„Bergoglio verachtet wirklich alles, was Benedikt repräsentiert hat.“

Dies sagte in einem Interview mit der Tageszeitung La Verità Rod Dreher, der Autor des Buches „Option Benedikt“. In diesem Buch erzählt Dreher die Geschichten konservativer Christen (Katholiken, Orthodoxe und Evangelikale), „die kreative Wege erkunden, den Glauben in diesen dunkler werdenden Zeiten freudig und gegenkulturell auszuleben“.

Im Interview behauptet Dreher, die Botschaft des verstorbenen Papstes Benedikts XVI. sei aktueller denn je.

„Er wollte die Fülle der katholischen Tradition
gegen die Modernisierer bewahren,
die alles ändern wollen, um sich dem Zeitgeist anzupassen.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. sei „ein brillanter Theologe“ gewesen, so Dreher, der seine Bücher so verständlich geschrieben habe, dass sie allen Christen zugänglich seien. Diese große Begabung wirke über seinen Tod hinaus, da seine Texte auch in der Zukunft all denen zugänglich sein würden, die sie lesen wollen.

Das Urteil über Ratzinger, er sei ein Konservativer gewesen, stimme insofern, betonte Dreher, als er „ein Konservativer im eigentlichen Sinn des Wortes war“.

„Er wollte die Fülle der katholischen Tradition gegen die Modernisierer bewahren, die alles ändern wollen, um sich dem Zeitgeist anzupassen.“

Nach Dreher sei es aber irreführend, diese Begriffe zu verwenden, um Ratzinger zu beschreiben. Er selbst habe einmal erklärt, ein „Progressist“ zu sein, weil er Konzilsperitus war:

„Nicht deshalb, weil er ein Linkstheologe war, wie es ein Hans Küng und die ihm nachfolgenden Gegner waren, sondern weil er wollte, daß sich die Kirche von der Strenge der Neuscholastik befreit und zu einer mehr augustinischen Erfahrung von Christus zurückkehrt. Mit anderen Worten, er betrachtete es als progressiv, den Status quo abzuschütteln und zu einer intensiveren und radikaleren Art als Kirche den Herrn kennenzulernen und ihm zu dienen. Er war wirklich ein Mann des Konzils, ungeachtet dessen, was seine Feinde sagten. Aber es ist auch wahr, daß er sich nicht vorstellen konnte, daß die Rezeption des Konzils so katastrophal ausfallen würde.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. habe erkannt, so Dreher, „daß die Vernunft ohne Glauben unweigerlich fürchterlich wird, wie wir heute überall auf dieser postchristlichen Welt sehen können“.

„Ratzinger zeigt dem konservativen Denker, auch dem laizistischen, daß Glauben und Vernunft keine Feinde sind, wie die Modernisten behaupten, sondern in Wirklichkeit Geschwister, die zusammenarbeiten müssen, um eine menschliche Welt aufzubauen.“

Auf die Frage, ob es Denker und Bewegungen gibt, die Ratzingers Denken vorantragen können, gibt sich Dreher zurückhaltend:

„Es gibt heute viele Konservative in der katholischen Kirche. Nach der beleidigenden Predigt von Franziskus beim Begräbnis von Benedikt habe ich einem italienischen Freund eine Nachricht geschrieben, in der ich ihm sagte, daß ich ein ungutes Gefühl habe, was die Zukunft der rechtgläubigen katholischen Gläubigen betrifft, nun, da Benedikt nicht mehr ist.“

Der Freund habe geantwortet, daß er diesbezüglich unbesorgt sei, wie die große Zahl der auf dem Petersplatz Anwesenden gezeigt habe. Allerdings, so Dreher, könne er im Moment niemand vom Format Benedikts erkennen, der seine Position einnehmen könnte.

„In gewisser Hinsicht ist es klar, daß es niemand gibt, der seinen Platz einnehmen könnte: Er war der letzte christliche Humanist, der letzte, der wirklich und leidenschaftlich an die Rolle der mit dem christlichen Glauben integrierten Vernunft glaubte und die Hochkultur verkörperte und verteidigte. Der Tod von Papst Benedikt XVI. symbolisiert den Untergang des christlichen Abendlandes. Die Zukunft steht nicht fest, wir können immer zu Christus zurückkehren. Es bräuchte aber ein Wunder, denn der christliche Westen hat eine Todessehnsucht.
In gewisser Hinsicht führte Benedikt ein tragisches Leben: Er hat für das Konzil gearbeitet, um die Kirche zu erneuern und Christus anzunähern, aber gelebt, um mitansehen zu müssen, wie eben dieses Konzil dazu gebraucht wurde, um die Kirche schwer zu schädigen. Er wurde Papst, aber seine persönliche Heiligkeit und intellektuelle Genialität haben ihm nicht geholfen, die Kirche vom Schmutz zu reinigen. Die Arbeit, die er als Glaubenspräfekt von Johannes Paul II. und dann als Papst geleistet hat, um den wahren Glauben und die katholische Tradition zu verkünden und zu lehren, hat nur solange überdauert, um mitansehen zu müssen, wie dann sein Nachfolger Papst Franziskus alles grausam zerstört. Das alles ist seine Tragödie.
Wenn sich aber die Dinge, vor denen uns Benedikt gewarnt hat und vor denen er uns durch seine besondere Verkündigung des Evangeliums und des Glaubens bewahren wollte, wirklich bewahrheiten sollten – und ich denke, daß es so sein wird –, dann wird es unsere Tragödie sein.“

Dreher betont, dass in den USA heute Seminaristen und jungen Priestern nicht sagen würden, sie seien sie seien Priester von Johannes Paul II., und schon gar nicht von Franziskus.

„Sie sagen mir, daß die Söhne Benedikts XVI. sind, angeregt von der Kraft und der Schönheit seiner Unterweisung.
Wenn die Kirche in den USA in den nächsten 50 Jahren in ihrem Priestertum überleben wird, dann wird das ein Geschenk Wojtylas und Ratzingers sein.“

Die Frage nach den Folgen von Benedikts Tod beantwortete Dreher mit den Worten:

„Vielleicht bin ich einfach nur abergläubisch, aber ich habe den Eindruck, daß Benedikt XVI. auf irgendeine mystische Weise ein „Katechon“ war, eine Kraft, die Bergoglio vom Schlimmsten zurückhielt. Bevor ich zur Totenmesse für Benedikt ging, dachte ich, daß ich in diesem Punkt vielleicht zu pessimistisch sei. Als ich dann aber die grausame und respektlose Predigt von Franziskus hörte, wußte ich, es nicht zu sein. Bergoglio verachtet wirklich alles, was Benedikt repräsentiert hat. Nun befürchte ich, daß Bergoglio noch freier darin ist, Schaden anzurichten. Ich verstehe nun auch besser, warum Benedikt sagte, daß der Glauben nur in kleinen Gemeinschaften von wirklichen und einfachen Gläubigen überleben wird. Jetzt ist nicht der Augenblick zu verzweifeln oder vor der Angst zu kapitulieren, sondern stark zu sein und beharrlich und den Glauben auf provokante Weise zu leben. Wir erleben die Zeit der Option Benedikt XVI.“

Originalinterview in Laverita

Deutsche Quelle: Katholisches

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Quelle geistlichen Lebens

Kardinal Ratzinge in Le Barroux 1995 – Copyright: Abbey Sainte-Madeleine du Barroux

Siehe auch HIER

Wenn man bedenkt, wie viele Jahrhunderte
die traditionelle Messe
die Quelle des spirituellen Lebens und der Nahrung
für so viele Menschen,
darunter viele Heilige, war,
kann man sich nicht vorstellen,
dass sie für niemanden mehr verfügbar ist.

Mons. Gänswein

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Tut, was ER euch sagt!

Bei der Hochzeit zu Kana wirkt Jesus „sein erstes Zeichen“ (Joh 2,11), das heißt das erste der von ihm vollbrachten Wunder, mit dem er in der Öffentlichkeit seine Herrlichkeit offenbarte und den Glauben seiner Jünger weckte. Rufen wir uns kurz in Erinnerung, was sich während jenes Hochzeitsfestes zu Kana in Galiläa zutrug. Es geschah, daß der Wein ausging, und Maria, die Mutter Jesu, machte ihren Sohn darauf aufmerksam. Er erwiderte ihr, daß seine Stunde noch nicht gekommen sei; doch dann folgte er dem Drängen Mariens und verwandelte, nachdem er sechs steinerne Krüge hatte mit Wasser füllen lassen, das Wasser in Wein, in einen hervorragenden Wein, der besser war als der vorherige. Mit diesem „Zeichen“ offenbart sich Jesus als der messianische Bräutigam, der gekommen ist, um mit seinem Volk den neuen und ewigen Bund zu schließen, gemäß dem Wort der Propheten: „Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich“ (Jes 62,5). Und der Wein ist Symbol dieser Freude der Liebe; doch er spielt auch auf das Blut an, das Christus am Ende vergießen wird, um seinen Hochzeitsbund mit der Menschheit zu besiegeln.

Die Kirche ist die Braut Christi, der sie durch seine Gnade heilig und schön macht. Dennoch bedarf diese aus Menschen gebildete Braut immer der Reinigung. Und eine der schwersten Verschuldungen, die das Antlitz der Kirche entstellen, ist jene gegen ihre sichtbare Einheit, besonders die historischen Spaltungen, welche die Christen entzweit haben und noch nicht überwunden sind.

(Benedikt XVI. beim Angelus am 20. Januar 2013)

Tut, was ER euch sagt!

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Die Beziehung Christus-Kirche

Die Beziehung Christus-Kirche rückt den christlichen Aspekt der ehelichen Liebe in den Vordergrund, sie betont die affektive Beziehung zwischen den Eheleuten.

Eine Ehe gelingt dann, wenn in sie sich in ständigem menschlichem und affektivem Wachstum bemüht, immer mit dem wirksamen Wort Gottes und der Bedeutung der Taufe verbunden zu bleiben.

Christus hat die Kirche geheiligt, indem er sie durch die Taufe mit Wasser und das Wort Gottes gereinigt hat.
Die Teilhabe am Leib und am Blut des Herrn bewirkt nichts anderes, als eine Verbindung, die aus Gnade unauflösbar gemacht wurde, nicht nur sichtbar zu machen, sondern zu festigen.

Papst Benedikt XVI.

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Wer hat Angst vor Papst Benedikt?

Aus einem Artikel von Andres Gagliarducci am 9. Januar 2023 in mondayvatican . Gagliarducci ist Vatikan-Analyst bei der Catholic News Agency und schreibt für National Catholic Register.

„Als ginge ihn der Tod seines Vorgängers nichts an.“

Wir lesen:

[…] Es bleibt also die Frage:
Hatte Franziskus Angst vor Benedikt?

In der Öffentlichkeit hat Papst Franziskus immer nette Worte für Benedikt XVI. gefunden, indem er seine Arbeit lobte und einige seiner wichtigen Verpflichtungen hervorhob, wie den Kampf gegen Missbrauch in der Kirche. Ist es also legitim zu denken, dass für Papst Franziskus die Anwesenheit eines so beliebten emeritierten Papstes lästig war und dass er mit seinen Entscheidungen zeigen wollte, dass er der einzige Papst ist?

Es wurde behauptet, dass Papst Franziskus bei seiner Hommage an Benedikt XVI. einen eher pastoralen Blickwinkel einnehmen wollte, da er hauptsächlich Benedikt XVI. zitierte. Diese Erklärung scheint jedoch nicht mit der Persönlichkeit von Papst Franziskus übereinzustimmen. Papst Franziskus ist ein Papst der Gesten, und er kennt ihre Bedeutung. Er weiß, dass der Papst in der Öffentlichkeit lebt und nicht im Privaten. Er weiß, dass alles, was getan oder nicht getan wird, einen Grund hat.

Ein weiteres Argument: Die Konservativen greifen Papst Franziskus an, weil er das Papsttum entmythologisiert hat. Er hat es mit seinem pastoralen Ansatz weniger mächtig gemacht. Auch dieses Argument ist nicht stichhaltig: Es betrachtet die Kirche als politische Körperschaft säkularen Typs und schätzt einen Papst, der dasselbe Konzept von der Kirche hat. Das Papsttum wird nicht mythisiert: Es hat seine Sprache und seine Art zu sein. Wenn diese Sprache nicht angewandt wird, dann hört es auf zu existieren. So schafft selbst eine pastorale Entscheidung, wenn sie nicht durchdacht ist, eine Schwachstelle, die den Feinden der Kirche zugute kommt.

All diese Dinge weiß der Papst, und er kann nicht umhin, sie zu verstehen.

Dennoch entscheidet sich Franziskus für eine besonders kalte Predigt, in der der emeritierte Papst nur einmal erwähnt wird. Gleichzeitig scheint es, als ob der Papst sich am Ende der Beerdigung nicht bewegen wollte, um den Sarg in die Basilika zu begleiten. Und in dieser kurzen, nicht enden wollenden Pause, in der alle auf ein Zeichen zum Aufbruch warteten, ertönte der Ruf „Santo Subito“ aus der Menge. Es gab eine Fahne, die in dem Bemühen, diskret zu sein, wie gewünscht versteckt gehalten worden war. Diese Pause wich jedoch einem Ruf, der auch zum allgemeinen Ruf des Gottesvolkes werden könnte.

Jeder Versuch, die Wirkung von Benedikt XVI. abzuschwächen, ist gescheitert, denn er ist an der Mauer der Gläubigen gescheitert, die von überall her gekommen sind, um ihrem Papst die Ehre zu erweisen.

Ein bittersüßer Beigeschmack bleibt, denn mit dem Tod von Benedikt XVI. geht eine Ära zu Ende, und diese Ära schließt mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüber Sprachen und Rollen. Da die päpstliche Sprache nicht mit der weltlichen Sprache verglichen werden kann, kann man in diesen Fällen nicht von einem Staatsbegräbnis sprechen, denn das ist ein weltliches Konzept, das sich nicht vollständig auf das Zeremoniell des Heiligen Stuhls übertragen lässt.

Sicher ist, dass ein Papst wie Benedikt XVI. eine bessere Behandlung und eine stärkere Würdigung seiner Person und seines Pontifikats verdient hätte. Was die Angst vor Benedikt XVI. ausgelöst hat, ist ein Geheimnis, das es zu ergründen gilt. Aber wahrscheinlich gibt es gemischte Gefühle, sogar Vorurteile gegenüber Benedikt XVI. und eine heilige Ehrfurcht, die jeden daran hinderte, allzu kühne Initiativen zu ergreifen.

Nun ist der Ausgleicher weg, der Papst, der sich um einen Dialog in Harmonie mit allen bemühte. Mit seinem Verzicht hat er einen Weg eröffnet. Aber er hat auch sehr unter seinem Rücktritt gelitten und für die Kirche Fürsprache gehalten.

Er wird geliebt und deshalb gefürchtet. Und doch wird genau diese Unhöflichkeit angesichts eines zu definierenden Protokolls geboren, denn es ist das erste Mal, dass ein Papst für einen emeritierten Papst zelebriert (aber nicht das erste Mal, dass ein Papst für einen toten Vorgänger zelebriert, das geschah 1802).

Zwar war Papst Franziskus der erste, der ins Kloster ging. Bei allen anderen Gelegenheiten war er jedoch nicht dabei, nicht einmal bei der Beerdigung.

Diese Entscheidungen könnten sich in gewisser Weise als kontraproduktiv für Papst Franziskus selbst erweisen. Und so könnte ein von den Medien viel gefeiertes Pontifikat stattdessen als eines der unbeliebtesten Pontifikate enden, egal wie viele Medienkampagnen skizziert werden, um die Auswirkungen der so genannten Gegner zu bekämpfen oder zunichte zu machen.

Quelle – mondayvatican

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Nachrufe auf Papst Benedikt von Journalisten und Bischöfen

Papst Benedikt war für mich ein sehr wichtiger Mensch, im vollsten Sinne des Wortes ein Kirchenvater, d.h. einer auf dessen theologisches Urteil ich vertrauen konnte. Gleichzeitig war er ein Prophet, ein Mensch, der deutlicher als andere die Zeichen der Zeit erkannte und sie aus dem Glauben heraus deutete. Insofern war er fortschrittlicher als all die, die in der deutschen Kirche Veränderungsprozesse in Gang setzen, die doch nur das Ziel haben, die Reste des Status quo zu bewahren.

Zuwider sind mir viele Nachrufe auf Papst Benedikt, vor allem wenn sie von Journalisten oder Bischöfen kommen, die alles getan haben und noch tun um sein Lebenswerk zu ignorieren oder sogar zu zerstören. Er braucht jetzt weder heuchlerische Lobhudelei noch Beurteilungen von oben herab (man fragt sich, ob die Schreiber bereits am Ende der Welt bei Gottes Thron angekommen sind, dass sie so sicher wissen, was standhält und was nicht…), sondern unser Gebet. Wobei auch das nicht sicher ist, vermutlich brauchen wir noch viel mehr sein Gebet.

(Äbtissin Christiana Reemts OSB, Abtei Mariendonk)

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Joseph Ratzinger und Le Barroux

„Geschichte einer Freundschaft … Benediktiner“

(von Dom Louis-Marie Geyer d’Orth O.S.B.,
Abt der Benediktinerabtei Sainte-Madeleine Le Barroux)

Wenn ich an Benedikt XVI. denke, kommen mir spontan zwei Verse aus dem Brief des hl. Paulus an die Epheser in den Sinn, die die Fähigkeit hervorrufen, „mit allen Heiligen zu verstehen, was die Breite, Länge, Höhe und Tiefe ist, und die Liebe Christi zu erkennen, die alles Wissen übersteigt“.

Benedikt XVI. war groß in seiner Nächstenliebe, deshalb möchte ich euch die Geschichte der Freundschaft zwischen diesem großen Mann und unserer Gemeinschaft erzählen.

Die erste Erwähnung von Ratzingers Namen in unseren Chroniken erfolgte anlässlich einer Konferenz, die Jean Madiran am 22. September 1984 im Noviziat über ein Dokument des Kardinals über Befreiungstheologie und ihre marxistischen Wurzeln hielt. Diese Intervention wurde von den Mönchen als so wichtig angesehen, dass sie zur Kenntnis genommen wurde. Seit diesem Datum taucht der Name des Kardinals in der Geschichte der Gemeinschaft immer wieder auf.

Nur drei Monate später wurde Dom Gerard [der erste Abt von Le Barroux] von Kardinal Ratzinger vorgeladen, der ihn mit großem Wohlwollen aufnahm und ihm seinen festen Wunsch ausdrückte, die kanonische Situation der traditionellen Gemeinschaften zu verbessern.

Ich kann nicht umhin, festzustellen, dass er es war, der die Initiative ergriffen hat: Wir sind nur seinem Ruf gefolgt. Was den Kardinal auf die Seite Gottes stellt, dessen Vorsehung immer die Initiative hat.

Und es ist sicher, dass er mit aller Kraft daran gearbeitet hat, den Bruch zwischen Rom und der traditionalistischen Welt zu vermeiden. Er empfing Mons. Lefebvre bei vielen Gelegenheiten und entwarf die Vereinbarungen vom Mai 1988.

Als Mons. Lefebvre die Unterzeichnung dieses Abkommens zurückzog, es war wieder Kardinal Ratzinger, der während einer Privataudienz bei Papst Johannes Paul II. erreichte, dass der Heilige Stuhl den Gemeinschaften, die mit Rom vereint bleiben wollten (einschließlich unserer), privat und öffentlich den Gebrauch der 1962 geltenden liturgischen Bücher für die Mitglieder der Gemeinschaften und diejenigen, die ihre Häuser besuchten, gewährte.

Und er eröffnete die Möglichkeit, sich an einen Bischof zu wenden, um Weihen zu erteilen, das Recht der Gläubigen, die Sakramente gemäß den Büchern von 1962 zu empfangen, und die Möglichkeit, pastorale Impulse durch apostolische Werke zu entwickeln, um die derzeit übernommenen Ämter zu bewahren (Motu proprio Ecclesia Dei).

Mit diesem entscheidenden Rechtstext wurde Kardinal Ratzinger Gründungsmitglied unserer Gemeinschaften, deren Existenzgrund unter anderem die Feier der Liturgie nach alten Büchern ist.

Die Freundschaftsakte hörte 1988 nicht auf. Über den kanonischen Rahmen hinaus erklärte sich Kardinal Ratzinger bereit, ein Einführungsschreiben zur Neuauflage des traditionellen Messbuchs für die Gläubigen zu schreiben, das einige französische bischöfliche Zähne knirschen ließ und wegen der Übersetzung eines der Karfreitagsgebete einen Mediensturm auslöste.

Papst Benedikt XVI. wird auch diese Schwierigkeit lösen, indem er diesem Gebet für das jüdische Volk einen irenischeren Ton verleiht und gleichzeitig die brüderliche Absicht seiner Bekehrung beibehält. Es war auch Kardinal Ratzinger, der sich für ein Treffen zwischen Johannes Paul II. und der Gemeinschaft einsetzte, das im September 1990 stattfand und bei dem Dom Gerard auf die Schwierigkeiten bei der Anwendung des Motu proprio Ecclesia Dei hinweisen konnte.

Kardinal Ratzinger hat sodann versucht, mit Hilfe der Betroffenen durch konkrete Statuten praktische Lösungen zu finden. Bereits 1991 neigte der Kardinal zur Lösung eines möglichen Rückgriffs aller Gläubigen auf ihre Bischöfe, um die Feier der traditionellen Messe zu erreichen.

Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen, dass er als Papst Benedikt XVI. am 7. Juli 2007 wie selbstverständlich ein friedensstiftendes Dokument (Summorum Pontificum) im Hinblick auf einen liturgischen Frieden ans Licht kommen lässt, das die unterschiedlichen Bestrebungen der Gläubigen respektiert.

Ich bemerke eine faszinierende Erwähnung, die die zarte Ehrlichkeit des Kardinals zeigt: Er lud Dom Gerard ein, die Bischöfe zu besuchen, um gegenseitige brüderliche Korrektur zu üben. Reichen Sie unsere respektvollen Kommentare ein und hören Sie ihnen zu.

Trotz des Mediensturms aufgrund des Barroux-Messbuchs stimmte der Kardinal freudig zu, noch einmal ein Vorwort zur Wiederveröffentlichung eines zweiten Buches zu liefern: Monsignore Klaus Gamber: „Zum Herrn hin“. Es war wieder ein Anlass sehr heftiger Reaktionen in Frankreich, da dieses Buch mit wissenschaftlicher Genauigkeit die Grundlagen der Feier der Messe nach Osten (Symbol Christi, aufgehende Sonne) und nicht zu den Gläubigen hin, zeigt.

Die Freundschaft zwischen dem Kardinal und der Gemeinschaft gipfelte in seinem Besuch im September 1995. Er kümmerte sich trotz aller Widerstände um uns. Einige kirchliche Autoritäten hatten ihn gebeten, wegen der Monsignore Gaillot-Affäre und der Wahlen nicht zu den geplanten Terminen zu kommen; er verschob seinen Besuch um ein paar Monate, aber er kam.

Ich erinnere mich sehr gut an seinen Besuch. Als junger Novize begegnete ich ihm und seinem Sekretär, Monsignore Josef Clemens. Sie kamen mit dem Auto aus Rom (ihr Flug war wegen eines Streiks abgesagt worden) und ruhten sich ein wenig auf einem Kofferraum sitzend aus. Ich habe eine unvergessliche Erinnerung an seinen offiziellen Empfang in der Abtei bewahrt: Prozession, Gesang und Gebet und schließlich ein päpstlicher Segen. Seine Ermahnungen konzentrierten sich auf das innere Leben, das für das Leben der Kirche so wichtig ist.

Am Ende der Messe tauchte er in die Menge ein und nach dem von karolingischen Akklamationen gekrönten Mittagessen traf er sich mit den Diözesanpriestern, die ihn mit ihren Fragen angriffen. Seine Losung war, wie wir nicht bezweifeln, übernatürlich: Geduld und Gebet. Ich denke, es ist immer noch aktuell.

1998, anlässlich des zehnten Jahrestages des Motu proprio Ecclesia Dei, leitete er eine Konferenz in Rom, ohne zu zögern, zu sagen, dass die Schwierigkeiten bei seiner Anwendung auf ein falsches Verständnis der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückzuführen seien, dass aber die Geduld nicht verloren gehen dürfe und es vor allem notwendig sei, das Vertrauen zu bewahren, indem man aus der Liturgie die notwendige Kraft für ein Zeugnis katholischer Treue ziehe.

Anlässlich des Todes von Dom Gerard schickte er einen sehr berührenden Brief, in dem seine Freundschaft offenbart wurde. Er erinnerte daran, dass Dom Gerard „den größten Teil seines Lebens damit verbracht hatte, sich dem Herrn zuzuwenden, Gott zu preisen und seine Brüder im Gebet zu führen“. Er dankte „für Dom Gerards Aufmerksamkeit für die Schönheit der lateinischen Liturgie, die berufen ist, immer mehr eine Quelle der Gemeinschaft und Einheit in der Kirche zu sein“.

Card. Ratzinger, Dom Gérard Calvet – Foto Le Barroux

Um zu persönlicheren Erinnerungen überzugehen –
hier der Bericht über einige Begegnungen:

Nach meiner Wahl im Jahr 2004 ging ich nach Rom, um mich dem Kardinal vorzustellen, der mich mit großem Wohlwollen empfing. Trotz meiner Jugend, Unerfahrenheit und meiner bizarren Fragen zeigte er mir nichts als Respekt und Ermutigung.

Ich sah ihn wieder, als er Papst war, während einer Generalaudienz: Er war sehr freundlich, als der Offizier, der mich vorstellen sollte, Zeit damit verschwendete, nach meinem Namen auf der Liste zu suchen. Papst Benedikt XVI. kam ihm zuvor, indem er mich „den Vater Abt von Barroux“ nannte und das „r“ im germanischen Stil rundete. Dann fragte er mich nach den Nonnen, der Klostergemeinschaft und nach Dom Gerard, seinem „großen Freund“. Seine Freude war ansteckend Aufrichtigkeit, und in seiner Gegenwart vergaßen wir sogar die anwesenden Fotografen.

Ein letztes Mal begegnete ich ihm in Mater Ecclesiae. Er war sehr klar und deutlich. Im Gespräch wird kein Wort zu viel gesprochen, sondern ein direkter Gedanke klar zum Ausdruck gebracht. Was mich in diesem letzten Gespräch am meisten beeindruckt hat, war die Reinheit seiner Seele. Als ich mich ihm näherte, fühlte ich mich, als würde ich all meine Sorgen loswerden und ins Licht eintreten. Ich erinnere mich noch an seine einladende Geste.

Für die Kirche wird Benedikt XVI. ein fest verankerter Eckpfeiler im Haus des Herrn, dem Domus Domini, bleiben. Seit einigen Jahren verlasse ich mich auf seine Generalaudienzen, um am ersten Freitag des Monats geistliche Konferenzen abzuhalten. Es gibt immer eine Doktrin, die sicher, verwurzelt und sehr aktuell ist.

Ein Pater erinnerte mich daran, dass er als Theologe vor dem Konzil ein großer Verfechter der Erneuerung der theologischen Studien durch die Rückkehr zu den Kirchenvätern und den großen Scholastikern war. Während des Konzils setzte sich Joseph Ratzinger für eine Erneuerung der Fundamentaltheologie ein, insbesondere in Bezug auf die Offenbarung und das Verhältnis zwischen Schrift und Tradition.

Nach dem Konzil nahm er eine defensivere Haltung gegen die mit der Revolution vom Mai ’68 verbundenen Strömungen ein. Mit dem Vertrauen des hl. Paul VI. und vor allem des hl. Johannes Paul II. trug er zu einer Reihe lehramtlicher Dokumente bei, die eine klarstellende Interpretation der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils lieferten. Das historische Interview mit Vittorio Messori, Bericht über den Glauben, und die Ansprache Benedikts XVI. an die römische Kurie am 22. Dezember 2005 haben Geschichte geschrieben.

Schließlich glaube ich, dass wir alle darin übereinstimmen werden, seine leuchtende Bescheidenheit in Verbindung mit einem feinen Mut zu loben: nach der Veröffentlichung von Dominus Jesus haben ihn die heftigen Reaktionen keineswegs zu erschrecken vermocht, sondern ihn bestärkt, in der Wichtigkeit dieser Art von Erinnerung voranzuschreiten.

Er war auch einer der ersten, der den Kampf gegen den Missbrauch aufgenommen hat, ein Beweis für seine Hellsichtigkeit.

Abschließend möchte ich an die Tiefe seiner Lehre erinnern, die auf der Beziehung zwischen Glaube und Vernunft beruht: [Die Hermeneutik der Kontinuität ist die Hermeneutik der Reform. „Die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg”, Benedikt XVI. an Papst Weihnachten 2005].

Er hatte die Weisheit, der Kirche vorzuschlagen, alles auf das solide Fundament der theologischen Tugenden zu setzen. Dies bezeugen seine drei Enzykliken: „Deus caritas est“, „Spe salvi“ und „Lumen Fidei“, seine letzte, die er von seinem Nachfolger, Papst Franziskus, unterzeichnen ließ.

Gott möge sich herablassen, ihn in seinem Frieden und Licht aufzunehmen! Möge er für uns bitten und uns vom Himmel aus segnen!

[Dom Louis-Marie Geyer d’Orth O.S.B., Abt der Benediktinerabtei Sainte-Madeleine Le Barroux, „Histoire d’une amitié… bénédictine“, erschienen am 4. Januar 2023 in „L’Homme Nouveau“)

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Benedikt XVI. – der gute Hirte

(DIE TAGESPOST, 5. Januar 2023):

In einem Gastbeitrag für die französische Tageszeitung „Le Figaro“ hält Kurienkardinal Robert Sarah eine sehr persönliche Rückschau auf das Leben Papst Benedikts XVI. Jede persönliche Begegnung mit dem verstorbenen Papst sei „eine echte spirituelle Erfahrung gewesen, die meine Seele geprägt hat“, so der ehemalige Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Er hoffe darauf, dass Benedikt „bald heiliggesprochen und zum Kirchenlehrer erklärt wird“.

DIE TAGESPOST schreibt weiter:

Als junger Kurienkardinal sei Sarah von der engen Beziehung zwischen Johannes Paul II. und dem damaligen Kardinal Ratzinger fasziniert gewesen: „Beide waren auf der Suche nach Gott und wollten der Welt diese Suche wieder schmackhaft machen.“ Sarah selbst erinnert sich an unzählige Arbeitsstunden mit Papst Benedikt, in denen er den Charakter des Verstorbenen studieren konnte. Über Benedikts Qualität als Leiter Kurie schreibt er: „Ich glaube, dass er seinen Mitarbeitern immer vertraut hat. Das hat ihm übrigens auch Verrat und Enttäuschungen eingebracht. Aber Benedikt XVI. war so unfähig zur Verstellung, dass er nicht glauben konnte, dass ein Kirchenmann in der Lage ist zu lügen.“ Die Wahl des geeigneten Personals sei dem damaligen Papst daher nicht leichtgefallen.

Für den Kurienkardinal war Benedikt XVI. der gute Hirte, „der wollte, dass keines seiner Schafe verloren geht. Er wollte sie mit der Wahrheit nähren und sie nicht den Wölfen und Irrtümern überlassen. Aber vor allem liebte er sie. Er liebte die Seelen, weil sie ihm von Christus anvertraut worden waren.“

DIE TAGESPOST

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Was es bedeutet, heilig zu sein

Was bedeutet es, heilig zu sein? Wer ist zur Heiligkeit berufen? Oft ist man noch geneigt zu glauben, daß die Heiligkeit ein Ziel ist, das wenigen Auserwählten vorbehalten ist. Der hl. Paulus dagegen spricht vom großen Plan Gottes und sagt: »Denn in ihm [Christus] hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott« (Eph 1,4). Und er meint uns alle. Im Mittelpunkt des göttlichen Plans steht Christus, in dem Gott sein Antlitz zeigt: Das seit ewigen Zeiten verborgene Geheimnis wurde im fleischgewordenen Wort in Fülle offenbar. Und dann sagt Paulus: »Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen« (Kol 1,19). In Christus ist der lebendige Gott zu uns gekommen, ist er sichtbar, hörbar, spürbar geworden, damit wir alle aus seiner Fülle Gnade und Wahrheit empfangen können (vgl. Joh 1,14–16). Die ganze christliche Existenz kennt daher nur ein einziges höchstes Gesetz, das der hl. Paulus in einer Formel zum Ausdruck bringt, die sich in allen seinen Schriften findet: in Christus Jesus. Die Heiligkeit, die Fülle des christlichen Lebens besteht nicht darin, außerordentliche Taten zu tun, sondern darin, mit Christus vereint zu sein, seine Geheimnisse zu leben, uns seine Einstellungen, seine Gedanken, sein Verhalten zu eigen zu machen.

Das Maß der Heiligkeit ist durch das Format gegeben, das Christus in uns erlangt, dadurch, wie sehr wir in der Kraft des Heiligen Geistes unser ganzes Leben nach seinem Leben formen. Das ist die Gleichgestaltung mit Christus, wie der hl. Paulus sagt: »Alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben « (Röm 8,29). Und der hl. Augustinus ruft aus: »Mein Leben, ganz von dir erfüllt, wird erst dann wahres Leben sein« (Bekenntnisse, 10,28). In der Konstitution über die Kirche spricht das Zweite Vatikanische Konzil deutlich über den universalen Ruf zur Heiligkeit und sagt, daß niemand davon ausgenommen ist: »In den verschiedenen Verhältnissen und Aufgaben des Lebens wird die eine Heiligkeit von allen entfaltet, die sich vom Geist Gottes leiten lassen und … dem armen, demütigen, das Kreuz tragenden Christus folgen und so der Teilnahme an seiner Herrlichkeit würdig werden« (Nr. 41).

Aber es bleibt die Frage: Wie können wir den Weg der Heiligkeit beschreiten, auf diesen Ruf antworten? Kann ich das aus eigener Kraft? Die Antwort ist klar: Ein heiliges Leben ist nicht in erster Linie Frucht unserer Anstrengungen, unseres Handelns, denn es ist Gott – der dreimal heilige Gott (vgl. Jes 6,3) – , der uns heilig macht, es ist das Wirken des Heiligen Geistes, der uns von innen her beseelt, es ist das Leben des auferstandenen Christus, das uns mitgeteilt wird und uns verwandelt. Um es noch einmal mit den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils zu sagen: »Die Anhänger Christi sind von Gott nicht kraft ihrer Werke, sondern aufgrund seines gnädigen Ratschlusses berufen und in Jesus dem Herrn gerechtfertigt, in der Taufe des Glaubens wahrhaft Kinder Gottes und der göttlichen Natur teilhaftig und so wirklich heilig geworden. Sie müssen daher die Heiligung, die sie empfangen haben, mit Gottes Gnade im Leben bewahren und zur vollen Entfaltung bringen« (ebd., 40). Die Heiligkeit wurzelt also letztlich in der Taufgnade, im Eingepfropftsein in das Ostergeheimnis Christi, wodurch uns sein Geist, sein Leben als der Auferstandene mitgeteilt wird. Der hl. Paulus hebt die Verwandlung, die die Taufgnade im Menschen wirkt, sehr stark hervor, und er prägt schließlich eine neue Terminologie, die mit der Präposition »mit« gebildet wird: mit Christus »mitgestorben «, »mit-begraben«, »mit-auferstanden«, »mit-belebt«; unser Schicksal ist unlöslich mit dem seinen verbunden. Er schreibt: »Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben« (Röm 6,4).

Aber Gott achtet stets unsere Freiheit und bittet darum, daß wir dieses Geschenk annehmen und die Anforderungen leben, die es mit sich bringt. Er bittet darum, daß wir uns durch das Wirken des Heiligen Geistes verwandeln lassen und unseren Willen dem Willen Gottes gleichgestalten. Wie kann es geschehen, daß unser Denken und unser Handeln zum Denken und Handeln mit Christus, zum Denken und Handeln Christi werden? Was ist die Seele der Heiligkeit? Das erläutert wiederum das Zweite Vatikanische Konzil; es sagt uns, daß die christliche Heiligkeit nichts anderes als die in Fülle gelebte Liebe ist. »Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1 Joh 4,16). Gott aber gießt seine Liebe in unseren Herzen aus durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (vgl. Röm 5,5). Daher ist die erste und notwendigste Gabe die Liebe, durch die wir Gott über alles und den Nächsten um Gottes willen lieben.

Damit aber die Liebe wie ein guter Same in der Seele wachse und Frucht bringe, muß jeder Gläubige das Wort Gottes bereitwillig hören und seinen Willen mit Hilfe seiner Gnade in der Tat erfüllen, an den Sakramenten, vor allem der Eucharistie, und an den gottesdienstlichen Handlungen häufig teilnehmen und sich standhaft dem Gebet, der Selbstverleugnung, dem tatkräftigen Bruderdienst und der Übung aller Tugenden widmen. Denn die Liebe als Band der Vollkommenheit und Fülle des Gesetzes (vgl. Kol 3,14; Röm 13,10) leitet und beseelt alle Mittel der Heiligung und führt sie zum Ziel« (Lumen gentium, 42). Vielleicht ist diese Sprache des Zweiten Vatikanischen Konzils für uns noch ein wenig zu feierlich, vielleicht müssen wir es auf noch einfachere Weise sagen. Was ist wesentlich? Wesentlich ist, keinen Sonntag ohne eine Begegnung mit dem auferstandenen Christus in der Eucharistie vergehen zu lassen, denn das ist keine zusätzliche Last, sondern ein Licht für die ganze Woche; keinen Tag ohne wenigstens ein kurzes Beisammensein mit Gott zu beginnen und zu beenden; und auf der Straße unseres Lebens den »Wegweisern« zu folgen, die Gott uns in den mit Christus gelesenen zehn Geboten gegeben hat. Sie sind ganz einfach die Erläuterung dessen, was Liebe in bestimmten Situationen bedeutet. Das erscheint mir als die wahre Einfachheit und Größe des Lebens in Heiligkeit: am Sonntag dem Auferstanden zu begegnen; mit Gott am Anfang und am Ende des Tages beisammen zu sein; in den Entscheidungen den »Wegweisern« zu folgen, die Gott uns gegeben hat und die nichts anderes sind als Formen der Liebe. »Daher ist die Liebe zu Gott wie zum Nächsten das Siegel des wahren Jüngers Christi« (ebd.). Das ist die wahre Einfachheit, Größe und Tiefe des christlichen Lebens, des Heiligseins.

Daher kann der hl. Augustinus in seinem Kommentar zum vierten Kapitel des Ersten Briefes des Johannes etwas Mutiges sagen: »Dilige et fac quod vis«, »Liebe und tue, was du willst«. Und er fährt fort: »Wenn du schweigst, so schweige aus Liebe; wenn du redest, so rede aus Liebe; wenn du zurechtweist, so weise aus Liebe zurecht; wenn du vergibst, so vergib aus Liebe; in dir sei die Wurzel der Liebe, denn aus dieser Wurzel kann nur Gutes hervorgehen« (7,8: PL 35).

Wer von der Liebe geleitet ist, wer die Liebe in Fülle lebt, ist von Gott geleitet, denn Gott ist Liebe. So gilt dieses große Wort: »Dilige et fac quod vis«, »Liebe und tue, was du willst«. Wir könnten uns vielleicht fragen: Können wir mit unseren Grenzen, mit unserer Schwachheit so hoch hinaus wollen? Die Kirche lädt uns ein, im Laufe des liturgischen Jahres einer Schar von Heiligen zu gedenken – also derer, die die Liebe in Fülle gelebt haben, die es verstanden haben, Christus in ihrem täglichen Leben zu lieben und nachzufolgen. Sie sagen uns, daß alle diesen Weg beschreiten können. In jeder Epoche der Kirchengeschichte, in jedem Breitengrad der Welt gibt es Heilige jeden Alters und jeden Lebensstands. Es sind konkrete Gesichter aller Völker, Sprachen und Nationen. Und es sind ganz unterschiedliche Charaktere. Ich muß sagen, daß auch für meinen persönlichen Glauben viele Heilige – nicht alle – wahre Sterne am Himmel der Geschichte sind. Und ich möchte hinzufügen, daß für mich nicht nur einige große Heilige, die ich liebe und die ich gut kenne, »Wegweiser« sind, sondern gerade auch die einfachen Heiligen, also die guten Menschen, denen ich in meinem Leben begegne und die wohl nie heiliggesprochen werden. Es sind sozusagen gewöhnliche Menschen, ohne sichtbaren Heroismus, aber in ihrer täglichen Güte sehe ich die Wahrheit des Glaubens. Diese Güte, die im Glauben der Kirche in ihnen herangereift ist, ist für mich die sicherste Apologie des Christentums und das Zeichen dafür, wo die Wahrheit liegt. In der Gemeinschaft der Heiligen, seien sie zur Ehre der Altäre erhoben oder nicht, die die Kirche durch Christus in all ihren Gliedern lebt, erfreuen wir uns an ihrer Gegenwart und an ihrer Gesellschaft und hegen die unumstößliche Hoffnung, ihren Weg nachahmen zu können und eines Tages an ihrem glückseligen Leben, dem ewigen Leben, teilzuhaben.

Liebe Freunde, wie groß und schön und auch einfach ist die christliche Berufung in diesem Licht betrachtet! Wir alle sind zur Heiligkeit berufen: Sie ist das Maß des christlichen Lebens. Der hl. Paulus bringt es noch einmal mit großer Tiefe zum Ausdruck, wenn er schreibt: »Jeder von uns empfing die Gnade in dem Maß, wie Christus sie ihm geschenkt hat … Und er gab den einen das Apostelamt, andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi. So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen« (Eph 4,7.11–13). Ich möchte alle einladen, sich gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes zu öffnen, der unser Leben verwandelt, damit auch wir gleichsam Steine in dem großen Mosaik der Heiligkeit sind, das Gott in der Geschichte erschafft, damit das Antlitz Christi in vollem Glanz erstrahle. Wir dürfen keine Angst haben, hoch hinaus zu wollen, in Gottes Höhe; wir dürfen keine Angst haben, daß Gott zuviel von uns verlangt, sondern wir müssen uns in unserem täglichen Handeln von seinem Wort leiten lassen, auch wenn wir spüren, daß wir uns als arme, unzulängliche Sünder fühlen: Er wird uns verwandeln, gemäß seiner Liebe. Danke.

(Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 13. April 2011)

Tiefstes Schweigen hielt alles umfangen : Benedikt XVI.

Heute, am Donnerstag vor „Drei König“, liturgisch jedoch richtig am Tag der „Vigil des Festes der Erscheinung des Herrn„, wird Papst Benedikt XVI. im Petersdom beigesetzt.

In der Antiphon zum Benedictus zur Laudes betet und singt die Kirche:

Tiefstes Schweigen hielt alles umfangen,
die Nacht hatte in ihrem Lauf die Mitte ihres Weges erreicht;
da kam, o Herr, aus dem Himmel vom Königstrone herab
Dein allmächtiges Wort.

Dum medium silentium * tenerent omnia,
et nox in suo cursu medium iter perageret,
omnipotens sermo tuus, Domine,
a regalibus sedibus venit, alleluia.

Nach dem Requiem für Papst Benedikt XVI., das um 9.30 Uhr beginnen soll, wird sein Leichnam in der ersten Grablege von Papst Johannes Paul II. bestattet. Wenn alle vorgesehenen Regularien vorüber sein werden, ist die Stunde der Non nahe, jenes Gebet der Kirche zur neunten Stunde, das der heimgegangene Papst in seinem Kloster tagtäglich verrichtete. Am heutigen Tag lautet die Antiphon der Non:

Ecce Maria * genuit nobis Salvatorem,
quem Ioannes videns, exclamavit dicens:
Ecce Agnus Dei,
ecce qui tollit peccata mundi, alleluia.

Seht, Maria gebar uns den Erlöser,
als Johannes ihn sah, rief er aus, er sprach:
Seht, das Lamm Gottes,
seht, es nimmt hinweg die Sünde der Welt.

Kreuz-Träger bis zuletzt

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