Von der Vorsicht bei seinen Geschäften …

Erstes Buch der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen – Viertes Kapitel

(4) Von der Vorsicht bei seinen Geschäften und Unternehmungen.

1. Nicht jedem Worte und Einfalle muss man glauben, sondern die Sache sorgfältig und ohne Übereilung mit Gott beraten. Oft wird leider das Böse von anderen leichter geglaubt und nachgesprochen als das Gute; so schwach sind wir. Aber vollkommene Männer glauben nicht leicht einer jeden Erzählung, weil sie die menschliche Schwachheit kennen, welche zum Bösen so geneigt ist und sich in Worten gar oft verfehlt.

2. Es ist eine große Weisheit, wenn man sich in seinen Geschäften nicht übereilt und auf seinem eigenen Sinne nicht hartnäckig beharrt. Diese Weisheit lehrt uns auch, dass wir nicht allen Worten der Menschen glauben und dass wir dasjenige, was wir gehört oder geglaubt haben, nicht sogleich wieder anderen erzählen. Frage einen weisen und gewissenhaften Menschen um Rat und suche viel eher bei einem Verständigen Belehrung, als dass du deinen eigenen Einfällen folgest. Ein frommes Leben macht den Menschen weise in Gott und erfahren in vielen Dingen. Je demütiger einer in seinem Herzen ist und je vollkommener er sich Gott unterwirft, desto weiser und ruhiger wird er in allen Vorfällen sein.

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Von der Lehre der Wahrheit

Erstes Buch der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen – Drittes Kapitel

(3) Von der Lehre der Wahrheit.

1. Glückselig ist jener Mensch, welchen die Wahrheit selbst lehrt und zwar nicht durch bloße Vorstellungen und vorübergehende Worte, sondern wie sie in sich selbst ist. Unsere Meinung und unser Sinn betrügt uns oft und ist sehr kurzsichtig. Was für einen Nutzen bringen mühsame Untersuchungen über verborgene und dunkle Sachen, wegen welcher wir am Gerichtstage nicht werden zur Rede gestellt werden, wenn wir dieselben schon nicht gewusst haben? Es ist eine große Torheit, wenn wir das Nützliche und Notwendige vernachlässigen und freiwillig auf vorwitzige und schädliche Dinge aufmerken. Wir haben Augen, aber wir sehen nicht.

2. Und warum sollen wir uns lange über Streitigkeiten aufhalten, ob dieses oder jenes in dem allgemeinen Begriffe enthalten sei oder ob es zu einer besonderen Gattung gehöre? Jener, zu welchem das ewige Wort redet, wird von vielen zweifelhaften Meinungen befreit. Aus einem Worte ist alles, und alles gibt diesem Wort Zeugnis; und dieses Wort ist der Anfang und Ursprung, welcher zu uns redet. Ohne dieses Wort hat niemand einen Verstand, und es ist auch niemand fähig, ein vernünftiges Urteil zu fällen. Wer, statt auf andere Sachen zu sehen, sein einziges Augenmerk auf dieses richtet, wer alles auf dieses bezieht und alles in diesem betrachtet, der kann in seinem Herzen beständig sein und ruhig in Gott verharren. O Gott, Du ewige Wahrheit! Vereinige und mache mich eins mit Dir durch das Band der ewigen Liebe. Das viele Lesen und Hören macht mir oft einen Ekel; in Dir ist alles, was ich will und verlange. Alle Lehrer sollen schweigen und alle Geschöpfe vor Deinem Angesichte verstummen; rede Du allein zu mir!

3. Je mehr einer in sich selbst gesammelt ist und je mehr bei ihm innerlich alles nur auf einen Gegenstand abzielt, desto mehrere und höhere Dinge wird er ohne Mühe verstehen, weil er das Licht der Erkenntnis von oben herab empfängt. Eine reine, aufrichtige und beständige Seele wird auch bei vielen Geschäften nicht zerstreut, weil sie alles zur Ehre Gottes verrichtet und sich bestrebt, ihre Absichten von aller Eigenliebe rein zu erhalten. Wer hindert und beunruhigt dich mehr als die unabgetöteten Neigungen deines eigenen Herzens? Ein gottesfürchtiger und andächtiger Mensch bringt die äußerlichen Werke, welche er verrichten muss, zuerst in seinen Gedanken in Ordnung; er lässt sich von ihnen nicht zu Begierden einer sündhaften Neigung dahinreißen, sondern er weiß dieselbe nach dem Urteile der rechten Vernunft einzurichten. Wer muss einen härteren Kampf aushalten, als welcher sich bemüht, sich selbst zu überwinden? Und dieses sollte unser Geschäft sein, dass wir nämlich uns selbst überwinden, täglich mehr Herrschaft über uns selbst gewinnen und in der Tugend immer größere Fortschritte machen.

4. Auch die höchste Vollkommenheit, zu welcher man in diesem Leben gelangt, ist noch mit einiger Unvollkommenheit verbunden; denn alle unsere Einsichten und Kenntnisse sind nicht von aller Dunkelheit frei. Die demütige Erkenntnis seiner selbst führt viel sicherer zu Gott, als die tiefste Erforschung der Wissenschaft. Zwar darf man die Wissenschaft oder die Kenntnis irgendeiner Sache nicht tadeln; sie sind in sich selbst gut und von Gott angeordnet: doch ist ein gutes Gewissen und ein tugendhaftes Leben allzeit höher zu schätzen. Weil aber viele mehr bedacht sind, viel zu wissen, als gottselig zu leben: so geraten sie in viele Irrtümer und haben von ihren Bemühungen keinen oder doch nur wenig Nutzen.

5. O wenn doch diese Leute einen ebenso großen Fleiß anwenden würden, die Laster auszurotten und die die Tugenden einzupflanzen, als sie sich Mühe geben, spitzfindige Fragen aufzuwerfen, so würde nicht so viel Böses geschehen und kein so großes Ärgernis unter dem Volke herrschen, man würde auch in Klöstern keine so große Freiheit wahrnehmen. An dem letzten Gerichtstage wird man uns gewiss nicht fragen was wir gelesen, sondern was wir getan haben, nicht wie zierlich wir gesprochen, sondern wie gottesfürchtig wir gelebt haben. Sage mir, wo sind nun alle jene Herren und jene erleuchteten Lehrer, welche du wohl kanntest, da sie noch lebten, und welche wegen ihrer Wissenschaft so berühmt waren? Ihre Einkünfte besitzen nun andere; und vielleicht denken diese nicht einmal mehr an sie. In ihrem Leben schienen sie groß zu sein, und jetzt schweigt man von ihnen.

6. O wie geschwind vergeht die Herrlichkeit der Welt! Wollte Gott, sie hätten ihr Leben nach ihrer Wissenschaft eingerichtet, dann würden sie mit Nutzen studiert und gelesen haben. Wie viele gehen in der Welt wegen ihrer eitlen Wissenschaft zugrunde, weil sie sich um den Dienst Gottes wenig bekümmern und weil sie lieber groß als demütig sein wollen, so gehen sie mit lauter eitlen Gedanken um. Wahrhaft groß ist, wer eine große Liebe hat; wahrhaft groß , wer in seinen Augen klein ist und alle Ehrenstufen für nichts achtet; wahrhaft bescheiden ist, wer alles Irdische für nichts achtet, damit er Christus gewinne; und wahrhaft gelehrt ist, wer seinen eigenen Willen verlässt und den Willen Gottes tut.

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Ruhm der Keuschheit

Verschiedene Schüler des Pamphilius fielen der Verfolgung zum Opfer. Bei Eusebius findet man z. B. die Namen Apphianus, Aedesius, Pophepius und Petrus. Auch einige Parthenae [Jungfrauen] werden bei Eusebius genannt, darunter die achtzehnjährige Theodosia. Ebenso wird berichtet, dass aus Gaza, der heidnischen Stadt, Christen zur Verurteilung nach Caesarea geschleppt wurden.

Aus allen diesen Nachrichten kann man schließen, dass das Asketentum in Palästina blühte. Auch in Jerusalem scheinen Asketen und Parthena gewesen zu sein.

„Erkennen sollen die Jungfrauen die Ehrenkrone des Lebenswandels, der ihnen eigen ist. Auch erkennt man an ihrem Stand den Ruhm der Keuschheit“.

„Sei aber nicht, wenn du die Keuschheit neu bewahrst, denen gegenüber, die in den Ehestand eingetreten sind, von Stolz aufgeblasen. Denn die Ehe sei ehrwürdig, und unbefleckt das Ehebett“.

(Mitschrift aus einer Vorlesungen von Nikolaus Egender: Palästinensisches Mönchtum, Jerusalem 1980/81)

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Von der Geringschätzung seiner selbst

Erstes Buch der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen – Zweites Kapitel

(2) Von der Geringschätzung seiner selbst.

1. Alle Menschen haben von Natur aus Wissbegierde; aber was nützt Wissenschaft ohne Furcht Gottes? Ein demütiger Bauer, welcher Gott dient, ist in der Tat viel besser als ein hoffärtiger Weltweise, welcher sich selbst vernachlässigt und auf den Lauf des Himmels Achtung gibt. Wer sich selbst wohl erkennt, dünkt sich in seinen eigenen Augen gering und hat keine Freude an dem Lobe der Menschen. Wenn ich alles wüsste, was in der Welt ist, wenn ich aber die Liebe nicht hätte, was würde es mir vor Gott helfen, welcher mich einst nach meinen Werken richten wird?

2. Unterdrücke die allzu große Wissbegierde, denn man verwickelt sich dadurch in viele Zerstreuungen und täuscht sich gar oft. Die Gelehrten verlangen gesehen und von anderen als Weise gepriesen zu werden. Es gibt viele Dinge, deren Kenntnis der Seele wenig oder gar keinen Nutzen bringt. Und jener ist gewiss sehr töricht, welcher auf etwas anderes bedacht ist, als was ihm zu seinem Heile dient. Viele Worte sättigen die Seele nicht, aber ein frommes Leben erquickt das Gemüt, und ein reines Gewissen flößt großes Vertrauen auf Gott ein.

3. Je mehr du weißt, und je besser du erfahren bist, desto strenger wirst du eins gerichtet werden, wenn du nicht auch zugleich heiliger lebst. Erhebe dich also nicht wegen einer Kunst oder wegen was immer für einer Wissenschaft, sondern fürchte dich vielmehr wegen eben dieser Kenntnis, welche dir gegeben worden ist. Wenn es dir scheint, du wissest vieles, und du verstehest es wohl, so musst du doch dafür halten, es sei noch viel mehr übrig was dir unbekannt ist. Bilde dir auf deine Wissenschaft nicht zu viel ein, sondern bekenne vielmehr deine Unwissenheit. Warum willst du dich einem anderen vorziehen, da es doch viele gibt, welche dich an Gelehrsamkeit übertreffen und in dem Gesetze größere Erfahrung haben als du? Wenn du etwas mit Nutzen zu wissen und zu lernen verlangst, so trachte, dass du verborgen bleibest und nimm es gerne an, wenn du für nichts geachtet wirst.

4. Die wahre Kenntnis und Verachtung seiner selbst ist die höchste und nützlichste Wissenschaft. Von sich selbst nichts halten, dagegen von anderen allzeit gute und rühmliche Gesinnungen haben, das ist große Weisheit und Vollkommenheit. Wenn du einen anderen offenbar sündigen oder schwere Verbrechen begehen siehst, so darfst du dich deswegen doch nicht für besser halten, weil du nicht weißt, wie lange du im Guten verharren wirst. Wir alle sind gebrechliche Menschen; aber niemand musst du für gebrechlicher halten als dich selbst.

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Nützliche Ermahnungen zum geistlichen Leben

Erstes Buch der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen – Erstes Kapitel

(1) Von der Nachfolge Christi und von der Verachtung aller Eitelkeiten der Welt.

1. Wer Mir nachfolgt, wandelt nicht in Finsternis, sagt der Herr. Dies sind Worte Christi, durch welche wir erinnert werden, Ihm in Seinem Leben und in Seinem Wandel nachzufolgen, wenn wir verlangen, wahrhaft erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens befreit zu werden. Wir müssen also allen Fleiß anwenden, das Leben Jesu Christi zu betrachten.

2. Die Lehre Jesu Christi übertrifft alle Lehren der Heiligen; und wer den wahren Geist hätte, der würde da ein verborgenes Himmelsbrot finden. Es geschieht aber, dass viele auch aus der öfteren Anhörung des Evangeliums eine geringe Begierde nach demselben in sich empfinden, weil sie den Geist Christi nicht haben. Wer aber die Worte Christi vollkommen verstehen und einen Geschmack darin finden will muss sich befleißen, sein ganzes Leben nach dem Leben Jesu Christi einzurichten.

3. Was nützt es dir, dass du von der Dreieinigkeit Gottes hohe Dinge vorzubringen weißt, wenn es dir dabei an Demut mangelt und du deswegen dem lieben Gott missfällst? In der Tat, die hohen Worte machen weder heilig, noch gerecht; nur durch ein tugendhaftes Leben wird man Gott angenehm. Lieber ist mir, Zerknirschung des Herzens empfinden, als ihre Beschreibung wissen. Wenn du die ganze Heilige Schrift auswendig wüsstest, und wenn dir die Sprüche aller Weltweisen bekannt wären, was würde dir dieses alles ohne die Liebe Gottes und ohne die Gnade nützen? Eitelkeit über Eitelkeit, und alles ist Eitelkeit, außer Gott lieben und Ihm allein dienen. Die höchste Weisheit besteht darin, dass man die Welt verachtet und nach dem Himmel strebt.

4. Es ist also Eitelkeit, wenn man vergängliche Reichtümer sucht und auf diese seine Hoffnung setzt. Es ist Eitelkeit, wenn man nach Ehren strebt und sich zu einem hohen Stande zu erschwingen trachtet. Es ist Eitelkeit, wenn man den Begierden des Fleisches folgt und ein Verlangen nach jenen Dingen trägt, welche schwere Strafen nach sich ziehen. Es ist Eitelkeit, wenn man ein langes Leben wünscht, aber nicht daran denkt, gut zu leben. Es ist Eitelkeit, wenn man nur auf das gegenwärtige Leben acht gibt und nicht für das zukünftige sorgt. Es ist Eitelkeit, wenn man Dinge liebt, welche schnell vorübergehen, und nicht dahin eilt, wo die Freude ewig dauert.

5. Denke oft an jenen Ausspruch: „Das Auge wird nicht satt vom Sehen und das Ohr nicht satt vom Hören.“ Befleiße dich also, dein Herz von der Liebe sichtbarer Dinge abzuziehen und dich an das Unsichtbare zu gewöhnen; denn jene, welche ihrer Sinnlichkeit folgen, verunreinigen ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes.

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Tageslauf und Jahreslauf deutscher Nonnen im 13./14. Jahrhundert (2/2)

Der Jahreslauf

Wie der Tag von den sieben Stationen des Offiziums seine Gestaltung und Weihe empfing, so gab das Kirchenjahr mit den drei großen Mysterienkreisen Weihnachten, Ostern und Pfingsten dem Jahresgang eine gewaltige dramatische Steigerung, Größe und Abgeschlossenheit.

Die Inhaltsfülle dieser drei Festkreise bot nicht nur immer wechselnden Andachtsstoff und Stimmungszauber, was heute viele nur noch ästhetisch verstehen, sondern es wurde von den Nonnen mit einer Einfühlungsglut nachgelebt, von der wir uns kaum einen Begriff machen könnten, wenn wir nicht aus jenen Aufzeichnungen ersähen, dass dieses Nachleben im wörtlichen Sinne leibhaftig war, d. h. wie Visionen und Ekstasen mit Krankheiten und plötzlichen Genesungen aufs engste mit der Ereignisabfolge des Kirchenjahres zusammen hingen, wie namentlich Todes- und Auferstehungstag Christi sich in den wunderlichsten körperlichen und seelischen Wandlungen widerspiegelten.

Veranlasst und gepflegt wurde diese Empfänglichkeit durch Kirche und Orden, indem Liturgie, Offizium und Lektionen sich aufs innigste dem Kirchenjahresgang anpassten. Die Fastenzeiten bedeuteten in ihrer Strenge und Dauer einen Einfluß auf den körperlichen Organismus und mithin auch auf die Seele, den die wenigsten von uns auch nur einmal erprobt haben. Ähnlich unbekannt aus eigener Erfahrung und Übung sind dem modernen Abendländer die Konzentration und ihre Folgeerscheinungen, die in der stundenlangen Beschauung der biblischen Ereignisse wirksam waren.

Dazu traten bestimmte Klostergepflogenheiten, z. B. die Vorbereitung auf die Ankunft des Christkindes im Advent, (…) die uns fast wie Spielerei anmutete, wenn die uns nicht in ihrer psychologischen Berechnung auf den weiblichen Mutterinstinkt und somit als wirksamstes Einfühlungsmittel in die zu erregende Weihnachtsfreude und -rührung eher Bewunderung einflößen müsste.

So reiht sich jede Einzelheit ins Ganze; Arbeit und Chordienst, Übung und Beschauung, Tagesgang und Jahreskreis ordnen sich dem Einen unter, das uns zu Beginn des nächsten Abschnitts begegnen wird.

Aus: Deutsches Nonnenleben. Das Leben der Schwestern zu Töss und der Nonne von Engeltal.  1921.

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Tageslauf und Jahreslauf deutscher Nonnen im 13./14. Jahrhundert (1/2)

Der Tageslauf

Das Siebengestirn der horae canonicae: Mette, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet steht unverrückbar über dem äußeren und inneren Leben der Nonne.

Noch tief in der Nacht sammelt die Mette (Matutin) die Frauen im Chorraum zu Gebet und Gesang. Die Zwischenzeit bis zur Prim gehört wieder dem Schlaf; aber so manche gönnt sich diese Ruhe nicht, bleibt kniend im Betgestühl und erfüllt diese geheimnisgraue Stunde der ersten Frühe mit tiefster Versenkung. Das ist die visionenschwangere Zeit, die in Dunkelheit und Todesstille ihre inneren Stimmen und Lichterscheinungen gebiert. Andere nehmen um diese noch nächtliche Stunde wohl auch gemeinsam ihre Disziplin (Geißelung), „so dass es einem vor dem Kapitelhaus grausig zumute wurde“.

Die Prim mit der stillen Messe im Anschluß eröffnet dann das eigentliche Tagewerk. Es bestand meist in gemeinsamer Handarbeit (gewöhnlich Spinnen) im Werkhaus. Schwestern, die sich auf „höhere Künste“ verstanden, saßen in der großen Schreibstube und fertigten Bücher, noch öfter Notenabschriften für den Chorgesang an. Die Novizenmeisterin unterwies die Anfänger im Lesen und Latein und hörte sie Psalter und Sequenzen ab.

Die Arbeit wurde jeweils durch die weiteren „Tagzeiten“ unterbrochen, zu denen die Glocke wieder in den Chor rief. Diesem Glockenzeichen unverweilt Folge zu leisten, galt als besonders verdienstlich, und die Chroniken versäumen nicht, solch rasche Bereitwilligkeit rühmend hervorzuheben (…).

Das gemeinschaftliche Mittagsmahl wurde um die Nonzeit im Refektorium eingenommen und war von Vorlesung begleitet. Die Kost scheint einfach gewesen zu sein. Die Erholungszeit konnte im Winter auf der heizbaren Kemenate, dem „Warmhaus“, zugebracht werden, im Sommer im Kreuzgang oder Obstgarten. Doch gab es Schwestern, die sich auch dies versagten, einige aus asketischen Gründen, andere um der Behütung ihrer Seele willen (…).

Als Neuerung tritt uns (…) im Dominikanerorden entgegen „die Feierlichkeit, womit die Komplet, das kirchliche Nachtgebet, gesprochen wurde, und das unter Abhaltung einer Prozession gesungene Salve. Hierzu mußten alle Schwestern, auch die vom Anwohnen der übrigen Horen dispensierten Laienschwestern, erscheinen. Das Offizium dieser Schwestern bestand in einer Anzahl Vaterunser, die sie still für sich in den freien Augenblicken, die die Arbeit ihnen ließ, hersagten“ (…).

Nach der Komplet war Schweigen geboten bis zur Schlafenszeit. Diesen Tagesabschluss verbrachten einige noch betend und betrachtend im Dormitorium an ihrem Bette, andere im einsamen Kirchenchor, Gnaden ersehnend und im halben Traum empfangend.

Aus: Deutsches Nonnenleben. Das Leben der Schwestern zu Töss und der Nonne von Engeltal.  1921.

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