Misstrauen gegen sich – Vertrauen auf Gott

Stehst du vor irgendeinem Unternehmen, vor einem Kampfe oder einer Gelegenheit zur Selbstüberwindung, so erinnere dich, bevor du dich entschließt und handelst, deiner Schwäche und wende dich, misstrauisch gegen dich selbst, an Gottes Macht, Weisheit und Güte. Erst dann fasse vertrauensvoll den Entschluss, unerschrocken zu handeln und zu kämpfen, und, ausgerüstet mit diesen Waffen und mit, geh ans Werk und in den Kampf.

Hältst du dich aber nicht an diese Regel, so mag es dir wohl vorkommen, als hättest du alles im Vertrauen auf Gott ausgeführt. Dennoch befindest du dich in einem großen Irrtum. Das Selbstvertrauen ist nämlich natürlich und menschlich und schleicht sich allzu gerne in unsere Handlungen ein, so dass es im Vertrauen, das wir auf Gott setzen, heimlicherweise beständig weiterlebt.

Um dieser Selbstüberhebung soviel als möglich zu entgehen und einerseits mit Misstrauen wider sich selbst und anderseits mit Vertrauen auf Gott zu handeln, muss die Betrachtung deiner Schwäche der Betrachtung der Allmacht Gottes und beide Erwägungen dann zugleich deinen Handlungen vorausgehen.

Vielfach glaubt auch ein Vermessener, dass er Misstrauen gegen sich selbst und Vertrauen auf Gott besitze; und dennoch ist dem nicht so.
Am besten wirst du dies aus den Wirkungen, die deinen Sünden und Fehltritten hervorrufen, erkennen können.

(Lorenzo Scupoli. Der geistliche Kampf)

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Du wirst alt werden und denken …

Du wirst alt werden und denken, dass du ein Christ bist,
Und wenn du dem Tod näherkommst, wirst du feststellen,
dass du nicht einmal weißt, wer Christus ist.
Du wirst nicht einmal wissen, dass Er das Leben ist.
Du wirst nicht spüren oder erleben,
dass du ihn vermisst, dass du ihn liebst, dass du bei ihm sein willst.
Du wirst nichts von alledem fühlen oder erleben.

Was wirst du stattdessen erleben?
Du wirst erleben, dass du diese Welt verlierst,
und du wirst Angst haben, tierische Angst und einen Überlebensinstinkt.

Aber das wird dich nicht retten, denn du wirst sterben …

Wir müssen die Liebe zu Christus in uns selbst erwecken.

Formale Religiosität und formales Christentum
werden uns in der Zeit des Todes nicht helfen.
Es wird absolut nichts nützen, denn zu diesem Zeitpunkt
klammert sich der Mensch an das Leben;
das Leben, das er kennt, entgleitet ihm
und er kennt kein anderes Leben.
Denn dieses andere Leben zu kennen
– Christus zu kennen –
ist nur durch Liebe möglich und nicht durch Formalismus.

Im schlimmsten Fall,
wenn dir das biologische Leben entgleitet
und du kein anderes Leben kennst,
gerätst du in einen katastrophalen Zustand,
in Verzweiflung und in enorme Angst.

Das wird der Teufel mit Sicherheit nutzen,
um dich daran zu hindern,
zu Christus zu gehen und in ihn überzugehen.

Deshalb muss uns, solange wir noch leben,
alles, was wir hier hören und tun,
dazu inspirieren, Christus lieben zu lernen.

Und wenn wir lernen, Christus zu lieben,
werden wir die Gebote nicht mehr brauchen.
Wir werden ganz natürlich
alle Gebote des Neuen Testaments erfüllen,
die Gebote, die es in der Kirche des Neuen Testaments gibt,
denn wir werden nicht anders leben können.

Wir werden nur
in martyrischer und inbrünstiger Treue zu Christus
leben können.

Unsere Herzen werden durch den Namen Christi schlagen.
Wir werden durch den Namen Christi atmen.

Weißt du, warum es uns so schwerfällt,
das Jesusgebet zu beten?

Wir lieben Christus nicht.
Das ist der Grund!

Wir dürfen uns nicht erlauben, Christus nicht zu lieben!

Die Notwendigkeit des Jesusgebets liegt auch darin,
dass der wahre Zustand unserer gefallenen Natur
aufgedeckt werden muss.

Wenn du dich hinsetzt und diese Katastrophe beginnt,
wenn du diesen Kampf nicht kämpfen willst,
wenn du nicht kämpfen willst …
Warum sollte es so sein?
Warum sollte das etwas so Schwieriges sein?
Du trittst tatsächlich in das Leben ein!

Hier können wir das wahre Gesicht unserer gefallenen Natur sehen.
Wir dürfen unserer gefallenen Natur nicht erlauben, Christus nicht zu lieben!

Christus zu lieben ist unsere Pflicht,
die wir noch nicht erfahren haben.

(Erzpriester Theodore Gignadze, Übersetzung: Joachim Schwarzmüller)

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Das Kreuz

– es steht im Horizont
einer unendlichen Liebe.

Jesus, öffne mein Herz
so weit wie möglich für Deine Barmherzigkeit!
Nimm doch auch all meine grundlosen Ängste
und unnötigen Sorgen weg von mir,
weil sie mein Herz und meine Hände
„verdorren“ lassen.

Kreuz der Neumünsterkirche, Würzburg

Du wolltest für mich sterben,
Du bist für mich gekreuzigt worden,
um mir zu zeigen,
dass Deine Liebe und Barmherzigkeit
grenzenlos sind!

Lass mich Dein Erbarmen erfahren,
damit Deine Barmherzigkeit
durch meine Hände und mein unwürdiges Herz
zu meinen Nächsten fließen kann.
Schließlich bitte ich Dich:
Bilde mein Herz nach Deinem Herzen
und nach dem Herzen deiner Mutter,
damit mein Nächster
Euer Bild in mir entdecken kann.

Herr, lass uns erkennen,
dass Jesu Kreuz süß schmeckt,
wenn wir unser eigenes Kreuz annehmen.

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„pro petitione lacrimarum“ – Bitte um die Gabe der Tränen

Das Missale Romanum hat ein Gebet „pro petitione lacrimarum“ bewahrt:

Omnipotens et mitissime Deus, qui sitienti populo fontem viventis aquae de petra produxisti: educ de cordis nostril duritia lacrimas compunctionis; ut peccata nostra plangere valeamus, remissionemque eorum, te miserante mereamur accipere.

„Allmächtiger und mildester Gott,
Du ließest dem dürstenden Volke
den Quell lebendigen Wassers
aus dem Felsen entspringen;
entlocke unserem steinharten Herzen
die Tränen der Zerknirschung:
lass uns unsere Sünden beweinen
und so durch Dein Erbarmen
Verzeihung für sie erlangen.“

Der allmächtige Gott, der zugleich voll der Süßigkeit ist, ließ die Quelle des lebendigen Wassers für das ausgedürstete Volk hervorsprudeln. Die mit den Gütern der Welt gesättigt sind, können von ihr nicht trinken. Sie bietet sich nur denen dar, deren steinernes Herz durch die göttliche Zuchtrute erweicht worden ist. Ohne die Tränen der Zerknirschung kann das fleischerne Herz, das Gott von uns erwartet, in uns nicht geschaffen werden. Wer aber über seine Sünden Tränen vergießt, dem schenkt Gott Verzeihung; denn solche Tränen zu vergießen ist bereits die erste Gabe.

(Aus: Louis Bouyer, Vom Geist des Mönchtums, Otto Müller Verlag 1958)

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Die Qualen der Hölle sind schrecklich.

Das letzte, eindringliche Wort (Isaías 66,24)
aus den Weissagungen des Propheten Isaias lautet:

Et egredientur, et videbunt cadavera virorum,
qui prævaricati sunt in me:

vermis eorum non morietur,
et ignis eorum non exstinguetur:
et erunt usque ad satietatem visionis omni carni.

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Man wir hinausgehen
und die Leichen der Männer schauen,
die abgefallen sind von mir;

ihr Wurm wird nicht sterben,
und ihr Feuer nicht erlöschen,
und sie werden ein Abscheu sein allem Fleisch.

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Mein Gott, ich empfinde heftigen Schmerz.

«Ach, um jener Liebe willen, womit du mich am Kreuze geliebt
und dein göttliches Leben für mich aufgeopfert hast,
gib mir Licht und Stärke,
den Versuchungen zu widerstehen
und bei dir Hilfe in meinen Anfechtungen zu suchen!»

Herr, erleuchte mich, damit ich die Ungerechtigkeit erkenne, die ich gegen dich verübte, indem ich dich beleidigte, und die ewige Strafe, welche ich mir dadurch zuzog.
Mein Gott! ich empfinde einen heftigen Schmerz, daß ich dich beleidigte, doch dieser Schmerz tröstet mich; hättest du mich, wie ich es wohl verdiente, in die Hölle verstoßen, so wäre dieser Gewissensbiß die Hölle meiner Hölle; wenn ich bedächte, wegen welcher Kleinigkeit ich mich verdammte; jetzt aber verursacht mir, sage ich, dieser Gewissensbiß Trost, indem er mir Mut gibt, von dir Verzeihung zu hoffen, da du jenem zu verzeihen versprachst, der Reue hat.
Ja, mein Herr, es reuet mich, dich beschimpft zu haben, ich nehme diesen süßen Schmerz an, ja, ich bitte dich sogar, ihn zu vergrößern, und bis zum Tode mir ihn zu lassen, damit ich immer die dir zugefügten Unbilden bitter beweine.
Mein Jesu, vergib mir!
O mein Erlöser! der du, um dich meiner erbarmen zu können, deiner selbst nicht schontest, indem du dich dazu verurteiltest, vor Schmerz zu sterben, um von der Hölle mich zu bewahren, erbarme dich doch meiner!
Mach also, daß der Gewissensbiß über meine Sünden beständig mich quäle, und mich zugleich zur Liebe gegen dich ganz entflamme; der du mich so sehr liebtest, und mit so großer Geduld ertrugst, und nun, anstatt mich zu bestrafen, mich mit Erleuchtungen und Gnaden bereicherst.
Ich danke dir dafür, mein Jesu, und ich liebe dich; ja, ich liebe dich mehr, als mich selbst, ich habe dich von ganzem Herzen lieb.
Du kannst ja jenen nicht verschmähen, der dich liebt.
Ich liebe dich, verstoße mich nicht von deinem Angesichte.
Nimm mich wieder auf in deine Gnade, und lasse mich dich nicht mehr verlieren.
Maria, meine Mutter,
nimm mich zu deinem Diener auf,
und vereinige mich mit Jesu, deinem Sohne.
Bitte ihn, er möchte mir doch verzeihen,
und mir seine Liebe und
die Gnade der Beharrlichkeit
bis ans Ende verleihen.

Hl. Alphons Maria von Liguori. Vorbereitung zum Tod. 28. Betrachtung.

Die Betrachtung als PDF:

DU – und ich

Meine Hände, Herr,
haben getan, was sie nicht durften,
und deine Hände wurden statt meiner,
deine Füße statt meiner
mit Nägeln durchbohrt.
Ich habe angesehen und angehört,
was ich nicht ansehen und anhören durfte,
und deine Augen und deine Ohren
wurden im Sterben blind und taub.
Deine Seite wurde mit der Lanze des Soldaten geöffnet,
damit durch deine Wunde
aus meinem unreinen Herzen alles herausfließt,
was ein böses Geschwür darin
über lange Jahre entzündet und zersetzt hat.
Du bist schließlich gestorben,
damit ich leben kann,
du wurdest begraben,
damit ich auferstehen kann.

(Wilhelm von Saint-Thierry,
Meditationen und Gebete)

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Eigene Tragödien und die Aufgabe des Priesters

Ich denke, wenn wir als Priester und Seelsorger unsere Arbeit richtig machen wollen, müssen wir unsere Zeit allein mit Gott verbringen und zuerst unsere eigene persönliche Tragödie erleben und aus unserem eigenen Herzen zu ihm sprechen.

Dann haben wir ein Wort des Trostes für alle, denen wir begegnen.

Und das ist die Aufgabe des Priesters: sein Volk zu trösten, ein Wort des Trostes zu bringen.

‚Meine Priester, meine Priester, tröstet mein Volk‘, sagt der Herr durch den Propheten Jesaja [Jesaja 40,1 (LXX)].

Die Aufgabe des Priesters ist es, ein Tröster der Seelen zu sein. Aber wir können kein Wort des Trostes geben, wenn wir nicht selbst getröstet worden sind. Am Anfang des zweiten Korintherbriefs sagt Paulus:

„Gepriesen sei der Gott allen Trostes, der uns tröstet, damit wir die, die zu uns kommen, mit dem Trost trösten können, mit dem wir selbst getröstet sind. Er benutzt die Worte ‚Trost‘ und ‚trösten‘ neun oder zehn Mal. Und es ist nicht leicht, den Menschen solchen Trost zu spenden, wenn wir nicht unsere Zeit mit Gott haben.“

Archimandrite Zacharias of Essex, Remember Thy First Love

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Herr, mir geschehe Dein Wille

(zum gestrigen Festtag der heiligen Teresa von Jesus)

Je mehr man durch sein Leben erweist, daß es sich nicht um leere Worte handelt, um so enger und enger vereint sich uns der Herr und hilft uns, alles Geschaffene wie uns selbst zu übersteigen, um seine großen Gnaden zu empfangen, die er denen, die ihm in diesem Leben dienen, unaufhörlich schenkt. So reich sind seine Gaben, daß wir gar nicht mehr wissen, um was wir noch bitten sollen, und seine Majestät wird niemals müde zu geben.

Ja, es genügt ihm noch nicht, daß er unsere Seele mit sich vereinte, er beginnt auch, sich an ihr zu erfreuen, ihr Geheimnisse mitzuteilen und zu sehen, wie sie durch ihr Verstehen vorankommt und zu ahnen beginnt, was er zu schenken vermag. Er läßt sie den Gebrauch ihrer äußeren Sinne verlieren, damit sie nichts anderes mehr wahrnehme. Das nennt man Ekstase. Und er beginnt ihr solche Freundschaft zu bezeugen, daß er ihr nicht nur ihren Willen zurückgibt, sondern noch den seinen dazu. Denn es freut den Herrn in dieser liebevollen Freundschaft, daß er sich den Wünschen der Seele unterwirft, so wie sie sich den seinen, nur viel vollkommener, denn er ist allmächtig und vollbringt, was er wünscht so, daß nichts zu wünschen übrig bleibt.

Die arme Seele aber kann nicht alles, was sie wünscht vollbringen, sie vermag gar nichts, wenn er es ihr nicht schenkt: Das ist ihr größter Reichtum. Ich möchte euch eines raten: Meint nie, ihr könntet aus eigener Kraft und durch eigenes Bemühen zu diesem Gebet gelangen. Wenn ihr es versucht, werdet ihr scheitern und nur Kälte und Trockenheit empfinden. Ihr könnt nichts anderes tun, als in Schlichtheit und mit allumfassender Demut sagen: Dein Wille geschehe.

(Teresa von Avila,
vgl. Erika Lorenz: Ich bin ein Weib und obendrein kein gutes)

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