Mit dem heiligen Rafael Arnáiz Barón von Septuagesima bis Ostern – (9/17)

Rafael wird am 9. April 1911 geboren; 15. Januar 1934 Eintritt in die Trappistenabte St. Isidro; 26. Mai 1934 verlässt er das Kloster wegen schwerer Diabetes; 11. Januar 1936 Rückkehr in die Abtei, er wird Oblate; am 29. September 1936 muss er wegen des Bürgerkrieges das Kloster verlassen; 6. Dezember 1936 Rückkehr ins Kloster; am 7. Februar 1937 muss er wieder wegen seiner Krankheit das Kloster verlassen; am 15. Dezember 1937 kehrt Rafael unter Verzicht auf die Bequemlichkeiten und die Fürsorge in seinem Elternhaus erneut und endgültig in die Abtei zurück. Todestag am 26. April 1938, gerade 27 Jahre geworden. – Rafael Arnáiz Barón erhielt das Ordenskleid der Trappisten „Angesichts des Todes“ und legte dabei die feierliche Profess ab.

Gott und meine Seele

Hl. Rafael Arnáiz Barón notiert am 25. März 1938 zum Fest Mariä Verkündigung:

Jesus, wie gut läßt es sich leben, wenn man mit Dir leidet in der Verborgenheit des Klosters!
Wie sehr bedauere ich die Menschen in der Welt!
Mein Bruder war zu Besuch hier… Wie sehr liebe ich ihn!

Er ist ein Engel Gottes. Seine christliche Denkweise erbaut mich, sein ernsthafter, seriöser Lebenswandel, seine Seele, in der ich hervorragende Veranlagungen sehe und ein Herz, tauglich für Gott … Das ist mein Bruder, der sympathische Oberleutnant der Artillerie! [….]

Nachdem ich den Tag mit ihm verbracht habe, jetzt, in der Abgeschiedenheit meiner Zelle, denke ich daran, wie gut Gott zu mir ist, indem Er mich zum Ordensleben rief, fernab von der Welt und ganz nahe bei Jesus. Wie glücklich bin ich mitten in meinen Leiden und Opfern! Wie glücklich bin ich, eine Seele sein zu dürfen, die für Jesus leidet! Wie glücklich bin ich, mein Verlangen, meine Wünsche, ja sogar meine Schwächen vor den Tabernakel legen zu können, in dem Jesus gegenwärtig ist!

Ich sprach mit meinem Bruder von der Welt und sah, was ich schon öfters erkannt hatte: die Eitelkeit der Dinge dieser Welt … Er erzählte mir von unseren Angehörigen, von seinen Sorgen und Interessen … Wir sprachen über Zukunftspläne … Er teilte mir Einzelheiten aus dem Leben meiner Eltern und Geschwister mit und sprach über Veränderungen im Haus. Er erzählte mir von Hunden, Pferden, Autos … und was weiß ich! Wie gut ist Gott, der mich aus all dem herausgeholt hat! Für mich gibt es nichts mehr, was mich interessieren könnte. Wie glücklich bin ich mit Gott allein und mit meinem Kreuz!

In der Welt wird gelitten … Alles sind Mühen, Wünsche, Hoffnungen … – selten erfüllt. In der Welt vergießt man Tränen über materielle Angelegenheiten, die banal und verächtlich sind. In der Welt weint man wenig aus Liebe zu Christus. In der Welt leidet man wenig aus Liebe zu Gott. Wie leid tut mir die Welt! Der Mensch verliert die Zeit mit Bagatellen. Er verliert die Zeit, indem er über dieses Leben weint, das der Hauch eines Kindes mitten im Sturm ist, ein Sandkorn im Meer, ein Augenblick der Ewigkeit … Ich beneide niemanden … Ich will keine Freiheit, wenn sie mir nur dazu dient, das einzig Notwendige zu vergessen, und das ist die Liebe zu Jesus am Kreuz.

Wie leid tut mir die Welt! Sie weiß mitten in ihrem Verlangen nach Genuß und Glück nicht, daß die einzige Glückseligkeit darin besteht, das Kreuz Jesu zu umfangen und zu sterben unter Tränen des Schmerzes, unter Seufzern und Sehnsucht nach Himmel und Liebe.

Ich leide sehr …, ja. Manchmal ist die Last sehr groß, die ich auf meine schwachen und kranken Schultern genommen habe … Ich schaue zurück und sehe: das Leben ist schwer für den, der alles besaß und dem nichts fehlte! Ich schaue nach vorn, und der Anstieg zur Höhe, die ich erklimmen soll, erscheint mir so steil! Manchmal verbirgt sich Jesus so sehr! Mein Leben hat sich reduziert auf einen beständigen Verzicht auf alles. Und das ist nicht einfach für ein derart schwaches und gebrechliches Geschöpf wie mich …, und darum leide ich.

Und doch – o Wunder der göttlichen Gnade! – , ich begreife es doch: was mit mir geschieht, ist ihr Werk (ich weiß nicht, ob ich mich klar genug ausdrücke).

Ich empfinde eine wahnsinnige Freude darüber, daß ich für Jesus leiden darf; so hätte ich es mir nie ausmalen können. Täglich liebe ich mein Kreuz mehr und möchte es für nichts in der Welt missen … Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich in der Welt glücklich, ja, sehr glücklich war: christliche Eltern, Wohlergehen, Gesundheit und Freiheit – alles lächelte mir zu … Wer denkt da an Leiden?

Jesus ruft mich: Einsamkeit und Armut, Krankheit, Eingeschlossensein ohne Sonne …, manchmal große Dunkelheit, die mich weinen läßt …; ich weiß nicht, was es ist.

Gott sehe ich nicht …, und mitten darin schreie ich mit allem Ungestüm meines Herzens … Wie glücklich bin ich!! Wieviel leide ich für Jesus!! Ich verlange nicht nach dem Glück der Welt; mit ihm wäre ich ein armseliger Mensch. Ich will für Ihn leiden, ohne Ihn zu sehen … Mir genügt das Wissen, daß es für Ihn ist. Die Welt begreift das nicht …; es ist sehr schwer zu verstehen. Ich weiß, daß die Gnade es bewirkt, aber ich kann mich nicht richtig ausdrücken.

Heute sprachen mein Bruder und ich über die Welt. Ich empfand Schmerz … Ich sah mich fern von allem, was mein Herz liebte und immer noch liebt, und glaube nicht, daß es unlauter ist. Wer von denen, die ein Herz haben, liebt nicht sein Vaterhaus? Und doch: Gott wirkt weiterhin in meiner Seele, und ich fühle tief drinnen einen Abstand von allem, den ich nicht erklären kann. Ich empfinde eine ganz zarte und liebevolle Zuneigung zu meinen Angehörigen, aber anders als früher. Ich erfahre eine tiefere Freude darüber, die Liebe Jesu nicht zu fühlen, als über eine mögliche spürbare Liebe der Geschöpfe. Meine Einsamkeit schmerzt mich, ich leide daran und möchte sie doch für nichts in der Welt entbehren. Ich weiß nicht, ob jemand das verstehen kann. Es ist so schwer zu erklären, warum man das Leid liebt! Aber ich glaube, die Deutung liegt darin, daß man es nicht als einen Wert in sich liebt, sondern als das, was es in Christus ist. Und wer Christus liebt, der liebt Sein Kreuz. Weiter kann ich nichts dazu sagen, obwohl ich es verstehe.

Ich liebe Jesus so sehr, daß ich nichts außer Ihm liebe. Und ich spüre, daß mich Jesus so sehr liebt, daß ich vor Schmerz sterben würde, wenn ich wüßte, daß ich jemanden mehr liebte als Ihn.
Ich fühle mich so sehr eins mit Seinem Willen, daß ich – wenn ich leide – nicht mehr leide, wenn ich bedenke, daß Er es so will.
Ich befinde mich in einer Lage, daß ich ganz benommen bin, wenn ich mich daran erinnere …
Ich hoffe, daß mir Jesus bald einen Führer schenkt [er denkt an seinen früheren Beichtvater, P. Teöfilo Sandoval], der mir das alles erklärt und für meine Seele richtungweisend ist, denn sonst werde ich wahnsinnig.

Ach, Herr Jesus, wie sehr liebe ich Dich!
Hätte ich tausend Leben,
Dir würde ich sie schenken …
Mit Deiner göttlichen Gnade
und der Hilfe Mariens
vermag ich alles.
Sei gepriesen!

(Aus: Nur Gast auf Erden 600f)

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Mit dem heiligen Rafael Arnáiz Barón von Septuagesima bis Ostern – (8/17)

Rafael wird am 9. April 1911 geboren; 15. Januar 1934 Eintritt in die Trappistenabte St. Isidro; 26. Mai 1934 verlässt er das Kloster wegen schwerer Diabetes; 11. Januar 1936 Rückkehr in die Abtei, er wird Oblate; am 29. September 1936 muss er wegen des Bürgerkrieges das Kloster verlassen; 6. Dezember 1936 Rückkehr ins Kloster; am 7. Februar 1937 muss er wieder wegen seiner Krankheit das Kloster verlassen; am 15. Dezember 1937 kehrt Rafael unter Verzicht auf die Bequemlichkeiten und die Fürsorge in seinem Elternhaus erneut und endgültig in die Abtei zurück. Todestag am 26. April 1938, gerade 27 Jahre geworden. – Rafael Arnáiz Barón erhielt das Ordenskleid der Trappisten „Angesichts des Todes“ und legte dabei die feierliche Profess ab.

Wie müde bin ich, Herr!

Hl. Rafael Arnáiz Barón notiert am 20. März 1938, dem 3. Fastensonntag:

Wie müde bin ich, mein Herr und mein Gott!
Wie lange noch, Herr, vergißt du meiner? … [Ps 13,1]
Wie sehr erfreut sich meine Seele jener Psalmen Davids, in denen er in seinem Überdruß darüber weint, daß er noch auf Erden lebt, und nach Dir verlangt!
Incola ego sum in terra [Ich bin nur Gast auf Erden (Ps 119,19)], wiederhole ich mir selbst sehr häufig.
Ich sehne mich nach dem Himmel und empfinde mich fremd und als Pilger auf der Erde. Wie müde bin ich, Herr!
Wie schwer fällt es mir oft, mit den Geschöpfen umzugehen, die mir von allem reden außer von Gott! …
Wieviel Kraft muß ich oft gegen mich selbst aufbringen, um nicht loszuschreien und Gott um Hilfe anzurufen mitten in dieser Verbannung, in der – wie die hl. Teresa sagt – alles ein Hindernis ist für die Freude an Ihm! […]

Wie lange noch, Herr?

Die Menschen ermüden mich, sogar die guten … Sie sagen mir nichts … Den ganzen Tag über habe ich Verlangen nach Christus, und mitten in meinem Verlangen nach dem Himmel und nach der Liebe zu Jesus trage ich schwer an meinem Leben, das immer noch an die Welt gebunden ist. Und notgedrungen muß ich mich damit aufhalten zu essen, zu schlafen. Wie ekelhaft! … […]

Herr, verzeih mir! Es ist Dein Wille.
Ich weiß nicht, was ich rede. Ich weiß nicht, was ich fühle …
Verzeih mir, Herr! Ich bin so müde!
Meine Seele leidet, weil sie sieht, daß ihr Deine Liebe fehlt;
Sie leidet, da sie sich im Gefängnis dieses armseligen Leibes sieht.
Ich bin krank, Herr, erbarme Dich meiner!
Ich war ein großer Sünder.
Ich weiß nicht, was ich will und was mit mir los ist …
Verzeih mir, Herr, was ich so von mir gebe! …

Du, der Du mein Herz bis ins letzte kennst,
kannst mich verstehen … Mit den Menschen ist das anders,
aber das ist mir einerlei … Mögen sie weitermachen mit dem,
was sie bewegt, mit ihrer Welt, mit ihren Sorgen, mit ihren
Eitelkeiten …! Ich, Herr, will nichts; nichts ist mir wichtig …,
ur Du! Achte nicht auf das, was ich rede!
Manchmal spiele ich verrückt.

Gestern wollte ich vor lauter Buße sterben; heute sehe ich,
daß ich nicht imstande bin, etwas zu tun, was Du nicht willst.
An Deinen Willen bin ich gebunden … Welche Freude!
Herr, beachte mich nicht! Ich bin ein wunderliches Kind …
Aber Du trägst die Schuld, mein Gott …
Wenn Du mich nicht so sehr liebtest! …

Versteh doch, mein Jesus, daß es sehr mühsam ist,
zu leben, weil Du mich nun einmal so liebst und
ich Dich so sehr liebe! … Und klar, so wirst Du verstehen,
daß ich manchmal die Sehnsucht verspüre, mich von diesem
Leib zu lösen, der mir so viel zu schaffen macht; daß ich wünsche,
wegzukommen von so vielen Geschöpfen, die nicht Du sind …;
daß ich müde werde vom Warten … Du siehst schon, Herr,
daß ich schwach und elend bin. Ich bin unfähig zu leiden,
ich bin unfähig, Deinen Willen zu erfüllen …

Ich bin ein armer Mensch, der im gleichen Augenblick,
da er danach verlangt, einzig und allein das zu tun,
was Du willst und wünschst, das Verlangen hat, sich zu Dir
zu erheben und Maria und die Heiligen zu sehen.

Welche Freude wird das sein an dem Tag,
an dem ich Maria mit dem hl. Evangelisten Johannes
sehen darf und den hl. Johannes vom Kreuz, den
hl. Bernhard, den hl. Franz von Assisi und
den hl. Josef, meine Beschützer;
auch die beiden Heiligen, die Dich so sehr liebten
und die mich so vieles lehrten:
Gertrud und Teresa von Jesus;
die hl. Therese von Lisieux … sowie alle Engel;
den großen hl. Rafael und meinen Schutzengel und …
Gut, und Dich, Herr, den ich so sehr liebe,
den ich anbete, den ich über alles liebe,
nach dem ich verlange, nach dem ich mich sehne,
um den ich weine und für den ich – Du weißt es genau,
mein guter Jesus – wahnsinnig werden möchte! […]

In mir ist all das, Herr, wie Du siehst,
und so kann ich nicht leben.
Ich sag’s Dir im Ernst, Herr:
ich bin ein armer Kerl …

Aber verzeih meine Kühnheit!
Wer bin ich, um so viel zu wagen?
Ich weiß nicht …, der Unwissende wagt alles,
und ich weiß oft nicht, wer ich bin und was ich war.
Erleuchte meine Finsternis, damit ich mich besser
kennenlerne und in dem Licht, das Du mir schenkst,
mein Elend, meine Sünden und meine großen
Missetaten erkenne, die ich noch lange Zeit
hier auf Erden beweinen muß!

Nimm keine Rücksicht auf mich, Herr, bis ich rein bin!
Sende mir Dein Licht, damit ich begreife;
die heilige Zerknirschung, damit ich weinen kann;
den Glauben, um mich nur auf ihn zu verlassen;
die Hoffnung, um meine Schwächen zu ertragen!
Und vor allem – alles übertreffend – erfülle mich, Herr,
mit Deiner unendlichen Zuneigung, mit Deiner Liebe! …
Erfülle, überströme, überschütte mich
mit der Freude über Deine unerschöpfliche Liebe …,
und laß mich wirklich wahnsinnig werden!

Verzeih mir, Herr, ich weiß nicht, worum ich bitte!…
Maria, Mutter, sei mir Hilfe und Richtschnur! So sei es!

(Aus: Nur Gast auf Erden 598f)

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Mit dem heiligen Rafael Arnáiz Barón von Septuagesima bis Ostern – (7/17)

Rafael wird am 9. April 1911 geboren; 15. Januar 1934 Eintritt in die Trappistenabte St. Isidro; 26. Mai 1934 verlässt er das Kloster wegen schwerer Diabetes; 11. Januar 1936 Rückkehr in die Abtei, er wird Oblate; am 29. September 1936 muss er wegen des Bürgerkrieges das Kloster verlassen; 6. Dezember 1936 Rückkehr ins Kloster; am 7. Februar 1937 muss er wieder wegen seiner Krankheit das Kloster verlassen; am 15. Dezember 1937 kehrt Rafael unter Verzicht auf die Bequemlichkeiten und die Fürsorge in seinem Elternhaus erneut und endgültig in die Abtei zurück. Todestag am 26. April 1938, gerade 27 Jahre geworden. – Rafael Arnáiz Barón erhielt das Ordenskleid der Trappisten „Angesichts des Todes“ und legte dabei die feierliche Profess ab.

Sterben für Jesus und Maria

Hl. Rafael Arnáiz Barón notiert am 19. März 1938, zum Fest des hl. Josef:

Guter Jesus, nicht einmal ich selbst verstehe mich!
Ich weiß nicht einmal mehr, was ich will oder wünsche und ob ich überhaupt etwas wünsche oder will …
Meine Seele ist ein Wirbelwind. Manchmal glaube ich, daß mein Herz schon leer ist von allem; dann wieder sehe ich, daß es noch nicht so ist … Wie steht es also damit?
Ich weiß es nicht.

Herr, ich habe ein unendlich großes Verlangen danach, Deinen Willen zu tun und nichts anderes als das.
Ich möchte mich in Deinen Willen versenken, ihn lieben bis zum Tod, untertauchen in ihn und nur leben, um ihn zu erfüllen …

So ist es wirklich. Gleichzeitig verspüre ich in mir
den Wunsch zu Abtötung und Buße. Ich habe ein riesiges Verlangen danach, etwas für Dich zu leiden, mein guter Jesus.

Ich würde den Hungertod sterben wollen, wenn man mich ließe …
Ich möchte weder atmen noch sprechen noch den Blick vom Boden erheben …
Ich würde am liebsten weder schlafen noch ins Bett gehen …
Ich möchte Tag und Nacht vor Deinem Tabernakel knien …
O Herr, wie schwer fällt es manchmal, aus der Kirche zu gehen
und wieder mit den Menschen zu tun zu haben!
Ich möchte, Herr, sterben oder leben, aber auf jeden Fall
etwas für Deine Liebe tun …
Dieses unnütze Leben, das ich führe, ist schrecklich.
In der augenblicklichen Situation habe ich große Angst.
Man nimmt zu viel Rücksicht auf mich. Man will mir die Kulle geben.
Keiner tritt mich mit Füßen, wie ich es eigentlich verdiene.

Ich möchte – in Sack gehüllt – in einer Ecke der Abtei leben
und nur die Käsekrusten essen, die die Gemeinschaft übrigläßt …
Ich möchte Dummheiten begehen, Herr, und statt so zu leben,
wie ich es tue, möchte ich vergessen und verachtet werden
und sogar Ekel erregen … Das alles ist tatsächlich so.
Ob das mit Deinem Willen übereinstimmt? Ich weiß es nicht,
wenigstens nicht in diesem Augenblick. Ein andermal glaube ich,
daß es sich nicht so verhält. Und dann meine ich wieder,
daß mir Mut und Entschlossenheit fehlen, um den Sprung zu wagen
und mich über alles hinwegzusetzen. Manchmal glaube ich,
daß Gott mich auf einen Weg von mehr Buße, Gebet und Abtötung ruft,
auf einen Weg mit weniger oder gar keiner Rücksicht auf meine Krankheit.
Da man es in der Gemeinschaft nicht zulassen würde,
solch ein Leben zu führen, könnte ich es unter Brücken
und Kirchenportalen tun…, mit Holzschuhen an den Füßen
und mit einem Sack über der Schulter… Ich könnte unsichtbar
werden für jeden, der mich kennt, seien es meine Eltern, meine
Freunde, meine Mitbrüder… Niemand außer Gott und mir! …
Man erzählt, daß der hl. Benedikt Labre vor Hunger in einer Kirche starb.
An all das habe ich ernsthaft gedacht.

Das einzige, was ich bei meinen Beichtvätern, Vorgesetzten und Meistern
Angetroffen habe, sind Klugheit und Vorsicht … Klugheit und nochmals Klugheit.
Sie befehlen mir zu essen, zu schlafen und nicht zu arbeiten …
Ich bin wie eine Treibhausblume, die nicht einmal duftet.
Unterdessen heißt es darauf warten, daß ich erkenne, was ich zu tun habe …
Ob ich eines Tages Gewißheit darüber bekomme?
Mit Gott und mit der Hilfe Mariens hoffe ich, daß es so sein wird.

Herr, ich führe ein so angenehmes Leben!
Ich habe mein Zimmer, mein Bett – ein bißchen hart, aber ich habe mich
schon daran gewöhnt -, ich habe Bücher. Ich habe etwas Hunger,
aber davon sterbe ich nicht; ganz im Gegenteil: ich habe den Eindruck,
daß es mir besser geht, seitdem ich herkam. Man trägt mir
keine schweren Arbeiten auf. Ich habe Ruhe, wenn ich will,
denn ich brauche nichts anderes zu tun, als mich in mein Zimmer
zurückzuziehen … Kurz und gut, mit Ausnahme von einigen
kleinen Dingen: was mehr könnte ich mir wünschen?
Und in meinem Innern spüre ich etwas, das mir sagt:
Abtötung, Buße, Opfer! … Nichts davon übe ich.

Diesem Ruf stelle ich zwei Dinge gegenüber: 1. Mich selbst, 2. Die Klugheit, das Fleisch und den Gehorsam. Meine Natur findet es sehr sinnvoll, daß ich gehorche: das ist so bequem!

Pater, darf ich zum Offiziumgebet aufstehen?
– Nein, mein Sohn, du brauchst Ruhe.
– Pater, darf ich mir etwas vom Essen abziehen?
– Nein, mein Sohn, du brauchst die Nahrung.
– Pater, kann ich zur Arbeit aufs Feld gehen?
– Nein, mein Sohn, das macht dich zu müde.

Gut also: gehorchen! … – Und ich gehorche manchmal mit dem Riesenverlangen, genau das Gegenteil zu tun mich über die Klugheit hinwegzusetzen und für Jesus und Maria zu sterben.

(Aus: Nur Gast auf Erden 596f)

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Mit dem heiligen Rafael Arnáiz Barón von Septuagesima bis Ostern – (6/17)

Rafael wird am 9. April 1911 geboren; 15. Januar 1934 Eintritt in die Trappistenabte St. Isidro; 26. Mai 1934 verlässt er das Kloster wegen schwerer Diabetes; 11. Januar 1936 Rückkehr in die Abtei, er wird Oblate; am 29. September 1936 muss er wegen des Bürgerkrieges das Kloster verlassen; 6. Dezember 1936 Rückkehr ins Kloster; am 7. Februar 1937 muss er wieder wegen seiner Krankheit das Kloster verlassen; am 15. Dezember 1937 kehrt Rafael unter Verzicht auf die Bequemlichkeiten und die Fürsorge in seinem Elternhaus erneut und endgültig in die Abtei zurück. Todestag am 26. April 1938, gerade 27 Jahre geworden. – Rafael Arnáiz Barón erhielt das Ordenskleid der Trappisten „Angesichts des Todes“ und legte dabei die feierliche Profess ab.

Herr, wie mühselig ist das Leben!

Hl. Rafael Arnáiz Barón notiert am 13. März 1938, dem 2. Fastensonntag:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Herr, wie ist es möglich, auf das zu warten, was ich erwarte?
Wie ist es möglich, an so viel Geschaffenes um mich herum zu denken, wenn ich Dich habe?
Ich wundere mich, daß mich Deine Gnade nicht tötet.
Sie ist so groß und in so reichem Maß vorhanden!
Ich träume von Deiner Herrlichkeit.
Manchmal lebe ich wie benommen und ohne zu wissen, was ich will – benommen von allem, was ich will.
Wie sehr ermüden mich die Geschöpfe, mein Herr und mein Gott!
Wie sehr mißfällt mir der Umgang mit Dingen der Welt, das Sprechen über zeitliche Angelegenheiten,
das Anhören der Nachrichten!…

Ach, Herr, am liebsten wüßte ich von nichts,
am liebsten hörte ich von nichts! … Nur Du, Herr, Du allein!
Nichts erfüllt mich, nichts wünscht meine Seele – nicht einmal Freude oder Leid …
Sie möchte nur wahnsinnig lieben; sie wird nur vom Gedanken an Dich gesättigt …
Welch riesige Sehnsucht, Herr!
Wie mühselig ist das Leben!

Früher führte mich alles zu Dir …
Alles sprach mir von Deiner unendlichen Güte, von Deiner Größe.
Auch jetzt lobe ich Dich in Deinen Geschöpfen, Herr, […].
Der blaue Himmel ist wunderschön, aber er ist nicht Du.
Die Schönheit der Welt – sie ist so unbedeutend!

Wie veränderst Du meine Seele! Welch großartiges Wunder!
Die Geschöpfe sagen mir nichts … Alles ist Lärm …
Einzig im vollkommenen Schweigen finde ich
Den Frieden Deiner Liebe.
Nur im bescheidenen Opfer meiner Einsamkeit finde ich,
wonach ich suche: Dein Kreuz…
Und im Kreuz bist Du, und darin bist Du allein –
ohne Licht und ohne Blumen, ohne Wolken, ohne Sonne …
Die Geschöpfe haben Dich allein gelassen, der Himmel
verfinsterte sich … Im Schweigen auf Golgatha
blieb nur ein ans Kreuz geschlagener Gott [vgl. Mt 26; 27].

Herr Jesus, sieh mich vor Dir knien!
Ich bete Deine Todesangst an,
ich küsse Deine Wunden,
ich trockne mit meinem Schmerz Dein göttliches Blut ab …
Wie sehr wünschte ich, Herr, zu Deinen Füßen
zu sterben aus Liebe …, von allen vergessen, ohne Lärm,
in Stille, ohne an die Menschen, die Geschöpfe, zu denken,
ohne von der Welt zu träumen, die Dich allein ließ,
ohne zum Himmel, zu den Blumen, den Vögeln,
zur Sonne aufzuschauen!

Herr, ich möchte aus Liebe unter Deinem Kreuz sterben.
Welch göttliches Wunder hast Du in meiner Seele bewirkt!
Wo sind meine Leiden?
Wo meine Freuden?
Wo meine Illusionen? … Alles entflog.
Mein Leid war Egoismus, meine Freuden Eitelkeiten …
Meine Illusionen: Du ließest sie in ein Nichts zerrinnen
durch den Hauch Deiner Liebe.
Du zeigtest mir die Menschen und fragtest mich:
„Was können sie dir geben, was du nicht schon
von mir bekommen hättest?“
Und ich sah Elend, das mich zum Weinen brachte.
Ich suchte Trost und fand ihn nicht.
Ich suchte Liebe, und … Herr, was soll ich sagen?
Nur in Dir fand ich sie.

Jetzt ist es mir einerlei …
Nur das Warten läßt mich leiden die Furcht,
Dich zu verlieren …, das Leben-Müssen …
Es macht mir nichts mehr aus, eingeschlossen
hinter Mauern leben zu müssen, ohne
die Sonnenuntergänge zu sehen, ohne die Brise
des Meeres zu genießen, ohne die Welt zu
durchstreifen auf Flügeln der Freiheit.
All das ist unbedeutend, ist nichts.
Ich ziehe Jesus vor in Seiner Einsamkeit.

Die Geschöpfe machen mir nicht mehr zu schaffen, und die Schwächen der Menschen fügen mir keinen Schmerz mehr zu … Es sind Menschen und weiter nichts. In Gott allein finde ich Zuflucht [vgl. Ps 31,4]; nur in Ihm suche ich Barmherzigkeit.

Ich mache mir keine Sorgen mehr um mein Leben, um die Gesundheit, um die Krankheit … Nur in der Erfüllung Seines Willens finde ich Trost, und das erfüllt mich mit solcher Freude, daß ich manchmal das Herz so voll habe, daß ich meine, es müßte zerspringen … Wie gut ist Gott! Wie groß ist Seine Barmherzigkeit! Wie wunderbar ist die Liebe Jesu zu mir! Bis wohin reicht sie noch?

Ich weiß nicht, Herr, ich bin so unbedeutend,
ich bin wie benommen, ich versinke in meiner Armseligkeit
und sehne mich nach ein wenig Liebe, um sie Dir darzubringen.
Ich bin nichts, ich tauge nichts, ich bestehe nur aus Elend und
Sünde – und doch: Du, Herr, sorgst für mich und tröstest mich,
Du hältst mich fern von den Geschöpfen und erfüllst mich mit Liebe.
Was soll ich da noch sagen?
Ich möchte schweigen, aber die Tatsache,
daß ich über dieses so unermeßlich große Wunder schreibe,
das Du in meiner Seele wirkst – auch wenn es niemand liest – ,
scheint mir eine Möglichkeit zu sein, Dir ein wenig Ehre zu geben;
denn das, was ich schreibe, ist oft Gebet.

Herr Jesus, wie gut bist Du!

Eine Deiner Großtaten ist die Wandlung,
die Du in meiner Seele vollziehst
in bezug auf die Liebe zum Nächsten.

Ich erläutere es:
Wenn ich früher einen Ordensmann suchte
und statt dessen einen gewöhnlichen Menschen fand,
wie sehr litt ich dann, guter Gott!
Wenn ein Mitbruder, ohne es selbst zu bemerken,
mich demütigte (mich: was für ein Paradox!),
auch dann litt ich …
Wenn meine Seele nicht das fand, was sie suchte
– auch wenn es nicht mehr war als gutes Benehmen… – ,
lange verweilte ich dann unter dem Kreuz …
Herr, Du weißt schon.

Meine großen Erwartungen schwanden dahin und in den Zeiten der Trostlosigkeit dachte ich: es ist besser so …, ich muß mein Herz von den Menschen loslösen und es Gott allein übergeben. Es gab Tage, an denen ich mich nicht einmal mit Zeichen verständigen wollte … In all dem (jetzt habe ich es klar erkannt) steckte ziemlich viel Stolz, viel Eitelkeit und eine sehr große Eigenliebe …

Guter und milder Jesus, verzeih mir!
Ich wußte nicht, was ich tat …
Allein und ohne Lehrmeister…!
Wenn Du mir nicht hilfst, werde ich tausend, ja viele
tausend Male vom rechten Weg abkommen
und der Liebe Christi den Rücken kehren.

Jetzt passiert mir etwas sehr Seltsames: manchmal, wenn ich vom Gebet komme, auch wenn ich während desselben meinte, ich täte nichts, spüre ich das ganzgroße Verlangen, alle Mitglieder der Gemeinschaft innigst zu lieben – so wie Jesus sie liebt.

Manchmal merke ich, nachdem ich den Herrn in der Kommunion empfangen habe und sehe, wie Er mich liebt – obwohl ich so bin wie ich bin – , daß ich Lust hätte, den Boden zu küssen, über den die Mönche gehen. Dann spüre ich das Verlangen in mir, mich vor denen zu demütigen, von denen ich vorher meinte, sie hätten mich beleidigt. Es sind Mönche, die im Dienst Gottes stehen … Jesus liebt sie … Ich bin der Letzte, derjenige, welcher der Welt am meisten verfallen ist und der die größte
Sündenlast trägt …

Ach, wenn die Welt wüßte, was ich war!

O Herr, in solchen Augenblicken möchte ich
von allen mit Füßen getreten werden!
Ich empfinde große Liebe und Zuneigung für alle.
Es würde mir nichts ausmachen, wenn der Letzte mir
die niedrigsten Dienste auftrüge … Ich sehe in niemandem
Schwächen oder Elend … Ich sehe nur meine eigene Schlechtigkeit,
geliebt von Gott … Angesichts dieser Tatsache:
was möchte ich da nicht alles tun, um zu handeln wie Er?

Natürlich will ich den Nächsten innig lieben!

Wie groß ist Deine Barmherzigkeit, Herr!
Welche Verdienste haben wir, wenn wir
die Guten und die Heiligen lieben?
Wurde Jesus nicht ans Kreuz geschlagen
Für die Sünder?

Guter Jesus, erfülle mein Herz mit Liebe!
Sie ist die einzige Speise, die mich
in diesem Leben wirklich nährt!
Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache,
aber ich selbst erkenne sehr wohl, was in mir vorgeht.

Ach, Herr, welch großen Frieden fühlt man in solchen Augenblicken!
So wie ich früher verwirrt war über einen Fehler
oder eine Schwäche eines Mitbruders und fast Ekel darüber empfand,
so fühle ich jetzt eine große Zärtlichkeit für ihn und möchte
nach Kräften die Fehler wiedergutmachen…
Es ist ein Mensch, den Jesus liebt.
Es ist eine Seele, für die Jesus am Kreuz Sein Blut vergießt.
Sollte ich sie verachten? Gott bewahre mich davor!
Ich empfinde vielmehr eine große Liebe zu ihr.
Und das, was ich sage, sind keine leeren Worte.
Es ist eine Tatsache, die wirklich vorhanden und positiv ist.
Aber nicht ich habe sie erreicht, sondern Jesus,
der in meiner Seele wirkt … Welch großartiges Wunder!

Jetzt sehe ich deutlich: nur die Liebe macht glücklich … Nur in ihr findet der Mensch Sanftmut und Frieden… Nur in der Liebe liegt die wahre Demut, und nur in ihr
können wir ruhig und glücklich leben in der Gemeinschaft. Was würde ich nicht alles zu Papier bringen, wenn ich schreiben könnte! Aber ich kann es nicht, und angesichts des Unvermögens, das auszudrücken, was meine Seele empfindet, ziehe ich das Schweigen vor.

Die heiligste Jungfrau, die mich ohne Lärm
und ohne Worte versteht, ist mein großer Trost.
Vor sie hin lege ich mein Schweigen.
So sei es!

(Aus: Nur Gast auf Erden 592f)

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Mit dem heiligen Rafael Arnáiz Barón von Septuagesima bis Ostern – (5/17)

Rafael wird am 9. April 1911 geboren; 15. Januar 1934 Eintritt in die Trappistenabte St. Isidro; 26. Mai 1934 verlässt er das Kloster wegen schwerer Diabetes; 11. Januar 1936 Rückkehr in die Abtei, er wird Oblate; am 29. September 1936 muss er wegen des Bürgerkrieges das Kloster verlassen; 6. Dezember 1936 Rückkehr ins Kloster; am 7. Februar 1937 muss er wieder wegen seiner Krankheit das Kloster verlassen; am 15. Dezember 1937 kehrt Rafael unter Verzicht auf die Bequemlichkeiten und die Fürsorge in seinem Elternhaus erneut und endgültig in die Abtei zurück. Todestag am 26. April 1938, gerade 27 Jahre geworden. – Rafael Arnáiz Barón erhielt das Ordenskleid der Trappisten „Angesichts des Todes“ und legte dabei die feierliche Profess ab.

Meine Mitte ist Jesus

Hl. Rafael Arnáiz Barón notiert am 7. März 1938, am Montag nach den 1. Fastensonntag:

Wie leichtfertig richtet die Welt, und mit welcher Leichtigkeit auch irrt sie sich!

Für meine Angehörigen ist es die selbstverständlichste Sache der Welt, daß ich in der ,Trapa´ [im Trappistenkloster] bin. Meine Geschwister, geleitet von ihrer Zuneigung zu mir, wünschen mein Glück. Sie erkannten – während ich in der Welt war – mein Verlangen, als Trappist zu leben und zu sterben. Jetzt, da ich in der Abtei bin, sagen sie:
„Gott möge dir helfen; endlich lebst du in deiner Mitte. Hoffentlich mußt du sie nicht wieder verlassen … Du bist glücklich im Kloster; die Welt ist nicht für dich.“
Diese und ähnliche Überlegungen stellen meine Angehörigen an. Es ist verständlich … Sie kennen meine Berufung nicht.

Wenn die Welt wüßte, welch fortwährendes Martyrium mein Leben ist! Wenn meine Angehörigen wüßten, daß meine Mitte weder die ,Trapa´ noch die Welt und auch nicht irgendein Geschöpf ist, sondern Gott, und zwar der gekreuzigte Gott! …

Meine Berufung ist das Leiden: Leiden im Schweigen für die Welt; sie besteht darin, mich mit Jesus aufzuopfern für die Sünden meiner Brüder, für die Priester, die Missionare, für die Anliegen der Kirche, für die Sünden der Welt, die Bedürfnisse meiner Angehörigen, die ich nicht im Überfluß dieser Erde sehen möchte, sondern nahe bei Gott.

Ach, wenn die Welt wüßte, was meine Aufgabe in der ,Trapa´ ist!

Wenn die Menschen das Kreuz erkennen würden, das sich hinter einem friedlichen Lächeln verbirgt! Wenn sie den großen Kampf sehen könnten hinter dem klösterlichen Frieden! Aber nein, das müssen sie nicht sehen … Gott allein! So ist es gut.

Das sind keine Klagen, das ist keine Bitterkeit – ganz im Gegenteil! Mein großes Verlangen nach dem Kreuz nimmt nicht ab. Meine größte Freude besteht darin, verkannt zu leben. Ich kenne meine Berufung, und in ihr lobe ich Gott, wenn ich Ihn mit ganzem Herzen umfange …

Wie gut ist es, für Jesus zu leiden,
allein für Ihn und für Seine Interessen!

Die ,Trapa´ sei meine Mitte, sagt die Welt… Wie absurd! Meine Mitte ist Jesus, ist Sein Kreuz… Die ,Trapa´ ist mir völlig einerlei… Und wenn Gott mir einen anderen Ort zeigen würde, an dem ich mehr zu leiden hätte, und es so wollte, dorthin ginge ich mit geschlossenen Augen. Manchmal verstehe ich mich selber nicht. Ich bin absolut glücklich in der ,Trapa´, weil ich in ihr absolut armselig bin.

Ich möchte meine Leiden nicht für alles Gold der Welt tauschen, und gleichzeitig weine ich so über meine Drangsal und meine Trostlosigkeit, als könnte ich nicht mit ihnen leben.

In mir lebt ein großes Verlangen nach dem Tod, um nicht mehr leiden zu müssen, und manchmal möchte ich nicht mehr aufhören zu leiden, nicht einmal nach dem Tod.

Ich bin von Sinnen, verrückt!
Ich weiß nicht, was mit mir los ist.
Manchmal finde ich nur im Gebet unter dem Kreuz Jesu
und bei Maria innere Ruhe.
Er helfe mir! So sei es!

(Aus: Nur Gast auf Erden 587f)

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Mit dem heiligen Rafael Arnáiz Barón von Septuagesima bis Ostern – (4/17)

Rafael wird am 9. April 1911 geboren; 15. Januar 1934 Eintritt in die Trappistenabte St. Isidro; 26. Mai 1934 verlässt er das Kloster wegen schwerer Diabetes; 11. Januar 1936 Rückkehr in die Abtei, er wird Oblate; am 29. September 1936 muss er wegen des Bürgerkrieges das Kloster verlassen; 6. Dezember 1936 Rückkehr ins Kloster; am 7. Februar 1937 muss er wieder wegen seiner Krankheit das Kloster verlassen; am 15. Dezember 1937 kehrt Rafael unter Verzicht auf die Bequemlichkeiten und die Fürsorge in seinem Elternhaus erneut und endgültig in die Abtei zurück. Todestag am 26. April 1938, gerade 27 Jahre geworden. – Rafael Arnáiz Barón erhielt das Ordenskleid der Trappisten „Angesichts des Todes“ und legte dabei die feierliche Profess ab.

Wie lange noch, Herr?

Hl. Rafael Arnáiz Barón notiert am 4. März 1938, am Aschermittwoch:

Gelobt sei immerdar die anbetungswürdige, in sich ruhende Dreifaltigkeit! – Ich ergreife heute im Namen Gottes die Feder, damit meine Worte, die sich dem weißen Papier einprägen, dem heiligen Gott zu ewigem Lob gereichen, Ihm, dem Urheber meines Lebens, meiner Seele und meines Herzens!

Ich wünschte, daß das ganze Universum mit allen Planeten, allen Sternen und den unzähligen Sternensystemen eine unendlich große, glatte Fläche wären, auf die ich Gottes Namen schreiben könnte!

Ich wünschte, daß meine Stimme mächtiger wäre als die von tausend Donnern, kräftiger als die Gewalt des Meeres und furchterregender als das Getöse der Vulkane, um einzig und allein zu rufen: Gott!

Ich wünschte, daß mein Herz groß wäre wie der Himmel, rein wie das der Engel und einfältig wie die Taube, um Gott darin zu besitzen!

Da diese erträumte Größe aber nicht Wirklichkeit werden kann, beschränke dich, Bruder Rafael, mit dem Wenigen! Und du, der du nichts bist: das Nichts selbst muß dir genügen!

Welche Heuchelei, wenn der, der Gott besitzt, sagt, er habe nichts! Ja, warum es verschweigen? Warum es verbergen? Warum sie nicht in die ganze Welt hinausrufen und sie in alle vier Winde bekanntmachen: die Wundertaten Gottes? Warum es den Menschen nicht sagen und jedem, der es hören will? Seht ihr, was ich bin? Seht ihr, was ich war? Seht ihr, wie mein Elend vom Morast mitgerissen wird? Nun, das macht nichts, staunt, trotzdem gehöre ich Gott! Gott ist mein Freund! Möge die Sonne versinken und das Meer austrocknen vor Staunen! Gott liebt mich so innig, daß, wenn die Welt es begreifen könnte, alle Geschöpfe wahnsinnig und vor maßlosem Erstaunen aufschreien würden! Mehr noch: all das ist noch zu wenig! …

Gott liebt mich so sehr, daß selbst die Engel es nicht begreifen! Wie groß ist Gottes Barmherzigkeit! Er liebt mich! … Er ist mein Freund, mein Bruder, mein Vater, mein Lehrer! … Er ist Gott, und ich der, der ich bin!

Ach, mein Jesus, mir fehlen Papier und Feder!
Was soll ich sagen? Wie soll ich nicht wahnsinnig werden?
Wie ist es nur möglich, zu leben, zu essen, zu schlafen,
zu sprechen und mit allen Kontakt zu haben?
Wie ist es möglich, daß ich noch die Gelassenheit habe,
an etwas zu denken, was die Welt ´vernünftig´ nennt, ich,
der ich den Verstand verliere, wenn ich an Dich denke!
Wie ist es nur möglich, Herr!
Ich weiß schon, Du hast es mir erklärt:
es ist durch das Wunder der Gnade …

Wenn die Welt, die Gott sucht, wüßte! … Wenn jene Weisen wüßten, die Gott in der Wissenschaft suchen und in den ewigen Diskussionen! Wenn die Menschen wüßten, wo Gott ist! Wie viele Kriege würden vermieden! Wieviel Friede wäre auf Erden! Viele Seelen würden gerettet!

Ihr Unvernünftigen und Törichten, die ihr Gott dort sucht, wo Er nicht ist!

Hört zu und staunt! Gott ist im Herzen des Menschen – ich weiß es. Aber schaut, Gott lebt im Herzen des Menschen, wenn dieses Herz losgelöst lebt von allem, was nicht Er ist, wenn dieses Herz feststellt, daß Gott an seine Türe klopft, und es all seine Winkel auskehrt und reinigt und sich bereitet, um den einzigen, der es in Wahrheit erfüllt, zu empfangen.

Wie wunderbar ist es, wenn nur Gott tief im Herzen lebt! Welch große innere Ruhe bedeutet es, sich von Gott erfüllt zu sehen! Wie leicht muß es sein, so zu sterben! Wie wenig Mühe kostet es, besser gesagt, es kostet keine Mühe, das zu tun, was Er will, denn man liebt Seinen Willen, und sogar Schmerz und Leid bedeuten Frieden, weil man aus Liebe leidet.

Gott allein erfüllt die Seele – und Er erfüllt sie ganz. Es gibt kein Geschöpf, es gibt keine Welt, es gibt nichts, was sie verwirren könnte. Nur der Gedanke daran, daß sie Ihn beleidigen könnte, bereitet ihr Schmerz …

Da sollen die Weisen ruhig kommen und fragen, wo Gott ist! Gott ist da, wo der Weise mit seiner anmaßenden Weisheit nicht hingelangen kann… Gott lebt in einem großmütigen Herzen, im Schweigen des Gebetes, im freiwilligen Opfer des Schmerzes, im Verzicht auf die Welt und ihre Geschöpfe …

Gott finden wir im Kreuz, und solange wir das Kreuz nicht lieben, werden wir Ihn nicht sehen, werden wir Ihn nicht spüren …

Schweigen sollen die Menschen, die nichts anderes tun, als Lärm zu verursachen!

Ach, Herr, wie glücklich bin ich in meiner Zurückgezogenheit!
Wie sehr liebe ich Dich in meiner Einsamkeit!
Wieviel möchte ich Dir schenken, aber ich besitze nichts mehr,
denn ich habe Dir schon alles gegeben!
Verlange von mir, Herr! … Aber was könnte ich Dir geben?
Meinen Leib? Du besitzt ihn schon, er ist Dein.
Meine Seele? Herr, nach wem verlangt sie so sehnlich wie nach Dir,
damit Du sie ein für allemal annimmst?
Mein Herz? Es liegt Maria zu Füßen, es weint vor lauter Liebe
und will ausschließlich Dich lieben.
Meinen Willen? Verlange ich vielleicht, Herr, was Du nicht wünschst?
Sag es mir, sag mir, Herr, was Dein Wille ist, und ich werde
meinen dem Deinen angleichen! Ich liebe alles, was Du
mir schicken und befehlen möchtest, sowohl
Gesundheit als Krankheit. Ich bin bereit, sowohl hier als dort,
sowohl das eine als das andere zu sein.
Mein Leben? Nimm es, mein Herr und Gott, wann Du willst!
Wie sollte ich so nicht glücklich sein?

Wenn die Welt und die Menschen wüßten! … Aber sie erfahren es nicht. Sie sind so sehr beschäftigt mit ihren Interessen. Sie haben das Herz so voll von Dingen, die nicht Gott sind. Die Welt lebt so sehr für ein irdisches Ziel. Die Menschen träumen von diesem Leben, in dem alles Eitelkeit ist, und so kann man das echte Glück nicht finden, das in der Liebe zu Gott besteht. Vielleicht gelangt man dahin, es zu begreifen. Um es aber zu erfahren, muß man es leben. Und sehr wenige entsagen sich selbst und nehmen ihr Kreuz auf sich – sogar unter den Ordensleuten …

Herr, was läßt Du zu! Deine Weisheit wird wissen, was sie tut.
Nimm mich an der Hand und laß nicht zu, daß mein Fuß ausgleite!
Denn wenn Du es nicht tust, wer wird mir helfen?
Und wenn Du das Haus nicht erbaust? [vgl. Ps 127,1]
Ach, Herr, wie sehr liebe ich Dich! Wie lange noch, Herr?

Jungfrau Maria, sag Jesus, daß ich wahnsinnig werden
und dumme Sachen tun möchte aus Liebe zu Ihm!
Sag Ihm, Er möge mir verzeihen! …
Er wird es tun, gute Mutter, wenn Du es Ihm sagst.
So sei es!

(Aus: Nur Gast auf Erden 584f)

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Mit dem heiligen Rafael Arnáiz Barón von Septuagesima bis Ostern – (3/17)

Rafael wird am 9. April 1911 geboren; 15. Januar 1934 Eintritt in die Trappistenabte St. Isidro; 26. Mai 1934 verlässt er das Kloster wegen schwerer Diabetes; 11. Januar 1936 Rückkehr in die Abtei, er wird Oblate; am 29. September 1936 muss er wegen des Bürgerkrieges das Kloster verlassen; 6. Dezember 1936 Rückkehr ins Kloster; am 7. Februar 1937 muss er wieder wegen seiner Krankheit das Kloster verlassen; am 15. Dezember 1937 kehrt Rafael unter Verzicht auf die Bequemlichkeiten und die Fürsorge in seinem Elternhaus erneut und endgültig in die Abtei zurück. Todestag am 26. April 1938, gerade 27 Jahre geworden. – Rafael Arnáiz Barón erhielt das Ordenskleid der Trappisten „Angesichts des Todes“ und legte dabei die feierliche Profess ab.

Dem Herrn habe ich mein Leben geopfert

Hl. Rafael Arnáiz Barón notiert am 27. Februar 1938, dem Sonntag Quinquagesima:

Heute habe ich dem Herrn das einzige aufgeopfert, was mir noch blieb: das Leben …
Ich habe es vor Ihn hingelegt, damit Er es annehme und einsetze, wozu Er will, und es mir nehme, wann Er will und wofür Er will: mein Leben …

Als ich mein Elternhaus verließ, verließ ich aus eigenem Antrieb eine Reihe an Möglichkeiten der Behandlung und Pflege, die meine Krankheit erforderlich machen, und umfing einen Stand, in dem es unmöglich ist, eine so heikle Krankheit zu behandeln. Ich wußte ganz genau, was mich erwartete.

Trotzdem hast du manchmal gelitten, armer Bruder Rafael, ohne daß du es selbst bemerkt hättest, wenn du dich vieler notwendiger Dinge beraubt sahst … Du littest, weil du nicht mehr die Freiheit hattest, den Gebrechen deiner Krankheit die Heilmittel zukommen zu lassen, die dir in der Welt zur Verfügung standen. Du umarmtest von Anfang an das Kreuz Christi, aber manchmal wurdest du schwach.

Zu anderen Zeiten littest du, als du sahst, daß du dein Leben hier in der ,Trapa‘ [im Trappistenkloster San Isidoro in Spanien] wissentlich verkürzt, und erkanntest, daß du nach Gottes Willen (und nicht nach dem der Menschen) die Last der unheilbaren Krankheit hier mehr verspürst als in der Welt, wo dir alles zur Verfügung stand. Dann wieder littest du nur, weil du dein krankes Leben sahst, und das für immer und ohne jegliche Erleichterung.

Nun, all das hört auf! Heute morgen habe ich dem Herrn mein Leben geschenkt. Es gehört nicht mehr mir … Möge Er dafür sorgen, wenn Er will. Ich denke nicht mehr daran, mir Sorgen zu machen. Mich darum kümmern: ja, weil Er es mir leiht, aber sonst nichts …

Wenn Er will, läßt Er mir die erforderlichen Heilmittel zukommen. Will Er es nicht, werde ich auch ohne sie ganz zufrieden sein. Ich will absolut nicht mehr um meinen Gesundheitszustand besorgt sein … Ich werde nehmen, was man mir gibt, tun, was man mir befiehlt, und in allem gehorchen.

Ich werde mit meinem Leib umgehen, als sei es der eines anderen. Ich werde nur Gottes Willen suchen. Ich werde Seine Wünsche lieben und sie zu meinem einzigen Gesetz machen … Will Er, daß mein Leben lang und mühsam sei, so sei es! Will Er es nächste Nacht nehmen, so sei es! Gleich, ob heute oder morgen oder in tausend Jahren, mein Leben gehört Ihm! Meine Gesundheit, gut oder schlecht, gehört Ihm! Er sei der Verantwortliche für das, was mit mir geschieht!

Ich habe die Jungfrau Maria gebeten, sie möge bei Jesus für mich eintreten, damit Er mein Opfer annehme. Welch große Freude, wenn Er es täte! Welche Freude würde es bedeuten, für Jesus zu sterben! Wenn Er doch mein Leben dem ewigen Vater darbrächte als Wiedergutmachung für die Sünden der Welt, für die Kriege, für die ungläubigen Völker, für die Priester, für den Papst und für die Kirche!

Leiden und Schmerz zu fühlen, macht mir nichts aus, wenn Jesus mein Opfer annimmt. Ich habe Ihm mein Herz geschenkt … Ihm habe ich meinen Willen überlassen. Jetzt schenke ich Ihm mein Leben. Jetzt bleibt mir nichts weiter als zu sterben, wann Er will.

Sein Wille geschehe und nicht der meine! [vgl. Mt 26,39]

Wie glücklich bin ich, daß ich nichts mehr besitze! Glücklich darüber, daß ich nicht mehr nachgrübeln muß, ob mir dieses gut, jenes schlecht bekommt, ob die Medizin oder die Diät oder sonst etwas …! Ich tue, was man mir gebietet, und um mehr kümmere ich mich nicht … Möge der Herr Sorge tragen um meine Krankheit, so wie Er will! Und je weniger Pflege Er mir angedeihen läßt und je mehr Entbehrungen Er für mich zuläßt, um so besser!

Manchmal, Herr, möchte ich auf der Straße oder
in einem öffentlichen Krankenhaus sterben,
arm und verlassen von allen …, in der Bedürftigkeit.
Aber ich glaube, das ist eine Versuchung …
Ich weiß nicht, ich bin in Deinen Händen
und empfehle mich denen der Jungfrau Maria.

Ich habe festgestellt und erfahren, daß ich um so eifriger bin und näher bei Gott, je größer mein Hunger ist und je mehr meine Beine wanken. Die Tränen, die ich an manchen Tagen nach der kleinen Zwischenmahlzeit im Chor vergieße, helfen mir sehr. In diesen Augenblicken leide ich physisch und moralisch sehr viel, aber anschließend lobpreise ich Gott aus tiefstem Herzen.

Es stimmt: ich bin nichts als Elend, gleich, ob ich mich von innen oder von außen betrachte. Wenn es Abend wird und ich meine körperliche Müdigkeit sehe, die armselige Bedürftigkeit der Materie, die Geringfügigkeit und Unzulänglichkeit meines Leibes und außerdem noch das kindische Gehabe bedenke, aufgrund dessen mein Geist verstört war während des Tages; wenn ich die unbedeutenden Beweggründe sehe, aus denen ich litt, und die Geringfügigkeit der ganzen Welt, obwohl sie mich zu erdrücken schien; wenn ich all das sehe und daneben das heiligste Kreuz Jesu stelle: wer wagt dann noch, an sich selbst zu denken und zu sagen, daß er leidet? …

O menschlicher Egoismus, du weinst wegen eines Apfels; du bist betrübt über die Äußerungen eines Mitbruders; dich beunruhigt die Erinnerung an einen sonnigen Tag in der Welt …, und du leidest aus Gründen, die Luft und Eitelkeit bedeuten! O Elend des Menschen! Wie wenig schaust du auf den gekreuzigten Christus! Wie wenig leidest und weinst du für Ihn!

Neige dein Gesicht zum Staub, Bruder Rafael, und hör auf, an das zu denken, was Erde, was Geschöpf, was Welt ist, was du bist! Erfülle deine Seele mit Liebe zu Christus! Küsse Seine Wunden! Umarme Sein Kreuz! Träume und denke und schlafe in Ihm! …

Wie gut ruht man unter dem süßen Holz!
Wie gut schläft man, wenn man das Kreuz umklammert!
Wie gut ist Gott!

(Aus: Nur Gast auf Erden 582f)

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