Acht Gedanken der Schlechtigkeit

[…] So ist es denn nötig, daß wir auch die Erkenntnis der leidenschaftlichen Gedanken verleihen, durch welche jegliche Sünde vollbracht wird. Acht sind alle Gedanken, welche die Schlechtigkeit umfassen:

jener der Völlerei,
jener der Unzucht,
jener der Geldgier,
jener des Zornes,
jener der Traurigkeit,
jener der Unlust,
jener der eitlen Ehrsucht und
jener des Hochmuts.

Ob uns diese acht Gedanken belästigen oder nicht belästigen, das steht nicht in unserer Macht.

Ob sie aber in uns verweilen oder nicht verweilen, Leidenschaften erregen oder nicht erregen, das steht in unserer Macht.

Eines ist die Einflüsterung und etwas anderes die Verbindung mit ihr; eines das Ringen und etwas anderes die Leidenschaft sowie auch die Zustimmung, welche sich der Ausführung nähert und angleicht. Und eines ist die Tat und etwas anderes die Gefangenschaft.

Einflüsterung nun ist die einfachhin vom Feind her geschehende Erinnerung, z. B.: „Tu das oder jenes“, wie bei unserem Herrn und Gott: „Sprich, daß diese Steine zu Brot werden.“ Dies steht, wie gesagt, nicht in unserer Gewalt. Verbindung aber ist die Annahme des vom Feind eingegebenen Gedankens und die gleichsam zusammen mit ihm erfolgende Erwägung und lustvolle Unterhaltung, welche von unserer freien Entscheidung ausgeht. Leidenschaft aber ist die aufgrund der Verbindung erfolgende Gewöhnung an die vom Feind eingegebene Leidenschaft und ihre gleichsam fortwährende Erwägung und Vorstellung.

Das Ringen hingegen ist der Widerstand des Gedankens — entweder, um die im Gedanken sich findende Leidenschaft, d. h. den leidenschaftlichen Gedanken, auszutilgen, oder um ihm zuzustimmen. So spricht auch der Apostel: „Das Fleisch nämlich begehrt wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; sie stehen einander feindlich gegenüber.“ Gefangenschaft aber ist die gewaltsame und unfreiwillige Fortführung des Herzens, wenn es von subjektiver Einstellung und langer Gewohnheit gewaltsam beherrscht wird. Zustimmung hingegen ist das Herabneigen zu der Leidenschaft des Gedankens. Tat hingegen ist die unmittelbare Ausführung des leidenschaftlichen Gedankens, dem man zugestimmt hat.

(Johannes von Damaskus, Abhandlung, 10)

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„Bergoglio verachtet wirklich alles, was Benedikt repräsentiert hat.“

Dies sagte in einem Interview mit der Tageszeitung La Verità Rod Dreher, der Autor des Buches „Option Benedikt“. In diesem Buch erzählt Dreher die Geschichten konservativer Christen (Katholiken, Orthodoxe und Evangelikale), „die kreative Wege erkunden, den Glauben in diesen dunkler werdenden Zeiten freudig und gegenkulturell auszuleben“.

Im Interview behauptet Dreher, die Botschaft des verstorbenen Papstes Benedikts XVI. sei aktueller denn je.

„Er wollte die Fülle der katholischen Tradition
gegen die Modernisierer bewahren,
die alles ändern wollen, um sich dem Zeitgeist anzupassen.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. sei „ein brillanter Theologe“ gewesen, so Dreher, der seine Bücher so verständlich geschrieben habe, dass sie allen Christen zugänglich seien. Diese große Begabung wirke über seinen Tod hinaus, da seine Texte auch in der Zukunft all denen zugänglich sein würden, die sie lesen wollen.

Das Urteil über Ratzinger, er sei ein Konservativer gewesen, stimme insofern, betonte Dreher, als er „ein Konservativer im eigentlichen Sinn des Wortes war“.

„Er wollte die Fülle der katholischen Tradition gegen die Modernisierer bewahren, die alles ändern wollen, um sich dem Zeitgeist anzupassen.“

Nach Dreher sei es aber irreführend, diese Begriffe zu verwenden, um Ratzinger zu beschreiben. Er selbst habe einmal erklärt, ein „Progressist“ zu sein, weil er Konzilsperitus war:

„Nicht deshalb, weil er ein Linkstheologe war, wie es ein Hans Küng und die ihm nachfolgenden Gegner waren, sondern weil er wollte, daß sich die Kirche von der Strenge der Neuscholastik befreit und zu einer mehr augustinischen Erfahrung von Christus zurückkehrt. Mit anderen Worten, er betrachtete es als progressiv, den Status quo abzuschütteln und zu einer intensiveren und radikaleren Art als Kirche den Herrn kennenzulernen und ihm zu dienen. Er war wirklich ein Mann des Konzils, ungeachtet dessen, was seine Feinde sagten. Aber es ist auch wahr, daß er sich nicht vorstellen konnte, daß die Rezeption des Konzils so katastrophal ausfallen würde.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. habe erkannt, so Dreher, „daß die Vernunft ohne Glauben unweigerlich fürchterlich wird, wie wir heute überall auf dieser postchristlichen Welt sehen können“.

„Ratzinger zeigt dem konservativen Denker, auch dem laizistischen, daß Glauben und Vernunft keine Feinde sind, wie die Modernisten behaupten, sondern in Wirklichkeit Geschwister, die zusammenarbeiten müssen, um eine menschliche Welt aufzubauen.“

Auf die Frage, ob es Denker und Bewegungen gibt, die Ratzingers Denken vorantragen können, gibt sich Dreher zurückhaltend:

„Es gibt heute viele Konservative in der katholischen Kirche. Nach der beleidigenden Predigt von Franziskus beim Begräbnis von Benedikt habe ich einem italienischen Freund eine Nachricht geschrieben, in der ich ihm sagte, daß ich ein ungutes Gefühl habe, was die Zukunft der rechtgläubigen katholischen Gläubigen betrifft, nun, da Benedikt nicht mehr ist.“

Der Freund habe geantwortet, daß er diesbezüglich unbesorgt sei, wie die große Zahl der auf dem Petersplatz Anwesenden gezeigt habe. Allerdings, so Dreher, könne er im Moment niemand vom Format Benedikts erkennen, der seine Position einnehmen könnte.

„In gewisser Hinsicht ist es klar, daß es niemand gibt, der seinen Platz einnehmen könnte: Er war der letzte christliche Humanist, der letzte, der wirklich und leidenschaftlich an die Rolle der mit dem christlichen Glauben integrierten Vernunft glaubte und die Hochkultur verkörperte und verteidigte. Der Tod von Papst Benedikt XVI. symbolisiert den Untergang des christlichen Abendlandes. Die Zukunft steht nicht fest, wir können immer zu Christus zurückkehren. Es bräuchte aber ein Wunder, denn der christliche Westen hat eine Todessehnsucht.
In gewisser Hinsicht führte Benedikt ein tragisches Leben: Er hat für das Konzil gearbeitet, um die Kirche zu erneuern und Christus anzunähern, aber gelebt, um mitansehen zu müssen, wie eben dieses Konzil dazu gebraucht wurde, um die Kirche schwer zu schädigen. Er wurde Papst, aber seine persönliche Heiligkeit und intellektuelle Genialität haben ihm nicht geholfen, die Kirche vom Schmutz zu reinigen. Die Arbeit, die er als Glaubenspräfekt von Johannes Paul II. und dann als Papst geleistet hat, um den wahren Glauben und die katholische Tradition zu verkünden und zu lehren, hat nur solange überdauert, um mitansehen zu müssen, wie dann sein Nachfolger Papst Franziskus alles grausam zerstört. Das alles ist seine Tragödie.
Wenn sich aber die Dinge, vor denen uns Benedikt gewarnt hat und vor denen er uns durch seine besondere Verkündigung des Evangeliums und des Glaubens bewahren wollte, wirklich bewahrheiten sollten – und ich denke, daß es so sein wird –, dann wird es unsere Tragödie sein.“

Dreher betont, dass in den USA heute Seminaristen und jungen Priestern nicht sagen würden, sie seien sie seien Priester von Johannes Paul II., und schon gar nicht von Franziskus.

„Sie sagen mir, daß die Söhne Benedikts XVI. sind, angeregt von der Kraft und der Schönheit seiner Unterweisung.
Wenn die Kirche in den USA in den nächsten 50 Jahren in ihrem Priestertum überleben wird, dann wird das ein Geschenk Wojtylas und Ratzingers sein.“

Die Frage nach den Folgen von Benedikts Tod beantwortete Dreher mit den Worten:

„Vielleicht bin ich einfach nur abergläubisch, aber ich habe den Eindruck, daß Benedikt XVI. auf irgendeine mystische Weise ein „Katechon“ war, eine Kraft, die Bergoglio vom Schlimmsten zurückhielt. Bevor ich zur Totenmesse für Benedikt ging, dachte ich, daß ich in diesem Punkt vielleicht zu pessimistisch sei. Als ich dann aber die grausame und respektlose Predigt von Franziskus hörte, wußte ich, es nicht zu sein. Bergoglio verachtet wirklich alles, was Benedikt repräsentiert hat. Nun befürchte ich, daß Bergoglio noch freier darin ist, Schaden anzurichten. Ich verstehe nun auch besser, warum Benedikt sagte, daß der Glauben nur in kleinen Gemeinschaften von wirklichen und einfachen Gläubigen überleben wird. Jetzt ist nicht der Augenblick zu verzweifeln oder vor der Angst zu kapitulieren, sondern stark zu sein und beharrlich und den Glauben auf provokante Weise zu leben. Wir erleben die Zeit der Option Benedikt XVI.“

Originalinterview in Laverita

Deutsche Quelle: Katholisches

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Quelle geistlichen Lebens

Kardinal Ratzinge in Le Barroux 1995 – Copyright: Abbey Sainte-Madeleine du Barroux

Siehe auch HIER

Wenn man bedenkt, wie viele Jahrhunderte
die traditionelle Messe
die Quelle des spirituellen Lebens und der Nahrung
für so viele Menschen,
darunter viele Heilige, war,
kann man sich nicht vorstellen,
dass sie für niemanden mehr verfügbar ist.

Mons. Gänswein

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Im Gedenken an Kardinal Pell

Anlässlich des Weltjugendtags in Köln fanden vom 16. bis 21. August 2005 in Düsseldorf, in der Kirche St. Antonius,  mehrere verschiedene Gottesdienste im tridentinischen Ritus statt. Viele junge Menschen lernten erstmals jenen katholischen Ritus kennen, der über 1500 Jahre Gültigkeit besaß. Unzählige Heilige aller Generationen sind mit ihrem Leben glaubwürdige Zeugen. In diesen wenigen Tagen fanden zahllose Jugendliche und junge Erwachsene nicht nur zum Katholizismus zurück, sondern fanden ihre Berufung und begannen fortan mit der Suche nach Möglichkeiten, den tridentinischen Ritus erleben zu können.

Kardinal Pell 2005

Kardinal George Pell aus Sydney in Australien zog an einem Mittwochnachmittag mit Cappa Magna bekleidet durch den Mittelgang der Kirche zum Altar, um einer gesungenen traditionellen feierlichen Vesper vorzustehen. In seiner Predigt bezeichnete der Kardinal die „traditionelle Messe“ als „ein Juwel der abendländischen Zivilisation“, das nicht verlorengehen dürfe.

Nur wenige Monate später, am 7. Juli 2007 wird Papst Benedikt XV. der tridentinische Liturgie wieder zu seinem Recht verhelfen und installiert sie als „außerordentliche Form des Römischen Ritus“ (Motu Proprio „Summorum Pontificum“). Fortan haben Katholiken das Recht auf diese Liturgie, dessen höchste Form auch als „Messe aller Zeiten“ bezeichnet wird.

Beachten Sie auch den Leidensweg von Kardinal Pell:

Kardinal George Pell im Gefängnis, Bd. 1

Wer hat Angst vor Papst Benedikt?

Aus einem Artikel von Andres Gagliarducci am 9. Januar 2023 in mondayvatican . Gagliarducci ist Vatikan-Analyst bei der Catholic News Agency und schreibt für National Catholic Register.

„Als ginge ihn der Tod seines Vorgängers nichts an.“

Wir lesen:

[…] Es bleibt also die Frage:
Hatte Franziskus Angst vor Benedikt?

In der Öffentlichkeit hat Papst Franziskus immer nette Worte für Benedikt XVI. gefunden, indem er seine Arbeit lobte und einige seiner wichtigen Verpflichtungen hervorhob, wie den Kampf gegen Missbrauch in der Kirche. Ist es also legitim zu denken, dass für Papst Franziskus die Anwesenheit eines so beliebten emeritierten Papstes lästig war und dass er mit seinen Entscheidungen zeigen wollte, dass er der einzige Papst ist?

Es wurde behauptet, dass Papst Franziskus bei seiner Hommage an Benedikt XVI. einen eher pastoralen Blickwinkel einnehmen wollte, da er hauptsächlich Benedikt XVI. zitierte. Diese Erklärung scheint jedoch nicht mit der Persönlichkeit von Papst Franziskus übereinzustimmen. Papst Franziskus ist ein Papst der Gesten, und er kennt ihre Bedeutung. Er weiß, dass der Papst in der Öffentlichkeit lebt und nicht im Privaten. Er weiß, dass alles, was getan oder nicht getan wird, einen Grund hat.

Ein weiteres Argument: Die Konservativen greifen Papst Franziskus an, weil er das Papsttum entmythologisiert hat. Er hat es mit seinem pastoralen Ansatz weniger mächtig gemacht. Auch dieses Argument ist nicht stichhaltig: Es betrachtet die Kirche als politische Körperschaft säkularen Typs und schätzt einen Papst, der dasselbe Konzept von der Kirche hat. Das Papsttum wird nicht mythisiert: Es hat seine Sprache und seine Art zu sein. Wenn diese Sprache nicht angewandt wird, dann hört es auf zu existieren. So schafft selbst eine pastorale Entscheidung, wenn sie nicht durchdacht ist, eine Schwachstelle, die den Feinden der Kirche zugute kommt.

All diese Dinge weiß der Papst, und er kann nicht umhin, sie zu verstehen.

Dennoch entscheidet sich Franziskus für eine besonders kalte Predigt, in der der emeritierte Papst nur einmal erwähnt wird. Gleichzeitig scheint es, als ob der Papst sich am Ende der Beerdigung nicht bewegen wollte, um den Sarg in die Basilika zu begleiten. Und in dieser kurzen, nicht enden wollenden Pause, in der alle auf ein Zeichen zum Aufbruch warteten, ertönte der Ruf „Santo Subito“ aus der Menge. Es gab eine Fahne, die in dem Bemühen, diskret zu sein, wie gewünscht versteckt gehalten worden war. Diese Pause wich jedoch einem Ruf, der auch zum allgemeinen Ruf des Gottesvolkes werden könnte.

Jeder Versuch, die Wirkung von Benedikt XVI. abzuschwächen, ist gescheitert, denn er ist an der Mauer der Gläubigen gescheitert, die von überall her gekommen sind, um ihrem Papst die Ehre zu erweisen.

Ein bittersüßer Beigeschmack bleibt, denn mit dem Tod von Benedikt XVI. geht eine Ära zu Ende, und diese Ära schließt mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüber Sprachen und Rollen. Da die päpstliche Sprache nicht mit der weltlichen Sprache verglichen werden kann, kann man in diesen Fällen nicht von einem Staatsbegräbnis sprechen, denn das ist ein weltliches Konzept, das sich nicht vollständig auf das Zeremoniell des Heiligen Stuhls übertragen lässt.

Sicher ist, dass ein Papst wie Benedikt XVI. eine bessere Behandlung und eine stärkere Würdigung seiner Person und seines Pontifikats verdient hätte. Was die Angst vor Benedikt XVI. ausgelöst hat, ist ein Geheimnis, das es zu ergründen gilt. Aber wahrscheinlich gibt es gemischte Gefühle, sogar Vorurteile gegenüber Benedikt XVI. und eine heilige Ehrfurcht, die jeden daran hinderte, allzu kühne Initiativen zu ergreifen.

Nun ist der Ausgleicher weg, der Papst, der sich um einen Dialog in Harmonie mit allen bemühte. Mit seinem Verzicht hat er einen Weg eröffnet. Aber er hat auch sehr unter seinem Rücktritt gelitten und für die Kirche Fürsprache gehalten.

Er wird geliebt und deshalb gefürchtet. Und doch wird genau diese Unhöflichkeit angesichts eines zu definierenden Protokolls geboren, denn es ist das erste Mal, dass ein Papst für einen emeritierten Papst zelebriert (aber nicht das erste Mal, dass ein Papst für einen toten Vorgänger zelebriert, das geschah 1802).

Zwar war Papst Franziskus der erste, der ins Kloster ging. Bei allen anderen Gelegenheiten war er jedoch nicht dabei, nicht einmal bei der Beerdigung.

Diese Entscheidungen könnten sich in gewisser Weise als kontraproduktiv für Papst Franziskus selbst erweisen. Und so könnte ein von den Medien viel gefeiertes Pontifikat stattdessen als eines der unbeliebtesten Pontifikate enden, egal wie viele Medienkampagnen skizziert werden, um die Auswirkungen der so genannten Gegner zu bekämpfen oder zunichte zu machen.

Quelle – mondayvatican

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Joseph Ratzinger und Le Barroux

„Geschichte einer Freundschaft … Benediktiner“

(von Dom Louis-Marie Geyer d’Orth O.S.B.,
Abt der Benediktinerabtei Sainte-Madeleine Le Barroux)

Wenn ich an Benedikt XVI. denke, kommen mir spontan zwei Verse aus dem Brief des hl. Paulus an die Epheser in den Sinn, die die Fähigkeit hervorrufen, „mit allen Heiligen zu verstehen, was die Breite, Länge, Höhe und Tiefe ist, und die Liebe Christi zu erkennen, die alles Wissen übersteigt“.

Benedikt XVI. war groß in seiner Nächstenliebe, deshalb möchte ich euch die Geschichte der Freundschaft zwischen diesem großen Mann und unserer Gemeinschaft erzählen.

Die erste Erwähnung von Ratzingers Namen in unseren Chroniken erfolgte anlässlich einer Konferenz, die Jean Madiran am 22. September 1984 im Noviziat über ein Dokument des Kardinals über Befreiungstheologie und ihre marxistischen Wurzeln hielt. Diese Intervention wurde von den Mönchen als so wichtig angesehen, dass sie zur Kenntnis genommen wurde. Seit diesem Datum taucht der Name des Kardinals in der Geschichte der Gemeinschaft immer wieder auf.

Nur drei Monate später wurde Dom Gerard [der erste Abt von Le Barroux] von Kardinal Ratzinger vorgeladen, der ihn mit großem Wohlwollen aufnahm und ihm seinen festen Wunsch ausdrückte, die kanonische Situation der traditionellen Gemeinschaften zu verbessern.

Ich kann nicht umhin, festzustellen, dass er es war, der die Initiative ergriffen hat: Wir sind nur seinem Ruf gefolgt. Was den Kardinal auf die Seite Gottes stellt, dessen Vorsehung immer die Initiative hat.

Und es ist sicher, dass er mit aller Kraft daran gearbeitet hat, den Bruch zwischen Rom und der traditionalistischen Welt zu vermeiden. Er empfing Mons. Lefebvre bei vielen Gelegenheiten und entwarf die Vereinbarungen vom Mai 1988.

Als Mons. Lefebvre die Unterzeichnung dieses Abkommens zurückzog, es war wieder Kardinal Ratzinger, der während einer Privataudienz bei Papst Johannes Paul II. erreichte, dass der Heilige Stuhl den Gemeinschaften, die mit Rom vereint bleiben wollten (einschließlich unserer), privat und öffentlich den Gebrauch der 1962 geltenden liturgischen Bücher für die Mitglieder der Gemeinschaften und diejenigen, die ihre Häuser besuchten, gewährte.

Und er eröffnete die Möglichkeit, sich an einen Bischof zu wenden, um Weihen zu erteilen, das Recht der Gläubigen, die Sakramente gemäß den Büchern von 1962 zu empfangen, und die Möglichkeit, pastorale Impulse durch apostolische Werke zu entwickeln, um die derzeit übernommenen Ämter zu bewahren (Motu proprio Ecclesia Dei).

Mit diesem entscheidenden Rechtstext wurde Kardinal Ratzinger Gründungsmitglied unserer Gemeinschaften, deren Existenzgrund unter anderem die Feier der Liturgie nach alten Büchern ist.

Die Freundschaftsakte hörte 1988 nicht auf. Über den kanonischen Rahmen hinaus erklärte sich Kardinal Ratzinger bereit, ein Einführungsschreiben zur Neuauflage des traditionellen Messbuchs für die Gläubigen zu schreiben, das einige französische bischöfliche Zähne knirschen ließ und wegen der Übersetzung eines der Karfreitagsgebete einen Mediensturm auslöste.

Papst Benedikt XVI. wird auch diese Schwierigkeit lösen, indem er diesem Gebet für das jüdische Volk einen irenischeren Ton verleiht und gleichzeitig die brüderliche Absicht seiner Bekehrung beibehält. Es war auch Kardinal Ratzinger, der sich für ein Treffen zwischen Johannes Paul II. und der Gemeinschaft einsetzte, das im September 1990 stattfand und bei dem Dom Gerard auf die Schwierigkeiten bei der Anwendung des Motu proprio Ecclesia Dei hinweisen konnte.

Kardinal Ratzinger hat sodann versucht, mit Hilfe der Betroffenen durch konkrete Statuten praktische Lösungen zu finden. Bereits 1991 neigte der Kardinal zur Lösung eines möglichen Rückgriffs aller Gläubigen auf ihre Bischöfe, um die Feier der traditionellen Messe zu erreichen.

Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen, dass er als Papst Benedikt XVI. am 7. Juli 2007 wie selbstverständlich ein friedensstiftendes Dokument (Summorum Pontificum) im Hinblick auf einen liturgischen Frieden ans Licht kommen lässt, das die unterschiedlichen Bestrebungen der Gläubigen respektiert.

Ich bemerke eine faszinierende Erwähnung, die die zarte Ehrlichkeit des Kardinals zeigt: Er lud Dom Gerard ein, die Bischöfe zu besuchen, um gegenseitige brüderliche Korrektur zu üben. Reichen Sie unsere respektvollen Kommentare ein und hören Sie ihnen zu.

Trotz des Mediensturms aufgrund des Barroux-Messbuchs stimmte der Kardinal freudig zu, noch einmal ein Vorwort zur Wiederveröffentlichung eines zweiten Buches zu liefern: Monsignore Klaus Gamber: „Zum Herrn hin“. Es war wieder ein Anlass sehr heftiger Reaktionen in Frankreich, da dieses Buch mit wissenschaftlicher Genauigkeit die Grundlagen der Feier der Messe nach Osten (Symbol Christi, aufgehende Sonne) und nicht zu den Gläubigen hin, zeigt.

Die Freundschaft zwischen dem Kardinal und der Gemeinschaft gipfelte in seinem Besuch im September 1995. Er kümmerte sich trotz aller Widerstände um uns. Einige kirchliche Autoritäten hatten ihn gebeten, wegen der Monsignore Gaillot-Affäre und der Wahlen nicht zu den geplanten Terminen zu kommen; er verschob seinen Besuch um ein paar Monate, aber er kam.

Ich erinnere mich sehr gut an seinen Besuch. Als junger Novize begegnete ich ihm und seinem Sekretär, Monsignore Josef Clemens. Sie kamen mit dem Auto aus Rom (ihr Flug war wegen eines Streiks abgesagt worden) und ruhten sich ein wenig auf einem Kofferraum sitzend aus. Ich habe eine unvergessliche Erinnerung an seinen offiziellen Empfang in der Abtei bewahrt: Prozession, Gesang und Gebet und schließlich ein päpstlicher Segen. Seine Ermahnungen konzentrierten sich auf das innere Leben, das für das Leben der Kirche so wichtig ist.

Am Ende der Messe tauchte er in die Menge ein und nach dem von karolingischen Akklamationen gekrönten Mittagessen traf er sich mit den Diözesanpriestern, die ihn mit ihren Fragen angriffen. Seine Losung war, wie wir nicht bezweifeln, übernatürlich: Geduld und Gebet. Ich denke, es ist immer noch aktuell.

1998, anlässlich des zehnten Jahrestages des Motu proprio Ecclesia Dei, leitete er eine Konferenz in Rom, ohne zu zögern, zu sagen, dass die Schwierigkeiten bei seiner Anwendung auf ein falsches Verständnis der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückzuführen seien, dass aber die Geduld nicht verloren gehen dürfe und es vor allem notwendig sei, das Vertrauen zu bewahren, indem man aus der Liturgie die notwendige Kraft für ein Zeugnis katholischer Treue ziehe.

Anlässlich des Todes von Dom Gerard schickte er einen sehr berührenden Brief, in dem seine Freundschaft offenbart wurde. Er erinnerte daran, dass Dom Gerard „den größten Teil seines Lebens damit verbracht hatte, sich dem Herrn zuzuwenden, Gott zu preisen und seine Brüder im Gebet zu führen“. Er dankte „für Dom Gerards Aufmerksamkeit für die Schönheit der lateinischen Liturgie, die berufen ist, immer mehr eine Quelle der Gemeinschaft und Einheit in der Kirche zu sein“.

Card. Ratzinger, Dom Gérard Calvet – Foto Le Barroux

Um zu persönlicheren Erinnerungen überzugehen –
hier der Bericht über einige Begegnungen:

Nach meiner Wahl im Jahr 2004 ging ich nach Rom, um mich dem Kardinal vorzustellen, der mich mit großem Wohlwollen empfing. Trotz meiner Jugend, Unerfahrenheit und meiner bizarren Fragen zeigte er mir nichts als Respekt und Ermutigung.

Ich sah ihn wieder, als er Papst war, während einer Generalaudienz: Er war sehr freundlich, als der Offizier, der mich vorstellen sollte, Zeit damit verschwendete, nach meinem Namen auf der Liste zu suchen. Papst Benedikt XVI. kam ihm zuvor, indem er mich „den Vater Abt von Barroux“ nannte und das „r“ im germanischen Stil rundete. Dann fragte er mich nach den Nonnen, der Klostergemeinschaft und nach Dom Gerard, seinem „großen Freund“. Seine Freude war ansteckend Aufrichtigkeit, und in seiner Gegenwart vergaßen wir sogar die anwesenden Fotografen.

Ein letztes Mal begegnete ich ihm in Mater Ecclesiae. Er war sehr klar und deutlich. Im Gespräch wird kein Wort zu viel gesprochen, sondern ein direkter Gedanke klar zum Ausdruck gebracht. Was mich in diesem letzten Gespräch am meisten beeindruckt hat, war die Reinheit seiner Seele. Als ich mich ihm näherte, fühlte ich mich, als würde ich all meine Sorgen loswerden und ins Licht eintreten. Ich erinnere mich noch an seine einladende Geste.

Für die Kirche wird Benedikt XVI. ein fest verankerter Eckpfeiler im Haus des Herrn, dem Domus Domini, bleiben. Seit einigen Jahren verlasse ich mich auf seine Generalaudienzen, um am ersten Freitag des Monats geistliche Konferenzen abzuhalten. Es gibt immer eine Doktrin, die sicher, verwurzelt und sehr aktuell ist.

Ein Pater erinnerte mich daran, dass er als Theologe vor dem Konzil ein großer Verfechter der Erneuerung der theologischen Studien durch die Rückkehr zu den Kirchenvätern und den großen Scholastikern war. Während des Konzils setzte sich Joseph Ratzinger für eine Erneuerung der Fundamentaltheologie ein, insbesondere in Bezug auf die Offenbarung und das Verhältnis zwischen Schrift und Tradition.

Nach dem Konzil nahm er eine defensivere Haltung gegen die mit der Revolution vom Mai ’68 verbundenen Strömungen ein. Mit dem Vertrauen des hl. Paul VI. und vor allem des hl. Johannes Paul II. trug er zu einer Reihe lehramtlicher Dokumente bei, die eine klarstellende Interpretation der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils lieferten. Das historische Interview mit Vittorio Messori, Bericht über den Glauben, und die Ansprache Benedikts XVI. an die römische Kurie am 22. Dezember 2005 haben Geschichte geschrieben.

Schließlich glaube ich, dass wir alle darin übereinstimmen werden, seine leuchtende Bescheidenheit in Verbindung mit einem feinen Mut zu loben: nach der Veröffentlichung von Dominus Jesus haben ihn die heftigen Reaktionen keineswegs zu erschrecken vermocht, sondern ihn bestärkt, in der Wichtigkeit dieser Art von Erinnerung voranzuschreiten.

Er war auch einer der ersten, der den Kampf gegen den Missbrauch aufgenommen hat, ein Beweis für seine Hellsichtigkeit.

Abschließend möchte ich an die Tiefe seiner Lehre erinnern, die auf der Beziehung zwischen Glaube und Vernunft beruht: [Die Hermeneutik der Kontinuität ist die Hermeneutik der Reform. „Die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg”, Benedikt XVI. an Papst Weihnachten 2005].

Er hatte die Weisheit, der Kirche vorzuschlagen, alles auf das solide Fundament der theologischen Tugenden zu setzen. Dies bezeugen seine drei Enzykliken: „Deus caritas est“, „Spe salvi“ und „Lumen Fidei“, seine letzte, die er von seinem Nachfolger, Papst Franziskus, unterzeichnen ließ.

Gott möge sich herablassen, ihn in seinem Frieden und Licht aufzunehmen! Möge er für uns bitten und uns vom Himmel aus segnen!

[Dom Louis-Marie Geyer d’Orth O.S.B., Abt der Benediktinerabtei Sainte-Madeleine Le Barroux, „Histoire d’une amitié… bénédictine“, erschienen am 4. Januar 2023 in „L’Homme Nouveau“)

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Am letzten Tag des Jahres halten wir fest:

Die Analyse zahlreicher Aussagen von Papst Franziskus zeigt, dass wir uns in einer solchen Heterodoxie befinden, dass wir nicht länger daran zweifeln können, zu sagen, dass es keine Kontinuität mit der Tradition gibt oder, mit anderen Worten, dass solche Aussagen nicht im Licht des katholischen Glaubens gemacht werden.

Die doktrinäre Absicht solcher Äußerungen kann nicht dadurch geschmälert werden, dass behauptet wird, dass sie sich auf eine rein pastorale Ordnung beziehen, da auch eine pastorale Lehre in jedem Fall eine Lehre ist. Die drei Munera oder Ämter der Kirche sind: lehren, leiten und heiligen. Diese Ämter sollen von den Dienern der Kirche für das Heil der Seelen ausgeübt werden.

Soweit es um das Heil ihrer Seelen geht, haben die Gläubigen die Pflicht, wachsam zu sein, um sicherzustellen, dass diese Ämter angemessen ausgeübt werden. Wenn dies nicht der Fall ist, haben sie das Recht, dies klarzustellen.

Gleichzeitig gilt: wenn ein Amtsträger der Kirche erkennt, dass ein Prälat seinen munus docendi (das Lehren) missbraucht (indem er nicht den Glauben lehrt oder Lehren verkündet, die ihm widersprechen), hat er die Pflicht, denselben munus (die Funktion) auszuüben, um seinen Missbrauch aufzudecken und die Wahrheit mitzuteilen.

Der heilige Thomas von Aquin schreibt:
Da es eine unmittelbare Gefahr für den Glauben gibt, müssen die Prälaten von denen, die ihre Untertanen sind, auch öffentlich zurechtgewiesen werden. So nahm der heilige Paulus, der dem heiligen Petrus unterstand, es öffentlich auf, wegen einer unmittelbaren Gefahr eines Skandals in Glaubensfragen.“ (ad Gal.2.14)

Der heilige Augustinus kommentiert:
Der heilige Petrus selbst gab denen, die regieren, ein Beispiel, damit sie, manchmal vom rechten Weg abweichend, eine Korrektur, die auch von ihren Untertanen gekommen ist, nicht als unangemessen ablehnen.“

In Bezug auf die öffentliche Kritik des heiligen Paulus am heiligen Petrus schreibt der heilige Thomas:

Die Zurechtweisung war gerecht und nützlich, und ihr Motiv war nicht trivial: Es war eine Gefahr für die Bewahrung der Wahrheit des Evangeliums … Die Art der Zurechtweisung war bequem, weil sie öffentlich und offenkundig war. Deshalb schreibt der heilige Paulus: ‚Ich sprach zu Kephas‘, das heißt zu Petrus ‚vor allen‘, weil die Simulation des heiligen Petrus eine Gefahr für alle mit sich brachte.

Das ist also der Geist, in dem die Kritik an den Lehren oder Gesten, die folgen, mit der gebührenden Frömmigkeit eines Kindes gegenüber seinem geistlichen Vater, dem sichtbaren Haupt der heiligen Kirche Gottes, unternommen wird.

Beten wir für die Hirten und alle Diener der Kirche!

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Erstaunliches von einem radikalen Modernisten über die überlieferte Liturgie

Enzo Bianchi über die traditionelle Liturgie

Enzo Bianchi (Jg. 1943) ist der extrem-liberale Gründer und langjährige Prior der „Monastische Gemeinschaft von Bose“ in Italien (nordöstlich von Turin). Unmittelbar nach dem 2. Vatikanischen Konzil übernahm er ein Bauernhaus in Bose wo sich Gleichgesinnte um ihn scharten. Er galt ihnen als charismatische Persönlichkeit und Führungsfigur. In Bose entstand aus einer ökumenischen Basisgruppe eine neuartige „monastische Gemeinschaft“, zu der Männer und Frauen, Katholiken und Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften angehören.

Die ökumenische Gemeinschaft von Bose wurde für viele Menschen, auch für zahlreiche vatikanische Würdenträger, zu einem Modell, gemeinsamen christlichen Zusammenlebens und christlicher Nachfolge. Bose gilt heute als ein Studienzentrum für Ökumene und Liturgie

Die Liturgie in Bose ist von einer großen Vielfalt geprägt. Sowohl römisch-katholische, byzantinisch-orthodoxe, koptische, anglikanischen aber auch jüdischen Elemente haben darin Eingang gefunden. Entsprechend werden auch in einem eigenen „Heiligenkalender“ Personen verehrt, wie Albert Schweitzer oder Dag Hammarskjöld.

Es konnte nicht erwartet werden, dass ausgerechnet Enzo Bianchi, der kein Kleriker ist, sich gegen ein Verbot der alten traditionellen tridentinischen Liturgie ausspricht. In einem von ihm selbst unterzeichneten Artikel schreibt er:

Wie können wir Ökumene und Dialog mit allen führen, außer mit unseren traditionalistischen Brüdern? Wir brauchen liturgischen Frieden.“

In der aktuellen Ausgabe der „Vita Pastorale“ einer „progressiven“ Monatsschrift für noch „progressiver“ italienischer Katholiken, hat Bianchi einige treffende Worte gefunden. So äußert er sich kritisch gegenüber einer Kirche, die zuhören und mit allen ins Gespräch kommen will, aber traditionalistische Katholiken ausgrenzt. Er zeigt sich schockiert und beschämt über diese Ausgrenzung unter dem gegenwärtigen Pontifikat.

Nachstehend das Dossier von Enzo Bianchi, erschienen in „Vita Pastorale“, November 2022:

Hervorhebungen von uns.

Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Desiderio Desideravi, dass die Spannungen, die es leider rund um die Feier der Liturgie gibt, nicht als einfache Divergenz der Empfindlichkeiten gegenüber einer rituellen Form beurteilt werden können, sondern dass sie als ekklesiologische Divergenzen verstanden werden müssen. Deshalb fühlte er sich verpflichtet zu erklären, dass „die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. promulgierten liturgischen Bücher im Vergleich zu den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils der einzige Ausdruck der Lex Orandi des römischen Ritus sind“ (TC, Art. 1).

Der Ausdruck ist stark und zwingend, leugnet aber nicht, dass das bis zur Liturgiereform geltende Vetus Ordo in jenen Jahrhunderten ein Ausdruck des Lex Orandi des Römischen Ritus war.

Gewiss, die gegenwärtige katholische Liturgie, die ohnehin immer und ständig reformbedürftig ist, weil die Kirche semper reformanda ist, bringt das Gebet des Römischen Ritus zum Ausdruck, aber vor allem den Glauben der Kirche von heute, einen Glauben in der Tradition, der jedoch vertieft und bereichert wird, weil die Liturgie mit ihrer immer wieder erneuerten Feier wächst. Was für die Liturgie gilt, gilt auch für das Wort Gottes: Divina Scriptura cum legente crescit!

Andererseits sollte jeder daran erinnert werden, dass die Tradition das Fundament des Glaubens weitergibt. Die Gefahr besteht darin, sich an die Tradition zu klammern und nicht an das, was sie weitergibt. Eine Tradition lebt nicht, wenn sie nicht erneuert wird.

Deshalb bekräftigt Papst Franziskus in Desiderio Desideravi, dass das Mandat, das er als Nachfolger des Apostels Petrus erhalten hat, ihn dazu verpflichtet, die katholische Kirche in einem unablässigen Streben nach Einheit zu schützen und zu bestätigen. Aber niemandem entgeht, dass diese Einheit, nach der die ganze Kirche streben muss und die erst im Eschaton vollendet sein wird, von Teilen der Gläubigen, die der Tradition treu sein wollen und dies auch behaupten, in Frage gestellt und schließlich durch die aus dem Schisma des Bischofs Marcel Lefebvre entstandene Realität gebrochen wird. Es stimmt, dass die Präsenz der Traditionalisten in Italien sehr begrenzt ist, weshalb die italienische Kirche ihr nicht viel Aufmerksamkeit schenkt, aber wir wissen sehr wohl, dass die Traditionalisten in anderen Ländern – vor allem in Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten – eine etablierte Minderheit darstellen, die nicht klein ist und in Bezug auf Kommunikation und Sichtbarkeit sehr wirksam ist. In der katholischen Diaspora, unter immer weniger Katholiken, scheint ihre Präsenz bedeutsam und fähig, sich mit beharrlicher Militanz auszudrücken.

Es muss gleich klargestellt werden, dass es sich um eine bunte Präsenz handelt, die verschiedene Gesichter, verschiedene Stile, verschiedene Arten, in der kirchlichen Gemeinschaft zu sein, zeigt, mit sehr unterschiedlichen Arten, für den Fortbestand zu kämpfen: von einer überlegten und milden Kritik über eine fast ununterbrochene Anfechtung bis hin zu einer Delegitimierung der katholischen Kirche, von Papst Franziskus und den Bischöfen. Manchmal werden wir Zeuge, wie sich eine pflichtbewusste und kindliche Kritik in eine harte und überzeugte Anschuldigung des Verrats am Glauben und damit in eine Anklage wegen Häresie verwandelt.

Die Lage ist ernst, und es ist an der Zeit, diesen Teil der Kirche nicht mehr zu belächeln oder gar zu verhöhnen und zu verachten. Die Ökumene mit so vielen christlichen Gemeinschaften zu praktizieren, die manchmal stark am Kern des Glaubens an Christus verarmt sind, und nicht zu wissen, wie man auch mit den Traditionalisten in einen Dialog tritt und den Weg mit ihnen geht, ist sicherlich kein Zeichen echter brüderlicher Liebe und auch nicht des Bewusstseins, durch das unum baptisma, die eine Taufe, die uns zu Brüdern und Jüngern Jesu Christi macht, vereint zu sein.

Können wir zu einer gelassenen und milden Einsicht in diese Realität gelangen? In meinem Dasein als Mönch und als katholischer Christ, der immer auf das sehr unterschiedliche Leben in den Kirchen geachtet hat, habe ich immer Kirchen und Klöster christlicher Gemeinschaften aufgesucht, die nicht katholisch, sondern orthodox oder reformiert waren, so wie ich auch immer Gemeinschaften oder Klöster aufgesucht habe, die, um der Tradition vor der Liturgiereform treu zu bleiben, die Liturgie weiterleben konnten, indem sie sie mit dem Vetus Ordo feierten. Es genügte mir gewiss nicht, die Schönheit der Riten und des gregorianischen Gesangs zu betrachten, daran teilzunehmen und mich daran zu erfreuen, sondern ich schaute mir das menschliche und geistliche Leben dieser Gemeinschaften genau an und beobachtete immer eine aufrichtige Liebe zur Liturgie, eine ernsthafte und tiefe Treue zur klösterlichen Tradition, die mit einer evangelischen Intention gelebt wurde, reich an Initiativen und Arbeit, um die Situation aller Menschen zu leben, ein gemeinsames Leben, das zu großer Nächstenliebe fähig war. Ich habe daher meine Mitbrüder in die französische Abtei Le Barroux, eine blühende Gemeinschaft, geschickt, um das Brotbacken zu lernen, und während meiner Aufenthalte in diesem und anderen traditionalistischen Klöstern konnte ich mich davon überzeugen, dass es auch bei ihnen „schön und süß ist, miteinander zu leben“. Ich fühlte, dass sie einfach Brüder waren, und ich gestehe, dass ich mich unter ihnen wohler fühlte als in einigen Klöstern, die behaupten, dem Zweiten Vatikanischen Konzil treu zu sein, aber ein nicht-monastisches Ordensleben führen.

Das Interview, das der neue Abt von Solesmes nach seiner Audienz bei Papst Franziskus am 5. September 2022 gab, bleibt bedeutsam. Dom Geoffroy Kemlin leitet eine Kongregation von Klöstern, in denen einige nach dem vorkonziliaren Vetus Ordo zelebrieren, während andere der Reform von Paul VI. folgen, die in der gesamten lateinischen katholischen Kirche in Kraft ist. Es oblag ihm daher, den Papst über die Reaktionen auf Traditionis Custodes in Frankreich zu informieren und ihn zu fragen, wie er mit der Anwendung des Motu proprio in seinen Klöstern umgehen sollte. Papst Franziskus hatte ihm in diesem Zusammenhang gesagt, dass es ihm, dem Abt von Solesmes, obliegt, eine Entscheidung zu treffen, und nicht ihm, auch wenn er der Papst ist, weil er zweitausend Kilometer entfernt lebt. Wörtlich: „Du bist ein Mönch, und Unterscheidungsvermögen ist den Mönchen eigen. Ich sage euch weder ja noch nein, sondern ich lasse euch entscheiden“. Dieser Ratschlag, den der Papst auch einigen französischen Bischöfen gegeben hat, zeigt uns, dass der Papst wirklich die Einheit will, die einer Vielfalt von Riten nicht im Wege steht, solange der katholische Glaube an das eucharistische Geheimnis gewahrt bleibt.

Bei einer Audienz mit Papst Franziskus im Jahr 2014 fragte mich der Papst, was ich von den Traditionalisten halte, und ich sagte ihm: „Eure Heiligkeit, wenn sie das Zweite Vatikanische Konzil akzeptieren, wenn sie Ihr Amt als Nachfolger Petri wirklich anerkennen, wenn sie die Liturgiereform und die von Paul VI. geregelte Eucharistie für gültig erklären, dann sollen sie leben …“ Die Kirche muss eine plurale Gemeinschaft akzeptieren, sie kann nicht länger monolithisch in ihren Formen sein.

Ich bin nach all den Jahren, in denen die Eucharistie von einem Band der Einheit zu einer Ursache der Spaltung geworden ist, immer noch der gleichen Meinung. Und dafür ist es notwendig, dass nicht nur diejenigen, die in die Nostalgie der Vergangenheit zurückfallen – „Indietristen“, wie der Papst sie nennt – Verantwortung übernehmen, sondern auch diejenigen, die den Traditionalisten gegenüber nicht klar waren, sie waren doppelzüngig und zweideutig und drängten sie, ohne den Anschein zu erwecken, auf Positionen der Anfechtung und des Bruchs mit der Kirche zu sein.

Hat Ecclesia Dei immer mit Wahrhaftigkeit, Loyalität und Transparenz gehandelt, wenn es darum ging, einen Dialog mit diesen Teilen der Kirche zu führen?

Und auf welcher Seite standen einige Kardinäle und Bischöfe nach dem Konzil: auf der Seite der Befürworter des Zweiten Vatikanischen Konzils und der nachfolgenden Reform oder auf der Seite der Kritiker, die die Autorität des Konzils schmälerten?

Wir erleben heute schon so viele Spannungen und Widerstände in der Kirche, dass wir uns nicht einmal den Verlust des eucharistischen Friedens leisten können. Die Messe darf kein Ort der Anfechtung und der brüderlichen Spaltung sein, und damit sich ein Weg wahrer Gemeinschaft auftut, ist es notwendiger denn je, dass die Feier des Novus Ordo unter Vermeidung von Schlamperei, Banalität und Hässlichkeit praktiziert wird. Gegenwärtig macht es die Situation vielen Katholiken schwer, die Liturgie zu besuchen, um geistige Früchte daraus zu ziehen. Zu viel Protagonismus seitens des Priesters, zu viel Geschwafel, nachlässige und würdelose Gesänge, Predigten, die sich fast ausschließlich aus den Geisteswissenschaften, der Psychologie, der Kunstgeschichte speisen: das verzaubert alle, aber bekehrt niemanden.

Meiner Meinung nach ist die Situation dramatisch, und ich verstehe, dass die Liebhaber der Tradition immer wieder keinen Zugang Novus Ordo finden, sondern dem alten Ritus verhaftet bleiben, der niemals verachtet oder abgewertet werden darf. Die Liturgie, wenn sie kein geordnetes Mysterium ist, wenn sie nicht einmal in ihrer Einfachheit schön ist, wenn sie nicht eine Feier des Evangeliums ist, kann niemanden anziehen, auch nicht durch die Gnade. Die katholische Einheit kann und darf also keine Uniformität sein, sondern eine vielgestaltige Harmonie, eine plurale Gemeinschaft, in der jeder und jede Gelegenheit zur lebendigen Teilnahme findet. Traditionis Custodes und Desiderio Desideravi müssen eine Einladung an alle sein, den eucharistischen Glauben durch eine abendliche und schöne Feier der Eucharistie zu erneuern, die als Gemeinschaft und nicht als Anlass zur kirchlichen Spaltung gelebt wird.

Übersetzt mit Hilfe von http://www.DeepL.com

Liturgie in der Benediktinerabtei Le Barroux

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Der „Böse Geist“ von Trier

„Bei den Trierern scheint der Böse Geist seinen Sitz aufgeschlagen zu haben.“

So zitiert der ehemalige Trierer Liturgiewissenschaft und Professor Andreas Heinz den Kölner Kartäuserprior Johannes Reckschenkel (1526-1611). Dabei geht es nicht etwa um den heutigen Bischof von Trier, auch nicht um jene heutigen Bischöfe, die aus dem Trierer (xxx) stammen, wie etwa jene Eminenz, die in München residiert, oder jene Exzellenzen die auf Bischofsstühlen wie Limburg, Münster und Aachen sitzen.

In der Aussage des Kartäusers aus Köln ging es um Hexenverfolgungen im Trierer Land.

Doch jene sind Schelme, die bei dem Satz über die „Trierer“ andere Assoziationen haben könnten, oder ganz spezielle Hintergedanken …

(Siehe: Andreas Heinz, Bei den Trierern scheint der Böse Geist seinen Sitz aufgeschlagen zu haben. Ein bisher unbekannter Bericht des Kölner Karthäuserpriors Johannes Reckschenkel (1526-1611) über Hexenverfolgungen im Trierer Land, in G. Franz und Fr. Irsigler (Hgg.), Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, Trier 1995, 449-457.)

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Sed libera nos a malo.

Erlöse uns von dem und den Bösen,
– vor allem Übel.

Die gotische Kunst verwendete häufig den monströsen Mund, das Maul des Tieres, um die Hölle darzustellen. In diesem Jüngsten Gericht aus einem Manuskript des 15. Jahrhunderts sehen wir, wie die Verdammten in den Rachen der Hölle geworfen werden, während die Gerechten von Petrus im himmlischen Jerusalem begrüßt werden .

Petrus an der Himmelspforte, wo er die Geretteten empfängt –
und der Teufel, die Verdammten in den Höllenschlund wirft.

Miniatur. Frontispiz der Bußpsalmen. 15. Jh. – Miniature pleine page frontispice des Psaumes pénitentiaux

In der siebten (und letzten!) Bitte des „Vaterunser“ bitten wir Gott, unseren Vater, darum, dass er uns vor dem Bösen und dem Teufel (der von Anfang an ein Mörder ist und für unsere Vernichtung „arbeitet“), errettet.

„Werft all eure Sorge auf ihn, denn ihm liegt an euch!
Seid nüchtern und wachsam!
Euer Widersacher, der Teufel,
geht umher wie ein brüllender Löwe
und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,7-8)

Petrus erinnert hier an den Feind unserer Erlösung. Er fordert uns auf, wachsam und nüchtern zu sein, und nur dem Willen Gottes zu folgen. Er lehrt uns, dass wir darum beten sollen! Denn nur durch das Gebet gelangen wir zum himmlischen Vater. Wachsam sein und beten hilft uns, dass wir geistig gestärkt werden, wodurch wir befreit werden von Unglück und der Katastrophe den ewigen Tod zu erleiden.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
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Pater noster qui es in cælis:
sanctificetur Nomen Tuum;
adveniat Regnum Tuum;
fiat voluntas Tua,
sicut in cælo, et in terra.
Panem nostrum quotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a Malo.

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