Fünf Tage mit dem Trappisten Bruder Rafael Arnäiz Baron (2/5)

In Erinnerung an seine ersten Eindrücke bei den Trappisten sagte er sechs Jahre später, der Herr habe sein Gemüt bewegt, um ihn zum Nachdenken anzuregen. 1931 wurde er Mitglied der Katholischen Aktion und beteiligte sich fortan sowohl an den Konferenzen des heiligen Vinzenz von Paul als auch an nächtlichen Anbetungen. Trotz seiner tiefen Frömmigkeit war er ein großer Feinschmecker und kannte viele Restaurants; im Alltag zeigte er sich jedoch kein bisschen wählerisch und aß, was man ihm vorsetzte. Er war einerseits von überbordender und ansteckender Fröhlichkeit, andererseits zu gegebener Zeit auch sehr nachdenklich.

Bei seinem zweiten Besuch in San Isidro entdeckte Rafael den tiefen Sinn der klösterlichen Stille:
„Die Leute sagen, dass die Stille im Kloster traurig ist … Das ist völlig falsch … Das Schweigen im Trappistenkloster ist die freudigste Sprache, die sich der Mensch vorstellen kann … Aus der Seele des Trappisten, der scheinbar so armselig und in der Stille lebt, sprudelt ein herrlich munterer Gesang voller Liebe und Freude dem Schöpfer entgegen, seinem Gott und liebevollen Vater, der für ihn sorgt und ihn tröstet …“

Im September 1931 schrieb er während eines Aufenthaltes bei den Trappisten:
„Der Trappist lebt in Gott und für Gott. Gott ist sein einziger Lebenszweck in dieser Welt. Welcher Unterschied zu den sogenannten Christen, für die Gott nur ein zweitrangiges Wesen ist, mit dem man morgens um 8 Uhr ein Stelldichein hat und den man um 9 Uhr wieder verlässt – bis zum nächsten Morgen zur selben Stunde, um ihn dann sofort erneut zu vergessen! … Der Künstler mit seiner hohen Empfindsamkeit ist vom Kloster und dem Leben der Trappisten ähnlich beeindruckt, wie von einem Bild oder einer Sonate. Als Christ und gläubiger Mensch sieht er mehr dahinter. Er erfährt Gott auf greifbare Art und Weise. Danach fühlt er sich gestärkt im Glauben, und wenn der Herr ihm die Gnade gewährt, hat er sogar ein bisschen an Selbsterkenntnis gewonnen; er ist dort allein mit Gott und seinem Gewissen, er ändert seine Art zu denken, die Dinge zu empfinden, und … auch sein Verhalten und Auftreten in der Welt.“

In den Jahren 1932-1933 leistete Rafael seinen Militärdienst und setzte anschließend sein Architekturstudium in Madrid fort. Er stellte einen genauen Stundenplan für sich zusammen, der morgens mit der Frühmesse begann und abends mit dem Rosenkranz schloss. Er schrieb an seine Eltern:
„Ich habe festgestellt, dass mir alles besser gelingt, wenn ich mich am Anfang des Tages in Gottes Hände begebe.“

Ein Dokumentarfilm über das Leben der Zisterzienser aus Anlass der 800-Jahrfeier der französischen Abtei Sept-Fons vertiefte den guten Eindruck, den er bei seinem Besuch in San Isidro gewonnen hatte, und führte dazu, dass er beschloss, ins Kloster zu gehen. Er verbrachte den 24. und 25. November 1933 bei den Trappisten; sein Aufnahmegesuch wurde angenommen.

Am liebsten wäre er gleich im Kloster geblieben, ohne sich von jemandem zu verabschieden, nicht einmal von seinen Eltern, denn er fürchtete die Reaktion seines eigenen Herzens. Doch der Apostolische Nuntius (der Botschafter des Papstes), dem er sich anvertraut hatte, riet ihm: „Ich denke, Sie müssen sich von Ihren Eltern verabschieden und ihren Segen einholen.“

Rafael verbrachte also die eineinhalb Monate bis zu seinem Eintritt ins Kloster bei seiner Familie. Er wartete zunächst das Weihnachtsfest ab, obwohl es ihm sehr schwer fiel, und eröffnete schließlich am Nachmittag des 7. Januar 1934 seiner Mutter mit tränenerstickter Stimme: „Mutter, Gott ruft mich … Ich will ins Trappistenkloster.“ Sie senkte den Kopf und sagte nur: „Sohn!“ Sie informierte Rafaels Vater, der nach einem Augenblick der Rührung Gott für diesen Entschluss pries; anschließend fragte er seinen Sohn: „Wann willst du los? Ich werde dich fahren.“ Sie einigten sich auf den 15. Januar.

san-rafael-arnaizDer junge Postulant fügte sich gut in sein neues Leben ein. Er glaubte, am Ziel seiner Wünsche und seiner Berufung angekommen zu sein: „Gott hat den Trappistenorden für mich erschaffen, und mich für den Trappistenorden jetzt kann ich selig sterben, ich bin Trappist!“

Einige Monate später zeichnete sich jedoch plötzlich eine akute Diabetes bei ihm ab: Im Mai nahm er innerhalb von acht Tagen 24 kg ab und wurde nahezu blind. Rafael musste zu seinem Leidwesen zu seiner Familie zurück, um sich pflegen zu lassen, verließ das Kloster jedoch in der Hoffnung, eines Tages wiederkommen zu können. Die sofort eingeleitete ärztliche Behandlung schlug an, Rafael ging es bald besser. Er litt darunter, in ein Leben zurückkehren zu müssen, das er so schweren Herzens verlassen hatte. Der junge Klosteranwärter beschrieb sich als einen Griesgram, den man in seinem Schweigen und in seiner Sammlung stört: er sei auf der Suche nach sich selbst. Er begann wieder zu rauchen, Geige zu spielen und zu malen.

Am 3. Juni schrieb er einen Brief an seinen Onkel Polin: „Was nun geschieht, ist ganz einfach: Gott liebt mich eben sehr … Im Kloster war ich glücklich, ich hielt mich für den Glücklichsten unter den Sterblichen, ich hatte mich von den Geschöpfen loslösen können und suchte nur noch nach Gott … Aber eine Sache blieb mir noch: meine Liebe zum Kloster und zu den Trappisten; und JESUS, der im Hinblick auf die Liebe seiner Söhne sehr fordernd und eifersüchtig ist, wollte, dass ich mich von meinem geliebten Kloster trenne, wenn auch nur vorübergehend.“

Rafael erkannte schnell die befreiende Wirkung dieser Prüfung auf sein Herz.

 

Fünf Tage mit dem Trappisten Bruder Rafael Arnäiz Baron (1/5)

Bei seiner Heiligsprechung am 11. Oktober 2009 wurde Bruder Rafael von Papst Benedikt XVI. als ein junger Mann präsentiert, der „Ja zu dem Vorschlag sagte, JESUS unmittelbar und entschlossen ohne Einschränkungen und Bedingungen zu folgen.“

Im Dezember 1936 verfasste Bruder Rafael in seinem Kloster – zwischen einer vielbefahrenen Straße und einer Eisenbahnlinie gelegen, die die Klostermauern immer wieder erbeben ließ – eine humorvolle Meditation unter dem Titel „Freiheit“. So viele Reisende rasten mit solcher Geschwindigkeit vorbei! Sie wähnten sich frei. Doch „wahre Freiheit ist oft zwischen den vier Mauern eines Klosters eingeschlossen“. Sie liegt „im Herzen des Menschen, der nur Gott liebt. Sie wohnt im Menschen, dessen Seele weder am Geist, noch an der Materie, sondern ausschließlich an Gott hängt.“

Bei der Generalaudienz vom 10. August 2011 sagte Papst Benedikt XVI.:
„Diese Orte vereinen zwei für das kontemplative Leben sehr wichtige Elemente: die Schönheit der Schöpfung, die auf jene des Schöpfers verweist, und die Stille, die fernab der Städte und der großen Verkehrsadern gewährleistet ist. Ein von der Stille geprägtes Umfeld fördert die Sammlung, das Hören auf Gott und die Betrachtung am besten … Gott spricht in der Stille, aber man muß ihn hören können. Darum sind die Klöster Oasen, in denen Gott zur Menschheit spricht.“

Glocken der Trappistenabtei San Isidro

Rafael Arnäiz Baron wurde als das Älteste von vier Geschwistern am 9. April 1911 in Burgos in Spanien geboren. Mit neun Jahren kam er auf ein Jesuitenkolleg. Schon bald zeigten sich bei ihm sowohl eine tiefe Empfindsamkeit als auch eine große geistige und künstlerische Begabung. Im Januar 1922 zog die Familie nach Oviedo, und der Junge wechselte auf das dortige Jesuitenkolleg. Aufgrund seiner großen Frömmigkeit gehörte er dem Leitungsgremium der Sankt-Stanislaus-Kongregation an. Bereits damals war er nach Ansicht seines Präfekten auf der Suche nach Gott, als „wäre er magnetisch zu Ihm hingezogen“.

Der junge Rafael war von lebhaftem Temperament und verlor leicht die Geduld, wenn etwas nicht schnell und gut genug klappte; er war auch sehr geräuschempfindlich und achtete penibel auf die Reinheit seiner Kleidung und seiner persönlichen Sachen. Alles Hässliche, Schmutzige oder Grobe stieß ihn ab, auch vulgäre Geschichten und Ausdrücke. Auf seinen Reisen führte er stets seine Bleistiftschachtel mit und kehrte mit vielen Landschaftszeichnungen, Entwürfen und Skizzen nach Hause zurück, die nach ihrer Fertigstellung in Mappen gesammelt oder verschenkt wurden.

1930begann Rafael ein Architekturstudium in Madrid. Er träumte davon, zu zeichnen, zu malen, seine Eindrücke auf der Leinwand oder auf dem Papier festzuhalten; daneben machte er auch Musik. Seine ersten Ferien verbrachte er bei seinem Onkel Polin und seiner Tante Maria und entdeckte in deren Nähe die Trappistenabtei San Isidro de Duenas.

Bereits an seinem ersten Abend im Kloster fühlte sich Rafael tief bewegt, als er der Komplet beiwohnte. Er schrieb an seinen Onkel: „Ich habe ein Salve Regina gehört … Gott allein weiß, was ich dabei empfand … Das war ganz überwältigend.“

 

Ramons Liebeslied

Ich lebe, um in Gott zu gründen,
doch fiel ich tief in schwere Sünden.
Vom Zorne Gottes müsst´ ich künden,
wenn mir nicht Christus, unser Herr,
an seinem Kreuz erschienen wär´,
um Gottes Lieb´ in mir zu zünden.

Ich betete: „mein Gott, verzeihe!“,
lebt´ viele Jahre tief in Reue,
da schenkte mir der Herr aufs Neue
die Hoffnung, dass mich Lieb´ befreie
zu gutem Werk, in Gott getan:
So nahm er sich des Sünders an.

Im Kloster dann zu Miramar
studierte Franziskanerschar,
die zur Mission erkoren war.
Dort nahm die Liebe mich gefangen
zum Herrn; ich weinte vor Verlangen,
wo Stab und Rebe sich umschlangen.

Ich wünschte sehr, dass sich erweist,
wie Vater, Sohn und Heil´ger Geist
nicht Gott als EINEN teilt, zerreißt.
Und dass der Sohn, wie ihr wohl wisst,
aus reiner Magd geboren ist
als Gott und Mensch: als Jesus Christ.

Die Welt, die Jesus schuf aus Huld,
sie war verlorn durch eigne Schuld.
Da stieg von seinem Himmelsthron
zu ihr herab der Gottessohn,
und starb für sie. Dass uns verschon´
am jüngsten Tag des Herrn Geduld!

Ich fand und schrieb ein neues Wissen,
dass niemand müsst´ die Wahrheit missen
und aller Irrtum wird´ zerrissen.
Die Mauren soll es überzeugen,
Tatar und Jude sich ihm beugen;
im Christen weckt es das Gewissen.

Lob, Preis und Ehr´ dem Höchsten Herrn!
Mein Lieben send´ ich ihm von fern,
in seinem Glanze lebt´ ich gern,
wär´ ich nicht, ach, ein Sünder nur;
doch schritt ich freudig durch die Flur
als mancher Bücher Troubadour.

Nun bin ich arm, verachtet, alt,
die Menschen gehn vorüber kalt,
ich finde nirgends Hilf noch Halt.
Ich suchte Grosses in der Welt,
und schuf ein Werk, das Gott gefällt;
jetzt ist mein Ruf verweht, verhallt.

Nun lass mich sterben, Herr, im Meer
der Liebe, das so groß und hehr,
dass Fürst und Pfaff mir nimmermehr
verwehren kann den Tod zur Ehr´,
zum Preise deiner Herrlichkeit:
Ich bin nicht würdig, doch bereit!

(Ramon Llull, Die Kunst sich in Gott zu verlieben, Textübertragung Erika Lorenz)

Ave Maria – Maria Verkündigung – Festgeheimnis (25.3.)

Dreimal täglich das ANGELUS-Gebet.

Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft
– und sie empfing vom Heiligen Geist.
Gegrüßet …

Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn,
– mir geschehe nach deinem Wort.
Gegrüßet…

Und das Wort ist Fleisch geworden
– und hat unter uns gewohnt.
Gegrüßet…

Bitte für uns, o heilige Gottesgebärerin,
– auf dass wir würdig werden der Verheißungen Christi.

Lasset uns beten:
Wir bitten Dich, o Herr, Du wollest Deine Gnaden
unsere Herzen eingießen, damit wir,
die wir durch Botschaft des Engels
die Menschwerdung Christi Deines Sohnes erkannt haben,
durch sein Leiden und Kreuz
zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen
durch denselben Christus, unsern Herrn.
Amen.

Verkündigung an Maria Liutold-Evangeliar Mondsee, um 1170

 

Mit den Mönchen den Kreuzweg beten – Mariawald, Samstag, 1. April

In einer Woche:

Einladung zum Kreuzweg in der Fastenzeit, am Samstag, den 1. 4. 2017

Nach der Non, dem Stundengebet um 14 Uhr, sammeln sich die Teilnehmer vor der Kirche von Mariawald und gehen um 14.20 Uhr schweigend nach Heimbach.

Dort beginnt um ca. 15.00 Uhr beim Gnadenbild in der Pfarrkirche der Kreuzweg. Wer will, kann sich natürlich auch jetzt noch anschließen. (Ein Fahrdienst von Mariawald zurück nach Heimbach wird bei Bedarf eingerichtet.)

Nachdem wir den 14 Stationen des Leidenswegs Christi, dargestellt in den kleinen Kapellen im Ruppental und in der Klostermauer, betrachtend und betend gefolgt sind, findet der Kreuzweg gegen 17 Uhr seinen Abschluss mit dem Segen von Dom Josef in der Klosterkirche.

Der Gang und das Beten von Mariawald nach Heimbach und zurück soll uns helfen, die Passion Jesu Christi im Gedenken und im Gebet mitzuvollziehen und Gott für das Erlösungsopfer seines Sohnes zu danken. Deshalb ist es angemessen, von Anfang an zu schweigen und auf Störungen durch Photographieren zu verzichten.

Feste Schuhe sind für die Wege durch den Wald notwendig!

gottgefällig – gottverbunden – gottergeben (4/4)

Gottergeben sterben

Wenn es uns darum geht, gottergeben zu sterben, dann stellen wir uns vor die bedeutsame Frage:
Wie möchte ich eigentlich sterben?
Ist es mir ein entscheidend wichtiges Anliegen, mit und in Gott zu sterben?
Bin ich mit mir selbst im Reinen?
Lebe ich mit meinen Mitmenschen im Frieden?
Bin ich mit Gott versöhnt?
Habe ich überhaupt je daran gedacht, gottergeben meine irdischen Lebenstage zu beschließen?

Im Volksmund heißt es zurecht: Wie dein Sonntag, so dein Sterbetag.
Wenn wir dieses Wort beherzigen, dann mag es uns heute vielfach bang ums Herz werden. Wie viele Menschen leben – wie man so sagt – in den Tag hinein, ohne an Gott zu denken und ihr Tun und Lassen vor Gott zu prüfen! Wie viele Katholiken vernachlässigen ihre Sonntagspflicht, also namentlich die strikte Verpflichtung, an Sonntagen und gebotenen Feiertagen die heilige Messe zu besuchen! Wie viele Christen, die zwar Kinder Gottes heißen und es aufgrund ihrer Taufe auch sind, bemühen sich redlich, sich auf den Tod vorzubereiten und um eine gute Sterbestunde zu beten! Die Kirche hat es nie unterlassen, den Gläubigen nahezulegen, Gott darum zu bitten, er möge uns vor einem jähen, plötzlichen und unversehenen Tod bewahren.

Das Sakrament der Krankensalbung, auch „Letzte Ölung“ genannt, das nicht auf den letztmöglichen Augenblick des irdischen Lebens aufgeschoben werden soll und das bekanntlich auch wiederholbar ist, darf in unserer katholischen Kirche nicht vernachlässigt werden. Der verantwortungsbewusste Umgang mit diesem Sakrament soll nicht zuletzt auch dazu verhelfen, dass ein gottergebenes Sterben möglich wird. Am Schluss des Jakobusbriefes betont der Verfasser die Macht des vertrauensvollen Gebets und kommt dabei insbesondere auch auf die Krankensalbung zu sprechen: „Ist einer von euch bedrückt? Dann soll er beten. Ist einer fröhlich? Dann soll er ein Loblied singen. Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Presbyter der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.“

Zum gottergebenen Sterben gehört auch der Wunsch, ein wahrhaft christliches Begräbnis zu erhalten und sicherzustellen. In jüngster Zeit hat die römische Kongregation für die Glaubenslehre eigens eine Instruktion über die Beerdigung der Verstorbenen und die Aufbewahrung der Asche im Fall der Feuerbestattung herausgegeben. Darin wird an den Grundsatz erinnert, dass gemäß ältester christlicher Tradition die Kirche nachdrücklich empfiehlt, den Leichnam der Verstorbenen auf dem Friedhof oder an einem anderen heiligen Ort zu beerdigen. Sie hat allen Grund, diese seit alters gebräuchliche christliche Weise der Beerdigung neuerlich zu betonen, da vielfach der Glaube an die Auferstehung und das ewige Leben „verdunstet“ oder gar verschwunden ist. Auch wenn die Feuerbestattung nicht grundsätzlich verboten ist, so muss doch für ein christliches Begräbnis gewährleistet sein, dass mit der Kremation des Leichnams nicht eine Leugnung des Glaubens an die Auferstehung und das ewige Leben einhergeht. Gottergeben sterben – das heisst gerade auch hierzulande, dem Aufruf der Kirche zur Erdbestattung Folge zu leisten; denn wir sind berufen, den Glauben an die Auferstehung zu verkünden. Durch den Tod wird die Seele zwar vom Leib getrennt; bei der Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag wird Gott die unsterbliche Seele aber wieder mit dem verklärten Leib vereinen. Noch verfügen wir bei uns über eine schöne christliche Grabkultur, die uns an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens gemahnt und gleichzeitig zur geistigen Verbindung mit jenen, die uns im Glauben vorangegangen sind, einlädt.

Der Gottesdienstteilnehmer bei unserer eingangs erwähnten Geschichte hat gesagt:
„Wir heißen Kinder Gottes und sind es … zu schön, um wahr zu sein!“ Nun sollten wir es wissen: Es ist schön und wahr zugleich, Kind Gottes zu heißen und es zu sein, wenn wir gottgefällig leben, gottverbunden lieben und gottergeben sterben. Die Fastenzeit, die wir nun beginnen, will eine Einladung sein, die schöne Wahrheit unserer Gotteskindschaft als unsere christliche Berufung persönlich zu bejahen und im alltäglichen Leben wirksam werden zu lassen. Dazu erbitten wir die Hilfe jener, die durch ihr gottgefälliges Leben, ihre gottverbundene Liebe und ihr gottergebenes Sterben die ewige Vollendung erlangt haben. Es sind die Heiligen und Seligen des Himmels. Sie sind unsere Vorbilder und unsere Fürsprecher bei Gott, damit auch wir auf unserer irdischen Pilgerschaft gottgefällig zu leben, gottverbunden zu lieben und gottergeben zu sterben bestrebt sind. Diese Glückseligen des Himmels haben das Wohlgefallen Gottes gefunden, sind in der Liebe Gottes geborgen und haben teil an jenem Leben, das keinen Tod mehr kennt. Es ist unsere große Hoffnung, dass wir in ihrer Gemeinschaft dasselbe erleben dürfen. Dafür lohnt es sich, hier auf Erden gottgefällig zu leben, gottverbunden zu lieben und gottergeben zu sterben.

Für uns alle erbitte ich den mütterlichen Schutz der Himmelskönigin Maria und erteile von Herzen meinen Segen für eine gnadenvolle Vorbereitung auf das hohe Osterfest. Amen.

Schellenberg, am Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes,
11. Februar 2017
+ Wolfgang Haas
Erzbischof von Vaduz

aus: Msgr. Wolfgang Haas, Erzbischof von Vaduz
Hirtenbrief zur Fastenzeit 2017

 

 

gottgefällig – gottverbunden – gottergeben (3/4)

Gottverbunden lieben

Wenn nun von „gottverbunden lieben“ die Rede ist, dann deutet dies bereits auf eine Verbindlichkeit hin. Gottverbunden lieben ist weit mehr als ein Akt der bloßen Sympathie oder einer unverbindlichen Höflichkeit. Wer gottverbunden liebt, weiß, dass es sich hierbei nicht um eine Beliebigkeit handelt, sondern um eine vor Gott zu verantwortende Haltung und um ein Gott gegenüber geschuldetes Verhalten. Bei aller zwischenmenschlichen Liebe ist Gott sozusagen der Dritte im Bunde. Ohne ihn hat wahre Liebe letztlich keinen Bestand und ist ständig von Egoismus, Eigensucht und Eigennutzen bedroht und angefochten. Nur wer gottverbunden liebt, bleibt vor jeder Entartung dessen, was den Namen Liebe verdient und was Liebe wirklich bedeutet, bewahrt. Schon der Dichter sagt: Die wahre Liebe besteht nicht in der Begeisterung, sondern in der Treue. Treue ist bei allen mit Gott verbundenen Liebesbeziehungen der wesentliche Grundzug. Ob es sich dabei um das eheliche Versprechen von Mann und Frau – also den Ehebund – handelt, ob es um die Eltern-Kind-Beziehung – also das familiäre Band – geht, ob wir es mit einem geistlichen Bündnis durch Gelübde oder Versprechen zu tun haben, immer muss es um jene Treue in der Liebe gehen, die nur durch Gottverbundenheit möglich ist.

Die heilige Therese von Lisieux schenkt uns einen beherzigenswerten Grundgedanken, wenn sie sagt: „Die Liebe schließt alle Berufungen in sich, die Liebe ist alles, sie umspannt alle Zeiten und Orte … Mit einem Wort, sie ist ewig.“ Und an anderer Stelle sagt sie ganz persönlich: „Nur die Liebe kann uns dem lieben Gott wohlgefällig machen. Sie ist das einzige Gut, das ich begehre.“ Mag auch unter diesen oder jenen Umständen die affektive Liebe in den verschiedenen gottgefälligen Liebesbeziehungen schwächer werden oder gar erkalten, so bleibt doch der effektive Liebesbund erhalten und löst sich nicht einfach auf; denn er gründet auf jener Verbindlichkeit, die durch Gottverbundenheit geprägt ist. Wer ein Bündnis wie beim Ehesakrament oder beim Ordensgelübde oder bei der heiligen Weihe geschlossen hat, hat eben sein Ja-Wort vor Gott gegeben und Gott damit gleichsam zum Zeugen seines Versprechens genommen. Solche Zusage ist also nicht das Einlassen auf ein Experiment und steht nicht zur Disposition nach eigenem Gutdünken.

Wenn nun etwa in Bezug auf die christliche Ehe deren Unauflöslichkeit zur Diskussion gestellt wird und der Ehebruch nicht mehr in jedem Fall als schwere Sünde gelten soll, dann ist ein solches Bestreben direkt gegen Gottes Heilswillen gerichtet. Schon in der ursprünglichen Schöpfungsordnung und schliesslich in der Erlösungsordnung ist die Ehe von Gott als unauflösbarer Bund gewollt. „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ So sagt es Jesus in aller Eindeutigkeit und rehabilitiert damit das, was von Anfang an galt. Nur der Tod kann das Eheband trennen. Niemand, welchen Standes und Ranges er auch immer sei, hat die Vollmacht, ein gültiges sakramentales Eheband zu lösen.

Da zwischen dem Leben im Ehesakrament und dem Empfang der eucharistischen Speise kein Widerspruch und keine Verunklärung aufkommen dürfen, gilt bei aller fürsorgenden Liebe zivilrechtlich Geschiedenen gegenüber stets und ohne Abstriche in jedem Fall, was das kirchliche Lehramt gerade auch durch den heiligen Papst Johannes Paul II. verkündet hat:

„Die Kirche bekräftigt jedoch ihre auf die Heilige Schrift gestützte Praxis, wiederverheiratete Geschiedene nicht zum eucharistischen Mahl zuzulassen. Sie können nicht zugelassen werden; denn ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse stehen in objektivem Widerspruch zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht. Darüber hinaus gibt es noch einen besonderen Grund pastoraler Natur: Ließe man solche Menschen zur Eucharistie zu, bewirkte dies bei den Gläubigen hinsichtlich der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe Irrtum und Verwirrung. Die Wiederversöhnung im Sakrament der Buße, das den Weg zum Sakrament der Eucharistie öffnet, kann nur denen gewährt werden, welche die Verletzung des Zeichens des Bundes mit Christus und der Treue zu ihm bereut und die aufrichtige Bereitschaft zu einem Leben haben, das nicht mehr im Widerspruch zur Unauflöslichkeit der Ehe steht. Das heißt konkret, dass, wenn die beiden Partner aus ernsthaften Gründen – zum Beispiel wegen der Erziehung der Kinder – der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen können, ‚sie sich verpflichten, völlig enthaltsam zu leben, das heißt, sich der Akte zu enthalten, welche Eheleuten vorbehalten sind.‘“

An diese kirchliche Lehre und Ordnung sind wir alle gebunden, gerade auch in der seelsorglichen Betreuung und Begleitung der uns anvertrauten Menschen. Als Christgläubige, die gottverbunden lieben, wollen wir gerade in der heutigen Gesellschaft darum bemüht sein, auch andere zur Liebe aus Gottverbundenheit zu gewinnen und sie vor falschen Wegen zu bewahren.

aus: Msgr. Wolfgang Haas, Erzbischof von Vaduz
Hirtenbrief zur Fastenzeit 2017