wirkung. Auch genügt das Wachs allein nicht; die Kerze braucht auch einen Docht. Der Docht steht für den Glauben und das Leben in der Taufgnade. Wer sich im Zustand schwerer Sünde befindet, dessen Kerze ist gleichsam „ins Wasser gefallen“, so dass der durchnässte Docht bei der Berührung mit dem Feuer nur zischt; er muss zuerst in Reue und Bekenntnis getrocknet werden, bevor er das Licht aufnehmen kann (D. 110).
Die Begegnung mit Christus im Sakrament geschieht in Glaube und Liebe, das wird ausdrücklich betont, nicht in sinnenhaften Erfahrungen: „Dieses Sakrament wird mit dem Auge des Geistes gesehen, sofern der heilige Glaube die Pupille dieses Auges ist … es wird berührt mit der Hand der Liebe … es wird gekostet durch den Geschmack des heiligen Verlangens…“ (D. 111). Auf diese Weise empfangen, ist die Kommunion personale Begegnung und Vereinigung – „wie der Fisch im Wasser und das Wasser im Fisch“ –, und „eine Speise gegen das Vergessen“ der Liebe Christi.

Wenn Christus der einzige Mittler ist – die Brücke, die vom Himmel auf die Erde reicht (D. 21 ff.) – und der Ort der Vermittlung die Kirche und ihre Sakramente, dann ergeben sich zwei Folgerungen. Erstens: Sich von der sichtbaren Kirche zu trennen, selbst wenn ihre Glieder verkommen wären, heißt, sich vom „Blut“, der Erlösungsgnade trennen (vgl. Br. 171). Zweitens: Die „Braut Kirche“ muss dem Bräutigam in innerer Haltung und Verhalten ähnlich werden. Das betrifft zuerst diejenigen, welche die Verantwortung der Ausspendung haben, Papst, Bischöfe, Priester als „ministri del sangue“. Es geht aber ebenso alle Gläubigen an, welche die Sakramente empfangen.

(aus: Marianne Schlosser. „Medizin gegen die Eigenliebe“, in „Die Tagespost“)

 

Wozu brauchen SIE eigentlich die Kirche?

In ihrem Hauptwerk, dem „Dialog von der göttlichen Vorsehung“, begonnen zwei Jahre vor ihrem Tod, inmitten größter Sorge und Kummer über die Lage der Kirche, stellt Caterina [von Siena] an Gott-Vater die Frage, was er denn mit der Kirche vorhabe – der Kirche, die in den Augen vieler „an Auszehrung leidet“. Und Gott erklärt Caterina, wozu Er die Kirche braucht: Sie sei untrennbar vom Heilsplan der Erlösung.

Die Unterredung zwischen dem fragenden Menschen und Gott, der Antwort gibt, setzt am Fundament an: Der Mensch ist „aus Liebe und für die Liebe erschaffen“ (D. 51). Diese Berufung zu verwirklichen, Gott zu lieben und all das, was Gott liebt, wäre höchste Seligkeit für den Menschen. Doch trat in diesem Bereich eine tiefe Verkehrung ein: Statt Gott zu lieben, wandte sich das Geschöpf sich selbst zu; der Mensch verfiel der „verkehrten Eigenliebe“. Hier wurzeln in der Sicht Caterinas alle Sünden und Fehlhaltungen schlechthin, von der groben Gier nach irdischen Gütern bis zum gekränkten Stolz oder der subtilen Rebellion gegen Gott. „Eigenliebe“ macht das Herz unfrei, aggressiv oder auch feige und überempfindlich – wie es nach Caterinas Beobachtung etwa bei Seelsorgern vorkommt, die wegen „eines einzigen bösen Wortes oder Blickes“ gleich die Flinte ins Korn werfen (D. 129). Nur wer frei ist von dieser „Eigenliebe“, hat den klaren Blick der Unterscheidung und ist stark in der Nächstenliebe.

Sich aus dieser Verfallenheit zu befreien, war dem Menschen aus eigenen Kräften unmöglich. Der Weg der Liebe musste ihm neu erschlossen werden; und dafür reichten weder Gebot noch Belehrung, vielmehr musste dem Menschen eine solche Liebe erwiesen werden, dass er die Kraft zur antwortenden Liebe finden könnte. Eben dieser Erweis von Liebe wurde im Leben und Sterben des menschgewordenen Gottessohnes erbracht. Caterina verdeutlicht das Erlösungsgeschehen mit einem anrührenden Gleichnis: Der Arzt Jesus Christus verhielt sich wie eine Amme, welche selbst das Medikament nimmt, das der allzu geschwächte Säugling nicht vertragen kann, um ihm mit der Muttermilch die zuträgliche Dosis einzuflößen. Die bittere Medizin war Christi vollkommener Gehorsam bis zum Tod, der keinem Menschen möglich gewesen war. Durch die Taufe erhält der Gläubige daran Anteil (D. 14): „Heilung und das Leben der Gnade“.

Man kommt in Kontakt mit dem Erlöser durch die Verkündigung und die Sakramente der Kirche. Sie sind sozusagen ihr glühender Kern, „sie alle haben ihre Kraft aus dem Blut des Lammes“. Das „Blut“, das heißt die Erlösungsgnade, zu hüten und auszuteilen, ist die Kirche da – was Caterina in zahlreichen Bildern, etwa dem des „Weinkellers“, zum Ausdruck bringt. In der Dimension, in der die Kirche die Sakramente spendet – von Caterina „corpo mistico“ genannt, im Unterschied zur Gesamtheit der Glieder der Kirche, dem „corpo universale“ –, „ist sie nichts anderes als Christus selbst“, die Ausdehnung seiner erlösenden Liebe auf alle Zeiten, aus seinem Herzen geboren.

(aus: Marianne Schlosser. „Medizin gegen die Eigenliebe“, in „Die Tagespost“)