Eigene Tragödien und die Aufgabe des Priesters

Ich denke, wenn wir als Priester und Seelsorger unsere Arbeit richtig machen wollen, müssen wir unsere Zeit allein mit Gott verbringen und zuerst unsere eigene persönliche Tragödie erleben und aus unserem eigenen Herzen zu ihm sprechen.

Dann haben wir ein Wort des Trostes für alle, denen wir begegnen.

Und das ist die Aufgabe des Priesters: sein Volk zu trösten, ein Wort des Trostes zu bringen.

‚Meine Priester, meine Priester, tröstet mein Volk‘, sagt der Herr durch den Propheten Jesaja [Jesaja 40,1 (LXX)].

Die Aufgabe des Priesters ist es, ein Tröster der Seelen zu sein. Aber wir können kein Wort des Trostes geben, wenn wir nicht selbst getröstet worden sind. Am Anfang des zweiten Korintherbriefs sagt Paulus:

„Gepriesen sei der Gott allen Trostes, der uns tröstet, damit wir die, die zu uns kommen, mit dem Trost trösten können, mit dem wir selbst getröstet sind. Er benutzt die Worte ‚Trost‘ und ‚trösten‘ neun oder zehn Mal. Und es ist nicht leicht, den Menschen solchen Trost zu spenden, wenn wir nicht unsere Zeit mit Gott haben.“

Archimandrite Zacharias of Essex, Remember Thy First Love

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Herr, mir geschehe Dein Wille

(zum gestrigen Festtag der heiligen Teresa von Jesus)

Je mehr man durch sein Leben erweist, daß es sich nicht um leere Worte handelt, um so enger und enger vereint sich uns der Herr und hilft uns, alles Geschaffene wie uns selbst zu übersteigen, um seine großen Gnaden zu empfangen, die er denen, die ihm in diesem Leben dienen, unaufhörlich schenkt. So reich sind seine Gaben, daß wir gar nicht mehr wissen, um was wir noch bitten sollen, und seine Majestät wird niemals müde zu geben.

Ja, es genügt ihm noch nicht, daß er unsere Seele mit sich vereinte, er beginnt auch, sich an ihr zu erfreuen, ihr Geheimnisse mitzuteilen und zu sehen, wie sie durch ihr Verstehen vorankommt und zu ahnen beginnt, was er zu schenken vermag. Er läßt sie den Gebrauch ihrer äußeren Sinne verlieren, damit sie nichts anderes mehr wahrnehme. Das nennt man Ekstase. Und er beginnt ihr solche Freundschaft zu bezeugen, daß er ihr nicht nur ihren Willen zurückgibt, sondern noch den seinen dazu. Denn es freut den Herrn in dieser liebevollen Freundschaft, daß er sich den Wünschen der Seele unterwirft, so wie sie sich den seinen, nur viel vollkommener, denn er ist allmächtig und vollbringt, was er wünscht so, daß nichts zu wünschen übrig bleibt.

Die arme Seele aber kann nicht alles, was sie wünscht vollbringen, sie vermag gar nichts, wenn er es ihr nicht schenkt: Das ist ihr größter Reichtum. Ich möchte euch eines raten: Meint nie, ihr könntet aus eigener Kraft und durch eigenes Bemühen zu diesem Gebet gelangen. Wenn ihr es versucht, werdet ihr scheitern und nur Kälte und Trockenheit empfinden. Ihr könnt nichts anderes tun, als in Schlichtheit und mit allumfassender Demut sagen: Dein Wille geschehe.

(Teresa von Avila,
vgl. Erika Lorenz: Ich bin ein Weib und obendrein kein gutes)

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O freier Wille, welch Sklave deiner Freiheit bist du doch

(zum morgigen Festtag der heiligen Teresa von Jesus)

Wie armselig ist die Weisheit der Sterblichen und wie unsicher ihre Vorsorge! Gebe doch, Herr, Deine Vorsehung meiner Seele, wessen sie bedarf, um mehr Deinen Wünschen als ihren eigenen zu dienen. Straf mich nicht, indem Du mir gibst, was ich will und wünsche, wenn es Deiner Liebe, die immer in mir leben möge, nicht entspricht. Möge doch dieses mein Ich sterben, auf daß ein neues, größeres und besseres in mir lebe, dem mein kleines Ich zu dienen vermag: Dieses große Ich lebe in mir und gebe mir Leben. Es herrsche, und ich sei seine Gefangene, denn meine Seele will keine Freiheit mehr. Wie wäre denn frei, wer sich vom höchsten Gut entfernte? Gibt es denn für die Seele eine elendere Gefangenschaft, als wenn sie sich aus der Hand des Herrn löste? Glücklich, die sich durch starke Gitter und Ketten des göttlichen Erbarmens gefangen sehen und sich nicht daraus befreien können. Stark wie der Tod ist die Liebe und hart wie die Hölle. O hätten mich doch die Hände Deiner Liebe schon getötet und in diese göttliche Hölle geworfen, aus der es keinen Ausgang geben möge, oder besser gesagt, daß man nicht mehr fürchten müsse, sie zu verlassen! Denn, ach mein Herr, so lange dieses irdische Leben dauert, besteht auch die Gefahr, daß wir das ewige verlieren!

Wenn ich es recht überdenke, ach Du mein Herr, so ist meine Verbannung lang. Kurz aber ist die Zeit, die uns gegeben wurde, um uns Ewigkeit zu erwirken. Lang ist ein einziger Tag, eine einzige Stunde für den, der fürchtet, Dich beleidigt zu haben. O freier Wille, welch Sklave deiner Freiheit bist du doch, solange dich nicht Furcht und Liebe an den Schöpfer binden. Wann werde ich ihn sehen, den glückseligen Tag, da du verschlungen bist vom unendlichen Meer der höchsten Wahrheit! Da du nicht mehr frei bist zu sündigen, noch frei sein möchtest, weil du, vor allem Elend sicher, ganz eingingst in das Leben deines Gottes.

(Teresa von Avila,
vgl. Erika Lorenz: Ich bin ein Weib und obendrein kein gutes)

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Wer MIR nachfolgen WILL …

„Es muss daran erinnert werden, dass jede Leidenschaft
Quell des Todes ist und einen Menschen für immer töten kann,
wenn er nicht bereut und sich nicht ändert, sie nicht aufgibt.“

„Wer Mir nachfolgen will“, sagt der Herr, „der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach“ (Mk 8,34).

Der Herr zwingt niemanden, Ihm zu folgen.

Er überlässt es jedem, frei zu wählen, ob er Ihm nachfolgt oder nicht, für Ihn lebt, für die Wahrheit und Heiligkeit, für ein ewiges Sein mit Ihm, oder ob er für sich selbst lebt, dabei seinen Leidenschaften frönt, der „ehebrecherischen und sündigen“ Welt und dem Teufel dient, der sucht, wie er den Menschen vernichten und in die ewige Qual stürzen kann.

Der Herr lässt unseren freien Willen unangetastet.

Wenn wir in die Geschichte der Kirche schauen, auf die Beispiele der Heiligkeit, die sich im Leben der Kirche manifestieren, werden wir sehen, dass die Apostel, die Ehrwürdigen und alle Heiligen Christus nachgefolgt sind. Sie opferten um des Herrn willen alle Güter der Welt und sogar ihr eigenes Leben und wurden nicht in ihrer Hoffnung enttäuscht, das himmlische Königreich zu erben.

Es stellt sich die Frage: Was bedeutet es, sich selbst zu verleugnen?

Es bedeutet, unserem sündigen Willen, unseren bösen Neigungen, unseren Leidenschaften und jeglicher Sünde zu entsagen, dem, was uns bindet, verdunkelt, entehrt und uns daran hindert, Christus nachzufolgen.

Warum folgt ein Großteil der Menschen dem Herrn nicht nach?

Aufgrund von Unglauben oder Kleingläubigkeit, wegen der Bindung an dieses Leben und an seine Annehmlichkeiten, aber auch wegen geistlicher Unwissenheit. Der Weg, der ins himmlische Königtum führt, ist für sie nicht attraktiv, weil es ein schmaler Weg ist, der geistliche Anstrengungen, Kampf und Selbstaufopferung erfordert.

Der Weg aber, der breit und, wie es ihnen scheint, frei ist, fordert von ihnen keine Anstrengungen und bietet nur Vergnügungen und Annehmlichkeiten im Leben. Ihr Motto lautet: „Nimm dir alles vom Leben“. Das Ergebnis einer solchen „Freiheit“ aber sind großes Elend und Unglück. Und was das Traurigste und Erschreckendste ist: Viele werden enttäuscht und beenden ihr Leben durch Selbstmord.

Der menschenliebende Herr verkündet durch den Mund des Propheten sowohl damals, viele Jahrhunderte vor dem Erscheinen des Heilands in der Welt, wie auch heute, dass „Er nicht den Tod des Sünders will, sondern dass der Sünder sich von seinem Weg abwendet und am Leben bleibt“ (Hes 33,11). Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Tim 2,4). Dazu müssen wir selbstlos unser Kreuz auf uns nehmen und Ihm nachfolgen, indem wir gegen die Sünde und die Leidenschaften kämpfen, die uns bedrängen.

Wer sich weigert zu kämpfen, wer seine Seele in diesem Kampf schont, verurteilt die Seele zum ewigen Verderben (Mk 8,35).

Es muss daran erinnert werden, dass jede Leidenschaft Quell des Todes ist und einen Menschen für immer töten kann, wenn er nicht bereut und sich nicht ändert, sie nicht aufgibt. Deshalb gebietet uns der Herr, uns selbst zu verleugnen und Ihm zu folgen, indem wir das Kreuz auf uns nehmen. In dieser Selbstverleugnung liegt unsere Rettung.

(Aus einer Predigt des Russ.-Orthod. Erzbischof Tichon vom 3. Oktober 2021)

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Wenn du sündigst, erinnere dich, was Jesus sagte

Petrus verleugnete den Herrn,
und er erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte,
– da begann er bitterlich zu weinen (Mt 26,75).

Wer sündigt, ehe er Gott kennt, ehe er seine Erbarmungen erfahren, ehe er das sanfte Joch und die leichte Bürde getragen (Mt 11,30), ehe er die Gnade der Andacht und die Tröstung des Heiligen Geistes empfangen hat: der, sage ich, findet reiche Erlösung.

Von dieser Art sind wir alle gewesen.

Aber jene, die nach ihrer Bekehrung abermals in Sünden und Laster sich verstricken, undankbar für die empfangene Gnade; die, nachdem sie ihre Hand an den Pflug gelegt haben, lau und fleischlich geworden, zurückblicken (Lk 9,62); oder die gar, nachdem sie einmal den Weg der Wahrheit erkannt haben, als offenkundige Abtrünnige zurückweichen:

Du dürftest gewiss recht wenige darunter treffen, die nachher wieder auf ihre frühere Stufe zurückkehren; sie sinken vielmehr, einmal im Schmutz steckend, immer tiefer in Schmutz.

Darüber klagt der Prophet: „Weh, wie glanzlos ist das Gold, gedunkelt das köstliche Feingold!“ und: „Die einst auf Purpur lagen, betten sich jetzt auf Mist“ (Klgl 4,1.5).

Dennoch wollen wir an einem solchen Menschen nicht verzweifeln,
wenn er nur willens ist, sich rasch wieder zu erheben.

Je länger er in seinen Sünden verharrt,
desto schwerer kommt er heraus.

Doch Heil dem, der die Kinder Babylons [die Versuchung] ergreift und an den Felsen [Christus] schleudert (Ps 137,9)! Denn sind sie einmal groß geworden, wird man ihrer kaum mehr Herr. „Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten“ (1 Joh 2,1), der vermag, was uns unmöglich ist. Nur darf, wer gefallen ist, das Übel nicht vermehren, um nicht noch tiefer zu fallen. Er stehe vielmehr auf und vertraue, dass auch ihm die Verzeihung nicht versagt werde, wenn er nur von Herzen seine Sünden bekennt. So ist nämlich Petrus, von dem wir sprechen, nach einem so schweren Fall zu solcher Höhe der Heiligkeit gelangt: „Er ging hinaus und weinte bitterlich“ (Mt 26,75). Unter dem Hinausgehen verstehe das Bekenntnis des Mundes, unter dem bitteren Weinen die Zerknirschung des Herzens!

Achte auch darauf, wie er sich des Wortes, das Jesus zu ihm gesprochen hat, erinnerte: erst dann nahm er sich das Wort, das ihm seine Schwachheit vorausgesagt hat, zu Herzen, als ihm die angemaßte Kühnheit geschwunden war. Wehe dir, wenn du nach dem Fall noch mehr den Helden spielen willst! Warum bestehst du so starr und steif auf deinem Verderben? Beuge dich doch lieber, damit du leichter aufgerichtet werdest! Hindere nicht, daß das Verschrobene gebrochen werde, damit es besser gefestigt werden könne. –

Was entrüstest du dich, wenn dich der Hahn schilt?
Sei lieber über dich selbst unwillig.

„Gnadenvolle spendest du Regen, o Gott“ sagt der Psalmist, „du hast deinem Erbe Stärke bewahrt, als es schwach geworden“ (Ps 68,10)! Gesegnete Schwäche, die das Erbe befällt, wenn es den Arzt nicht zurückweist! Die Verhärteten aber wird er wie Töpfergeschirr mit eiserner Rute zerschlagen (Ps 2,9). Doch dein Erbe, sagt der Psalmist, war schwach geworden und du hast es wieder gestärkt.

„Als aber die Sünde sich häufte,
ward die Gnade überreichlich“ (Röm 5,20).

Nach den Worten des hl. Bernhard von Clairvaux
(In sollemnitate Apostolorum Petri et Pauli, s. III,3)

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Mein Gott, was wird aus mir werden …

O mein Gott, ich erschrecke,
wenn ich des Zustandes gedenke,
in dem ich lebe.

Was wird aus mir, wenn Du mich Deine Strenge fühlen läßt?
Was ist mein Leben anderes, o mein geliebter und barmherziger Gott, als eine Reihe von kleinen und großen Vergehen wider Dich?
Welch schwere Sünden habe ich schon gegen Dich begangen, und wie bin ich im kleinen beständig zur Sünde geneigt?
Mein Gott, was wird aus mir werden?
Was wird mein Los sein nach diesem Leben, wenn ich mir selbst überlassen bin?
Was kann ich anderes tun, als voll Demut mich zu ihm wenden, den ich so schwer beleidigt und erzürnt habe, und ihn bitten, die Schuld auszulöschen, die wider mich zeugt?

O mein Herr Jesus, der Du mich so sehr geliebt hast,
daß Du vom Himmel gekommen bist, um mich zu retten,
lehre mich meine Sünde erkennen, lieber Meister –
zeige mir ihre Häßlichkeit –
gib mir wahre Reue –
und verzeihe mir nach Deiner großen Barmherzigkeit!

(Hl. J.H. Newman)

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Über die Hochherzigkeit

[… Die] besondere Übung der Tugend der Hochherzigkeit.

Das sollen Sie mutig und sanft unternehmen, nicht mit roher Gewalt. Sie sollen die Sanftmut und Demut mit Hochherzigkeit üben, denn diese zwei Tugenden braucht man immer, ohne sie jemals aufzugeben. Die Hochherzigkeit besteht darin, unabhängig zu werden von allen Dingen und Geschöpfen und sich nicht damit abgeben, zu denken, ob sie uns lieben und an uns denken oder nicht; dabei darf man sich nicht aufhalten. Ich will wohl, daß Sie mich lieben und daß Sie glauben, daß ich Sie recht liebe; aber ich will, daß die Freundschaft, die Sie zu mir hegen, Ihrer Vollkommenheit und der Vereinigung Ihres Geistes mit Gott nicht schade, sondern Ihnen dazu diene, sich noch mehr mit ihm zu vereinigen. Ich will nicht, daß Sie an mir und an unserer Mutter hängen.

Man muß alle Bedenken mißachten und sich mutig erheben, erhobenen Hauptes über alles weggehen und nicht auf die Handlungen des Nächsten achten, was er tut oder sagt und wie er sich gegen uns verhält. Wir würden nie etwas tun, wollten wir alles überlegen und die Gedanken und Überlegungen wiegen. Die Hochherzigkeit geht über all das hinweg, sie hält sich nur an Gott allein, dem zuliebe sie alles tut, und sie tötet ab, was menschlich ist, um nur mehr für ihn zu leben. Man muß seiner Seele Mut machen und ihr sagen, daß alles für Gott und für die Ewigkeit bestimmt ist. Tatsächlich gehören wir nicht mehr uns selbst, wir sind Gott geweiht, um ihn zu lieben und ihm vollständig zu dienen. Man muß also hochherzig seinen Weg gehen, ohne über etwas erstaunt zu sein, und jeden seinen Weg gehen lassen. Meine liebe Tochter, für uns genügt es, Jesus Christus den Gekreuzigten (1 Kor 2,2) zu kennen. Seien Sie nicht kleinlich in der Übung der Tugenden, sondern gehen Sie geradewegs, freimütig, einfältig und in gutem Glauben voran. Gewiß, ich fürchte den Geist des Zwangs. Meine Tochter, ich wünsche, daß Sie ein weites und großmütiges Herz auf dem Weg Unseres Herrn haben, aber ich will auch stets, daß es mild sei.

Das innerliche Leben besteht darin, die Natur sterben zu lassen und nach der Gnade und der Vernunft zu leben. Wenn uns die Mücken stechen, muß man sie nur ganz einfach verjagen; wenn uns Widerstände kommen, muß man sie ebenfalls nur ganz einfach abwehren, d. h. sich von ihnen abwenden und sich nicht mit ihnen befassen. Ich will Ihnen sagen, wie ich es machen wollte und wie ich will, daß Sie es machen. Ich erwarte von Ihnen nicht, daß Sie keine Gefühle haben, wohl aber, daß Sie diese bekämpfen, besiegen und mit Sanftmut und Geduld überwinden.

Bleiben Sie ruhig, wenn Sie keine Kreuze haben; Unser Herr wird Ihnen wohl welche senden, wann es ihm gefällt.

Franz von Sales

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Um Mitternacht stehe ich auf um Dich zu preisen

(vgl. Ps 118,62)

„Einmal habe ich es erlebt, wie ein etwa siebzehnjähriger junger Mann, mit dem ich auf dem Berg Athos eine klösterliche Gastzelle zum Übernachten teilte, mitten in der Nacht aufstand und sich wohl eine Stunde lang vor seinem Bett niederkniete und sich immer wieder verneigte.
»Wer schläft, sündigt nicht«, sagt man. Mag sein.

Andererseits kann, wer schläft, währenddessen nicht Herz und Sinn zu Gott erheben. Der Psalmist ist am ehesten mit dem Verliebten vergleichbar, dem es leid ist um die Zeit, wo er seine ferne Liebste vergessen muss. Die Nacht ist ihm zu lang, so dass er sie um Mitternacht unterbricht, vielleicht um ihr einen Brief zu schreiben.

»Den Schlaf nicht lieben«
ist eine der Regeln des heiligen Benedikt für die Mönche (Regula Benedicti 4, 37).

Einige Mönchsgemeinden stehen tatsächlich noch in der Nacht zum Gebet auf. Wir tun es in der Regel nicht, aber wir sollten uns deshalb umso mehr an das halten, was der folgende Vers sagt: »Ich bin ein Freund all derer, die Dich fürchten und ehren«, also zum Beispiel derer, die um Mitternacht zum Gebet aufstehen, und aller Gottesfürchtigen.“

(Robert Spaemann, Meditationen eines Christen)

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