IMITATIO CHRISTI

NACHFOLGE CHRISTI  –  Thomas von Kempen

Vorwort

Das Buch von der Nachfolge Christi hat bei den Gläubigen so allgemeinen Beifall erhalten, dass außer der Heiligen Schrift vielleicht kein anderes zu finden ist, welches sich so weit verbreitet hätte und in der katholischen Kirche so allgemein bekannt geworden wäre. Die gelehrtesten und heiligsten Männer haben sie allzeit hochgeschätzt, und Leute aus allen Ständen mit Nutzen und Vergnügen gelesen.

Der hl. Carolus Borromäus und der hl. Papst Pius V. ließen dasselbe nie von sich; sie nahmen es mit auf ihre Reisen und sahen es als einen Gefährten ihres Lebens an. Aus diesem Buche schöpfte der hl. Phillippus Nerius jene Heiligkeit, zu welcher er gelangt ist. Der hl. Ignatius von Loyola las, nach dem Zeugnisse des Gonzalez, täglich zwei Kapitel, eines nach der Ordnung, in welcher sie aufeinanderfolgen; das andere, wie es ihm bei der Öffnung des Buches ungefähr auffiel. Er tat dies nicht ohne besonderen Nutzen; und damit auch andere einen gleichen daraus ziehen möchten, unterließ er nicht, dasselbe nachdrücklich zu empfehlen.

Die Hochschätzung ist ohne Zweifel auf den inneren Wert des Werkes selbst gegründet; denn die Lehre, welche darin vorgetragen wird, ist die reine Lehre Jesu Christi, welche Er uns in Seinem heiligen Evangelium hinterlassen hat. Nichts wird darin öfter und nachdrücklicher empfohlen, als die bösen Neigungen zu bezähmen, sich selbst zu verleugnen, das Zeitliche zu verachten, das Kreuz zu lieben, andere geduldig zu ertragen, die Unbilden gern zu verzeihen, nach dem inneren Frieden und nach der Reinheit des Herzens zu trachten; mit einem Worte, Christus nachzufolgen und sich eifrigst zu bestreben, jene Glückseligkeit zu erreichen, welche für uns bestimmt ist. Obwohl nun diese Lehren der verderbten Natur nicht angenehm sein können, so sind sie doch auf eine solche Art vorgetragen, dass man sie nicht ungern anhören wird.

Dieses Buch ist für jedermann; für Junge und Alte; für Gelehrte und Ungelehrte; für Sünder und Gerechte; für jene, welche den Tugendweg erst angetreten haben, und auch für jene, welche schon zur christlichen Vollkommenheit gelangt sind. Alle werden daraus einen desto größeren Nutzen schöpfen, je weiter sie auf dem Wege der Tugend und Vollkommenheit fortschreiten. Sie werden hier eine unversiegliche Quelle antreffen; nachdem sie lange geschöpft haben, wird ihnen stets noch genug zu schöpfen übrig sein. Der eben so gottselige als gelehrte Kardinal Bellarmin sagte von sich selbst: „Ich habe diese Büchlein von Jugend auf bis in mein hohes Alter sehr oft gelesen und wieder gelesen, und es ist mir doch allzeit neu vorgekommen; auch jetzt find ich mein größtes Vergnügen daran.“

Der hl. Ignatius von Loyola, welchen wir schon oben angeführt haben, fand allzeit das darin, was gerade für den Zustand seiner Seele passend war; und eben dieses wird jeder andächtige Leser immer erfahren; besonders werden bedrängte Seelen vorzüglich darin Hilfe finden. Es braucht oft nicht mehr, als dieses Büchlein zu öffnen, um in der Traurigkeit Trost, in Zweifeln Rat, in der Anfechtung Stärke zu finden.

Wenn aber schon das nämliche Kapitel nach den Bedürfnissen des Lesers bald unterrichtet, bald tröstet, bald vom Bösen abschreckt, bald zum Guten antreibt, so wird es doch keineswegs unnütz sein, wenn man sich mit diesem Büchlein wohl bekannt macht und vorzüglich jene Kapitel merkt, welche für diese oder jene Umstände besonders tauglich sein möchten.

Das dritte Buch ist größtenteils gesprächsweise verfasst. Gott redet da mit dem Menschen und unterweist ihn, muntert ihn auf, tröstet ihn liebreich und stärkt ihn mit der Hoffnung der künftigen Glückseligkeit; und der Mensch redet wieder mit Gott; er trät Ihm seine Armseligkeiten vor, bittet Ihn um Licht und Stärke, überlässt sich Seinen heiligsten Anordnungen und wirft sich Ihm mit völligem Vertrauen in die Arme. Es ist notwendig, dass der Leser dieses bemerke und auf den Unterschied der Redenden acht gebe, weil ihm sonst die Sache oft unverständlich sein würde.

Das ganze vierte Buch handelt von dem heiligsten Altarsakrament, um uns diese hohe Geheimnis besser vor Augen zu stellen, unsern Glauben zu beleben, uns zum Vertrauen zu ermuntern, die Liebe in uns zu entzünden, und uns zum würdigen Empfang desselben vorzubereiten. Zu diesem Ende wird in mehreren Kapiteln die Vortrefflichkeit dieses heiligsten Sakramentes erwogen, und die Liebe des göttlichen Erlösers, welcher in demselben verborgen ist, zu Gemüte geführt.

Der gütige Gott wolle Sich würdigen, dieses Werk zu segnen, damit es zum Heil der Seelen und zu Seiner Ehre etwas beitrage.

Nützliche Ermahnungen zum geistlichen Leben

Erstes Kapitel

(1) Von der Nachfolge Christi und von der Verachtung aller Eitelkeiten der Welt.

1. Wer Mir nachfolgt, wandelt nicht in Finsternis, sagt der Herr. Dies sind Worte Christi, durch welche wir erinnert werden, Ihm in Seinem Leben und in Seinem Wandel nachzufolgen, wenn wir verlangen, wahrhaft erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens befreit zu werden. Wir müssen also allen Fleiß anwenden, das Leben Jesu Christi zu betrachten.

2. Die Lehre Jesu Christi übertrifft alle Lehren der Heiligen; und wer den wahren Geist hätte, der würde da ein verborgenes Himmelsbrot finden. Es geschieht aber, dass viele auch aus der öfteren Anhörung des Evangeliums eine geringe Begierde nach demselben in sich empfinden, weil sie den Geist Christi nicht haben. Wer aber die Worte Christi vollkommen verstehen und einen Geschmack darin finden will muss sich befleißen, sein ganzes Leben nach dem Leben Jesu Christi einzurichten.

3. Was nützt es dir, dass du von der Dreieinigkeit Gottes hohe Dinge vorzubringen weißt, wenn es dir dabei an Demut mangelt und du deswegen dem lieben Gott missfällst? In der Tat, die hohen Worte machen weder heilig, noch gerecht; nur durch ein tugendhaftes Leben wird man Gott angenehm. Lieber ist mir, Zerknirschung des Herzens empfinden, als ihre Beschreibung wissen. Wenn du die ganze Heilige Schrift auswendig wüsstest, und wenn dir die Sprüche aller Weltweisen bekannt wären, was würde dir dieses alles ohne die Liebe Gottes und ohne die Gnade nützen? Eitelkeit über Eitelkeit, und alles ist Eitelkeit, außer Gott lieben und Ihm allein dienen. Die höchste Weisheit besteht darin, dass man die Welt verachtet und nach dem Himmel strebt.

4. Es ist also Eitelkeit, wenn man vergängliche Reichtümer sucht und auf diese seine Hoffnung setzt. Es ist Eitelkeit, wenn man nach Ehren strebt und sich zu einem hohen Stande zu erschwingen trachtet. Es ist Eitelkeit, wenn man den Begierden des Fleisches folgt und ein Verlangen nach jenen Dingen trägt, welche schwere Strafen nach sich ziehen. Es ist Eitelkeit, wenn man ein langes Leben wünscht, aber nicht daran denkt, gut zu leben. Es ist Eitelkeit, wenn man nur auf das gegenwärtige Leben acht gibt und nicht für das zukünftige sorgt. Es ist Eitelkeit, wenn man Dinge liebt, welche schnell vorübergehen, und nicht dahin eilt, wo die Freude ewig dauert.

5. Denke oft an jenen Ausspruch: „Das Auge wird nicht satt vom Sehen und das Ohr nicht satt vom Hören.“ Befleiße dich also, dein Herz von der Liebe sichtbarer Dinge abzuziehen und dich an das Unsichtbare zu gewöhnen; denn jene, welche ihrer Sinnlichkeit folgen, verunreinigen ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes.

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