Fest der heiligen Familie Jesus, Maria und Joseph

Nachdem die Verehrung der heiligen Familie vor allem in Kanada weite Verbreitung und durch Leo XIII. liebevolle Förderung gefunden hatte, schrieb Benedikt XV. 1921 das Fest für die ganze Kirche vor. Es läßt uns etwas vom Geheimnis des verborgenen Lebens Jesu zu Nazareth empfinden und stellt zugleich unsren christlichen Familien das Musterbild der heiligen Familie von Nazareth vor Augen.

Introitus (Prov. 23, 24 u. 25)

Exsultat gaudio pater Justi, gaudeat Pater tuus et Mater tua, et exsultet quæ genuit te. (Ps. 83, 2-3) Quam dilecta tabernacula tua, Domine virtutum! concupiscit et deficit anima mea in atria Domini. – Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto. Sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum. Amen. – …

In Freude jauchzt der Vater des Gerechten; Dein Vater freue Sich und Deine Mutter; es jauchze auf, die Dich gebar. (Ps. 83, 2-3) Wie lieb ist Deine Wohnung mir, o Herr der Himmelsheere! Verlangend nach dem Haus des Herrn verzehrt sich meine Seele. – Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. – …

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Die Ottaviani-Intervention

– oder: Warum schweigen die Hirten?

Tatsächlich muss man sich diese Frage angesichts der „Verwüstung des Weinbergs“ Kirche stellen. Besonders in diesen Tagen, da die Amazonas-Synode gerade zu Ende gegangen ist, droht sie zu zerreißen. Angesichts eines neues Schismas – wer erkennt nicht die Gespaltenheit innerhalb der katholischen Kirche – muss man sich aber die Frage stellen: wer ist bereit, Papst Franziskus die Stirn zu bieten?

Hat es nicht im bisherigen Pontifikat von Bergoglio so viele Momente, Worte und Taten gegeben, an denen die Hirten – nämlich die Bischöfe – hätten erkennen müssen, dass er der Kirche damit schadet? Sind sie nach St. Martha marschiert und haben interveniert, ja auf den Tisch gehauen? Daran erinnern wir uns nicht.

Viel eher erinnern wir uns, dass die Hirten eingeknickt sind. Selbst ein Kardinal Burke, ein ausgewiesener und großer Kirchenmann und Kenner der Rechte, hat kaum etwas erreicht. Nicht nur, dass er, wie andere auch, degradiert wurde und kein wirklich wichtiges Amt mehr inne hat: sogar als Kanonist konnte er nicht verhindern, dass die Hilferufe so mancher Ordensgemeinschaft, die sich an ihn richteten, offenbar keinerlei Erfolg hatten, er nichts ausrichten konnte und die darum zerstört wurden.

Es ist gut, sich zu erinnern.
Es ist notwendig, sich zu entscheiden.

„Sich an das Schweigen Ottavianis zu erinnern, ist nach einer Fußnote in Amoris laetitia und vor der Amazonas-Synode sicher lehrreich, ob es für Burke und Schneider auch vorbildlich wäre, sich diesem Beispiel anzuschließen, lasse ich offen, aber es wäre gewiss für solche Personenkreise konsequenter, die zumindest noch unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Papalismus grundsätzlich für traditionskonform gehalten haben. Unter Franziskus erleben wir freilich eine jetzt theologisch völlig entkoppelte Papolatrie der Emotionen, wie sie selbst unter Pius IX. ganz und gar undenkbar gewesen wäre.“

Der nachstehende Artikel „Die Ottaviani-Intervention“ wurde erstmals am 26. September 2019 bei SUMMORUM-PONTIFICUM veröffentlicht. Dem Autor des Beitrags danke ich für die Erlaubnis, ihn hier noch einmal veröffentlichen zu dürfen!

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(Hervorhebungen von mir.)

Von Clemens V. Oldendorf

Eigentlich ist es erstaunlich, wie wenig in diesem Jahr an die Liturgiereform Pauls VI., besonders an dessen Novus Ordo Missae, erinnert wird, den er vor fünfzig Jahren promulgierte. Die vereinzelten Beiträge und Initiativen, die daran erinnern, kommen aus der kritisierenden Ecke. Doch es fällt auf, dass der gestrige 25. September soweit wir sehen, völlig unbeachtet vorübergegangen ist. An diesem Datum übermittelten die Kardinäle Ottaviani und Bacci Papst Paul VI. die Kurze kritische Untersuchung des ‚Novus Ordo Missae‘, die zuvor von einer Arbeitsgruppe traditionsorientierter Theologen erstellt und durch die Unterschriften der beiden Purpurträger, die sich diese Kritik zueigen machten, erheblich aufgewertet wurde, zumal Ottaviani damals der oberste Hüter der reinen Glaubenslehre war und weit eher als der Panzerkardinal hätte apostrophiert werden können als ein Joseph Ratzinger, der ihm später in dieser Position nachfolgen sollte.

Wo bleiben Feierstimmung und Synodalität?

Wenn die Befürworter der Liturgiereform und die Vertreter der universitären Liturgiewissenschaft über ihr Jubiläum beinahe stillschweigend hinwegsehen und hinweggehen, dann vielleicht deshalb, weil sie in einer geschichtsvergessenen Zeit nicht unnötig daran erinnern wollen, dass die Liturgie der Kirche überhaupt jemals sichtlich anders gefeiert wurde als es jetzt landläufig üblich und prinzipiell auch so normativ vorgeschrieben ist.

Mit dem Stichwort normativ kommen wir auf die Missa normativa zu sprechen, die auf der Bischofssynode von 1967 gleichsam als Prototyp des Novus Ordo vorgestellt, um nicht zu sagen vorgeführt wurde und auf breiteste Ablehnung der Synodenväter stieß.

Die Voten und Beschlüsse einer Bischofssynode binden eben den Papst in seinen Entscheidungen nicht, und da der Novus Ordo, der zwei Jahre später kam, trotzdem fast 1:1 der Missa normativa entsprach, konnte man schon damals sehen, was Synodalität bedeutet, wenn ihre Tendenz dem Heiligen Vater eigentlich nicht in die Agenda passt.

Abweichen von der Lehre des Konzils von Trient

Doch zurück zur Kurzen kritischen Untersuchung. Sie kritisierte vor allem ein Aufweichen der Lehre von eucharistischer Realpräsenz und Opfercharakter, das aus den Einzelheiten und der Gesamtheit des Ritus, wie Paul VI. ihn vorgelegt hatte, in den liturgischen Texten und Gesten spreche, und die Kardinäle beschworen daher den Pontifex, der Kirche nicht die Möglichkeit zu nehmen, auch gemäß dem bisherigen Missale Romanum das heilige Messopfer darzubringen.

Wenn man die damalige Konstellation betrachtet, war sie eigentlich viel brisanter und massiver als beispielsweise das, was die Dubia zu Amoris laetitia heute darstellen. Vor allem war der Vorgang beachtlicher als das, was Kardinal Burke und Weihbischof Schneider in regelmäßigen Abständen nachreichen, seit die Dubia unbeantwortet geblieben sind.

Die eingestampfte erste Auflage

Die später auch Ottaviani-Intervention genannte Untersuchung war übrigens nicht folgenschwer, aber doch nicht völlig folgenlos, insofern Paul VI. die gesamte erste Auflage des Novus Ordo Missae einstampfen (!) ließ. Allerdings wurde dann nur die Definition der heiligen Messe, die dieser Ordo enthielt, durch Einschub einer Apposition mehr halbherzig ‚verbessert‘, am Ritus selbst änderte sich nichts mehr.

Was bleibt festzuhalten, und was sollte man vielleicht aus den damaligen Vorgängen für heute lernen?

Die Kritik wandte sich nicht gegen liturgische Missbräuche. Gegenstand der Kritik war ein Novus Ordo in Latein, am Hochaltar, ohne Ministrantinnen und Handkommunion. Schon dieser wich in den Augen der Autoren und Unterzeichner erheblich von der Lehre des Konzils von Trient über das heilige Messopfer ab, und doch würde eine solche Feier heute in Kreisen, die der Idee einer Reform der ‚Reform‘ nahestanden oder immer noch darauf hoffen, sicherlich schon als Ausdruck von Kontinuität der heutigen Liturgie mit ihrer traditionellen Praxis angesehen. Diese Form ist theoretisch wohl auch am ehesten der sogenannte Usus ordinarius, der rein theoretisch Referenzpunkt für liturgische Feiern gemäß Summorum Pontificum sein soll. Mit diesem Motu proprio wurde 2007 immerhin in etwa das ermöglicht, was Ottaviani und Bacci 1969 erbaten und nicht erhielten.

Und um historisch redlich zu bleiben, muss gesagt sein, dass Ottaviani später ausschließlich im Novus Ordo und sogar nur in italienischer Sprache zelebrierte und das, obwohl er ob seiner Stellung und auch schon wegen seiner Blindheit zweifelsohne leicht die Sondergenehmigung hätte erhalten können, am früheren Messbuch festzuhalten, die für alte, behinderte und gebrechliche Priester von Anfang an vorgesehen war, vorausgesetzt, dass sie privat und mit einem Ministranten unter sonstigem Ausschluss von Gläubigen zelebrierten. Ottaviani verlor später auch nie mehr ein Wort der Kritik an dem, was der Liturgiewissenschaftler Klaus Gamber wohl sachlich zutreffend als den neuen päpstlichen Ritus charakterisierte, um den Novus Ordo vom, über Gregor den Großen und Pius V. bis zu Paul VI. überlieferten, Ritus Romanus zu unterscheiden.

Sich an das Schweigen Ottavianis zu erinnern, ist nach einer Fußnote in Amoris laetitia und vor der Amazonas-Synode sicher lehrreich, ob es für Burke und Schneider auch vorbildlich wäre, sich diesem Beispiel anzuschließen, lasse ich offen, aber es wäre gewiss für solche Personenkreise konsequenter, die zumindest noch unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Papalismus grundsätzlich für traditionskonform gehalten haben. Unter Franziskus erleben wir freilich eine jetzt theologisch völlig entkoppelte Papolatrie der Emotionen, wie sie selbst unter Pius IX. ganz und gar undenkbar gewesen wäre.

Quelle : SUMMORUM-PONTIFICUM

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Die wahre Liturgie der Kirche

Súscipe, sancta Trínitas,hanc oblatiónem,quam tibi offérimus ob memóriam passiónis, resurrectiónis et ascensiónis Jesu Christi, Dómini nostri: et in honórem beátæ Maríæ semper Vírginis, et beáti Joánnis Baptístæ et sanctórum Apostolórum Petri et Pauli, et istórum et ómnium Sanctórum: ut illis profíciat ad honórem, nobis autem ad salútem: etilli pro nobis intercédere dignéntur in cœlis, quorum memóriam ágimus in terris. Per eúndem Christum, Dóminum nostrum. Amen.


Qui prídie quam paterétur, accépit panem in sanctas ac venerábiles manus suas, et elevátis óculis in cœlum ad te Deum, Patrem suum omnipoténtem, tibi grátias agens, bene + díxit, fregit, dedítque discípulis suis, dicens: Accípiteet manducáte ex hoc omnes.

HOC EST ENIM CORPUS MEUM.

Símili modo postquam cœnátum est, accípiens et hunc præclárum Cálicem in sanctas ac venerábiles manus suas: item tibi grátias agens, bene + díxit, dedítque discípulissuis, dicens: Accípite, et bíbite ex eo omnes.

HIC EST ENIM CALIX SANGUINIS MEI,
NOVI ET ÆTERNI TESTAMENTI:
MYSTERIUM FIDEI: QUI PRO VOBIS
ET PRO MULTIS EFFUNDETUR
IN REMISSIONEM PECCATORUM.

Hæc quotiescúmque fecéritis,
in mei memóriam faciétis.

 

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Zuerst wurden die Kreuzzeichen gestrichen

Schon während des 2. Vatikanischen Konzils, unmittelbar nach der Verabschiedung der Konstitution über die heilige Liturgie SACROSANCTUM CONCILIUM (SC) wurden in Pfarrkirchen und Klosterkirchen die ersten Veränderungen eingeführt. Es waren nicht nur etwa ein Teil der Gebete, die die Ministranten zu verrichten hatten, die wegfielen, ohne dass dies ein Kirchenbesucher gemerkt haben müsste. Ein weiterer Handstreich, den die Gläubigen nicht mitbekamen, geschah im Missale des Priesters auf dem Altar. Tatsächlich wurden von den Priestern (!!!) buchstäblich im Handstreich, nämlich mit einem Schreibstift, die vorgeschriebenen Kreuzzeichen aus dem CANON der Heiligen Messe ausgestrichen, getilgt. Dabei berief man sich auf Art. 25 SC: „Die liturgischen Bücher sollen baldigst revidiert werden; dazu sollen aus den verschiedenen Gebieten des Erdkreises Fachleute herangezogen und Bischöfe befragt werden.

Nur ein kleiner Handstreich. – Missale Romanum.

(Tridentinisches Konzil, 22. Sitzung 17. Sept. 1532:
Die Lehre vom Opfer der Messe):

„4 . Kapitel: Vom Kanon der Heiligen Messe
Und da es sich geziemt, dass das Heilige heilig verwaltet werde und dieses unter allen das heiligste Opfer ist, so hat die Katholische Kirche, damit es würdig und ehrfurchtsvoll aufgeopfert und empfangen werde, vor vielen Jahrhunderten den heiligen Kanon eingeführt, von allen Irrtum so rein, dass nichts zu ihm enthalten ist, welches nicht ganz vorzüglich von Heiligkeit und Frömmigkeit duftend, die Gemüter der Opfernden zu Gott erhebe. Da ja derselbige sowohl aus Worten des Herrn selbst, als aus Überlieferungen der Apostel und auch aus frommem Einrichtungen heiliger Päpste besteht.“

(Quelle)

Da Heiliges heilig verwaltet werden soll und dieses Opfer das heiligste von allem ist, hat die katholische Kirche, damit es würdig und ehrfürchtig dargebracht und empfangen werde, vor vielen Jahrhunderten den heiligen Kanon eingeführt, der so von allem Irrtum rein ist, daß nichts in ihm enthalten ist, das nicht in höchstem Maße den Duft einer gewissen Heiligkeit und Frömmigkeit verströmen läßt und die Gemüter derer, die es darbringen, zu Gott emporrichtet…“ (DH 1745)

Knapp und scharf wird daraus im dazugehörigen Kanon – sozusagen dem „Kanon über den (römischen) Kanon“ – die Folgerung gezogen: „Wer sagt, der Kanon der Messe enthalte Irrtümer und sei deshalb abzuschaffen, der sei im Banne.“ (DH 1756)

(P. Bernward Deneke FSSP: Konzil von Trient und heilige Messe; in: Dominus Vobiscum, April 2014).

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Die Sonntagspredigt – Schon vor dem Konzil: Wirres Durcheinander von Wahrheiten, Halbwahrheiten und unzutreffenden Behauptungen

Sehr geehrter Herr Pastor!

Eben komme ich aus der heutigen 10 Uhr-Messe. Ich halte mich als Mitglied der Pfarre für verpflichtet, Ihnen folgendes zu schreiben:

Ihre Predigten sind gut, wenn Sie sie vorbereitet haben, schlecht, wenn das nicht der Fall ist. Leider kommt das häufig vor.

Die heutige Predigt war unerträglich, Sie war mit Ihren Pflichten als Geistlicher auf der Kanzel einfach unvereinbar; […]

Es war ein wirres Durcheinander von Wahrheiten – Halbwahrheiten – unzutreffenden Behauptungen. Sie war daher voll von Widersprüchen […]

Sie dürfen den zahlreichen Besuchern des Gottesdienstes nicht bieten. Das gilt gleichfalls, abgesehen von besonderen hohen Festtagen, von der seelenlosen Ausgestaltung des Gottesdienstes, schlechter Gesang, unbekannte Lieder, Fehlen einer der Würde und der Bedeutung der hl. Messe entsprechenden Ausschmückung des Altares und des Chores […].

Konrad Adenauer am 17. Juli 1960 an Pastor Lemmen in Rhöndorf.

(Quelle: Konrad Adenauer. Der Kanzler aus Rhöndorf. WBG 2018)

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Erste Begegnung mit der „alten Messe“

Es sind allem voran bestimmte Begegnungen, die unserem Leben Richtung und Prägung geben.

Begegnungen, die aus dem flüchtigen Grau-in-Grau des Alltags hervorstechen. Die ihr Zeichen tief in Seele und Herz drücken. Und die uns wie verwandelt entlassen. Rückblickend erkennen wir sie als Fügungen göttlicher Vorsehung; als Wege der Gnade hin zum Leben in Fülle.

Die bescheidene Begegnung, von der hier die Rede sein soll, ereignete sich vor über 3 Jahrzehnten in einer Kapelle. Deren Besonderheit liegt nicht in hohem Alter und bedeutenden Kunstschätzen, sondern darin, daß sie zur Versammlungsstätte jener Katholiken geworden ist, die die heilige Messe im „alten Ritus“ besuchen wollen.

Der Verfasser dieser Zeilen hatte eigentlich keine Veranlassung, sich in den Kreis solcher Außenseiter zu begeben. Selbst Ministrant in seiner Pfarrei und aktiv in deren Jugendgruppen, war er im „normalen“ kirchlichen Leben zuhause und vertraut mit der Form des Gottesdienstes, die er von Kindertagen an als einzige kennengelernt hatte. Warum etwas Neues, auch wenn es das Ältere wäre?

Aber einige Vorkommnisse, teils abschreckender, teils erfreulicher Art, trieben zur Suche an und drängten mit wachsender Eindeutigkeit auf den Pfad der Tradition. So erlebte er auf der einen Seite die offene In-Frage-Stellung von Glaubenswahrheiten im Religionsunterricht und Abstoßendes in der Jugendarbeit und in Jugendgottesdiensten, an deren Gestaltung er selbst Anteil hatte.

Auf der anderen Seite standen Begebenheiten, die neue Horizonte eröffneten: eine intensiv religiöse Wallfahrt, die Entdeckung und Pflege „altertümlicher Frömmigkeitsformen“ (besonders des Rosenkranzgebetes) sowie die Lektüre wahrhaft katholischen Schrifttums.

Zum ersten Mal wurde der Glaube hier in seiner erregenden Größe und Schönheit, in seinem bindenden und bannenden Anspruch erfahren. Schwindelerregend hoch und abgrundtief, erhaben und innig zugleich erschien die Lehre von der eucharistischen Gegenwart Jesu und von der unblutigen Vergegenwärtigung Seines Liebes- und Lebensopfers in der heiligen Messe.

Warum nur waren dem praktizierenden und engagierten Jugendlichen alle diese Wahrheiten so lange beinahe vollständig vorenthalten geblieben? Und wo fanden sie überhaupt einen angemessenen Ausdruck? Im gewohnten gottesdienstlichen Leben jedenfalls war davon wenig auszumachen. Trotz – oder vielmehr: wegen? – der vielgepriesenen „Verständlichkeit“ der neuen Liturgie.

So wurde der Wunsch unabweislich, das, was bisher nur vom Hörensagen her bekannt war, mit eigenen Augen und Ohren mitzuerleben: die „alte Messe“. War sie, die von den Bauleuten Verworfene, nicht schon durch die bloße Kunde zum Eckstein im Herzen des Suchenden geworden?

Fast immer erspäht der junge Mensch in neuer Umgebung zuerst, was er denn da für Leute um sich habe. Erfreulich war die Entdeckung, daß sich in der Kapelle alle Altersstufen einfanden; und daß es sich keineswegs um lauter religiöse Fanatiker und frömmelnde Exzentriker (die es natürlich auch gab) handelte.

Die Formen der Ehrfurcht, im pfarrlichen Leben auf ein kaum noch zu unterbietendes Minimum reduziert und nur von wenigen Randexistenzen beibehalten, hatten bei diesen Gläubigen so gar nichts Übertriebenes an sich. Reine Selbstverständlichkeiten.

Und dann die heilige Messe selbst. Der Neuling sah sich einer eigenen Welt gegenüber. Die war ihm noch weithin verschlossen. Aber in ihrer erfüllten Stille und im erahnten Tiefsinn der Zeichen übte sie eine unaufdringliche und zugleich kraftvolle Anziehung aus. Bis auf die Predigt, weit und wogend wie das Meer, machte dieser Gottesdienst nicht den Eindruck eines Vortrages von Mensch zu Mensch, sondern einer Handlung, genauer noch: einer Begegnung.

Die Haltung und Ausrichtung des Zelebranten, der Ministranten und Gläubigen ließen keinen Zweifel mehr darüber, wer da im Mittelpunkt stand. Es fiel gar nicht schwer, an die wirkliche und persönliche Gegenwart des Erlösers in Seinem Opfer zu glauben. Alles redete ja davon. Alles lenkte die Aufmerksamkeit auf Ihn hin. Anstatt seine Person hervorzuheben, verschwand der Priester nahezu. Er tauchte gleichsam in dem liturgischen Vollzug unter und ging völlig auf in der Stellvertretung des einen Hohenpriesters Jesus Christus.

Aus der Hinwendung zum „Geheimnis des Glaubens“ heraus wandte er sich dann auch den Gläubigen zu. Aber ohne den Blick auf den Herrn zu verstellen. Keine störenden subjektiven Einlagen. Die heilige Messe hatte nicht das Gesicht ihres menschlichen Zelebranten. Sie war theozentrisch, christozentrisch.

Endlich hatte der Sucher den Ausdruck jenes eucharistischen Glaubens, der aus den Worten und Gebeten der Heiligen spricht, gefunden! Wohl waren die Zelebrationsrichtung, die lateinische Kultsprache und die lang empfundenen Phasen des Schweigens für den an Verständlichkeit und Abwechslung gewöhnten Meßbesucher zunächst fremdartig.

Durch den Entzug äußerer Beschäftigungen sah er sich plötzlich auf sein eigenes, armes Inneres zurückgeworfen: auf die Leere, den schwachen Glauben, die verkümmerte Fähigkeit zur Anbetung…

Doch gerade dadurch kam auch die Einsicht: Die heilige Messe ist eben ein Mysterium; ein Geheimnis, das nicht dem Fassungsvermögen des Menschen angepaßt werden darf, sondern dem sich dieses Fassungsvermögen durch die Gnade und eigenes Bemühen mehr und mehr anpassen soll.

Der innerste Mittelpunkt des Glaubenslebens kann nicht nach den Maßstäben Fernstehender gestaltet werden. Nur dem gläubigen Mitvollzug erschließt er sich nach und nach. In das wahrhaft Große wächst man erst mit der Zeit hinein.

Der Blick muß geläutert, das übernatürliche Sensorium geschärft werden. Dann beginnt das Abenteuer immer neuer, immer noch herrlicherer Entdeckungen.

Diese erste Begegnung läutete für den Verfasser eine Entdeckungsreise ein, die bis heute kein Ende gefunden hat. Auch die spätere „Gewöhnung“ an den traditionellen Meßritus im Priesterseminar und als Priester hat daran nichts geändert.

Während das Moderne in seiner Ausrichtung auf den „Menschen von heute“ veraltet, offenbart das Alte sich in ewiger Jugend, denn es ist in erster Linie ein „Hintreten zum Altare Gottes, zu Gott, der meine Jugend erfreut“ (Stufengebet der hl. Messe). In der Begegnung mit diesem Wunderwerk des Glaubens findet das abenteuerliche Herz, was es sucht: den unerschöpflichen Reichtum des Lebens in der Begegnung mit dem Herrn.

Von P. Bernward Deneke FSSP im Schweizerisches Katholisches Sonntagsblatt

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