Wodurch unterscheiden sich Weisheit, Verstand und Wissenschaft

Der folgende Artikel von Pater Gerd Heumesser sei allen Lesern von TU DOMINE empfohlen. Wir alle sollten wieder einmal – und von nun an immer öfter – über die Wahrheiten nachdenken, die uns der heilige Thomas von Aquin erschlossen hat:

Die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind jedem geläufig, der sich im Katechismus auskennt. Was die Gabe der Stärke zu bedeuten hat, ergibt sich aus ihrem Namen. Das gleiche gilt für die Gabe der Gottesfurcht und der Frömmigkeit. Wie aber sieht es mit den anderen vier Gaben aus? Wie unterscheidet sich die Gabe der Wissenschaft von der des Verstandes? Und wie der Verstand von der Gabe der Weisheit? Und hängt die Gabe des Rates nicht auch zusammen mit dem Verstand und mit der Weisheit?

Weisheit, Verstand, Wissenschat und Rat haben gemeinsam, daß sie etwas mit dem Glauben zu tun haben. Der Glaube aber ist ein weites Feld. Thomas teilt dieses Feld in drei Bereiche ein. In erster Linie informiert uns der Glaube über Gott. Er zeigt uns Gott als den Dreifaltigen, als den Gütigen usw. Ein zweiter Bereich des Glaubens unterrichtet uns über geschaffene Dinge: über die Engel, über die Sakramente, über die Menschen und ihren Zustand nach der Sünde, über die Rolle der Geschöpfe auf unserem Weg zum Himmel. Und drittens spricht der Glaube auch über das, was wir tun und lassen sollen. Er lehrt, daß wir beten müssen, daß wir die Nächsten lieben sollen, daß wir unser Herz nicht an die Welt hängen sollen.

Wenn diese Botschaft an unser Ohr kommt, müssen wir darauf reagieren. Zuerst müssen wir mit unserem Verstand das erfassen, was uns der Glaube sagt. Uns muß klar sein, was Dreifaltigkeit bedeutet, nämlich ein Gott in drei Personen, auch wenn wir das Geheimnis selbst nicht begreifen. Die Sätze des Glaubensbekenntnisses müssen wir kennen. Wir müssen in unseren Verstand aufnehmen, was der Glaube über die Engel und Sakramente lehrt, und so bei allen Glaubenswahrheiten.

Bei diesem „Verstehen“ des Geglaubten unterstützt uns die Gabe des Verstandes. Sie läßt uns erfassen, was wir glauben.

Damit ist aber nicht schon alles getan. Wenn wir die Wahrheiten des Glaubens mit dem Verstand aufgenommen haben, muß das Konsequenzen haben für unser Leben. Der Glaube fordert von uns, all dem einen den rechten Platz einzuräumen, von dem der Glaube zu uns spricht. Und das ist – wie Thomas oben dargelegt hat – dreierlei.

Da ist zuerst der Bereich Gottes. Es ist unsere Aufgabe, über Gott und die göttlichen Dinge so zu urteilen, wie es ihrer Würde entspricht. Gott darf in unserem Leben nicht eine Nebensache sein, sondern muß den ersten Platz einnehmen. Zu diesem richtigen Urteil über Gott verhilft uns die Gabe der Weisheit. Wer von dieser Gabe geleitet wird, stellt Gott an die erste Stelle.

Nicht nur Gott muß an dem Platz stehen, der ihm zusteht, sondern auch die Engel, die Sakramente, die Kirche und alle anderen Geschöpfe, über die uns der Glaube unterrichtet. Zum passenden Urteil in diesem Bereich hilft uns die Gabe der Wissenschaft.

Die Gabe des Rates schließlich ist dafür zuständig, uns recht zu lenken bei unserem Tun und Lassen. Diese Gabe hilft uns, unsere Handlungen richtig zu beurteilen.

Kurz gesagt: die Gabe des Verstandes läßt uns das Geglaubte erfassen, die drei anderen Gaben helfen uns, richtig zu urteilen: die Weisheit über Gott, die Wissenschaft über die Geschöpfe, die Gabe des Rates über unsere Handlungen.

Daß die Zuständigkeitsbereiche der Gaben sich wirklich so aufteilen, bekräftigt Thomas mit einem Wort des hl. Gregors des Großen. Dieser Kirchenlehrer sagt nämlich, wie der Gegensatz einer jeden Gabe heißt.

Den Gegensatz der Gabe des Verstandes nennt er „Stumpfheit des Geistes (hebetudo mentis)“. Stumpfheit des Geistes ist der Gegensatz zu einem scharfen Verstand, der eindringt in den Glauben. Das Gegenteil der Weisheit nennt er „Torheit (stultitia)“. Diese urteilt verkehrt über das Ziel des Lebens. Die Gabe der Wissenschaft ist der Unwissenheit (ignorantia) entgegengesetzt. Die Gabe des Rates schließlich ist das Gegenteil von Überstürzung (praecipitatio), die zum Handeln schreitet, ohne die Handlung vorher vernünftig überlegt zu haben.

Dieser Artikel erschien in „KIRCHLICHE UMSCHAU. Juni 2018“ – LINK zur KU

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Ermutigendes Wort

Weihbischof Athanasius Schneider:

„Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden.“ Ich würde sagen, heute wo die Verwirrung und die Dunkelheit in der Kirche überhandnimmt, nimmt auch die Gnade und das Licht überhand.

Ich sehe, dass der Heilige Geist in der ganzen Welt am Werk ist, nämlich durch die vielen kleinen Gruppen von jungen Familien mit Kindern, durch viele Jugendliche, junge Priester, die wieder die Schönheit und die Vollständigkeit, die Reinheit des katholischen Glaubens lieben und leben. Auch die Schönheit der Liturgie lieben und leben; und sich bemühen, durch das persönliche, sittliche Leben in dieser Welt von heute ein Zeugnis zu geben. Das ist schon im Gange. Sie sind natürlich im Vergleich zur großen Masse in der Kirche eine kleine Minderheit. Aber sie ist stark vor Gott.

Gleichzeitig ist der kirchliche Apparat, oder ich nenne ihn: die kirchliche Nomenklatur. Sie ist eigentlich schon zersetzt vom Geist dieser Welt. [Der Begriff „Nomenklatura“ bezeichnet im Kommunismus das Verzeichnis der Führungspositionen in der Partei]. Es fehlt die übernatürliche Sicht, der übernatürliche Glaube. Diese Menschen sind zum großen Teil eingedrungen in die wichtigsten Positionen der Ämter in der Kirche.

Die Mitglieder der kirchlichen Nomenklatur meinen, sie sind stark, weil sie Ämter haben und über die Kleinen Macht ausüben und diese unterdrücken können. Aber es ist nur eine Macht der Verwaltung, nicht mehr. Die haben Macht. Die haben vielleicht Geld. Die haben Ansehen. Die Welt ist ihnen gut gesinnt. Die Medien loben sie. Nur das ist ihre Macht.

Die Kleinen, die sie [Mitglieder der Nomenklatur] unterdrücken und denen sie die heilige Messe im überlieferten Ritus oder den Katechismus aller Zeiten verbieten, können den Bischöfen und Geistlichen sagen: „Wir haben den Glauben, ihr aber habt nur Macht, Geld, Ansehen dieser Welt. Wir aber haben den Glauben. Somit sind wir reicher und mächtiger.“ Das ist unsere Hoffnung: Dass der Heilige Geist auch heute in der Kirche wirkt und den Boden durch viele kleine Gruppen vorbereitet, die ich den Frühling der Kirche nenne. Das Schnee-Winterfeld der Kirche heute wird schön langsam durchsetzt von Schneeglöckchen, die den Frühling ankündigen. Das sind diese vielen kleinen Gruppen, die keine Macht haben, die unterdrückt werden, aber die vor Gott Macht haben. Darauf kommt es an.

Die Mutter Gottes ist unsere Mutter, die Mutter der Kirche und sie hält uns und die ganze Kirche in ihren Händen. Sie ist die Besiegerin aller Häresien.

Video – Interview Gloria.tv

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Franziskus und seine Bischöfe / Petrus&Paulus – 29. Juni

Frage von Gloria.tv

[Amoris laetitia] –  Man sagt uns die Ehelehre bleibt unverändert. Aber gleichzeitig duldet man langsam immer mehr Zweitehen und Wiederverheiratete in der Kirche. Ist das nicht pharisäisch, das eine zu sagen und das andere zu tun?

Weihbischof Athanasius Schneider:

Natürlich: Das ist pharisäisch. Das hat der Herr bei den Schriftgelehrten und den Pharisäern beanstandet – dass die nach außen etwas tun und eine andere Gesinnung haben. Das ist typisch pharisäisch.

Ganz konkret: In den ersten Jahrhunderten gab es eine große Häresie, die sich auch in die Kirche eingeschlichen hat, den Gnostizismus, die Gnosis.

Die Trennung zwischen dem, was man glaubt oder denkt und dem, was man in der Praxis tut, war ein Grundpfeiler der Identität der Gnostiker. Sie haben diesen Gegensatz gerechtfertigt. Das wurde durch ihre Theorien sogar legitimiert. Wir hatten also schon solche Beispiele. Die Apostel haben sich in ihrer Predigt und Lehre dagegen gewendet.

Vor allem der heilige Paulus schreibt oft und ermahnt die Gläubigen, so zu leben, wie sie innen glauben und denken.

Unser Herr hat das schon gesagt „Derjenige liebt mich, der meine Gebote hält“. Nicht nur wer seine Gebote kennt oder an sie glaubt. Der Herr hat ja auch gesagt „Nicht jeder der „Herr, Herr“ sagt, kommt ins Himmelreich, sondern jener, der den Willen meines Vaters tut“. Da war die Betonung auf dem Tun. Oder wo er gesagt hat: „An jenen Tagen werden viele kommen und sagen „Herr ich habe doch in deinem Namen gepredigt, also die Lehre verkündet und sogar Wunder gewirkt.“ „Ich kenne euch nicht, weichet von mir, ihr Übeltäter. Ihr habt Schlechtes getan.“

Dann ist natürlich die große Stelle im Neuen Testament, die gegen die angesprochene Theorie von Auslegung und Anwendung von Amoris Laetitia ist, im Jakobus-Brief: „Der Glaube ohne Werte ist tot“. Was nützt dir der Glaube an die Unauflöslichkeit der Ehe, wenn du sie durch deine Tat verleugnest, durch Zweitheirat. Oder noch schlimmer: Was nützt es dir, Bischof oder Kardinal oder Priester, wenn du behauptest, du glaubst an die Unauflöslichkeit der Ehe, aber die Zweitehe [legitimierst]? Letztlich den Ehebruch, es gibt nur eine Heirat, eine gültige Ehe – die anderen leben in einer ungültigen Verbindung, wenn man so echt und konkret formuliert. Dass sie [Kleriker] diese Menschen sogar in ihrer Handlung gegen das Gebot Gottes bestärken und sie somit in eine große Gefahr bringen; diese Menschen, die in einer Zweitverbindung leben und dann sogar zur Kommunion dürfen.

Durch diese irrige Auslegung von Amoris Laetitia, ich meine die praktische Anwendung, bringen die Bischöfe und Priester die Menschen in Gefahr, so dass sie einmal selbst von Jesus die Worte hören werden im Gericht: „Ich kenne euch nicht. Ihr habt nicht den Willen meines Vaters getan. Ihr habt sie [die Lehre] gekannt. Ihr habt gewusst, dass die Ehe unauflöslich ist, Ihr habt es ja so gesagt.“

Somit sehe ich diese irrige und gefährliche Anwendung und Auslegung von Amoris laetitia als große Gefahr für das Seelenheil der Menschen und eine enorme Verantwortung jener in der Kirche, die das fördern und solche Normen herausgeben.

Sie werden sogar noch viel strenger bestraft als jene, die das [Ehebruch] tun. Die Hirten in der Kirche müssten es wissen. In diesem Fall bestärken sie die Gläubigen noch, gegen den Willen Gottes zu leben. Sie geben ihnen einen Freibrief für diese Lebensweise. Dafür werden sie vom Herrn sicherlich sehr streng gerichtet und das ist kein Kinderspiel. Jetzt können sie vielleicht lachen und sagen: „Das ist eigentlich eine Bagatelle. Man soll den Menschen entgegenkommen.“ Dafür ernten die die Bischöfe, die diese Normen herausgeben, von der Welt Beifall. Aber wenn sie vor den Richterstuhl Gottes kommen, dann werden sie keinen Beifall mehr hören. Da wird kein Beifall mehr sein. Dann werden sie armselig vor dem Richterstuhl Gottes stehen und sagen: „Hätte ich das doch nicht getan. Hätte ich doch auf die Stimmen vieler guter Gläubiger gehört, die mich gewarnt haben. ‚Bitte nicht solche Normen herausgeben, das schadet dem Seelenheil‘.“ Dann wird es zu spät sein.

Somit sind jene Kardinäle, Bischöfe und Priester, die ihre Stimme erhoben haben gegen die gefährlichen und dem Seelenheil schadenden Anwendungsnormen von Amoris Laetitia ein Akt der Nächstenliebe, der brüderlichen Sorge auch für die Bischöfe, die den irrigen Weg gehen.

Video – Interview Gloria.tv

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Zölibat: mehr als Ehelosigkeit

Zölibat ist geschlechtliche Enthaltsamkeit!

Weihbischof Athanasius Schneider:

Der Zölibat ist eine apostolische Überlieferung. Das ist kein reines Kirchenrecht. Das hat schon der heilige Augustinus gesagt und die Synode von Karthago: „Das ist eine Überlieferung, die uns die Apostel überliefert haben.“ Die wussten im vierten Jahrhundert noch besser, was apostolische Überlieferung ist als wir heute. Auf das stützen wir uns.

Alle Päpste haben von Neuem eingeschärft, dass die völlige Enthaltsamkeit eine apostolische Norm ist, die nicht in unserer Verfügung steht.

Die erste Kirche, die von dieser Norm abgewichen ist, war die griechische Kirche im siebten Jahrhundert. Der Heilige Stuhl der Römischen Kirche hat das niemals akzeptiert und seit zweitausend Jahren die Enthaltsamkeit gegen alle Widerstände verteidigt. Man hat der griechisch-katholischen Kirche nur erlaubt, als Zugeständnis, ihre Tradition fortzuführen.

Ich denke, dass die Römische Kirche den Zölibat niemals aufheben sollte, das wäre direkt gegen die apostolische Überlieferung. Es wäre ein Domino-Effekt, dann [Aufhebung im Amazonas-Gebiet] würde ein anderer Bischof kommen und sagen: „Wir haben eine ähnliche Situation“.

Damit wäre nach einer kurzen Zeit die apostolische Überlieferung des Zölibats in der katholischen Kirche vernichtet. Das darf nicht sein. Ich hoffe, dass die Vorsehung Gottes dies nicht zulassen wird.

Video – Gloria.tv

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Wann gehen wir wieder in die Messe?

Frage GTV:
Konservative und liberale Theologen sind sich darin einig, dass die alte und neue Messe derselbe Ritus sei. Warum wird die alte Messe so stark bekämpft, wenn es am Ende doch das Gleiche ist?

Weihbischof Athanasius Schneider:
[…] Wenn jene, die behaupten, dass die alte und die neue Messe der gleiche Ritus sind, aber gleichzeitig die alte Messe bekämpfen und kategorisch ablehnen, beweisen damit, dass es nicht der gleiche Ritus ist. Sonst würden sie die alte Messe annehmen.

Ich hatte einmal ein Erlebnis in Brasilien: ein Mädchen, das bei Schwestern mit dem überlieferten Ritus im Internat lebte, wo die Schülerinnen jeden Tag an der überlieferten Messe teilnehmen. Dieses Mädchen war vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Es besuchte in den Ferien seine Oma in einem Dorf. Dort wurde nur die neue Messe gefeiert mit allen Merkmalen, wie wir sie heute kennen: Stehende Kommunion, nur Handkommunion, viele Kommentare, Frauen am Altar, bei der Lesung und Kommunionsausteilung, Folklore-Lieder und so weiter. Es gab keine offensichtlichen Missbräuche, aber dieser Stil, der heute nicht zu den Missbräuchen zählt, sondern sogar von den kirchlichen Normen erlaubt ist. So eine Messe hat dieses Kind mit der Großmutter erlebt. Nach der Sonntagsmesse gingen sie hinaus und das Kind fragte in aller Unschuld: „Oma, wann gehen wir in die Messe?„.

[…]

Ich denke, das sollte jenen, welche die überlieferte Messe ablehnen oder bekämpfen, zu denken geben.

Es sind in der Tat zwei verschiedene Riten, das ist offensichtlich, das kann niemand leugnen.

[…]

Video – Gloria.tv

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Clemens, – folgte auf Petrus, Linus und Cletus.

Einer Müll-Entsorgungsfirma ist die Reliquie des heiligen Clemens, eines Papstes des ersten Jahrhunderts, in die Hände gefallen. Diese hat sie der Westminster Cathedral in London übergeben, wo sie einen ihr gebührenden Platz erhält.

Quelle – CNA

Schon in der durch Luther propagierten Kirchenspaltung wurden Kirchen ausgeräumt und liturgische sowie der Frömmigkeit dienenden Gerätschaften aus den Kirchen entfernt. Nie jedoch war es schlimmer, als in der Zeit der Selbstsäuberung (= Selbstzerstörung der Kirche) nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Es wurden nicht nur Reliquien von Heiligen auf den Müllhaufen geworfen, nicht nur liturgische Bücher, katholische Literatur und heilige liturgische Geräte. Es waren die eigenen Leute, Bischöfe und Priester, die die Kirchen im wahrsten Sinne des Wortes leerten: am Ende wares es die Gläubigen selbst und zuletzt Gott, die vertrieben wurden.

Jene, die in der Kirche heute das Sagen haben, sind die letzten Vollstrecker dieses Übels und stehen nicht wirklich in der Reihe mit Petrus, Linus, Cletus und Clemens. Dafür werden sie ihre Gerechtigkeit erfahren. Die Kirche aber wird leben, bis an das Ende der Zeiten, weil es immer wahre Zeugen geben wird.

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Ein dramatischer Brief – Die Piusbruderschaft vor ihrem Generalkapitel

Die Piusbruderschaft veröffentlichte am 13. Juni 2018, am Festtag des heiligen Antonius, den man auch den „Hammer der Häretiker“ bezeichnet, einen dramatischen Brief Pater Yves le Roux, des Regens des Priesterseminars St. Thomas Aquinas, USA. Der Brief ist zunächst an die eigenen Mitglieder gerichtet, aber auch allen, die der Piusbruderschaft anhangen, wie jenen, die sie bekämpfen, ins Stammbuch geschrieben. Die weltweite Gemeinschaft FSSPX (SSPX) steht am Vorabend ihres Generalkapitels, bei dem wichtige Entscheidungen getroffen werden, nicht zuletzt jene der Wahl eines neuen Generaloberen.

Nach der Überschrift „Ein Wendepunkt“ heißt es weiter:

Die Erinnerung an unseren menschlichen Zustand ist unbedingt notwendig, da es den Menschen seit der Erbsünde ständig zur Maßlosigkeit hinzieht. Wenngleich die unendliche Natur Gottes ihm ein unermessliches Sein ermöglicht, kann der Mensch, ein endliches Geschöpf, das Maß nicht überschreiten, ohne von seiner eigenen Natur abzuweichen.

Diese Abweichung kann man besonders in Krisenzeiten bemerken, wenn Orientierungspunkte verschwimmen und Grundfesten wanken. Blind und orientierungslos durch den Wirbel des ihn umgebenden Irrtums wird der Mensch nach und nach dazu gebracht, dass sein Urteil und Handeln nur noch auf diese Krise reagiert. Da jedoch die Krise nur die Verneinung und Zerstörung der Ordnung ist, kann sie keine Basis für eine richtige Beurteilung und Handlung darstellen. Zuerst muss zur Ordnung zurückgekehrt werden. Diese Rückkehr wird noch pressanter, wenn die Krise nicht nur das einzelne Individuum zerbricht, sondern die eigentlichen Grundfesten einer Gesellschaft in Frage stellt.

Die Kirchengeschichte zeigt, dass alle religiösen Orden aus der Krise geboren wurden. Die Krise kann aber nicht das Wesen des geweihten Lebens ausmachen: Sie ist lediglich der Anlass der Vorsehung für sein Erblühen. Das Wesen eines Ordens ist natürlich von ganz anderer Natur. Denn, wie der Orden des heiligen Dominik sich nicht nur über seinen Kampf gegen die Häresie der Kartharer definieren lässt, kann auch die Priesterbruderschaft St. Pius X. nicht auf ihren notwendigen Kampf gegen die Irrtümer dieser Zeit reduziert werden. Wenn die Krise unglücklicherweise der einzige Grund für die Existenz der Priesterbruderschaft St. Pius X. wäre, würde sie binnen kurzem verschwinden, ohne durch die Heiligkeit der Priester für die Errichtung des Königreichs Christi gearbeitet zu haben. Dies ist wahrhaftig das Wesen der Existenz dieser Priesterbruderschaft: die Selbstaufopferung ihrer Priester zur Ehre Gottes, des Vaters, auf dem Altar der heiligen Messe. Regnavit al ligno Deus, „Gott herrscht vom Holze herab“ wie das Vexilla Regisbekräftigt.

Je mehr sich die Krise der Kirche verschärft, je mehr ihre lehrmäßigen Grundlagen erschüttert werden, je mehr Satan sich bemüht, die Menschen durch ehemals unvorstellbare Brüche in der Kirche zu desorientieren, um so mehr muss die Priesterbruderschaft St. Pius X. ihrer Berufung treu bleiben, die sie von ihrem Gründer, Msgr. Lefebvre erhalten hat: die Heiligkeit des Priesters, dem Mann der Messe, und damit Golgatha zu behüten. Es wäre ein schwerwiegender und katastrophaler Irrtum, zu behaupten, dass die Urteile und Handlungen der Priesterbruderschaft St. Pius X., da sie ja selbst in der progressiven Krise entstanden ist, sich nach den Entwicklungen dieser Krise zu richten hätte.

Nach der Panikwelle zu urteilen, die manche unter uns während der letzten Monate ergriffen hat, scheinen einige von uns am Vorabend des bevorstehenden Wahlkapitels unserer Ordensgemeinschaft unser Verständnis von Vernunft und Gleichgewicht verloren zu haben. Jeder lässt seine Meinung verlauten, pocht darauf, was getan werden „muss“, prognostiziert, kritisiert alles und bricht in lautes Geschrei aus. Wäre es nicht an der Zeit, wieder ein wenig zum gesunden Verstand zurückzukehren?

Solche Extreme tragen das satanische Zeichen des egalitären Revolutionsgeistes, durch den sich ein jeder als souveräne Autorität hinstellt. Diese Autoritätskrise ist in Wirklichkeit nichts anderes als die vehemente Ablehnung jeglicher Vaterschaft, und insbesondere der göttlichen Vaterschaft. Es ist auch die Leugnung der Natur des Menschen: als abhängiges Wesen, das Gott unterworfen ist.

Es ist wichtig, dass wir uns von diesem Missverhältnis nicht mitreißen lassen und in diesem Sturm auf unserem Kurs zu bleiben. Es genügt, sich der Realität zu stellen: In einer Zeit, in der die Kirche und die Welt eine tiefe und anhaltende Krise durchlaufen, ist unsere junge Ordensgemeinschaft noch keine fünfzig Jahre alt. Für einen Orden ist dies das Jugendalter; ein besonders anfälliges Alter, in dem Wachstum auf unausgewogene und unordentlich wirkende Weise stattfinden kann. Über gewisse Disharmonien müssen wir uns daher nicht wundern; wir sollten vielmehr danach streben, diese zu beheben. Und es gibt dafür kein anderes Mittel, als den Geist wiederzubeleben, der bei der Gründung des Werkes den Vorsitz führte.

Wenn die gegenwärtige Krise droht, uns in ihrem Wirbel zu verschlingen, ist es in der Tat notwendig, diese in geordneter Weise zu bekämpfen, indem man auf die Grundsätze zurückgreift und insbesondere die oberste Regel der Paternität anerkennt, die der Grundpfeiler jeder Gesellschaft ist. Durch das Leben als Söhne, die in der göttlichen Vaterschaft verwurzelt sind, werden wir alle – Priester und Gläubige, jeder an seinem Platz – für die Treue der Priesterbruderschaft St. Pius X. zu ihrer Berufung arbeiten.

Beten wir für die Priester, dass sie an ihrem Platz bleiben mögen, im Gehorsam leben, ohne sich Zuständigkeiten anzumaßen, die sie nicht besitzen, insbesondere Pauschalurteile über alles zu fällen. Beten wir, dass sie vielmehr ein intensives priesterliches Leben entfalten, das Treue zu ihrem Gebetsleben, Entsagung und Einsatz für die Seelen umfasst.

Hoffen wir, dass die Gläubigen ihrerseits ihr Gebetsleben verstärken und dass sie es nicht versäumen, täglich für unser bevorstehendes Kapitel zu beten. Hoffen wir, dass sie auf die Botschaft Unserer Lieben Frau von Fatima in Bezug auf die notwendige Buße durch Treue zur Standespflicht hören. Beten wir, dass auch in ihnen ein Geist der Aufopferung ihren Priestern und Gemeinden gegenüber entsteht.

Ein Wahlkapitel in einer Ordensgemeinschaft ist ein wichtiger Moment. Hier wettet man nicht wie beim Pferderennen. Dieses Ereignis ist ein feierlicher Anlass für eine Ordensgemeinschaft, denn es ist ein besonderer Gnadenmoment, bei dem die Treue zu den Statuten erneuert werden muss. Es ermöglicht eine in Abhängigkeit von der Hierarchie größere Einheit der Mitglieder und eine Reorganisation in Vorbereitung auf neue Kämpfe.

Beten wir um die Gnade, das Missverhältnis, von dem wir gesprochen haben, zu verhüten, Verstöße und Beleidigungen zu vermeiden, vorschnelles Urteil über Absichten sowie Parteiungen zu vermeiden. Beten wir ganz einfach um die Gnade, unserer Regel treu zu bleiben.

Es geht um unseren entschlossenen Einsatz, damit das soziale Königtum Christi durch die Priesterherrschaft Christi errichtet wird.

Ihrem ständigen Wohlwollen, und besonders Ihrem Gebet, vertrauen wir unsere Priesterbruderschaft an, die wir aus kindlichem Herzen lieben, damit sie sich ganz dem Dienst des Königtums Christi in der Kirche, in der Welt und in den Familien widmen kann, und dass sie beschützt werde von ihrem Gründer, unserem Vater im Glauben, unserem verehrten Msgr. Lefebvre.

In Christo Sacerdote et Maria,
P. Yves le Roux, Regens,
Priesterseminar St. Thomas Aquinas, am Fest des Heiligsten Herzen Jesu, 7. Juni 2018.

Siehe fsspx.de

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