Herr, mir geschehe Dein Wille

(zum gestrigen Festtag der heiligen Teresa von Jesus)

Je mehr man durch sein Leben erweist, daß es sich nicht um leere Worte handelt, um so enger und enger vereint sich uns der Herr und hilft uns, alles Geschaffene wie uns selbst zu übersteigen, um seine großen Gnaden zu empfangen, die er denen, die ihm in diesem Leben dienen, unaufhörlich schenkt. So reich sind seine Gaben, daß wir gar nicht mehr wissen, um was wir noch bitten sollen, und seine Majestät wird niemals müde zu geben.

Ja, es genügt ihm noch nicht, daß er unsere Seele mit sich vereinte, er beginnt auch, sich an ihr zu erfreuen, ihr Geheimnisse mitzuteilen und zu sehen, wie sie durch ihr Verstehen vorankommt und zu ahnen beginnt, was er zu schenken vermag. Er läßt sie den Gebrauch ihrer äußeren Sinne verlieren, damit sie nichts anderes mehr wahrnehme. Das nennt man Ekstase. Und er beginnt ihr solche Freundschaft zu bezeugen, daß er ihr nicht nur ihren Willen zurückgibt, sondern noch den seinen dazu. Denn es freut den Herrn in dieser liebevollen Freundschaft, daß er sich den Wünschen der Seele unterwirft, so wie sie sich den seinen, nur viel vollkommener, denn er ist allmächtig und vollbringt, was er wünscht so, daß nichts zu wünschen übrig bleibt.

Die arme Seele aber kann nicht alles, was sie wünscht vollbringen, sie vermag gar nichts, wenn er es ihr nicht schenkt: Das ist ihr größter Reichtum. Ich möchte euch eines raten: Meint nie, ihr könntet aus eigener Kraft und durch eigenes Bemühen zu diesem Gebet gelangen. Wenn ihr es versucht, werdet ihr scheitern und nur Kälte und Trockenheit empfinden. Ihr könnt nichts anderes tun, als in Schlichtheit und mit allumfassender Demut sagen: Dein Wille geschehe.

(Teresa von Avila,
vgl. Erika Lorenz: Ich bin ein Weib und obendrein kein gutes)

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Teresa von Jesus (von Avila) – 15. Oktober

IHM
schenk ich mein ganzes Streben,
alles, was ich bin, ist sein.
So ist mein Geliebter mein,
und ich bin ihm hingegeben.
Ja, sein Pfeil hat mich gefunden,
und sein Lieben traf mein Leben.
Ewig bin ich so verbunden
Meinem Schöpfer, daß danaben
andre Liebe ganz schwunden,
er erfüllt mein ganzes Sein:
So ist mein Geliebter mein,
und ich bin ihm hingegeben.

(Teresa von Avila,
Übertragung Erika Lorenz)

Horace Le Blanc, Tranverberazione di S. Teresa, 1621,
Musée des Beaux-Arts de Lyon
Photo: https://carmelitasalba.org/portfolio-items/el-transverberacion-de-santa-teresa/

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O freier Wille, welch Sklave deiner Freiheit bist du doch

(zum morgigen Festtag der heiligen Teresa von Jesus)

Wie armselig ist die Weisheit der Sterblichen und wie unsicher ihre Vorsorge! Gebe doch, Herr, Deine Vorsehung meiner Seele, wessen sie bedarf, um mehr Deinen Wünschen als ihren eigenen zu dienen. Straf mich nicht, indem Du mir gibst, was ich will und wünsche, wenn es Deiner Liebe, die immer in mir leben möge, nicht entspricht. Möge doch dieses mein Ich sterben, auf daß ein neues, größeres und besseres in mir lebe, dem mein kleines Ich zu dienen vermag: Dieses große Ich lebe in mir und gebe mir Leben. Es herrsche, und ich sei seine Gefangene, denn meine Seele will keine Freiheit mehr. Wie wäre denn frei, wer sich vom höchsten Gut entfernte? Gibt es denn für die Seele eine elendere Gefangenschaft, als wenn sie sich aus der Hand des Herrn löste? Glücklich, die sich durch starke Gitter und Ketten des göttlichen Erbarmens gefangen sehen und sich nicht daraus befreien können. Stark wie der Tod ist die Liebe und hart wie die Hölle. O hätten mich doch die Hände Deiner Liebe schon getötet und in diese göttliche Hölle geworfen, aus der es keinen Ausgang geben möge, oder besser gesagt, daß man nicht mehr fürchten müsse, sie zu verlassen! Denn, ach mein Herr, so lange dieses irdische Leben dauert, besteht auch die Gefahr, daß wir das ewige verlieren!

Wenn ich es recht überdenke, ach Du mein Herr, so ist meine Verbannung lang. Kurz aber ist die Zeit, die uns gegeben wurde, um uns Ewigkeit zu erwirken. Lang ist ein einziger Tag, eine einzige Stunde für den, der fürchtet, Dich beleidigt zu haben. O freier Wille, welch Sklave deiner Freiheit bist du doch, solange dich nicht Furcht und Liebe an den Schöpfer binden. Wann werde ich ihn sehen, den glückseligen Tag, da du verschlungen bist vom unendlichen Meer der höchsten Wahrheit! Da du nicht mehr frei bist zu sündigen, noch frei sein möchtest, weil du, vor allem Elend sicher, ganz eingingst in das Leben deines Gottes.

(Teresa von Avila,
vgl. Erika Lorenz: Ich bin ein Weib und obendrein kein gutes)

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Die Ehe und die beiden Geschlechter

Die Ehe wird von vielen belächelt, von anderen oberflächlich und abstoßend betrachtet, sogar bekämpft. Wiederum andere ideologisieren sie als politisches Instrument und wollen die „Ehe für alle“. Dabei ist die Ehe ein Sakrament der Christen. Ganz eindeutig war bisher die katholische Lehre über das Ehesakrament. Doch offenbar scheinen maßgebliche Vertreter der Kirche von einer zweitausendjährigen christlichen Tradition abweichen zu wollen.

Im Fahrwasser von Papst Franziskus, der schon zu Beginn seiner Amtszeit in unserem Zusammenhang aussprach: „Wer bin ich, dass ich urteile?“, und damit einer gewissen Beliebigkeit sowohl sexueller Vorlieben eine Tür geöffnet und andererseits bestehende Glaubenswahrheiten in Frage stellt, hat nun auch der von ihm ins Amt gesetzte neu Chef des Päpstlichen Instituts für Ehe- und Familienwissenschaften (Pontificium Institutum Theologicum pro Scientiis de Matrimonio et Familia), Monsignore Philippe Bordeyne etwas gesagt, das nicht der Lehre zu entsprechen scheint. Über das „Mysterium Familie“ gäbe es keine vorgefertigten Antworten mehr; vielmehr gelte diese Parole: „Wir Theologen müssen damit aufhören, Gewissheiten über die Familie zu behaupten, wenn wir die Veränderungen sehen, die jene heute durchläuft.“ Als ob gesellschaftliche Veränderungen die Wahrheit neu definieren müssten.

Weder die Ehescheidung noch die Ehe für alle, noch sonstige denkbare Konstruktionen können die sakramentale christliche Ehe in Frage stellen. Manchmal kann es hilfreich sein, in Glaubensfragen nicht nur auf den Papst, die Bischöfe und Theologen zu hören. Auch ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus kann zu verstehen helfen, was das Mysterium der Ehe ist. Der orthodoxe verheiratete Erzpriester und mehrfache Vater Vasilios E. Vouldakis hatte den Mut, über das Geheimnis von Mann und Frau in der Ehe zu schreiben. Das sehr lesenswerte schmale Bändchen trägt im Deutschen den Titel „Die Ehe und die Psychologie der beiden Geschlechter“. Darin ist sein Ansatz nicht das Dogma, sondern unmittelbar die Heilige Schrift, das Wort Gottes.

Der Autor spricht vom Kampf der Geschlechter, der bereits im Sündenfall ursächlich ist. Die männliche und die weibliche Psychologie werden von daher betrachtet. Und immer wieder betont er, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde als Mann und Frau geschaffen hat, ebenso die menschliche Seele. Er spricht vom „Austausch von Wesenszügen zwischen Mann und Frau“, die zur „Vervollkommnung“ und damit zur „psychischen Gesundheit“ führt. Der „Austausch der Wesenszüge“ müsse zwischen Mann und Frau „im Mysterium der Ehe“ erfolgen. Nach Vasilios E. Vouldakis ist dieser Austausch der „Schlüssel“ ihrer jeweiligen Psychologie.

„Unterwerft euch einander in der Furcht Christi.“ Dieser Appell beseitige „den Irrtum von der Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau“.

„Die gegenseitige Unterwerfung der beiden muss ‚in der Furcht Christi‘ erfolgen, d. h. wir müssen uns absolut bewusst sein, was wir im Begriff sind zu tun und zu welchem Zweck. Andernfalls enden wir in einer kriegerischen Unterwerfung und einer bedingungslosen Kapitulation mit katastrophalen Folgen sowohl für die Psyche jedes einzelnen als auch für die gegenseitige Beziehung von Mann und Frau.“

Dem Autor ist es möglich, sowohl starke Wort zu benutzen als auch die Realität der Ehe im Alltag zu sehen. Es gilt für ihn, was die Kirche durch den Apostel Paulus lehrt: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi“ (1 Kor 11,3). Damit betont er, dass „das Haupt des Ehepaares“ „letztlich nicht der Mann“ sei, „wie viele unbedacht folgerten, sondern Jesus Christus“. „Der Mann ist nicht ‚das Haupt der Frau‘ um zu tun, was er sich in den Kopf setzt“, vielmehr trägt er Verantwortung für sie und für die „Wiedervereinigung der aufgespaltenen menschlichen Seele“.

Der Autor lehnt vehement homosexuelle Beziehungen und Geschlechtsumwandlung ab. Für ihn steht fest:

„Nur mit der Hilfe des anderen Geschlechts, mit der wahren Partnerschaft und dem Mysterium der ehelichen Beziehung ist der Mensch imstande, seine Persönlichkeit durch die Ausschöpfung seiner seelischen Gaben und durch die Beseitigung und Heilung der psychischen Mängel und Verletzungen zu vollenden.“

Erzpriesters Vasilios E. Voloudakis
Die Ehe und die Psychologie der beiden Geschlechter
Edition Hagia Sophia
92 Seiten; 9,50 Euro
ISBN: 978-3963210815

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Wer MIR nachfolgen WILL …

„Es muss daran erinnert werden, dass jede Leidenschaft
Quell des Todes ist und einen Menschen für immer töten kann,
wenn er nicht bereut und sich nicht ändert, sie nicht aufgibt.“

„Wer Mir nachfolgen will“, sagt der Herr, „der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach“ (Mk 8,34).

Der Herr zwingt niemanden, Ihm zu folgen.

Er überlässt es jedem, frei zu wählen, ob er Ihm nachfolgt oder nicht, für Ihn lebt, für die Wahrheit und Heiligkeit, für ein ewiges Sein mit Ihm, oder ob er für sich selbst lebt, dabei seinen Leidenschaften frönt, der „ehebrecherischen und sündigen“ Welt und dem Teufel dient, der sucht, wie er den Menschen vernichten und in die ewige Qual stürzen kann.

Der Herr lässt unseren freien Willen unangetastet.

Wenn wir in die Geschichte der Kirche schauen, auf die Beispiele der Heiligkeit, die sich im Leben der Kirche manifestieren, werden wir sehen, dass die Apostel, die Ehrwürdigen und alle Heiligen Christus nachgefolgt sind. Sie opferten um des Herrn willen alle Güter der Welt und sogar ihr eigenes Leben und wurden nicht in ihrer Hoffnung enttäuscht, das himmlische Königreich zu erben.

Es stellt sich die Frage: Was bedeutet es, sich selbst zu verleugnen?

Es bedeutet, unserem sündigen Willen, unseren bösen Neigungen, unseren Leidenschaften und jeglicher Sünde zu entsagen, dem, was uns bindet, verdunkelt, entehrt und uns daran hindert, Christus nachzufolgen.

Warum folgt ein Großteil der Menschen dem Herrn nicht nach?

Aufgrund von Unglauben oder Kleingläubigkeit, wegen der Bindung an dieses Leben und an seine Annehmlichkeiten, aber auch wegen geistlicher Unwissenheit. Der Weg, der ins himmlische Königtum führt, ist für sie nicht attraktiv, weil es ein schmaler Weg ist, der geistliche Anstrengungen, Kampf und Selbstaufopferung erfordert.

Der Weg aber, der breit und, wie es ihnen scheint, frei ist, fordert von ihnen keine Anstrengungen und bietet nur Vergnügungen und Annehmlichkeiten im Leben. Ihr Motto lautet: „Nimm dir alles vom Leben“. Das Ergebnis einer solchen „Freiheit“ aber sind großes Elend und Unglück. Und was das Traurigste und Erschreckendste ist: Viele werden enttäuscht und beenden ihr Leben durch Selbstmord.

Der menschenliebende Herr verkündet durch den Mund des Propheten sowohl damals, viele Jahrhunderte vor dem Erscheinen des Heilands in der Welt, wie auch heute, dass „Er nicht den Tod des Sünders will, sondern dass der Sünder sich von seinem Weg abwendet und am Leben bleibt“ (Hes 33,11). Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Tim 2,4). Dazu müssen wir selbstlos unser Kreuz auf uns nehmen und Ihm nachfolgen, indem wir gegen die Sünde und die Leidenschaften kämpfen, die uns bedrängen.

Wer sich weigert zu kämpfen, wer seine Seele in diesem Kampf schont, verurteilt die Seele zum ewigen Verderben (Mk 8,35).

Es muss daran erinnert werden, dass jede Leidenschaft Quell des Todes ist und einen Menschen für immer töten kann, wenn er nicht bereut und sich nicht ändert, sie nicht aufgibt. Deshalb gebietet uns der Herr, uns selbst zu verleugnen und Ihm zu folgen, indem wir das Kreuz auf uns nehmen. In dieser Selbstverleugnung liegt unsere Rettung.

(Aus einer Predigt des Russ.-Orthod. Erzbischof Tichon vom 3. Oktober 2021)

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Mutterschaft Mariens – 11. Oktober

Als im Jahre 1931 unter Zustimmung des ganzen katholischen Erdkreises feierlich das 1500 jährige Jubiläum begangen wurde, seitdem auf dem Konzil von Ephesus die seligste Jungfrau Maria, von der Christus geboren wurde, gegenüber der Irrlehre des Nestorius von den Vätern unter Führung des Papstes Cölestin als Mutter Gottes verkündet wurde, beschloß Papst Pius XI., die Erinnerung an dieses glückliche Ereignis durch ein Zeichen seiner Güte für ewige Zeiten festzuhalten.

In Rom bestand schon ein herrliches Denkmal zur Erinnerung an die Konzilsentscheidung zu Ephesus, der Triumphbogen in der Basilika St. Maria Maggiore auf dem Esquilin; von seinem Vorgänger Sixtus III. war dieser mit einem wundervollen Mosaikbild geschmückt worden, hatte jedoch durch die Ungunst der Zeit etwas gelitten. Diesen ließ nun zugleich mit dem Querschiff der Kirche Pius XI. in seiner Freigebigkeit wieder glücklich Herrichten.

Ferner schilderte er in einer Enzyklika die hohe Bedeutung des allgemeinen Konzils von Ephesus und legte darin mit liebevollen, ausführlichen Worten den unsagbar erhabenen Vorzug der Gottesmutterwürde der seligen Jungfrau Maria dar.

So konnte sich also diese hohe, geheimnisvolle Lehre immer tiefer den Herzen der Gläubigen einprägen. Zugleich stellte er die Gottesmutter Maria, die Hochgebenedeite unter allen Frauen, sowie die Familie von Nazareth als das edelste Vorbild für die Erhabenheit und Heiligkeit einer reinen Ehe und für die gottgefällige Erziehung der Jugend hin.

Kirchengebet

O Gott, Du wolltest,
daß Dein Wort auf die Botschaft des Engels hin
im Schoße der seligen Jungfrau Maria Fleisch annehme;
so gewähre denn unsre Bitte
und laß durch ihre Fürsprache bei Dir uns Hilfe finden,
die wir sie geläubig als wahre Gottesmutter bekennen.
Durch Ihn, unsern Herrn.

(Römisches Brevier 1950, Schott-Messbuch 1962)

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Erinnerung an Mutter Kirche (1) – Im Verborgenen

… Sed, cum vocatus fueris, vade, recumbe in novissimo loco …
… wenn du geladen bist, so gehe hin, und setze dich auf den letzten Platz …
(Lk 14, 10)

Ich habe sie oft gesehen. Sie hinterließ, wie wohl bei jedermann, zunächst einen farblosen Eindruck. Wann ich sie zum ersten Male bewußt gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß euch nicht, wann ich zum ersten Male über sie nachzudenken begann.

Beinahe in jeder hl. Messe – in St. Anna, St. Stephan oder sonstwo – die ich früher, seit meiner Konversion im Jahre 1963 bis zur Zerstörung der lateinischen Liturgie, auch an Werktagabenden fast regelmäßig zu besuchen pflegte, sah ich sie ganz hinten im Kirchenschiff auf dem blanken Boden knien. Immer schien sie den buchstäblich letzten Platz zu bevorzugen. Ohne ihr nachgespürt zu haben, brachte ich heraus, daß sie häufig an mehreren Messen hintereinander, in verschiedenen Kirchen, teilnahm. Niemals – obwohl es in Anbetracht dessen vielleicht manchem als naheliegendste menschliche Regung erscheinen möchte – habe ich sie angesprochen oder auch nur mit einem Lächeln oder Kopfnicken gegrüßt. Vielleicht wagte ich nicht, sie zu stören. Oder ich hielt es für überflüssig.

Niemand könnte etwas Auffälliges an ihrer Erscheinung feststellen, es sei denn eine gleichsam auf die Spitze getriebene Unauffälligkeit. Aus diesem Grunde ist es mir unmöglich, aus dem Gedächtnis ihr Aussehen einigermaßen zufriedenstellend zu besenreiben, obwohl ich kein schlechter Beobachter äußerer Einzelheiten bin. Sie gehört zu jenen Menschen, deren Alter schwer zu bestimmen ist. Sie könnte dreißig, aber auch fünfzig Jahre alt sein. Die Farbe ihres Haares ist, wenn ich mich richtig erinnere, ein stumpfes mittleres Blond. Ihr Gesicht, weder hübsch noch häßlich, von scheinbar teilnahmslosem Ausdruck und ohne irgendeinen bemerkenswerten Zug, mag als gewöhnlich – nicht als ordinär – zu bezeichnen sein. An ihrer Kleidung ist nicht das geringste modische Attribut.

Sie kniete, wie gesagt, immer ganz hinten, meist knapp vor der Wand, in der Nähe des Tores, auf dem Boden – nie in der Bank. Ich habe sie überhaupt nur knieend gesehen, unverwandt in Richtung des Tabernakels blickend. Dies scheint dem oben erwähnten Anschein der Teilnahmslosigkeit ihres Antlitzes zu widerstreiten. Ich habe jenes Wort auch nur vorläufig, behelfsmäßig gebraucht, weil ich ja von der äußeren Erscheinung ausgegangen bin. Von Anfang meiner Beobachtungen an hätte ich nie auf eine innere Teilnahmslosigkeit geschlossen.

Keineswegs konnte es sich um ein bloß gewohnheitsmäßiges Beten handeln. Sie machte keinen schläfrigen Eindruck wie viele regelmäßige Kirchenbesucher und -beter; unmöglich konnte der Verdacht aufkommen, sie erfülle auf mechanische Weise irgendwelche Gebetsverpflichtungen.

Sie bewegt nicht einmal die Lippen. Sie kniet da, wie aus Stein gehauen, wie ein Bestandteil der sakralen Architektur; im letzten Winkel, aber unübersehbar.

Ihre liturgische Funktion, theologisch gesehen, ist gewiß nebensächlich. Ihr Dasein hat keinen Einfluß auf die Gültigkeit des sakramentalen Geschehens. Vielleicht aber ist sie in den Augen Gottes ein unentbehrliches liturgisches Requisit – und das gerade will sie sein, nur das: ein heiliger Gegenstand, ein Gerät, ein Gefäß; diese willentliche Willenlosigkeit, diese Willensübergabe, dies reine Sich-schenken und Harren, diese heilige Leere ist es, was uns vorhin wie Teilnahmslosigkeit anmutete – vielleicht ist sie für Ihn die wichtigste Person der hier Versammelten. Et ecce sunt novissimi qui erunt primi. Vielleicht ist sie, allein sie das andere Ende des Instruments, dessen Saite sich durch den Kirchenraum spannt; ist es ihr Stillsein, ihre statische, statueske Demut, die es möglich macht, daß die Saite erklinge, daß eine neue Stimme sich einfüge in die himmlische Liturgie.

Etwa drei Jahre lang sah ich sie nicht. Ich kann nicht behaupten, daß sie mir gefehlt oder daß ich auch nur ein einziges Mal ihrer gedacht hätte. Seit der Einführung des deutschen Kanons ging ich nur mehr, um meine Sonntagspflicht zu erfüllen, in die hl. Messe, meist außerhalb Wiens. Nachdem die Verwendung der deutschen Übersetzung des Novus Ordo Pauls VI. allgemein üblich geworden war, unterließ ich auch dies, bis wir uns die Gelegenheit schufen, an einer gültigen Messe teilzunehmen. Als meine Frau und ich unlängst diese Gelegenheit nicht wahrnehmen konnten, bot sich uns am Abend eine andere: ein feierliches Hochamt nach armenischem Ritus in der Mechitaristenkirche.

Dort sah ich sie wieder. Als wir uns anschickten, nach der Liturgie die Kirche zu verlassen, sah ich sie neben dem Tore, vor der Hinterwand knieen, im allerletzten Winkel, unverwandt in Richtung des Tabernakels blickend. Sie sah aus wie immer: farblos, regungslos, leer.

(Eugen Banauch, geb. 1938 in Wien, Germanistik und Musikwissenschaft – Salzburg, Wien. Schriftsteller: Gedichte, Dramen, epische Prosa, Essays. Bücher u. a. zwei Romane: Die Rauchfangkehrerkirche, Gratzen oder Die Angst vor dem eigenen Keller)

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Rosenkranz beten!

„Mit dem marianischen Rosenkranz werden wir nicht nur die Gotteshasser und Feinde der Religion niederwerfen, dieses Gebet wird uns auch zu einem Streben nach den Tugenden des Evangeliums anspornen und uns dafür erwärmen. Es wird besonders den katholischen Glauben stärken; denn die Betrachtung der heiligen Geheimnisse erhebt den Geist zu den von Gott geoffenbarten Wahrheiten.“

Papst Pius XI. – Enzyklika Ingravescentibus Malis

AVE MARIA

„La Morenita“ die Rosenkranzkönigin – 7. Oktober

Seeschlacht von Lepanto

Am 6. Oktober 1571, am Vorabend der Schlacht, ging der Oberbefehlshaber Don Juan d’Austria mit gutem Beispiel voran und forderte seine Männer zum Rosenkranzgebet auf, währenddessen leitete Pius V. selbst das Rosenkranzgebet im Dominikanerkloster Santa Maria Sopra Minerva in Rom. Der Papst war fest überzeugt, dass die Rettung Europas von der Fürsprache der Jungfrau Maria abhängt.

Die christliche Flotte stach am Morgen des 7. Oktober 1571 in See. Mit an Bord eines der Schiffe befand sich „La Morenita“, eine erste Kopie des Gnadenbildes von Guadalupe in Europa, welches der spanische König Philipp II. Don Juan d’Austria übergeben hatte. Don Juan gab dieses weiter an Admiral Andrea Dorea, der es als Feldzeichen der christlichen Flotte mit nach Lepanto führte. Als sich die christlichen und moslemischen Flotten gegenüberstanden, kämpften die Christen mit einem Gegenwind, der die Vorwärtsbewegung ihrer Schiffe fast verunmöglichte. Glücklicherweise drehte der Wind und ein leichter Rückenwind begünstigte die christliche Flotte. Die Christen deuteten diesen Richtungswechsel als „Wind Gottes“. Der christlichen Flotte gelang nach übereinstimmenden Aussagen der historischen Quellen an jenem 7. Oktober 1571, dem ersten Sonntag im Oktober, ein überwältigender Sieg, der den Vormarsch des osmanischen Islams nach Westen beendete. – (m-i.info)

Maria hat uns zum Sieg verholfen.

LO MORENITA, Guadalupe-Mexico