Über das Messopfer

Alle guten Werke zusammen erreichen nicht den Wert eines einzigen Meßopfers, denn sie sind die Werke der Menschen; die Messe aber ist Gottes Werk. Mit ihr verglichen, bedeutet selbst das Opfer des Märtyrers nichts. Hier gibt der Mensch Gott sein Leben hin; in der Messe ist es Gott, der Seinen Leib und Sein Blut für den Menschen opfert.

Auf das Wort des Priesters steigt der Herr vom Himmel und schließt sich in die kleine Hostie ein. Gottes Blick wendet sich zum Altar. „Hier ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.“ Den Verdiensten dieses Opfers kann er nichts verweigern.

Oh wie wunderbar! Nach der Wandlung ist der liebe Gott hier bei uns wie im Himmel. (…) Wenn man uns sagte, um diese oder jene Stunde würde ein Toter auferweckt, wie schnell kämen da die Leute zusammen, um das zu sehen!

Aber ist nicht die Wandlung, wodurch Brot und Wein in das Fleisch und Blut Gottes verwandelt werden, ein viel größeres Wunder als eine Totenerweckung?

Wir sollten jedesmal wenigstens eine Viertelstunde darauf verwenden, uns für die heilige Messe gut vorzubereiten. Angesichts der tiefen Verdemütigung Christi im Sakrament der Eucharistie sollten auch wir uns vorher vor dem lieben Gott verdemütigen und unser Gewissen erforschen; denn, um einer Meßfeier gut beizuwohnen, müssen wir im Stande der Gnade sein.

(aus: Frossard, Janine. Ausgewählte Gedanken des heiligen Pfarrers von Ars, 1979)

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Gott, merk auf meine Hilfe!

Introitus vom 12. So na. Pfingsten (Ps 69,2-3)

Deus, in adjutorium meum intende:
Domine, ad adjuvandum me festina:
confundantur et revereantur inimici mei,
qui quærunt animam meam.
Avertantur retrorsum, et erubescant:
qui cogitant mihi mala.

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Gott, merk auf meine Hilfe;
Herr, eile mir zu helfen.
Zuschanden und beschämt werden sollen meine Feinde,
die nach dem Leben mir trachten.
Zurückweichen sollen und erröten,
die mir Böses wünschen.

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Die Stillmesse und das Verhalten von Papst und Bischöfen

Missa lecta oder Stillmesse

… Die alte stille Messe hatte diese Einfachheit. Man kann sagen, dass sie nicht großartig war, aber sie gab auch nicht vor, es zu sein. Was man nie sagen konnte, war, dass sie hässlich, albern oder sentimental war. Sie war verlässlich, wie ein Fels.

Die Kardinäle Cupich und Gregory, Bischof Burbidge von Arlington und andere beharren darauf, dass wir Katholiken nicht geeint sein werden, wenn wir nicht alle dazu bringen, die Schönheit und Kraft der lateinischen Messe aufzugeben – denn sie ist da, und selbst in einer stillen Messe ist die leise Kraft ebenso solide und zuversichtlich und fest.

Aber das ist wie die Forderung, dass wir die Schönheit dort finden sollen, wo sie nicht vorhanden ist, weil sie weggeschoren wurde, oder wo wir durch Banalität oder Albernheit oder Hässlichkeit oder politisch motivierte Beschneidung der Heiligen Schrift zerschlagen werden.

Es ist, als würde man sagen: „Ihr sollt euer Kommunionbänke abschaffen und gleichzeitig genauso tief berührt sein von der Vortrefflichkeit des Sakraments wie zuvor und von der Einheit des Volkes Gottes, das sich demütig von Christus speisen lässt.“

Es ist, als würde man sagen: „Du sollst die meisten Gemälde in deiner Kirche übermalen, und du sollst dich gleichzeitig in eine Familie und ihre jahrtausendealten Familiengeschichten eingebettet fühlen.“

Es ist, als würde man sagen: „Du sollst die Gesänge durch diese Lieder hier ersetzen, von diesen Verfassern, die kein bisschen Poesie schreiben können und die seit dem heiligen Ambrosius keine christlichen Hymnen mehr studiert haben, Lieder, die bestenfalls sentimental und harmlos, schlimmstenfalls dumm und häretisch sind, und du sollst singen, und du sollst in der Seele emporgehoben werden, ob du willst oder nicht.“

Es ist, als würde man sagen: „Du sollst dich mit löchrigen Bibeltexten begnügen, die von Leuten übersetzt werden, deren literarische Leistungen sich für ein angemessenes Memorandum im Büro eignen, und du sollst dich von ihrer Beredsamkeit anrühren lassen, und du sollst nicht merken, was fehlt.“

Es ist, als würde man sagen: „Ihr sollt euch mit Gebeten begnügen, die große Bereiche des geistlichen Lebens ignorieren. Ihr sollt euch mit Gebeten begnügen, die in Orange, Gelb und Weiß gemalt sind. Ihr sollt euch nie nach dem tiefen Rot des Leidens und dem düsteren Blau der einbrechenden Nacht sehnen. Ihr sollt das Schöne und Angenehme wollen – niemals die Angst vor dem ewigen Verlust, niemals ein offenes Eingeständnis, wie elend ihr seid, immer ein Lächeln und ein Schulterklopfen. Ihr sollt kaufen, was der Händler an guten Gefühlen zu verkaufen hat. Damit sollt ihr glücklich sein, sonst setzt es was.“

Muss ich noch mehr sagen?

„Jungs, ihr solltet euch von den Mädchen da vorne inspirieren lassen, um am Altar dienen zu wollen.“

„Männer, ihr solltet besser aufpassen, und wenn ihr nicht gerne Händchen haltet, werden wir euch nicht vermissen.“

„Leute, nur weil der Priester euch die ganze Zeit anschaut und euch anstrahlt und ein bisschen posiert, weil er das Gefühl hat, dass er auf der Bühne steht, müsst ihr das Anstrahlen mögen oder ihr müsst euch zwingen, darüber hinwegzudenken, damit ihr euch auf Gott konzentrieren könnt.“

Man hat festgestellt, dass die meisten Menschen, die an einer Novus Ordo-Messe teilnehmen, nicht glauben, dass sie gültig ist: Sie glauben nicht, dass die Messe die Kraft hat, Christus im Sakrament mit Leib, Blut, Seele und Gottheit gegenwärtig zu machen.

Sollten die Kardinäle und Bischöfe, die ich erwähnt habe, das für eine schreckliche Sache halten, für ein Zeichen ihres Versagens, dann habe ich das nicht gehört. Glauben sie, dass die Eucharistie die einzige Wirklichkeit ist, die uns einigen kann? Oder halten sie sie für ein Zeichen dafür, dass wir bereits eins sind, in unseren guten Gefühlen und einer kleinen und vagen Reihe von moralischen Überzeugungen? Das hieße, unsere angebliche Einheit in ein Sakrament zu verwandeln und Jesus auf ein Maskottchen zu reduzieren.

Ich stelle die Gültigkeit des Novus Ordo nicht in Frage. Ich zweifle allerdings an der Wirksamkeit, ja sogar an der Glaubwürdigkeit und der Vernunft von fast allem, was mit dem Novus Ordo zusammenhängt – und die Verächter der lateinischen Messe zeigen keine Anzeichen dafür, dass sie ihn reformieren wollen.

Nehmen Sie das ganze Paket, alles in allem. Es funktioniert nicht. Es hat nicht funktioniert. Es wird nicht funktionieren, weil es der menschlichen Natur zuwiderläuft, weil es nicht die ganze Bandbreite der Bedürfnisse des Menschen anerkennt, wenn er vor Gott steht, und weil es auf subtile, aber durchdringende Weise dazu neigt, Religion zu einem angenehmen Hobby und Gott zu einem Steckenpferd zu machen.

Ich beziehe mich hier auf das Ganze, auf die typische Erfahrung der Messe seit 1970, und ich spreche in allgemeinen Begriffen, die nicht auf jede Gemeinde und schon gar nicht auf jedes Gemeindemitglied zutreffen.

Ich bin mit Priestern gesegnet, die etwas von Schönheit verstehen und die daran denken, dass Gott im Mittelpunkt unseres Gottesdienstes steht und nicht wir selbst. Aber Neuerungen, die allgemein gelten, müssen auf ihre allgemeine Wirkung hin überprüft werden.

Vielleicht denken die Bischöfe gar nicht an die Liturgie, sondern an das Volk, um dessen Frömmigkeit sie es beneiden und dessen moralischen Konservatismus sie verabscheuen. Ist es das?

Sind diese Menschen mehr zu bestrafen, weil ihre Kirchen voll sind? Man könnte sagen: „Lasst uns von dem lernen, was sie tun.“ Man könnte sagen: „Wir sollten auch in unseren Kirchen echte Musik haben.“

Warum freut ihr euch nicht über ihren Glauben? Sie glauben, dass ihr einen Groll gegen sie hegt. Warum gebt ihr ihnen Recht?

Ganzer Artikel und Quelle bei CNAdeutsch

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Liturgische Tage in Randol: Liturgie – Tor zum Himmel

22. bis 24. August 2022: Nach zweijähriger Unterbrechung findet wieder eine liturgische Tagung in der südfranzösischen enediktinerabtei von Randol statt.

Die Liturgie muss erklärt werden, während sie uns auf lebendige Weise lehren soll, was das christliche Leben ist. Es muss deutlich werden, dass die Liturgie das Tor zum Himmel ist, geistliches Leben auf höchstem Niveau. Leben ist Kommunikation und Austausch. Das geistliche Leben ist ein Handel mit Gott durch Wissen und Liebe, ein „bewundernswerter Handel“. Die Liturgie ist auch ein „bewundernswerter Handel“ zwischen Gott und den Menschen. Es ist eine Leiter zwischen Himmel und Erde, ein „Loch im Himmel“: Es erlaubt Gott, seine Gaben zu den Menschen herabzubringen und den Menschen ihre Gebete zu Gott zu erheben.

Abbaye de Randol
285 route de Randol,
63450 Cournols
https://randol.org/

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Vom heiligen Meßopfer

Nach der Lehre des Konzils von Trient

Um die ewige Erlösung zu wirken (Hebr. 9,12), wollte Christus sich einmal auf dem Altare des Kreuzes dem Vater zum Opfer darbringen. Sein Priestertum sollte aber mit seinem Tode nicht aufhören. Deshalb brachte er beim letzten Abendmahl seinen Leib und sein Blut unter den Gestalten von Brot und Wein Gott Vater dar und wollte damit seiner Kirche ein Opfer hinterlassen, durch welches das blutige, einmal am Kreuze darzubringende Opfer vergegenwärtigt, das Andenken daran bis zum Ende der Welt festgehalten und seine heilsame Kraft zur Nachlassung der Sünden zugewendet würde, die von uns täglich begangen werden.
(Trid. Sess. XXII, c. I).

MISSALE ROMANUM

 

Das Konzil von Trient bringt das Opfer der heiligen Messe mit der Passahfeier im Abendmahlsaal und mit dem Opfer Christi am Kreuze in Verbindung. Es erklärt: die heilige Messe ist ein «wahres und eigentliches Opfer». Die Opfergabe, die Gott in der heiligen Messe dargebracht wird, ist ein und dieselbe wie jene, die einst am Kreuze geopfert wurde, nämlich Christus, der Gottmensch, eine reine, heilige, unbefleckte, Gott vollkommen wohlgefällige Opfergabe, eine Opfergabe von unendlichem Wert. Darin liegt die überragende Würde des Opfers der heiligen Messe, daß wir in ihr Christus selbst, den lebendigen Christus mit Gottheit und Menschheit, mit seinem heiligen Innenleben, mit seinem Beten, Lieben, Lobpreisen und Sühnen, mit den unendlichen Verdiensten seines Erdenwirkens und mit der überschwenglichen Fülle der Güter und Werte seines erklärten Lebens im Himmel als unsre Gabe vor Gott bringen können. Die Macht dazu ist uns durch die heilige Taufe verliehen worden: dazu sind wir Getaufte, Christen, um diese erhabene Opfergabe Gott mit dem Priester darbringen zu können und ihm dadurch eine vollkommene, Gottes wahrhaft würdige Verherrlichung zu bieten und so den Zweck unsres Daseins ganz zu erfüllen.

Die Gestalten von Brot und Wein sind zum Vollzug des eucharistischen Opfers wesentlich notwendig, da sie das Opfer Christi in der heiligen Messe zu einem sichtbaren Opfer machen. «Die Natur des Menschen verlangt ein sichtbares Opfer» (Konzil von Trient).

Christus der Opferpriester

Christus ist in der heiligen Messe zugleich die Opfergabe und der Opferpriester. Am Kreuz und auf dem Altar haben wir «ein und dieselbe Opfergabe und ein und denselben Opfernden [Priester]» (Konzil von Trient). «Weil im Alten Testament wegen der Unzulänglichkeit des levitischen Priestertums die Vollendung [das Vollkommene] nicht erreicht werden konnte, mußte ein anderer Priester auftreten, unser Herr Jesus Christus» (Konzil von Trient). In der heiligen Messe steht der «heilige, schuldlose, reine Hohepriester, der nicht aus der Zahl der Sünder, sondern über alle Himmel erhaben ist» (Hebr. 7, 26), am Altar. Sein Beten und Opfern hat einen unendlichen, göttlich großen Wert. Jedes Opfern und Beten eines Geschöpfes im Himmel und auf Erden, das nicht in das Opfern dieses Hohenpriesters und Hauptes der Menschheit irgendwie einbezogen und mit ihm eins geworden ist, wäre gehaltlos, eine Schale ohne Kern, vor Gott ohne Wert und Wirkung.

Christus und der menschliche Priester

Christus ist in der Feier der heiligen Messe der eigentliche Priester und Opferer. Aber er opfert durch den sichtbaren, d.h. durch den geweihten menschlichen Priester. Dieser besitzt in seinem Priestertum kein anderes Priestertum als das Christi selbst, er übt Christi unsichtbares Priestertum in sichtbarer Weise aus, ganz und gar abhängig vom Hohenpriester, als dessen Werkzeug und Stellvertreter. So ist und bleibt Christus der eigentliche Priester. Er ist dies in der heiligen Messe nicht etwa bloß dadurch, daß er sie eingesetzt und sie darzubringen befohlen hat; auch nicht bloß dadurch, daß sie ihre Kraft und Wirksamkeit von ihm hat, oder bloß dadurch, daß er Priester und Gläubige zur Feier und Mitfeier der heiligen Messe anregt, sondern vor allem durch die unmittelbare und persönliche Darbringung des eucharistischen Opfers. Christus opfert, indem er in jeder heiligen Messe, durch die Kraft seiner Gottheit und Menschheit, mittels des geweihten Priesters Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut verwandelt. In der Verwandlung (Konsekration) vollzieht sich die eigentliche Opferhandlung der heiligen Messe. Diese Verwandlung nimmt aber in jeder heiligen Messe Christus selber vor: «Das ist mein Leib. Das ist mein Blut.» In jeder Messe betätigt er seine priesterliche Gesinnung Gott und den Menschen gegenüber, die vollkommene Hingabe an den Vater zum Heile der Menschen. Mag der geweihte Priester, der Mensch, auch unvollkommen sein, mag er mit Schwachheiten und Sünden behaftet, ja mit unreinen Händen am Altare stehen, das Opfer, das er darbringt, bleibt doch immer rein: das Opfer Christi. Deshalb ist das eucharistische Opfer stets und überall das heilige, unbefleckte Opfer und, wie das Opfer am Kreuz, von unendlichem Wert und unendlicher Vollkommenheit.

Opferhandlung – Konsekration

Zum Opfer gehört außer der Opfergabe und dem Opferpriester auch die Opferhandlung. Die eucharistische Opferhandlung ist in der Konsekration des Brotes und Weines beschlossen. Die «Opferung» der Messe ist nicht die eigentliche Opferhandlung: sie ist die Überbringung der Opfergaben auf den Altar, die liturgische Zubereitung der Opfergaben und zugleich der sichtbare Ausdruck unsrer Teilnahme am Opfer, da die Opfergaben auch ein Sinnbild von uns sind (Opfervorbereitung). Wahre und wirkliche Opferhandlung ist die heilige Wandlung. Gerade als Opferhandlung muß die Wandlung irgendwie der sinnlich wahrnehmbare, menschliche Ausdruck der inneren Opfergesinnung Christi und der sich mit ihm opfernden Kirche sein.

Wie bringt nun die heilige Wandlung die innere Opfergesinnung Christi, seine restlose Selbsthingabe an den Vater, sichtbar zum Ausdruck? Sicher ist, daß Christus, und zwar indem er als Haupt der Kirche und mit seiner Kirche opfert, im Opfer der heiligen Messe die Opfergesinnung, die er am Kreuze hatte, unverändert besitzt und zur Darstellung bringt, freilich nicht mehr in der Form eines blutigen, qualvollen Sterbens, sondern «in unbIutiger Weise» (Konzil von Trient). Sicher ist, daß die heilige Messe wie das Kreuzesopfer ein wahres, in der Gegenwart sich vollziehendes Opfer ist. Bei diesem Opfer wird an der Opfergabe eine Handlung vorgenommen, in der der Heiland seine ewig bleibende, unendlich vollkommene Gesinnung gegen Gott, von der er am Kreuze beseelt war, zum Ausdruck bringt und für die Ehre Gottes und unser Heil fruchtbar macht.

Messe und Kreuzesopfer

Deshalb ist die heilige Messe in ihrem Wesen eine Nachbildung des Kreuzesopfers Christi, aber nicht ein leeres, schattenhaftes Bild, wie es etwa ein Passionsspiel ist, sondern eine wirkliche Darstellung, in welcher derselbe Christus, der sich am Kreuze opferte, lebendig, wenn auch nicht in blutiger Weise, im gleichen Geist und mit derselben inneren Gesinnung sich opfert wie ehedem am Kreuze. Die heilige Messe ist demnach ein lebendiges, die Wirklichkeit geheimnisvoll in sich schließendes Bild, eine lebendige Vorführung und in diesem Sinne eine wesenhafte Vergegenwärtigung oder Erneuerung (Röm. Katechismus) des Kreuzesopfers. Die heilige Messe schließt also eine innere und wesenhafte Beziehung zum Kreuzesopfer ein und ist nur in dieser Hinordnung auf das Kreuzesopfer ein wahres Opfer.

Darin liegt die Würde und Bedeutung der heiligen Messe, daß sie ein und dasselbe Opfer ist wie das am Kreuze, ebenso heilig, ebenso gottgefällig. Deshalb verschafft auch sie Gott unendliche Ehrung, bietet ihm unendlichen Lobpreis, unendliche Danksagung und Anbetung. Für uns aber zeitigt jede heilige Messe dieselbe Frucht wie das Kreuzesopfer: sie wendet uns die von Christus am Kreuze erworbenen Verdienste, Gnaden und Genugtuungen zu.

Messe und Leben Christi

Weil die heilige Messe ihrem innersten Wesen nach zum Kreuzesopfer in Beziehung steht, muß sie zuallererst aus diesem verstanden und erklärt werden. Das Kreuzesopfer ist der klarste Ausdruck der Opfergesinnung, des vollkommenen Gehorsams und der liebenden Selbsthingabe Christi an den Willen Gottes. Aber Christi Tod am Kreuz ist nicht das Letzte. Zum Werke der Erlösung gehört nicht bloß das Sterben Christi, seine Erniedrigung, sondern auch die Auferstehung und die Himmelfahrt, seine Erhöhung und Verklärung. Tod und Auferstehung Christi gehören zusammen wie Erlösung von der Sünde und Mitteilung der Gnade. «Um unsrer Sünden willen ist er gestorben und um unsrer Rechtfertigung willen ist er auferstanden» (Röm. 4,25). Die Verklärung Christi ist die Vollendung seines Sterbens, sie gehört zur Vollständigkeit der Erlösung und bildet mit dem Leiden und Sterben Christi ein Ganzes. So steht geschrieben: «Christus mußte leiden und am dritten Tage auferstehen» (Luk. 24,46). Die Verklärung Christi ist nicht bloß Opferlohn, sie ist auch Opferziel. Deshalb ist die heilige Messe ein Gedächtnis nicht bloß des Leidens, sondern auch der Auferstehung und Himmelfahrt Christi, seines verklärten Lebens und Wirkens. Die ganze Erlösungstat Christi, die ihren Höhepunkt hat in Tod und Auferstehung, ist so der Inhalt der Feier der heiligen Messe (vergl. das Kanongebet «Unde et memores» nach der Wandlung).

Messe und Kirchenjahr

Trotz aller Verschiedenheit der im Opfer der heiligen Messe gefeierten Festgeheimnisse und trotz aller Abwechslung in den Lese- und Gesangsteilen bleibt das Meßopfer immer und notwendigerweise eine Abbildung und Darstellung des Kreuzestodes Christi, an Weihnachten ebenso wie an Ostern oder am Feste der heiligsten Dreifaltigkeit. Ob im Sinne der Liturgie Christus in der heiligen Messe als Herr und König oder als Mann der Schmerzen oder als Arzt und Totenerwecker auftritt, immer erscheint er hier als der, welcher als Haupt seiner Kirche seinen Opfertod am Kreuze unblutig erneuert und opfernd uns dessen Früchte zuwendet. Freilich wechseln diese Früchte und Gnaden, je nach dem Festgeheimnis und je nach der Verfassung unsrer Seelen. Ja man kann sagen, daß in der eucharistischen Feier die einzelnen Ereignisse des Lebens Christi, wie sie im Laufe des Kirchenjahres vor uns treten, in gewissem Sinne lebendige Wirklichkeit werden. Denn auf dem Altar erscheint wahrhaft und persönlich derselbe Heiland, der einmal geboren wurde, litt, starb und jetzt im Himmel thront, den wir im Evangelium lehren und heilen sehen; beim heiligen Opfer macht er an den Gliedern seines mystischen Leibes in besonderer Weise die Gnaden wirksam, die er in den verschiedenen Geheimnissen seines Erdenlebens seiner Kirche einmal erworben hat. So bildet und baut Christus im Laufe der Zeiten und gerade im Kirchenjahr seinen mystischen Leib aus, die Kirche.

Opfer der Kirche

Die heilige Messe ist nicht bloß das Opfer Christi, sie ist auch das Opfer der Kirche; sie wird von der Kirche und durch die Kirche Gott dargebracht. Im Opfer der heiligen Messe besitzt die Kirche ihr erhabenstes Gut, ihren größten Reichtum, die höchste Form ihrer Frömmigkeit. In ihr kann sie dem unendlichen Gott einen unendlichen Erweis von Liebe und Dankbarkeit darbieten, einen unendlichen Ersatz für jede Sünde und Schuld. In ihr wird Christi Opfern und Beten das Opfern und Beten, Lieben und Lobsingen der Kirche und ihrer einzelnen Glieder. In ihr wird die Kirche selbst die Priesterin der Menschheit und der Gesamtschöpfung und singt Gott durch Christus und mit Christus und in Christus den Hymnus des vollkommensten Lobpreises. In ihr erfüllt die Kirche ihren eigentlichsten und ersten Beruf, für den sie geschaffen ist und in den Wassern der Taufe neugeboren wird. Heiligeres, Segenvolleres kann sie nicht vollbringen, als was sich in der Feier der heiligen Messe vollzieht. Heiligeres, Segenvolleres gibt es auch für den Christen nicht, als die heilige Messe im rechten Geiste mitzufeiern.

Dies geschieht dadurch, daß wir in Christus und mit Christus, unsrer Opfergabe, uns selbst mitopfern. Die Opfergabe vertritt die Stelle dessen, der sie darbringt. In der Opfergabe bringt der Opfernde sich selbst zum Opfer; tut er dies nicht, so opfert er rein äußerlich und nur unvollkommen.

Wenn wir zur heiligen Opferfeier kommen, sind wir erschienen, nicht um irgend eine Privatandacht zu verrichten, um irgend etwas zu beten oder eine Betrachtung zu machen, z.B. über die Geheimnisse des Leidens Christi, auch nicht um bloß die Meßgebete mitzubeten, sondern um das heilige Opfer zu feiern und, wenn es möglich ist, seine Frucht, die heilige Kommunion zu empfangen. Wir kommen, um in geistiger Gemeinschaft mit der Kirche im großen und mit der in dem Gotteshause zur Opferfeier verbundenen Teilkirche (Pfarrei), in Gemeinschaft mit dem zelebrierenden Priester am Altare und mit dem uns in sein Opfer aufnehmenden Hohenpriester Christus zu beten und zu opfern. Wir kommen, um Christus als unsre Opfergabe zu erwarten, um ihn dann mit der ganzen Fülle seines heiligsten Herzens, mit seinen Gebeten und Tugenden der allerheiligsten Dreifaltigkeit darzubieten, zum Ausdruck unsrer Liebe, Anbetung, Hingabe und Huldigung. Wir kommen, um im äußern Opfern auch uns selbst zu einem Opfer mit Christus zu machen, um in die Opfergesinnung Christi einzugehen.

Die Feier der heiligen Messe ist wesenhaft Gemeinschaftsfeier, in welcher der einzelne in das Leben, Denken, Wollen und Tun der Gemeinschaft eingeht und sich in der Gemeinschaft Christus, dem sich opfernden Hohenpriester und Haupte, hingibt. Da kommt die «Gemeinschaft der Heiligen» mit ihrem wundervollen, übernatürlichen Lebens- und Güteraustausch zur herrlichsten Entfaltung.

Bei der Feier der heiligen Messe treten wir in Opfergemeinschaft mit den Heiligen und Seligen des Himmels, unsern verklärten Brüdern und Schwestern. Sie legen ihre Gebete und Verdienste, ihre Tugenden und Abtötungen, ihre Entsagung und Buße, ihre Liebe zu Gott, ihr heldenhaftes Wirken und Leiden in unsre Hand, damit wir dies alles als unser Eigentum und unsre Opfergabe durch Christus und mit Christus dem himmlischen Vater darbringen. So wird diese Opfergabe duftend vom Wohlgeruch ihrer Tugenden, ihrer Jungfräulichkeit, Demut, Nächstenliebe – duftend vom Wohlgeruch der Reinheit und Heiligkeit der hehren Gottesmutter, der Apostel, der Martyrer, der Bekenner und Jungfrauen (vgl. die Secreta am Feste der hl. Katharina von Siena, 30. April).

Wir treten auch in lebendige Opfer- und Gütergemeinschaft mit den Gliedern der Kirche auf Erden. Ein Gedanke, ein Wille, ein Streben verbindet uns, wenn wir zur heiligen Feier um den Altar geschart sind. Wie schön äußerte sich diese Gemeinschaft im Opfergang der früheren Jahrhunderte! Was der einzelne zum Altare brachte, gehörte der Gesamtheit und wurde die Opfergabe aller, die Gabe, an der dann alle im Opfermahl gleichmäßig teilnahmen. Diesen Gedanken bringt z.B. die Secreta des fünften Sonntags nach Pfingsten zum Ausdruck mit den Worten: «Was die einzelnen zur Ehre Deines Namens dargebracht, möge allen zum Heile dienen

In erster Linie treten wir aber in Opfergemeinschaft mit Christus. Er gibt sich uns selbst mit allem, was er ist und hat, er gibt uns seine Tugenden, seine Gebete, seinen Gehorsam, seine Demut, die Verdienste seiner Kindheit, seines verborgenen und öffentlichen Lebens, seines Leidens und Sterbens, die Reichtümer seines verklärten Lebens und legt dies alles in unsre Hände, damit wir es als unsre Gabe dem Vater weihen.

Opfergemeinschaft mit der verklärten Kirche im Himmel, mit der streitenden Kirche auf Erden und mit Christus fordert aber von dem, der die heilige Messe innerlich mitfeiern will, Hingabe an die innere Gesinnung der Kirche und ihres Hauptes Christus: Absage an die Sünde, ein Leben, das mit der heiligen Taufe, ihren Gnaden und Verpflichtungen Ernst macht.

Ein Opferwille verbindet in der heiligen Messe Christus und seine Kirche, die Gemeinschaft und die einzelnen; alle, die die heilige Messe mitfeiern, sollen sich in einem Liebesopfer vereinen, im selben Drang der vollkommenen Hingabe an den Vater, in dem einen Geiste Christi, der mit ihnen eine Opfergabe geworden ist. Wer dieses Eingehen in Christus und in die Gemeinschaft tiefer erfaßt und eifriger betätigt, der hat auch reicheren Anteil an den Früchten der heiligen Messe. Engere Opfergemeinschaft bringt auch reichlichere Opferfrucht. So soll die Opferfeier der Heiligen Messe im Mittelpunkt der katholischen Frömmigkeit stehen.

Messe und Erlösung

In der ununterbrochenen Feier der heiligen Messe steht die Kirche gleichsam immer am Fuße des Kreuzes. Aus Christi Blut wird sie immerfort neu geboren, erhält sie neue Kraft, stetes Wachstum. Aus der heiligen Messe, die ja das Kreuzesopfer gleichsam verewigt und festhält, strömen der Kirche, und in ihr den einzelnen, alle Gnaden zu: die Kraft der heiligen Sakramente, die Kraft der heiligen Weihen, die Kraft zum Heldenmut in Opfer und Entsagung, die Kraft zur Erwerbung der ewigen Verklärung.

Das Werk der Erlösung ist in der Kirche und in den einzelnen noch nicht vollendet. In der heiligen Messe und durch sie wird es stets weiter vollzogen und seiner Vollendung entgegengeführt. Deshalb betet die Kirche : «So oft man das Gedächtnis dieses Opfers feiert, wird das Werk unsrer Erlösung vollzogen» (Secreta am 9. Sonntag nach Pfingsten). Die heilige Messe schöpft die erlösende, heiligende, gnadenspendende Kraft aus dem Kreuzesopfer; dieses wirkt sich aus im Opfer der heiligen Messe. In diesem Sinne kann die Liturgie sagen: «Wir opfern dir [in der heiligen Messe] jenes Opfer, von dem jedes Martyrium seinen Ausgang nahm» (Secreta vom Donnerstag in der 3. Fastenwoche). Jede Kraft zum Martertod und jede Gnade, für Christus den Tod zu erleiden, quillt ja aus dem Kreuzesopfer Christi, das in der heiligen Messe vergegenwärtigt wird, in ihr seine Kraft ausstrahlt und den Seelen einströmt. In diesem «einen Opfer» des Kreuzes, das in der heiligen Messe «erneuert» wird (Röm. Katechismus), sind alle Opfer des Alten Bundes zur Vollendung gebracht (Secreta am 7. Sonntag nach Pfingsten). Dort war nur der Schatten, im Opfer auf dem Altar ist die Wirklichkeit: Christi Opfer.

Opfermahl

Die Opferfeier findet naturgemäß im Opfergenuß, Opfermahl, ihren Abschluß. Die «Kommunion» ist nicht ein Wesensbestandteil der Opferhandlung im strengen Sinne, gehört aber doch zur Vollständigkeit des Opfers, ähnlich wie die Auferstehung und Verklärung Christi zur Vollständigkeit des Erlösungswerkes Christi am Kreuze gehört. Der Vater hat unsre Opfergabe, Christus, wohlgefällig angenommen. Was wir in Form der Opfergabe durch Christus zu ihm emportrugen und vor sein Angesicht brachten, das steigt nun in Form der Gnade und des Segens auf uns hernieder als ein wirksamer Friedenskuß des Vaters für seine Kinder, als eine liebevolle Umarmung der Kinder im Sohne seiner Liebe, an dem er sein ganzes Wohlgefallen hat. Als Sünder traten wir mit dem Priester an den Altar; Christus wurde unsre Opfergabe. Jetzt empfangen wir in wunderbarem «Austausch» in der heiligen Kommunion den verklärten, geopferten Christus, unsre Opfergabe, damit sie uns mit göttlichem Leben, mit Christi Geist und Gesinnung erfülle und unsern Willen in seinen Opferwillen hineinziehe und für den neuen Tag, die neue Woche mit seiner Hingebung an den Vater verbinde (vgl. die Secreta des 18. Sonntags nach Pfingsten).

So sind wir im Opfermahl Träger der Gesinnung Christi geworden. Nun soll der Opferduft in die Mühen und Beschwerden des Tages hineingetragen werden. Das Mitopfer mit Christus, das Opfermahl, hat uns stark gemacht, alles zu tragen, allem zu begegnen, alles zu einer Ausstrahlung des großen Werkes zu machen, das wir in der heiligen Messe vollzogen haben. Das Morgenopfer will umgestaltend, segnend, heiligend das ganze Tun und Lassen des Tages ergreifen und es zu einer wohlgefälligen Opfergabe für Gott machen.

«Durch Ihn [Christus] und mit Ihm und in Ihm ist Dir, Gott, dem allmächtigen Vater alle Ehre und Verherrlichung» – in der Feier der heiligen Messe, dem Wesenskern und Mittelpunkt des ganzen christlichen Lebens.

Wert und Wirkungen der heiligen Messe

Jede heilige Messe ist ihrem Zwecke nach ein Anbetungs-, Dank-, Sühn- und Bittopfer und kann und soll deshalb für die verschiedenen Nöte der Kirche und der Einzelperson, zur Nachlassung der Sünden, zur Genugtuung für die Sünden, für die Lebenden und Toten dargebracht werden (Konzil von Trient).

Das Opfer der heiligen Messe umfaßt:

das Selbstopfer Christi; als solches ist es von unendlicher Reinheit, Heiligkeit und Würde, besitzt einen unendlichen Wert und überragt jede andere Form der Gottesverehrung (Frömmigkeit) unendlich;
das Opfer der Kirche als einer Gemeinschaft; unter diesem Gesichtspunkt ist das heilige Meßopfer ebenfalls immer und überall, selbst wenn der opfernde Priester und die Mitopfernden nicht rein und heilig sind, das eine heilige, unbefleckte Opfer der allzeit heiligen und gottwohlgefälligen Kirche, freilich nicht von unendlicher Würde;
das Opfer des Priesters und der Mitopfernden, insofern sie im eigenen Namen opfern. Unter dieser Rücksicht richtet sich die Würde, der Wert und die Wirkung der heiligen Messe nach dem Verdienst und Gnadenstand, nach der Reinheit, Frömmigkeit und Seelenverfassung des Priesters beziehungsweise der Mitopfernden.

Das Opfer der heiligen Messe bewirkt mittelbar, nämlich mittels der Gnade der Reue und Liebe, die es von Gott erwirkt, die Nachlassung der Sünden; unmittelbar, entsprechend der Seelenverfassung der Opfernden, den Nachlaß der zeitlichen Sündenstrafen, sowohl für die Lebenden als für die Verstorbenen. Ebenso können alle Güter der natürlichen Ordnung durch die bittende Kraft des heiligen Meßopfers erwirkt werden, wenn alle Bedingungen des Bittgebetes erfüllt sind. Das gleiche gilt, wenn der Priester die heilige Messe andern zuwendet, für sie «appliziert».

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Nachtwache – Vigil von Johannes d. T.

Auch in anderen Berufen, sei es bei der Eisenbahn, als Bäcker oder im Krankenhaus,
gehören Nachtschichten zur beruflichen Pflicht.

Wir Mönche müssen keine Nachtarbeit leisten,
um konkret anderen zu helfen,
und trotzdem wollen wir um 2.30 Uhr aufstehen.

Wir halten uns dabei an Christus,
der bei Nacht gebetet hat.

(Abt Josef, letzter Abt von Mariawald)

Mariawald, Vigilien, ca. 1974

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Fronleichnam – Hl. Juliana von Lüttich

Liebe Brüder und Schwestern!

[Heute] möchte ich euch eine Frauengestalt vorstellen, die kaum bekannt ist, der aber die Kirche zu großem Dank verpflichtet ist, nicht nur aufgrund der Heiligkeit ihres Lebens, sondern auch, weil sie durch ihren großen Seeleneifer zur Einführung eines der wichtigsten liturgischen Hochfeste des Jahres beigetragen hat: des Fronleichnamsfestes. Es handelt sich um die hl. Juliana von Cornillon, die auch als die hl. Juliana von Lüttich bekannt ist. Wir besitzen einige Angaben über ihr Leben vor allem durch eine Biographie, die wahrscheinlich von einem zeitgenössischen Kleriker geschrieben wurde und in der verschiedene Zeugnisse von Personen, die die Heilige unmittelbar kannten, zusammengetragen werden.

Juliana wurde zwischen 1191 und 1192 in der Nähe von Lüttich, in Belgien, geboren. Es ist wichtig, diesen Ort hervorzuheben, denn in jener Zeit war die Diözese Lüttich sozusagen ein wahrer »eucharistischer Abendmahlssaal«. Vor Juliana hatten namhafte Theologen dort den herausragenden Wert des Sakraments der Eucharistie erläutert, und in Lüttich gab es auch Gruppen von Frauen, die sich großherzig der Verehrung der Eucharistie und dem eifrigen Kommunionempfang widmeten. Unter der Führung von vorbildlichen Priestern lebten sie in Gemeinschaft und widmeten sich dem Gebet und den Werken der Nächstenliebe.

Als Juliana im Alter von fünf Jahren verwaiste, wurde sie zusammen mit ihrer Schwester Agnes der Obhut der Augustinerinnen des Klosters und Leprosenhospitals Mont-Cornillon anvertraut. Sie wurde vor allem von einer Schwester namens Sapientia erzogen, die ihr geistliches Heranreifen förderte, bis Juliana selbst das Ordensgewand empfing und Augustinerin wurde. Sie erwarb eine beachtliche Bildung und las sogar die Werke der Kirchenväter in lateinischer Sprache, insbesondere den hl. Augustinus und den hl. Bernhard. Außer einer wachen Intelligenz zeigte Juliana von Anfang an einen besonderen Hang zur Kontemplation; sie hatte einen tiefen Sinn für die Gegenwart Christi, die sie erfuhr, indem sie das Sakrament der Eucharistie in besonderer Tiefe lebte und oft über die Worte Jesu nachdachte: »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20).

Mit 16 Jahren hatte sie zum ersten Mal eine Vision, die sich ihr später in der eucharistischen Anbetung mehrmals wiederholte. In der Vision zeigte sich der Mond in seinem vollen Glanz, von einem dunklen Streifen durchquert. Der Herr gab ihr die Bedeutung dieser Erscheinung zu verstehen. Der Mond symbolisierte das Leben der Kirche auf der Erde, die trübe Linie dagegen das Fehlen eines liturgischen Festes, für dessen Einführung Juliana sich tatkräftig einsetzen sollte: ein Fest, bei dem die Gläubigen die Eucharistie anbeten konnten, um den Glauben zu mehren, die Übung der Tugenden zu fördern und die Schmähungen des Allerheiligsten Sakraments zu sühnen.

Etwa 20 Jahre lang hielt Juliana, die in der Zwischenzeit Priorin des Klosters geworden war, diese Offenbarung, die ihr Herz mit Freude erfüllt hatte, geheim. Dann vertraute sie sich zwei weiteren leidenschaftlichen Anbeterinnen der Eucharistie an: der sel. Eva, die als Einsiedlerin lebte, und Isabella, die zu ihr ins Kloster Mont-Corillon gekommen war.

Die drei Frauen schlossen eine Art »geistlichen Bund«, mit dem Anliegen, das Allerheiligste Sakrament zu verherrlichen. Sie wollten auch einen sehr angesehenen Priester, Johannes von Lausanne, Kanoniker der Kirche »Saint-Martin « in Lüttich, mit einbeziehen und baten ihn, Theologen und Kleriker über das zu befragen, was ihnen am Herzen lag. Die Antworten waren positiv und ermutigend.

Was Juliana von Lüttich geschah, kommt im Leben der Heiligen häufig vor: Um die Bestätigung zu erhalten, daß eine Eingebung von Gott kommt, ist es immer nötig, sich ins Gebet zu versenken, geduldig warten zu können, die Freundschaft und die Gegenüberstellung mit anderen guten Seelen zu suchen und alles dem Urteil der Hirten der Kirche zu unterwerfen. Nach anfänglichem Zögern nahm der Bischof von Lüttich, Robert von Thorote, den Vorschlag Julianas und ihrer Gefährtinnen an und führte erstmalig das Fronleichnamsfest in seiner Diözese ein. Später folgten andere Bischöfe seinem Beispiel und setzten dieses Fest in den ihrer Hirtensorge anvertrauten Gebieten ein.

Von den Heiligen verlangt der Herr jedoch oft, Prüfungen zu überwinden, damit ihr Glaube zunimmt. So war es auch bei Juliana, die starken Widerstand von seiten einiger Angehöriger des Klerus sowie des Oberen, dem ihr Kloster unterstand, erdulden mußte. So verließ Juliana aus freiem Willen das Kloster Mont-Corillon mit einigen Gefährtinnen und war zehn Jahre lang, von 1248 bis 1258, in verschiedenen Zisterzienserinnen-Klöstern zu Gast. Sie erbaute alle durch ihre Demut, übte nie Kritik oder Tadel an ihren Gegnern, sondern verbreitete weiterhin eifrig die Verehrung der Eucharistie. Sie starb 1258 in Fossela-Ville in Belgien. In ihrer Zelle war das Allerheiligste Sakrament ausgesetzt, und ihrem Biographen zufolge betrachtete Juliana im Sterben mit letzter liebender Hinwendung den eucharistischen Jesus, den sie stets geliebt, verehrt und angebetet hatte.

Auch Jacques Pantaléon aus Troyes wurde für das gute Anliegen des Fronleichnamsfestes gewonnen; er hatte die Heilige während seiner Amtszeit als Archidiakon in Lüttich kennengelernt. Als er dann mit dem Namen Urban IV. Papst geworden war, setzte er 1264 das Fronleichnamsfest als gebotenen Feiertag für die Universalkirche ein, am Donnerstag nach Pfingsten. In der Einsetzungsbulle mit dem Titel Transiturus de hoc mundo (11. August 1264) verwies Papst Urban sehr zurückhaltend auch auf Julianas mystische Erfahrungen und bestätigte damit ihre Echtheit. So schreibt er: »Wenngleich die Eucharistie jeden Tag gefeiert wird, so halten wir dafür, sie wenigstens einmal im Jahr ehrwürdiger und feierlicher zu begehen. Die anderen Dinge nämlich, derer wir gedenken, begreifen wir mit dem Geist und mit dem Verstand, erhalten aber deshalb nicht ihre Realpräsenz. In dieser sakramentalen Gedächtnisfeier Christi dagegen ist Jesus Christus, wenngleich unter anderer Gestalt, in seiner eigenen Substanz bei uns gegenwärtig. Denn bevor er in den Himmel aufgenommen wurde, sagte er: ›Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt‹ (Mt 28,20)«.

Der Papst selbst wollte mit gutem Beispiel vorangehen und feierte das Fronleichnamsfest in Orvieto, der Stadt, in der er damals residierte. Auf sein Geheiß hin wurde – und wird noch immer – im Dom der Stadt das berühmte Korporale mit den Spuren des eucharistischen Wunders verwahrt, das ein Jahr zuvor, 1263, in Bolsena geschehen war. Ein Priester wurde während der Wandlung von Brot und Wein von starken Zweifeln an der Realpräsenz von Leib und Blut Christi im Sakrament der Eucharistie befallen. Auf wunderbare Weise begannen einige Blutstropfen aus der geweihten Hostie hervorzuquellen. Auf diese Weise bestätigte sich das, was unser Glaube bekennt. Urban IV. bat einen der größten Theologen der Geschichte, den hl. Thomas von Aquin – er begleitete damals den Papst und befand sich in Orvieto –, die Texte für das liturgische Gebet dieses großen Festes zu verfassen. Sie werden heute noch in der Kirche verwendet: Meisterwerke, in denen Theologie und Poesie miteinander verschmelzen. Es sind Texte, die die Saiten des Herzens in Schwingung versetzen, um dem Allerheiligsten Sakrament Lob und Dank zum Ausdruck zu bringen, während der Verstand staunend in das Geheimnis vordringt und in der Eucharistie die lebendige und wahre Gegenwart Jesu erkennt, seines Liebesopfers, das uns mit dem Vater versöhnt und uns das Heil schenkt.

Zwar wurde nach dem Tod Urbans IV. die Feier des Fronleichnamsfestes auf einige Regionen Frankreichs, Deutschlands, Ungarns und Norditaliens beschränkt, aber ein anderer Papst, Johannes XXII., stellte es 1317 für die ganze Kirche wieder her. Seitdem hat das Fest eine wunderbare Entwicklung erfahren und ist beim christlichen Volk noch immer sehr beliebt. Ich möchte mit Freude darauf hinweisen, daß es heute in der Kirche einen »eucharistischen Frühling« gibt: Wie viele Menschen verweilen still vor dem Tabernakel, um mit Jesus ein liebevolles Gespräch zu führen! Es ist tröstlich zu wissen, daß nicht wenige Gruppen junger Menschen neu entdeckt haben, wie schön es ist, das Allerheiligste Sakrament anzubeten. Ich denke zum Beispiel an unsere eucharistische Anbetung im »Hyde Park« in London. Ich bete darum, daß dieser »eucharistische Frühling« in allen Pfarreien sich immer mehr verbreiten möge, insbesondere in Belgien, der Heimat der hl. Juliana. Der ehrwürdige Diener Gottes Johannes Paul II. stellte in der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia fest: »An vielen Orten findet die Anbetung des heiligsten Sakramentes täglich einen weiten Raum und wird so zu einer unerschöpflichen Quelle der Heiligkeit. Die andächtige Teilnahme der Gläubigen an der eucharistischen Prozession am Hochfest des Leibes und Blutes Christi ist eine Gnade des Herrn, welche die teilnehmenden Gläubigen jedes Jahr mit Freude erfüllt. Man könnte noch andere positive Zeichen des Glaubens und der Liebe zur Eucharistie erwähnen« (Nr. 10).

Indem wir uns an die hl. Juliana von Lüttich erinnern, wollen auch wir den Glauben an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie erneuern. Das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche lehrt uns: »Jesus Christus ist in der Eucharistie auf einzigartige und unvergleichliche Weise gegenwärtig: wirklich, tatsächlich und substantiell, mit seinem Leib und seinem Blut, mit seiner Seele und seiner Gottheit. In der Eucharistie ist also der ganze Christus, Gott und Mensch, auf sakramentale Weise gegenwärtig, das heißt unter den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein« (Nr. 282).

Liebe Freunde, die Treue zur Begegnung mit dem eucharistischen Christus in der Sonntagsmesse ist für den Glaubensweg wesentlich, aber wir sollten auch den im Tabernakel gegenwärtigen Herrn oft aufsuchen! Gerade wenn wir die geweihte Hostie anbetend betrachten, zieht uns der Herr zu sich, in sein Geheimnis hinein, um uns zu verwandeln, wie er Brot und Wein verwandelt. Die Heiligen haben in der eucharistischen Begegnung stets Kraft, Trost und Freude gefunden. Mit den Worten des eucharistischen Hymnus Adoro te devote sagen wir immer wieder zum Herrn, der im Allerheiligsten Sakrament anwesend ist: »O gib, daß immer mehr mein Glaub’ lebendig sei, mach meine Hoffnung fest, mach meine Liebe treu!« Danke.

Papst Benedikt XVI. am 17. November 2010

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Wahrer Gehorsam in der Kirche. – Ein Leitfaden in schwerer Zeit

Kann man angesichts von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg überhaupt davon reden, dass es eine „Krise des Gehorsams“ gibt? Die überwiegende Mehrzahl der Menschen wenigstens steht treu und gewissenhaft zu verordneten Maßnahmen. Und doch gibt es eine Gehorsamskrise. Ein jeder weiß davon zu berichten: Eltern, Lehrer, Vorgesetzte: Wer Gehorsam erwartet, muss Überzeugungsarbeit leisten.

Das weiß auch Dr. Peter Kwasniewski, der Autor des vorliegenden Buches, das den Titel trägt: „Wahrer Gehorsam in der Kirche“. Er philosophiert darin über jene Probleme, die es heute dem treuen Katholiken schwer machen können, im Glauben fest zu stehen.

Kwasniewskis schmales Bändchen bietet eine kurze und prägnante Zusammenfassung eines schwierigen Themas, das besonders auf unsere Zeit anwendbar ist. Das Buch bietet eine informative und spannende Lektüre. Der Autor weiß, dass „Gehorsam“ einen schlechten Ruf hat.

Dies sei immer dann der Fall, wenn „Autorität missbraucht und Vertrauen ausgenutzt und enttäuscht“ werde. Dabei werde nicht auf das Gemeinwohl geachtet, sondern das eigene oder das von besonderen Interessengruppen. Bequemlichkeit, Liberalismus, moralische Laxheit und religiöse Missbräuche seien Folgen davon.

Kwasniewski befolgt in seiner Arbeit die Prinzipien, die in der Kirche immer Geltung besaßen. Der britische Dominikaner Dr. Thomas Crean O.P. sagt dazu: „In Anlehnung an die Lehre des heiligen Thomas von Aquin stellt Peter Kwasniewski zeitlose Prinzipien vor, die uns helfen können, in schwierigen Zeiten durch die Meerenge wahren Gehorsams zu navigieren.“

Kwasniewski geht es um die Gehorsamsfrage im Zusammenhang mit dem Thema der heiligen Liturgie. Päpstliche Dokumente zur Liturgie sind seit vielen Jahren zu Streitobjekten zwischen Theologen und Laien geworden.

Papst Benedikt XVI. bestätigte 2007 mit dem Motuproprio „Summorum Pontificum“, dass jene Liturgieform, die in der katholischen Tradition seit 2000 Jahren gewachsen war und weitergegeben wurde, nicht mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein Ende gefunden hat, sondern stattdessen weiter seine Existenzberechtigung habe.

Als nur wenige Jahre später sein Nachfolger eine andere Verordnung samt Einschätzung der Katholiken vefügt, die Schmerz, Sorge und Unverständnis ausgelöst haben, kann das Gewissen eines Katholiken schon sehr strapaziert werden.

Pater Richard Beron OSB (1903–1989) aus Beuron, ab 1962 Mitglied der liturgischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und ab 1964 Consultor des Concilium Liturgicum in Rom, notierte, als unmittelbar im Zusammenhang mit der Liturgiereform ein regelrechter Kampf darüber ausbrach, welche Theologen ihre Liturgietexte und welche Verlage künftig liturgische Bücher herausgeben dürften: „Was sind das alles für Überlegungen unter Menschen, die im engsten geistlichen Sinn zueinander Brüder sind! Können wir so voreinander bestehen?“

Wie sich heute Bischöfen wie Betroffenen der Papst als Destabilisator der Römischen Liturgie präsentiert, ist vielfach berichtet und dokumentiert worden. Nicht nur mit „Traditionis Custodes“ hat demnach Franziskus die von Papst Benedikt begonnene Befriedung in liturgischen Fragen in das Gegenteil verkehrt: Wie kann es sein, dass innerhalb von weniger als 15 Jahren und innerhalb von zwei Pontifikaten der jeweilige Papst etwas vollkommen anderes verfügt als sein Vorgänger? Wie und wem und wo ist der Katholik da Gehorsam schuldig?

Das Franziskus-Dokument „Traditionis Custodes“ hebt nicht nur Benedikts „Summorum Pontificum“ auf; für Kritiker verabschiedet sich dieses auch von jener katholischen Position, die besagt, dass es in der Geschichte der Liturgie zwar „Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch“ geben kann.
Während speziell das Verbot der „tridentinischen Messe“ von Benedikt als ein Verstoß gegen die lebendige Tradition der Kirche und sein natürliches „Wachsen“ betrachtet wurde, betont er auch noch, dass es „uns außerordentlich geschadet“ habe.

„Jenen Uniformismus, mit dem man jetzt das absolute Verbot des Missale von 1962 zu rechtfertigen versucht, hat es in der Geschichte allenfalls in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben, aber er gehört nicht zum Wesen der lateinischen Liturgie. Mit Recht hat Mailand seine alte Liturgie festgehalten; mit Recht suchen Toledo und Lyon ihre alten Traditionen neu zu beleben.“ (Vgl. Ratzinger, „Aus meinem Leben“.)

Der Schaden, der durch das Verbot hervorgerufen wurde, und die Favorisierung einer neuen Liturgie, die als ein „Produkt gelehrter Arbeit und von juristischer Kompetenz“ (Ratzinger/Benedikt) anzusehen ist, bezeichnen einige Theologen als ein „Werk des Heiligen Geistes“. Doch welch Geistes Kind gebastelte Liturgien sein können, erleben viele Gläubigen Sonntag für Sonntag in Kirchen landauf, landab.

Wie die Dogmen ist auch die Liturgie etwas der Kirche Vorgegebenes. Hier wird von Kwasniewski die Diskussion zum Thema „wahrer Gehorsam in der Kirche“ eröffnet. Unfreiwillig erhält er Unterstützung eines anderen Benediktiners und Liturgiewissenschaftlers. Während Papst Franziskus die Konzilsväter als die eigentlichen „Väter“ der Liturgiereform betrachtet, stellt Pater Angelus Häußling (1932–2017) die wichtige Frage: „Welche ,Väter‘ sind die ,heiligen‘, deren Normen gelten sollen?“

Der Autor unseres Buches beteuert, dass er und andere, die sich für die überlieferte Liturgie einsetzen, weder „Revolutionäre noch Ungehorsame“ seien. Denn tatsächlich ginge es nicht darum, was einer sage oder nicht. Vielmehr gehe es um „die Autorität der Wahrheit im Hinblick auf das höchste Gut, auf Gott“. So stehe auch das Gewissen „immer in Verbindung mit der wahren Lehre“, und sie alleine ist die „Quelle der Erleuchtung“, „die sich dem empfänglichen Geist als Wahrheit nahelegt“.

Zuletzt schreibt Kwasniewski, das Gewissen müsse das tun, „wozu es geschaffen“ sei. Es dürfe sich nicht „durch einen fadenscheinlichen Missbrauch des Gehorsams auslöschen lassen“. Es geht also um den „Gehorsam gegenüber der Wahrheit, aus Liebe zum Guten – aus Liebe zu Gott“.

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Peter Kwasniewski
Wahrer Gehorsam in der Kirche.
Ein Leitfaden in schwerer Zeit
Os Justi Press 2022
118 Seiten; Preis 11,72 Euro
ISBN: 979-8807100887

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Gregorianik – Ein Brief an Mönche und Nonnen

Ein irischer Mönch schrieb im Februar 2014 einem Brief und schickte ihn (…) auch nach […]. Gegen das verbreitete Plädoyer, man müsse, was man singt, auch verstehen und also am besten dazu die Muttersprache wählen, argumentiert der Mönch in überraschender Weise:

Die (lateinische) Gregorianik sei nicht eine nebensächliche Verpackung für Texte, auf deren Aussage es eigentlich ankomme und die es Wort für Wort zu verstehen gelte. Der Gesang dieser 1500 Jahre alten Form der Liturgie setze dem Ergreifen- und Begreifenwollen eine Grenze. Die Welt des Verstandes ist eine, aber nicht die einzige Welt.

Der heilige Augustinus wird als Zeuge dafür zitiert, dass der Gesang, nicht der verstandene Text, Ort der Offenbarung sein kann: „Wie weinte ich bei den Hymnen und Gesängen auf Dich, heftig bewegt vom Klang der liebenswürdig-süßen Töne Deiner Kirche! Jener Klang drang an mein Ohr, und die Wahrheit flößte sich ins Herz.“ (Confessiones IX; 6, 14). Augustinus hat die Worte, da doch Latein seine Muttersprache war, bestimmt verstanden, aber Gott wollte und konnte ihm auf andere Weise eine eigene, die Sprache transzendierende Wahrheit vermitteln. Es war der „liebenswürdig-süße Klang“, der die Wahrheit ins Herz strömen ließ.

Auch Papst Benedikt XVI., so heißt es im Brief nach […], habe zum 19. Kapitel der Benediktsregel eine wichtige Bemerkung gemacht. In diesem 19. Kapitel ist vom Verhalten der Mönche beim Chorgebet die Rede. Der Papst notiert in seinem Kommentar (den der irische Mönch auf Englisch wiedergibt): Unsere Gedanken, unser Geist sollten sich dem Klang des Gesangs, dem „sound“, anpassen und nicht sollte umgekehrt der „sound“ vom Denken geleitet werden. Primär leitet hiernach also nicht das verstanden Wort zur Begegnung mit Gott. Ein Verstehen, wenn überhaupt, folge möglicherweise erst später.

Als weiteren Zeugen für die außerordentliche Bedeutung der Gregorianik führt der irische Mönch den 17. der „Geistlichen Briefe“ von Dom John Chapman OSB an. In ihm wird der Zusammenhang zwischen dem musikalischen Gestus des lateinischen Psalmengesangs und dem kontemplativen Sänger und Beter so charakterisiert, dass auf assoziativem Wege von diesem Klang her eine Einsicht in den sonst verborgenen Willen Gottes entstehe. Die Tatsache, dass die Schwierigkeit der Psalmen, die keineswegs nur durch die lateinische Sprache gegeben ist, den Nachvollzug der Texte mehr oder weniger reduziere, bedeute aber keinen Mangel, sondern lasse Platz, dass Gott mit dem Beter auf eigene Weise rede. Indem nämlich so „das Herz zum Herzen“ (Augustinus) sprechen könne, entstehe durch die Möglichkeit der „Aneignung der objektiven Wahrheit“ (Chapman) ein tieferer Glaube. Im Gegensatz dazu lasse eine muttersprachliche und den gregorianischen Duktus zwangsweise verändernde Neufassung die Pflanze des Glaubens verkümmern, weil „der Sturzbach der Bilder und Details“ Gott daran hindere, ein weiteres Wort mitzureden.

Die Prophezeiung des Untergangs der meisten Orden, so schließt der Brief des irischen Mönchs, scheint sich in höchst bedrohlicher Weise zu erfüllen. Möglicherweise aber sei das eingesetzte Mittel, die Auslöschung zu verhindern, nämlich die fast totale Einführung der Muttersprache in die Liturgie mitsamt der Vernachlässigung der Gregorianik, eine wesentliche Ursache des Niedergangs, da, mit Augustinus zu sprechen, der Wahrheit ein Weg versperrt wurde, machtvoll ins Herz zu fließen, dorthin, wo cor ad cor loquitur, wo das Herz Gottes zum Herzen des Menschen spricht – und umgekehrt.

Benediktinermönche der Abtei Notre Dame de Fontgombault
singen den Introitus von Dreifaltigkeitssonntag:

Benedicta sit sancta Trinitas,
atque indivisa Unitas,
confitebimur ei,
quia fecit nobiscum misericordiam suam.

Domine Dominus noster,
quam admirabile est nomen tuum in universa terra.

Gepriesen sei die heilige Dreieinigkeit
und ungeteilte Einheit.
Lasst uns sie preisen,
denn sie hat uns ihr Erbarmen geschenkt.

Herr, unser Herrscher,
wie wunderbar ist dein Name auf der ganzen Erde!

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