„Synthese des geistlichen Lebens“

Das folgende Gebet stammt von Pater Jean Jacques Olier (1608-1657). Er war Gründer der Kongregation der Sulpizianer und des Priesterseminars St. Sulpice. Der heilige Ludwig Maria Grignion von Montfort (1673-1716) beschrieb es als eine Synthese des geistlichen Lebens. Es enthält den wahren Geist der Hingabe und Weihe der menschlichen Seele an Jesus durch Maria, und gilt als starkes Mittel der Heiligung.

O Jesu vivens in Maria,
veni et vive in famulis tuis,
in spiritu sanctitatis tuæ,
in plenitudine virtutis tuæ,
in perfectione viarum tuarum,
in veritate virtutum tuarum,
in communione mysteriorum tuorum,
dominare omni adversæ potestati,
in spiritu tuo ad gloriam Patris. Amen.

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Jesus, der Du in Maria lebst,
komm und lebe in Deinen Dienern
(- komm und lebe in mir -)
im Geiste Deiner Heiligkeit,
in der Fülle Deiner Kraft,
in der Echtheit Deiner Tugenden,
in der Vollkommenheit Deiner Wege,
in der Vereinigung mit Deinen Geheimnissen.
Herrsche über jede feindliche Gewalt
durch Deinen Heiligen Geist
zur Verherrlichung des Vaters. Amen.

Es wäre gut, wenn dieses Gebet häufig von uns gebetet würde!

Jean-Jacques OLLIER
Jean-Jacques OLLIER, fondateur de Saint-Sulpice.

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Wo fängt Gottes Stimme an?

Die Tagespost“ stellte die Frage:
„Wo hört mein Unterbewusstsein auf und wo fängt Gottes Stimme an?“
Eine Antwort gab Dr. Raphael Bonelli, Psychiater und Psychotherapeut.

Sigmund Freud spricht viel vom Unbewussten. Dabei meint er innere Bereiche, die dem Menschen selbst nicht zugänglich sind, die aber sein Verhalten umso mehr prägen. Ein therapeutischer Zugang zum Unbewussten ist in der Psychoanalyse der Traum, weil da die Vernunft ausgeschalten ist. Er gleicht einer Kinoleinwand, auf der das vernunftlose Bauchgefühl Erinnerungen, Konflikte und Phantasien abspielen kann.

Nach Freud besteht das Unbewusste vor allem aus verdrängten oder abgewehrten Bewusstseinsinhalten und den „Triebrepräsentanzen“. Verdrängt wird vor allem das Bedrohliche – bei Freud ist das schuldhaft erlebte Sexualität – also die Triebe, die das Über-Ich verbietet. Freud als überzeugter Atheist hat dieses Phänomen als die „dritte narzisstische Kränkung der Menschheit“ tituliert: seine (irrige) Entdeckung, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist und damit zutiefst unfrei und determiniert.

Die moderne Neurowissenschaft hat aber erkannt, dass der Mensch sehr wohl frei ist und aktiv Dinge verdrängen kann, die er nicht wahrhaben will – weil sie ihm bedrohlich oder schlichtweg unbequem erscheinen. Dazu zählt vor allem die Schuld (wer findet heute noch Sexualität bedrohlich?). Schuldgefühle sind seelische Schmerzgefühle mit Schutzfunktion. Das Stillschalten dieser Alarmanlage nennt Freud Verdrängung. Verdrängte, also unbewusste Inhalte werden auf eine unkontrollierbare Weise handlungswirksam, wie etwa die irrationale Aggression auf die katholische Kirche und die mörderische Wut auf Märtyrer.

Also kann man schlussfolgern, dass sowohl das Gewissen (unterdrückte Schuldgefühle) als auch die Triebe, die nach Freud „keine Moral kennen“, im Unbewussten zu finden sind. Wie unterscheidet man also die beiden? Bei einer fraglichen „Stimme Gottes“ gelten für den reifen Menschen zuallererst zwei Kriterien: Sie muss mithilfe des Kopfes auf vernünftig/unvernünftig und mithilfe des Herzens auf gut/böse abgeklopft werden. Gut ist in der Psychologie, was den moralischen Idealen des Menschen entspricht, beim normalen Katholiken wäre das etwa das kirchliche Lehramt. Böse ist das Gegenteil.

Gottes Vorschläge für den Menschen sind nicht unvernünftig, und sie werden seinen eigenen Geboten natürlich nie widersprechen. Beispielsweise wäre eine innere Stimme, seine eigene Frau zu verlassen und eine Jüngere zu nehmen ein sicheres Beispiel für das Lautwerden einer Freud’schen Triebrepräsentanz, auch wenn der Betroffene es gerne als Stimme Gottes umdeuten wollte.

Je besser sich ein Mensch kennt, umso eher kann er innere Regungen richtig zuordnen. Die Selbsterkenntnis betrifft in erster Linie die Neigung zu Handlungen, die man selbst als schlecht erachtet. Wenn ihm die bewusst ist, kann er leichter die empfundenen Impulse richtig zuordnen. Je mehr ein Mensch im Selbstbetrug steckt, umso mehr wird er sich belügen und seiner Versuchung das Mäntelchen der göttlichen Stimme umhängen. Beispielsweise – konkret aus meiner Praxis – ist es kein Werk der christlichen Nächstenliebe, wenn ein Familienvater sich Tag und Nacht um das hübsche, junge Au-pair-Mädchen kümmert, mit ihr abends Filme anschaut – und seine Frau und seine Kinder kaum mehr eines Blickes würdigt.

Beim Prüfen eines fraglich übernatürlichen Einfalls – sei es im Traum oder sonst wo – sollte man also auch seine Eigeninteressen, Neigungen und Versuchungen kennen. Zur Selbsterkenntnis kommt man durch eine regelmäßige Gewissenserforschung: Falls einem Menschen seine Sünden und Fehler gar nicht bewusst sind, ist Vorsicht angesagt – für ihn und seine Umgebung.

Die Tagespost, 11. Dezember 2017
„Wo hört mein Unterbewusstsein auf und wo fängt Gottes Stimme an?“

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Sterben der Gerechten

Vor allem aber ist, wenn man gut sterben will, die Reue notwendig. Denn ohne Reue, vollkommene oder unvollkommene, genügt das Sündenbekenntnis nicht zum Heile, und auch die Genugtuung nutzt nichts, wenn die Reue fehlt, und der Kranke kann ohnedies Genugtuung nur schwer leisten. Die Reue dagegen, die aus der Liebe zu Gott hervorgeht, führt allein zum Heile, wenn auch das Bekenntnis und die Genugtuung nicht möglich sind. […] Darum soll man den Kranken ganz besonders dazu auffordern, dass er die Reue erweckt.

(Robert Bellarmin. Die Kunst, gut zu sterben)

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Der Sünder und der Heilige Geist

Die Sünde, die vom Menschen gesehen, aber nicht begangen wird, die er erkannt und bedauert hat – diese Art von Sünde zieht Ihn an!

Je mehr der Mensch seine Sünde betrachtet und je mehr er darüber lamentiert, desto angenehmer und zugänglicher ist er für den Heiligen Geist, der sich wie ein Arzt nur jenen naht, die sich krank wissen. Andererseits wendet Er sich von jenen ab, die eingebildet sind und sich wichtig nehmen.

Schau auf deine Sünde und mache sie ausfindig. Wende deine Augen nicht von ihr ab. Verleugne dich selbst, schätze deine Seele nicht zu hoch ein. Gib dich ganz der Betrachtung deiner Sünde hin und weine über sie. Dann wirst du dir zu gegebener Zeit deiner Erneuerung durch das unbegreifliche und unerklärliche Wirken des Heiligen Geistes bewusst werden. Er wird zu dir kommen, wenn du ihn nicht erwartest. Er wird in dir wirken, wenn du dich für Ihn als ganz unwürdig erkannt hast.

Theophan der Rekluse

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Du zweifelst noch?

Du blickst auf mich und einen solchen Sünder vor deinen Augen fragst du dich unwillkürlich – ist es möglich, dass der Heilige Geist in diesem Sünder wirkt, in dem die Leidenschaften so offensichtlich und stark sind?
Eine berechtigte Frage!
Und sie macht mich verlegen und erschrocken. Ich werde fortgerissen, ich sündige; ich begehe Ehebruch, ich verrate meinen Gott, ich verkaufe ihn für den abscheulichen Preis der Sünde.

Und trotz meines ständigen Verrats, meines treulosen und verräterischen Verhaltens bleibt Er unveränderlich. Immer gnädig, wartet Er langmütig auf meine Reue und zieht mich mit jedem erdenklichen Mittel zur Reue und Änderung meines Lebens. Du hast gehört, was der Sohn Gottes im Evangelium sagt? „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“. (Mk 2,17) So sprach der Heiland und so handelte Er. Jesus aß mit Zöllnern und Sündern, bekehrte ihre Herzen zu Glauben und Tugend und führte sie so in geistliche Gemeinschaft mit Abraham und anderen rechtschaffenen Menschen.

Erstaunt dich die unendliche Güte des Gottessohnes?
Sei gewiss, dass der All-Heilige-Geist genauso gütig und genauso bemüht ist um die Erlösung der Menschheit; Er ist genauso sanftmütig, mild, langmütig und ganz und gar barmherzig. Der Heilige Geist ist eine der drei gleichen Personen der Heiligen Trinität die unvermischt und ungeteilt, das einzigartige Göttliche Wesen drei Personen in einer Natur bilden.

Theophan der Rekluse

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