Briefe der heiligen Louis und Zélie Martin

Am 30. September des Jahres 1897 ist in dem unscheinbaren Karmelitinnenkloster von Lisieux in Frankreich die junge Schwester „Theresia vom Kinde Jesus und dem heiligen Antlitz“ im Alter von 24 Jahren gestorben. Es war Papst Pius XI., der sie 1925 selig- und am 17. Mai 1925 heiliggesprochen hat. Später wurde sie noch zur Patronin der Weltmission und zur Kirchenlehrerin erhoben.

Zweifellos ist die „kleine Therese“, wie sie gerne liebevoll genannt wird, eine große Heilige. Mit ihren autobiographischen Aufzeichnungen, die als „Geschichte einer Seele“ noch heute in allen Sprachen der Welt gedruckt werden, hat sie viele Menschen auf ihrem Glaubensweg begleitet.

Am 18. Oktober 2015 wurden auch die Eltern von Therese, Zélie und Louis Martin, heiliggesprochen. So wird sich mancher verwundert fragen: Was wird das für ein Familie gewesen sein? Und wie wird es im Haus dieser Eltern mit neun Kindern, wovon vier im Säuglings- bzw. Kindesalter gestorben sind, zugegangen sein?

Louis und Zélie haben in vielen Bereichen ihres Lebens nichts Außergewöhnliches geleistet: nicht in ihrer Ehe und nicht in der Erziehung ihrer Kinder. Sie geben uns das Beispiel eines ausgeglichenen und liebevollen Ehepaares, das versucht, in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein gutes und gottgefälliges Leben zu führen. Beide arbeiten für den Lebensunterhalt der Familie und die Erziehung ihrer Kinder.

Zélie Martin wurde am 23. Dezember 1831 geboren und starb bereits am 28. August 1877 im Alter von 45 Jahren an Brustkrebs, als ihre jüngste Tochter Therese gerade vier Jahre alt war. Louis Martin, geboren am 22. August 1823, starb am 29. Juli 1894. Er erlitt zwei Schlaganfälle; wegen starker Arteriosklerose (der heutigen Alzheimer-Krankheit) kam für drei Jahre in ein Nervenkrankenhaus und verstarb als Pflegefall.

Nichts in ihrem äußeren Dasein unterscheidet sich von dem unseren: Es gibt Freuden, Leid und Prüfungen. Auch in den scheinbaren Schicksalsschlägen wissen sich die Eheleute in Gottes Händen geborgen und gut aufgehoben. Was ihr Lebensbeispiel als heilig erscheinen lässt, wird vordergründig zunächst nicht deutlich, denn der Alltag ist im Wesentlichen zeitlos. Ihr Leben zeigt jedoch, dass ein heiligmäßiges Leben zu führen auch in der Ehe und im Familienleben möglich ist.

Louis und Zélie zeichnet eine außergewöhnliche Seelengröße sowie einen bewundernswerten Glauben aus. Beide wollten, bevor sie heirateten, in ein Kloster eintreten. Beide wurden nicht aufgenommen. Doch ihr großer Wunsch nach Vollkommenheit lässt sie nur wenige Monate nach der Eheschließung gegenseitig versprechen, absolute Keuschheit zu bewahren. Ein Beichtvater aber rät ihnen von diesem außergewöhnlichen Weg ab.

Sicherlich verstehen wir, dass ihr unerfüllter Wunsch nach dem Ordensleben sie dazu befähigte zu akzeptieren, dass sie die religiöse Berufung ihrer fünf Töchter förderten. Der Wert der ewigen Jungfräulichkeit im Ordensleben ist für sie unumstößlich.

Dennoch sind Louis und Zélie Martin normale Menschen, normale Katholiken. Sie leben in ihrer Zeit und an einem konkreten Ort. Louis besucht jeden Morgen die hl. Messe und geht danach seiner Arbeit nach. Er angelt gerne, spielt Billard, macht seinen Apfelwein und singt Lieder für seine Kinder. Er ist ein engagierter Christ und nimmt an Vorträgen und Konferenzen teil, liest katholische Magazine und unternimmt Pilgerreisen. Zélie gehört dem dritten Orden der Franziskaner an. Während ihr Mann eher still und diskret ist, ist sie aktiv und spontan. Ihre Anpassungsfähigkeit ist ihre Stärke und ihr Glück.

In jedem Familienleben gibt es Gefahren, individuelle Charakterschwächen, Müdigkeit, Stress, Gezänk unter Geschwistern, Launen von Kindern, Wünsche von Jugendlichen, Bildungsprobleme, überarbeitete Eltern, Zeiten verschiedener Krisen, Krankheit, Tod.

Alle diese Lebenswirklichkeiten blieben auch der Familie Martin nicht erspart. Es kam auch bei ihnen zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. Das kann in einer Familie mit fünf Kindern kaum überraschen. Doch bei den Martins ist das Wichtigste: zuerst Gott. Das ist der Klebstoff ihrer Beziehung.

Die Familie Martin ist in allen physischen und psychischen Prüfungen vergleichbar mit vielen anderen, ja allen Familien. Denn alle tragen ihr Kreuz in der Endlichkeit ihres Daseins auf Erden. Allerdings lebten Zélie und Louis, genau wie ihre Töchter, weder in Revolte gegen Gott noch in Resignation. Sie verstanden, was jeder Christ wissen sollte: Die Lebenszeit auf Erden ist begrenzt und umfasst Schmerz, Leid und Tod. Doch in unserem übernatürlichen Glauben wissen wir von einer anderen Existenz, die dieses vergängliche Leben nicht als das Ende ansieht. Gott erwartet uns und ruft uns mit unserem Namen zu sich in sein ewiges Reich.

Die Eltern der hl. Therese von Lisieux haben zahlreiche Briefe geschrieben. 218 Brief von Zélie und 16 von Louis beinhaltet das Buch von Media Maria: „Briefe der hl. Louis und Zélie Martin“.

Darin finden sich konkrete Beispiele für Zeiten, in denen der Ton unter den Eheleuten angespannt war. So fürchtet Zélie Louis’ Reaktion, als sie ihm schreibt, dass sie seine Uhrmacherbank [er war Uhrmacher] aufgeräumt hat, während er in Paris ist: „Du darfst deswegen nicht böse sein, es wird nichts verloren gehen, nicht einmal ein alter Vierkant, kein Stückchen Feder, wirklich nichts; und dann wird sie oben und unten schön sauber sein! Du wirst nicht sagen können, ich hätte den Staub nur von einer Seite zur anderen geschoben […].“ Wenn Zélie das so sagt, dann im Grunde, weil sie die Erfahrung gemacht hat, dass ihr Mann in dieser Art sehr pingelig ist. Und Zélie beendet den Brief: „Deine Frau, die dich mehr liebt als ihr Leben.“

Als Marie einmal eine Unstimmigkeit zwischen ihren Eltern bemerkte, beklagte sie sich bei ihrer Mutter darüber. Zélie schrieb dazu: „Ich sagte zu ihr: ‚Überlass das mir, ich erreiche immer, was ich will, und das ohne Streit. Bis dahin bleibt noch ein ganzer Monat Zeit, das reicht, um Deinen Vater noch zehnmal umzustimmen.‘“ Sie wollte damit sagen: Hab keine Angst, ich liebe deinen Vater. Denn „er verstand mich und tröstete mich, so gut er konnte, denn seine Neigungen waren den Meinen ähnlich; ich glaube sogar, dass unsere gegenseitige Zuneigung dadurch noch zunahm.“

Eine andere Meinungsverschiedenheit entsteht im Mai 1871, als Zélie davon spricht, mit den Mädchen nach Lisieux gehen zu wollen. Die Tochter Céline ist gerade erst 25 Monate alt. Louis hält dies für Wahnsinn. Zélie überlegt und schreibt in einem Brief: „Louis sagte zu mir, es sei verrückt, die Kleine mitzunehmen; ich glaube er hat recht, ich könnte es bereuen.“

Was können Ehepaare daraus lernen? Louis und Zélie Martin versuchen Ordnung der Harmonie in ihre Beziehung zu bringen, was nicht immer gelingt. Dafür ist gegenseitiges Verständnis notwendig, das sie sicher beständig suchen, denn dies ist ein kostbares Gut. Dabei sollen die Eltern keine Einstellung zueinander haben, die bei ihren Kindern Fragen erzeugen könnten, ob Vater und Mutter unliebsame Auseinandersetzungen austragen würden. Vielmehr sollen sie Vorbild sein und die Worte Jesu befolgen: „Wenn du deine Gabe zum Altar bringst, und du dich erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe vor dem Altar, gehe hin, und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder; und dann komm und opfere deine Gabe!“ (Mt 5,23–24) Auf diese Weise wächst man in einer Gemeinschaft des Lebens und der Liebe, wie in der Ehe und in der Familie.

Einer der letzten Briefe von Louis ist aus dem Jahr 1888. Die jüngste Tochter Therese war gerade in den Karmel eingetreten. Der Vater schrieb seinen Kindern:

„Ich muss Euch sagen, meine lieben Kinder, dass es mir ein Bedürfnis ist, dem lieben Gott zu danken, und auch Euch zu bitten, es zu tun, denn ich spüre, dass unsere Familie, so bescheiden sie auch ist, die Ehre hat, zu den Auserwählten unseres wunderbaren Schöpfers zu zählen.“

Briefe der hl. Louis und Zélie Martin (1863–1888):
Die Eltern der hl. Therese von Lisieux
Verlag Media Maria 2021
384 Seiten; 18,95 Euro
ISBN: ‎ 978-3947931286

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Die Ehe und die beiden Geschlechter

Die Ehe wird von vielen belächelt, von anderen oberflächlich und abstoßend betrachtet, sogar bekämpft. Wiederum andere ideologisieren sie als politisches Instrument und wollen die „Ehe für alle“. Dabei ist die Ehe ein Sakrament der Christen. Ganz eindeutig war bisher die katholische Lehre über das Ehesakrament. Doch offenbar scheinen maßgebliche Vertreter der Kirche von einer zweitausendjährigen christlichen Tradition abweichen zu wollen.

Im Fahrwasser von Papst Franziskus, der schon zu Beginn seiner Amtszeit in unserem Zusammenhang aussprach: „Wer bin ich, dass ich urteile?“, und damit einer gewissen Beliebigkeit sowohl sexueller Vorlieben eine Tür geöffnet und andererseits bestehende Glaubenswahrheiten in Frage stellt, hat nun auch der von ihm ins Amt gesetzte neu Chef des Päpstlichen Instituts für Ehe- und Familienwissenschaften (Pontificium Institutum Theologicum pro Scientiis de Matrimonio et Familia), Monsignore Philippe Bordeyne etwas gesagt, das nicht der Lehre zu entsprechen scheint. Über das „Mysterium Familie“ gäbe es keine vorgefertigten Antworten mehr; vielmehr gelte diese Parole: „Wir Theologen müssen damit aufhören, Gewissheiten über die Familie zu behaupten, wenn wir die Veränderungen sehen, die jene heute durchläuft.“ Als ob gesellschaftliche Veränderungen die Wahrheit neu definieren müssten.

Weder die Ehescheidung noch die Ehe für alle, noch sonstige denkbare Konstruktionen können die sakramentale christliche Ehe in Frage stellen. Manchmal kann es hilfreich sein, in Glaubensfragen nicht nur auf den Papst, die Bischöfe und Theologen zu hören. Auch ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus kann zu verstehen helfen, was das Mysterium der Ehe ist. Der orthodoxe verheiratete Erzpriester und mehrfache Vater Vasilios E. Vouldakis hatte den Mut, über das Geheimnis von Mann und Frau in der Ehe zu schreiben. Das sehr lesenswerte schmale Bändchen trägt im Deutschen den Titel „Die Ehe und die Psychologie der beiden Geschlechter“. Darin ist sein Ansatz nicht das Dogma, sondern unmittelbar die Heilige Schrift, das Wort Gottes.

Der Autor spricht vom Kampf der Geschlechter, der bereits im Sündenfall ursächlich ist. Die männliche und die weibliche Psychologie werden von daher betrachtet. Und immer wieder betont er, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde als Mann und Frau geschaffen hat, ebenso die menschliche Seele. Er spricht vom „Austausch von Wesenszügen zwischen Mann und Frau“, die zur „Vervollkommnung“ und damit zur „psychischen Gesundheit“ führt. Der „Austausch der Wesenszüge“ müsse zwischen Mann und Frau „im Mysterium der Ehe“ erfolgen. Nach Vasilios E. Vouldakis ist dieser Austausch der „Schlüssel“ ihrer jeweiligen Psychologie.

„Unterwerft euch einander in der Furcht Christi.“ Dieser Appell beseitige „den Irrtum von der Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau“.

„Die gegenseitige Unterwerfung der beiden muss ‚in der Furcht Christi‘ erfolgen, d. h. wir müssen uns absolut bewusst sein, was wir im Begriff sind zu tun und zu welchem Zweck. Andernfalls enden wir in einer kriegerischen Unterwerfung und einer bedingungslosen Kapitulation mit katastrophalen Folgen sowohl für die Psyche jedes einzelnen als auch für die gegenseitige Beziehung von Mann und Frau.“

Dem Autor ist es möglich, sowohl starke Wort zu benutzen als auch die Realität der Ehe im Alltag zu sehen. Es gilt für ihn, was die Kirche durch den Apostel Paulus lehrt: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi“ (1 Kor 11,3). Damit betont er, dass „das Haupt des Ehepaares“ „letztlich nicht der Mann“ sei, „wie viele unbedacht folgerten, sondern Jesus Christus“. „Der Mann ist nicht ‚das Haupt der Frau‘ um zu tun, was er sich in den Kopf setzt“, vielmehr trägt er Verantwortung für sie und für die „Wiedervereinigung der aufgespaltenen menschlichen Seele“.

Der Autor lehnt vehement homosexuelle Beziehungen und Geschlechtsumwandlung ab. Für ihn steht fest:

„Nur mit der Hilfe des anderen Geschlechts, mit der wahren Partnerschaft und dem Mysterium der ehelichen Beziehung ist der Mensch imstande, seine Persönlichkeit durch die Ausschöpfung seiner seelischen Gaben und durch die Beseitigung und Heilung der psychischen Mängel und Verletzungen zu vollenden.“

Erzpriesters Vasilios E. Voloudakis
Die Ehe und die Psychologie der beiden Geschlechter
Edition Hagia Sophia
92 Seiten; 9,50 Euro
ISBN: 978-3963210815

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Die Reduzierung der Weltbevölkerung ist eine Notwendigkeit für die Entwicklung der Welt.

Aus den „PROPHEZEIUNGEN“ des Philosophen Bertrand Russel (1872-1970). Er war Philosoph, Mathematiker, Religionskritiker, Logiker. Lehrer am Trinity College der Universität Cambridge, der London School of Economics, der Harvard University, der Peking-Universität. Sozialist, Atheist, Rationalist, Pazifist. Mitglied der Geheimgesellschaft der Cambridge Apostles. 1950 Nobelpreis für Literatur.

„Bisher hatten Kriege keinen allzu großen Einfluss auf das Bevölkerungswachstum, das auch während des Zweiten Weltkrieges weiter angehalten hat. Vielleicht wäre der bakteriologische Krieg wirksamer. Wenn sich in jeder Generation einmal die schwarze Pest ausbreitete, wären die Überlebenden frei, sich fortzupflanzen, ohne jedoch den Planeten zu stark zu besiedeln. Vielleicht ist diese Sachlage unangenehm, aber wenn schon? Wirklich edle Menschen stehen dem Glück gleichgültig gegenüber, insbesondere dem anderer.“

„Durch die selektive Reproduktion werden die angeborenen Unterschiede zwischen Führern und Geführten allmählich zunehmen, bis sie schließlich zu fast verschiedenen Spezies werden. Eine Revolte des Pöbels wäre genauso undenkbar, wie ein Aufstand der Schafe gegen die Praxis des Verzehrs von Schaffleisch.“

Die Kombination von Ernährung, Injektionen und Verboten wird schon in sehr frühem Alter dazu führen, jene Art von Charakter und jene Art von Überzeugungen z u produzieren, der den Autoritäten erstrebenswert scheint und jede ernsthafte Kritik der Macht würde psychologisch unmöglich werden.“

Die Bevölkerung wird nicht wissen, auf welche Art ihr Überzeugungen eingeimpft werden. Wenn die Technik perfektioniert sein wird, wird jede Regierung, die Gene die gesamte Bevölkerung wirksam und sicher zu kontrollieren, ohne, dass Armee oder Polizei benötigt werden … Die Bildungspropaganda wird mit Hilfe der Regierung innerhalb einer einzigen Generation Ergebnisse erzielen. Es gibt jedoch zwei mächtige Kräfte, die sich einer solchen Politik entgegenstellen: die eine ist die Religion, die andere der Patriotismus … Eine wissenschaftliche Gesellschaft kann nur unter der Führung einer Weltregierung stabil sein.“

Bertrand Russell
in: The Impact of Science and Society – Wissenschaft wandelt das Leben, 1953

zitiert nach:

Priestermönch Savatie Bastovoi.
Der Teufel ist politisch korrekt
Edition Hagia-Sophia
164 Seiten; 16,50 Euro
ISBN: 978-396321025

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Die Heilige Edith Stein und ihre Leidensgenossen auf dem Weg nach Ausschwitz

Natürlich war Edith Stein nicht die einzige Ordensperson, die in den Lagern der Nazis im „Dritten Reich“ getötet wurde. An einige ihrer Leidensgenossen erinnert ein Priester aus dem Bistum Roermond in den Niederlanden. Sein Buch, das erst jetzt, nachdem es bereits in vielen Weltsprachen übersetzt worden ist, auch in deutscher Sprache erscheint, trägt den Titel „Die Heilige Edith Stein und ihre Leidensgenossen auf dem Weg nach Auschwitz“.

Mgr. Dr. Paul Hamans war viele Jahre am Theologischen Institut Rolduc tätig. Als Professor für Kirchengeschichte war er ein ausgewiesener Fachmann, als der Bischof von Roermond ihn im Jahr 2004 beauftragt, eine Publikation der niederländischen Märtyrer des 20. Jahrhunderts herauszugeben. In diesem Zusammenhang ist auch sein Buch entstanden, das Gegenstand dieser Buchbesprechung ist. Seit einigen Jahren lehrt Paul Hamans allgemeine und niederländische Kirchengeschichte und Patristik am Großen Seminar der Diözese Haarlem-Amsterdam.

Für das Vorwort der deutschen Ausgabe konnte Kardinal Woelki gewonnen werden, der feststellt, dass Märtyrer „im menschlichen Sinne nicht nur Helden“ in der Kirche seien. Vielmehr seien sie „Vorbilder und Fürsprecher für die pilgernde und leidende Kirche“. In diesem Sinne sei die Lektüre des Buches weithin empfohlen.

In den 15 Kapiteln des Buches zeichnet der Autor Lebenslinien von Menschen, die von ihren Zeitgenossen umgebracht wurden, weil sie katholisch waren und eine jüdische Herkunft besaßen. Zwar wird mit keinem Wort ein Bogen in die jetzige Zeit gespannt, dennoch gibt es heute gesellschaftliche und politische Symptome, die es nahelegen, die damaligen Geschehnisse, die nun fast 80 Jahre zurückliegen, nicht zu vergessen und mit offenen Augen und Ohren die Zeitläufe zu beobachten. Die Debatten um den Lebensschutz in all sein Facetten, aber auch die Corona-Situation zählen dazu.

Zunächst beleuchtet Hamans die politische Situation in den Niederlanden des Jahres 1942. Die niederländischen Bischöfe hatten anlässlich eines Hirtenbriefes zum Judenmord Klartext gesprochen. Auf dieses Schreiben vom 26. Juli folgte nur wenige Tage danach, am 2. August 1942, die Verhaftung von 413 katholischen Juden in den Niederlanden. Die Nazis hielten das Land besetzt und regierten mit eisernen Besen. Ein Exempel wurde statuiert. Es ging alles sehr schnell. Nur eine Woche später, am Sonntag den 9. August, unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz, löschten die giftigen Gase in den Todeskammern die Leben von Edith Stein und ihrer Leidensgenossen aus.

Vorausgegangen waren die Verhaftungen. Die Gefangenen wurden in das Lager Westerbork gebracht, von wo aus sie umgehend in Waggons zu je 60 Personen nach Auschwitz transportiert wurden. Niemand von ihnen wusste jedoch, wohin sie gebracht würden.

„In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurden in den Baracken die Listen mit den Namen derjenigen vorgelesen, die sich für die Abreise bereit machen mußten. Bis auf sechs Menschen wurden alle aufgerufen. […] Am frühen Morgen des 7. August, als die Sonne eben aufgegangen war, stand eine lange Reihe Männer, Frauen und Kinder aufgestellt auf dem großen Weg, der quer durch das Lager lief. Seltsam stachen die Ordensgewänder von dem Gepäck und der Ausstattung der übrigen ab. An Stelle der Polizisten waren bewaffnete SS-Leute gekommen, und unter ihren groben und anschnauzenden Befehlen zog der lange Trupp aus dem Lager hinaus. Wir Zurückbleibenden haben ihm noch sehr lange nachgewinkt! Das war das letzte, was wir von diesem Transport gesehen haben.“

In Auschwitz wurde kein einziges Dokument angefertigt, das bestätigt, dass die katholischen Juden angekommen seien und umgebracht wurden. Nichts wurde registriert. Es gab überhaupt keine Informationen, so dass am 29. August Erzbischof de Jong schrieb: Wir können die Hoffnung aufgeben. Gemeint war die Freilassung dieser Menschen. Dass sie bereits tot waren, wusste er nicht.

Bei der Schilderung der verschiedenen Lebenszeugnisse erscheint dem Schreiber dieser Zeilen jenes der Mitglieder der Familie Löb besonders eindringlich. Der Vater, der ursprünglich aus Deutschland stammte, war der Meinung, dass jeder Jude, der seine Religion wirklich kennen würde, in letzter Konsequenz katholisch werden müsse. Er heiratete nach der Konversion seine Frau katholisch. Das Ehepaar hatte acht Kinder. Sechs von ihnen traten in den Orden der Trappisten ein. Auf Seite 167 sind die Portraits dieser drei Trappistinnen (Nonnen) und drei Trappisten (Mönche) abgebildet.

Sieben Löb-Geschwister erleiden mit vielen anderen katholischen Juden dasselbe Schicksal wie Edith Stein: ihr Leben endet in den Gaskammern von Auschwitz. Die Todesanzeige des Trappistenordens kann getrost über allen beschriebenen Schicksalen stehen:

„‚In diesem Leben haben sie sich geliebt; deshalb waren sie nicht durch die Wolke getrennt‘ (Liturgie). ‚Ich werde zu Dir in einer dichten Wolke kommen‘ (Ex 19,9). Wir lesen diese Worte im Buch Mose, das den Exodus der Juden erzählt. Wir dürfen diese Worte wohl anwenden auf diese auserwählten Seelen. Sie kamen aus dem gleichen Volk zu dem Gott auf dem heiligen Berg gesprochen hat […]. Dieser Berg ist das Symbol des kontemplativen Klosterlebens. Auf diesem Berg beten sie in der Nacht, als die dichte bzw. dunkle Wolke, unheilvoll über sie heranzog. Aus rein menschlicher Sicht wäre diese Wolke, unheilvoll und unausweichlich, nichts weiter als eine Bedrohung zu verstehen. Aus dieser Wolke hörten sie jedoch die Stimme Gottes. Obwohl jeder seinen eigenen Weg hatte, waren sie eins in ihrer edlen Hingabe an Gottes heiligen Willen, und sie erkannten mit Freude ihr auserwähltes Los. Und wir haben sie gehen sehen.“

Die Märtyrer der Familie Löb

Schwester Hedwige, Trappistin (Lien Löb),
*3. März 1908
Verhaftet am 2. August 1942 in der Abtei Koningsoord, Getötet am 30. September 1942 in Auschwitz.
Pater Ignatius, Trappist (Georg Löb),
*25. September 1909
Verhaftet am 2. August 1942 in der Abtei Koningshoeven.
Getötet am 19. August 1942 in Auschwitz.
Bruder Linus, Trappist (Robert Löb),
*15. Oktober 1910
Verhaftet am 2. August 1942 in der Abtei Koningshoeven.
Getötet am 30. September 1942 in Auschwitz.
Schwester Veronica, Trappistin (Wies Löb),
*22. Oktober 1911
Wurde verhaftet aber wieder freigelassen.
Sie stirbt nach späterer Verhaftung
am 1. August 1944.
Schwester Maria-Theresia, Trappistin (Door Löb) *22.Okt.11
Verhaftet am 2. August 1942 in der Abtei Koningsoord
Getötet am 30. September 1942 in Auschwitz.
Pater Nivardus, Trappist (Ernst Löb),
*29. Oktober 1913
Verhaftet am 2. August 1942 in der Abtei Koningshoeven
Getötet am 19. August 1942 in Auschwitz.
Hans Löb, Techniker,
*11. November 1916
Wurde später verhaftet und zur Zwangsarbeit verschleppt.
Stirbt am 20. Februar 1945 im KZ Buchenwald.

Das Buch:

Paul Hamans
Die Heilige Edith Stein und ihre Leidensgenossen auf dem Weg nach Ausschwitz
Vorwort Kardinal Rainer Maria Woelki
Bernardus-Verlag 2021
299 Seiten; 19,80 Euro
ISBN: 978-3810703460

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Das große Instrument des Betens: Die Psalmen

Sie sind von Gott geschenkte Worte – im Psalmgebet verbinden wir uns mit David, Christus und der Kirche. Das neue Werk von P. Rodrigo H. Kahl OP erschließt den Reichtum des römischen Psalters.

VON P. DR. SVEN LEO CONRAD FSSP

Von jeher übt das Buch der Psalmen eine große Faszination aus. Hier ist von der Not des Beters die Rede, vom Lob seines Gottes und von der Erhebung aus Schmach und Erniedrigung durch die Feinde. Ja, selbst menschlicher Zorn wird zum Ausdruck gebracht und zu Gott getragen als Bitte um Erlösung. Praktisch alle Situationen eines menschlichen Lebens finden also im Psalter ihren sprachlichen Ausdruck. Papst Benedikt XVI. nennt es von daher das „Gebetbuch schlechthin“ (Katechese, 22.06.11) und drückt damit aus, wie wir das Psalmenbuch verstehen müssen.

Während wir jedoch in unserem Alltag Gebet als etwas verstehen, was sich in unserem Innersten formt und tief aus unserem eigenen Herzen aufsteigt oder – wenn wir an festgeformte Texte denken – als Gedanken, die Heilige oder heiligmäßige Menschen uns vorgebetet und hinterlassen haben, so sind die Psalmen doch unendlich mehr. Als Buch der Heiligen Schrift sind sie vom Heiligen Geist inspiriert. Das bedeutet, sie haben „Gott zum Verfasser“ und zugleich im menschlichen Autor „ein beseeltes und vernünftiges Werkzeug“ (Pius XII., Divino afflante spiritu), dessen sich Gott bedient. Sie sind somit Gotteswort im Menschenwort. Wenn Gott aber der Verfasser der Psalmen ist, dann zeichnet sie vor allen anderen Gebeten aus, daß nur hier „er uns die Worte gibt, mit denen wir ihn anreden, im Gespräch unser Leben vor ihn tragen können und so das Leben selbst in eine Bewegung auf Gott hin verwandeln“ (Benedikt XVI., Verbum Domini 24). Unwillkürlich mag man hier an Roöm 8,26 denken: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.“ Gott selbst also schenkt uns die Worte, mit denen wir zu ihm beten sollen. Von daher kann es nicht verwundern, daß der Psalter nicht nur das Stundengebet, sondern die gesamte Liturgie prägt. So sind etwa die Proprientexte der Messe in der Regel den Psalmen entnommen.

Ein weiterer Gedanke ist für das Verständnis dieses einzigartigen Buches grundlegend. Man kann die Psalmen als heilsgeschichtliches Offenbarungszeugnis nehmen, in dem wir David und in ihm den Alten Bund als Beter der Psalmen erkennen. Wenn Psalm 3 beginnt mit: „O Herr, wie zahlreich sind die geworden, die mich bedrängen? Viele erheben sich gegen mich“, dann können wir hier den Gerechten des Alten Bundes erblicken, vielleicht David auf der Flucht vor Saul. Doch letztlich bleibt auch das Buch der Psalmen wie das gesamte Alte Testament auf Christus hin ausgerichtet. Den genannten Vers können wir dem Herrn angesichts seiner Verfolger, angesichts von Sünde und Tod, in den Mund legen, die er besiegen wird. So erkennen wir Christus als den eigentlichen Beter der Psalmen! Da wir als Getaufte Glieder seines Mystischen Leibes sind, werden in ihm diese Worte aber auch zu den unsrigen. Wir können sie sprechen als Ausdruck all der Bedrängnisse und Nöte unseres eigenen Lebens und unserer Zeit. Als Beter der Psalmen erscheinen also David, Christus und wir selbst in der hl. Kirche und keine Ebene des Schriftverständnisses schließt die anderen aus.

Bleibt noch ein Wort darüber zu sagen, welche Version des Psalters für die Liturgie maßgeblich ist. Wir unterscheiden beim Alten Testament die hebräische Bibel, die griechische Version und die lateinische. Die griechische Septuaginta entstand als Übersetzung aus dem Hebräischen im 3. Jahrhundert v. Chr. im Raum Alexandrien, also im Judentum der Diaspora. Sie war die Hl. Schrift zur Zeit Jesu und der jungen Kirche und gilt ebenso wie die hebräische Bibel als inspiriert. Dabei gibt es Abweichungen zum heutigen hebräischen Text. An manchen Stellen setzt die Septuaginta aber ältere hebräische Versionen voraus. Der hl. Hieronymus nahm sie zur Grundlage des Psalterium Gallicanum, der lateinischen Vulgata, und dieses wurde maßgebend für das kirchliche Stundengebet.

„Der Psalter der Vulgata ist im Abendland das große Instrument des Betens geworden. Aber gerade durch seine griechische Mutter, die Septuaginta, trifft er sich harmonisch mit den Psalmen der Ostkirchlichen Liturgien.“

Pater Rodrigo H . Kahl OP, der seit fast 30 Jahren an unserem Priesterseminar St. Petrus lehrt, hat nun ein entscheidendes Hilfsmittel vorgelegt, das das Verstehen der liturgischen Psalmenfassung erleichtert. In seinem Werk hat er alle 150 Psalmen meisterhaft getreu dem Text der Vulgata übersetzt und in Fußnoten auf Besonderheiten der lateinischen Sprache verwiesen, die der Übersetzung zugrundeliegen. Zudem bietet er auch einige Hilfen zum geistlichen Verständnis des Psalters.

Der Leser wird den einzelnen Psalmvers erst auf Deutsch lesen, dann auf Latein und dann auf die Fußnoten achten. In diesem direkten Vergleich der Sprachen werden ihm einzelne Worte auffallen, in die er sich betrachtend versenken kann. Schritt für Schritt durchdringt man zunächst die einzelnen Psalmverse, dann die jeweiligen Psalmen als ganze. Unser Beten wird hierdurch geformt und bereichert. Dieses Buch gehört in die Hand jedes Gläubigen, der sich das Beten der Kirche von innen her zu eigen machen will.

Papst Pius XII. zitiert in seiner Liturgieenzyklika Mediator Dei das schöne Wort des hl. Ambrosius: „Der Psalm … ist Segen für das Volk, Lob Gottes, Preislied des Volkes, Beifall aller, Wort der Gesamtheit, Stimme der Kirche, lautes Bekenntnis des Glaubens, volle Ergebung in den allerhöchsten Willen, Erlösungsglück, Jubelruf, Jauchzen der Freude.“ Im Geiste der Liturgischen Bewegung hat schon dieser Papst die Gläubigen dazu aufgerufen, sich dem Stundengebet der Geistlichen und Klöster anzuschließen. Doch der Mitvollzug des Stundengebetes erfordert ein Grundverständnis dessen, was die Psalmen sind und im Leben der Kirche bedeuten.

(Aus dem INFORMATIONSBLATT 07/2021 der Petrusbruderschaft)

 

Rodrigo H. Kahl OP
Die liturgischen Psalmen der lateinischen Kirche
lateinisch-deutsch
Textfassung der Vulgata – Wörtliche Übersetzung
Traditionelle geistliche Deutungen
Verlagsbuchhandlung Sabat 2021
560 Seiten; 24,95 Euro
ISBN: 978-3943506709

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Kardinal George Pell im Gefängnis, Bd. 1

Am 13. Juni 2019 notiert Kardinal Pell in sein „Gefängnistagebuch“, was Father Peter Cross ihm an jenem Tag sagte, als er zum Bischof geweiht wurde: „Das bedeutet, dass du den Rest deines Lebens damit verbringen wirst zu tun, was man dir sagt.“

Diese Wirklichkeit erfuhr Pell, der eine großartige Laufbahn in der kirchlichen Hierarchie machte, als Bischof immer wieder. Zwischen den beiden Buchdeckeln des ersten von drei Bänden seines Gefängnistagebuchs begegnen dem Leser solche Tatsachen. Auch von unglaublichen Wahrheiten, von denen er nur wenig oder überhaupt keine Vorstellungen hat, ist die Rede.

George Kardinal Pell, der vor wenigen Tagen, am 8. Juni, sein 80. Lebensjahr vollendete und damit nicht mehr zu den Papstwählern gehört, wurde im Jahr 2001 von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof von Sydney und zwei Jahre später zum Kardinal ernannt. Er gehörte eher zu den konservativeren Kirchenfürsten, was sich auch darin zeigte, dass er beim Weltjugendtag in Köln (16.-21. August 2005) zu jenen Würdenträgern gehörte, welche die täglich stattfindenden Pontifikal- und Hochämter im klassischen römischen Ritus zelebrierte. Von Papst Franziskus wurde Pell im Jahr 2014 zum Leiter der vatikanischen Finanzen bestimmt und zu einem der Mitglieder seines Kardinalsrates.

Bald danach wurden Vorwürfe bekannt, die Kardinal Pell sexuellen Missbrauch vorwarfen. Aus diesem Grunde begab er sich 2017 aus dem sicheren Rom nach Sydney, um sich vor Gericht gegen diese Anschuldigungen verteidigen zu können.

„Am Nachmittag erhielt ich einen Schriftsatz von einem der Kläger, in welchem dem Bundesstaat Victoria, einem Schwesternorden, der Kinder- und Familienhilfe und mir jede Menge angeblicher Vergehen vorgeworfen werden. Seine Beschuldigungen gegen mich waren von der Staatsanwaltschaft zurückgezogen worden, ehe die Sache vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurde. Der Kläger war ein Drogenabhängiger mit einem Vorstrafenregister. Er warf mir unangemessenes Verhalten in einer Einrichtung vor, die ich in elf Jahren nur ein paarmal besucht hatte, und in einem Schwimmbad, das ich nie besucht und von dessen Existenz ich nicht einmal gewusst hatte. Er hatte mich im Fernsehen »wiedererkannt«, nachdem er mich, wie er behauptete, 40 Jahre zuvor in diesem Schwimmbad einmal gesehen hatte. […]“

Kardinal Pell, geboren 1941, Priester seit 1966 und Bischof seit 1987, wurde am 13. März 2019 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

„Ich habe einen Besen bekommen und meine kleine Zelle gefegt. Die Farbe auf dem Boden ist immer noch abgeblättert, es gibt keinen Vorhang, und während ich hier sitze und schreibe, ist die offene Toilette nur gut einen Meter von mir entfernt. Doch das ist für den Moment mein Zuhause.“

Seinen Prozess bezeichneten später sogar Gegner Pells und Gegner der Kirche als skandalös. Das Gericht hatte entschieden, dass der Bischof im Jahr 1966 in der Kathedrale von Melbourne im Anschluss an die Hl. Messe in der Sakristei und bei offen stehender Tür zwei Chorknaben sexuell missbraucht habe.

Die obersten Richter Australiens hoben dieses Urteil am 7. April 2020 auf. Kardinal Pell wurde unverzüglich freigelassen. Einige Monate danach, am 30. September 2020, kehrte er wieder nach Rom zurück.
George Kardinal Pell war 404 Tagen im Gefängnis. In dieser Zeit schrieb er ein Tagebuch. Sein Gefängnistagebuch „Unschuldig angeklagt und verurteilt“ besteht aus 4 Bänden, deren erster Band nun in deutscher Sprache beim Verlag Media-Maria erschienen ist.

Was Pell in seinem Buch notierte sind spontane Gedanken, Gebete, Lebenserinnerungen – und über 400 Seiten, die seine Leser herausfordern. Natürlich geht es immer wieder um die Gerichtstage, um die Verteidigung und deren Strategien. Niemand wird sich bei der Lektüre seiner Analysen, Erkenntnisse, aber auch seiner Betroffenheit und Enttäuschungen nicht berühren und beindrucken lassen. Pell kennt das Leben. Er kennt auch jene Abgründe denen die Menschen ausgesetzt sind.

„Heutzutage sind junge Christen stärkeren feindlichen Mächten ausgesetzt, als ich es vor 50 Jahren war, angesichts von gescheiterten Ehen, rückläufigen Kirchenbesucherzahlen, Drogen, Pornografie und den fragwürdigen Wohltaten der Social Media.“

„Dass viele Menschen unzufrieden und rastlos sind, beweisen die Ehen, die in die Brüche gehen, die Alkohol- und Drogenprobleme und die Pornografiesucht.“

Pell macht sich Gedanken über Papst und Kirche. Er blickt zurück und nach vorne. Oft sieht er sich in einem „Netz der Täuschung“. Dann sind ihm Briefe, die er in großer Zahl aus aller Welt zugeschickt bekommt und beim Gefängnis-Zensor durchgehen, willkommen und Trost.

„Ein australischer Priester teilte mir mit, dass er gerade sechs Muslime in die katholische Kirche aufgenommen, sie getauft und gefirmt habe, wovon zwei von ihrer Familie verstoßen worden sind. Als er bei einer von ihnen nachfragte, warum sie diesen Schritt tun wolle, antwortete sie ganz schlicht, dass sie »Jesus lieben wolle, wie hoch auch immer der Preis dafür sei«.“

Frommer Lesern seines Buches werden es dem Kardinal danken, dass er sich immer wieder an Gebete erinnert oder neue verfasst und sie aufgeschrieben hat.

„Lieber Herr Jesus, gib mir die Kraft, morgen meine Fassung und meine christliche Würde zu bewahren und mich nicht vom Zorn darüber hinreißen zu lassen, wie ungerecht das alles ist. Möge Maria, deine Mutter, unsere Mutter und daher auch meine Mutter, bei mir sein, damit ich ein annehmbares Opfer zum Wohl der Kirche bringen kann.“

Wie am Anfang dieses Textes sei auch am Schluss noch einmal an den 13. Juni 2019 erinnert, da Kardinal Pell im Gefängnis seinen Gefängnistagebucheintrag mit diesem kurzen Gebet beendet:

„Du, der du wolltest, dass die neunte Stunde
Eine Stunde des Gebetes sei:
Höre uns, während wir in der Stunde des Gebetes beten,
und bewirke, dass unser Gebet und unsere Bitten sich erfüllen, und rette uns.“

Man kann gespannt sein, wie es im zweiten Band des Gefängnistagebuches, das noch in diesem Jahr erscheinen soll, weiter gehen wird.

George Kardinal Pell
Unschuldig angeklagt und verurteilt – Band I
Das Gefängnistagebuch
Vorwort von George Weigel
Verlag Media Maria 2021
416 Seiten; 24,90 Euro
ISBN: 978-3947931255

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Ratschläge für das geistliche Leben

„Steigt der Geist auf unerklärliche Weise zu dem Einen auf, der jenseits des Begreifens ist, so ist es ihm unmöglich, sich nicht in diesen zu verlieben. Denn er begegnet einer unsäglichen und unbegreiflichen Schönheit, die aus Ihm entströmt wie aus einer mächtigen Quelle. In diesem Zustand, eingetaucht ins göttliche Licht, ähnelt der Geist einem Fischernetz, das wegen des Gewichts der vielen Fische, die es enthält, zu reißen droht. In Staunen steht der Geist vor Gottes Schönheit und ist berauscht wie von Wein. Wie von Sinnen gerät er außer sich und wird er von einer Bewunderung erfasst, die alles Begreifliche übersteigt; denn er ist außerstande, die Schau solch außergewöhnlicher Schönheit über aller Schönheit zu ertragen. Darum ist er von der Liebe Banden gebunden und brennt er vor lauter Durst nach Gott“

(Philokalie, Kapitel 24, hl. Kallistos über die geistliche Wonne).

Diese unbegreifliche Schönheit des Heiligen Geistes und den Durst nach Gott wollen die „Ratschläge für das geistliche Leben“ vermitteln. Sie entstammen der Feder des heiligen Nikodemos vom Berg Athos, auch Nikodemos der Hagiorite genannt, der 1749 auf der Insel Naxos auf (Kykladen, Griechenland) geboren wurde. Er studierte in Smyrna (heutige Ízmir) und wurde anschließend Sekretär an der Metropoliankirche des Metropoliten von Naxos. Hier lernte er Mönche aus verschiedenen Athos-Klöstern kennen und ging 1775 selbst auf den Berg Athos, wo er Mönch wurde im Groß-Kloster Dionysiou. Gestorben ist Nikodemos im Alter von 60 Jahren am 14. Juli 1809. 1955 wurde er heiliggesprochen und gilt als großer geistlicher Lehrer.

Der heilige Nikodemos hat eine Vielzahl von Schriften von großem spirituellem Wert hinterlassen. In der postbyzantinischen Zeit jener Epoche war es sein Anliegen, die geistigen Schätze der Orthodoxie zu bewahren, die vor allem im Innern von vielfältigen Angriffen, aber auch vom Vergessen der eigen Tradition gefährdet waren. Heute nehmen die Schriften dieses Heiligen in der Orthodoxie weltweit eine zentrale Position ein.

Zahlreiche seiner Werke wurden in vielen Sprachen übersetzt. Nun liegen uns seine „Ratschläge für das geistliche Leben – Symboleutikon Enchiridion“ in deutscher Sprache vor, die von dem rührigen deutschen Verlag „Edition Hagia Sophia“ herausgegeben wurden. Ein Biograph bezeichnet diese Arbeit nicht nur als „Erzeugnis des Gedächtnisses und des Verstandes“; vielmehr sei sie „das Erzeugnis des Gedächtnisses der Seele, die von Gott durchtränkt“ sei.

Nikodemos weiß als gebetserprobter Mönch wovon er spricht. Was er schreibt beruht ganz auf der christlichen Tradition wie auf der Gebetserfahrung eines reichen Mönchs- und Eremitenlebens.

In zwölf großen Kapiteln werden wesentliche Aspekte des geistlichen Lebens behandelt. Es ist beeindruckend, dass dieses Werk vom heiligen Nikodemus auf einer einsamen Insel niedergeschrieben wurde, wo er sich für einige Zeit aufhielt und wo er keinerlei Bücher zur Verfügung hatte. Die vielleicht reifste geistliche Frucht seines asketischen Lebens fasst in diesem sicheren Wegweiser für das geistliche Leben die reichen Erfahrungen der Heiligen Väter zusammen.

Der fromme und gelehrte Mönch wird neben der theoretischen Beschreibung immer auch ganz praktisch und bezieht sich stets auf das wirkliche Leben und die Einflüsse, denen der fromme, suchende Mensch ausgesetzt ist. Auch für heutige, moderne Menschen taugen die Ratschläge des Athos-Mönches.

Als einen kleinen Einblick sei auf das 9. Kapitel hingewiesen: „Wie man über die Phantasie wacht“. Wir lernen, dass die Phantasie Leidenschaften erzeugt und wir darum prüfen müssen, wie sich Phantasie von den Sinnen unterscheidet. Die moderne Welt erzeugt permanent Phantasien und regt ununterbrochen die Sinne an. Dabei sind die Bilder die sich ihnen einprägen oft teuflischer Natur, denn der Teufel verwendet die Phantasie als „Organ der Verblendung“. Die Welt gaukelt dem Menschen alles Mögliche vor, vor allem jenes, das ihm nicht gut tut, das, was gegen die göttliche Ordnung verstößt. Darum ist es wichtig zu erfahren, „wie man die Phantasie gebrauchen sollte“.

Nikodemus schreibt deshalb: „du müsstest über deine Phantasie ebenso wachen wie über die äußerlichen Sinne“, eigentlich sogar noch mehr „über unsere Phantasie […] als über unsere Sinne“.

„Leidenschaftsbestimmte Phantasie hat größere Kraft und Gewalt über den Menschen als die Sinne selbst. Hat eine leidenschaftsbestimmte Phantasie einmal vom Menschen Besitz ergriffen, so wird er zum willigen Knecht dieser Vorstellung. Er wird nicht mehr imstande sein zu sehen, obschon er den Sehsinn hat, zu hören, obgleich er Ohren hat, zu riechen oder zu tasten. Obschon er all seine Sinne offen hat, macht er den Anschein, sie verschlossen und vollauf untätig zu halten.“

Vor uns liegt ein leidenschaftliches und geisterfülltes Buch für leidenschaftliche Gottsucher.

Heiliger Nikodemos vom Berg Athos
Ratschläge für das geistliche Leben
– Symboleutikon Enchiridion –
Edition Hagia Sophia 2018
256 Seiten; 19,80 Euro
ISBN: 978-3963210129

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Rom und der Antichrist

Heiliger John Henry Newman über den Antichrist:

Die Verknüpfung Roms mit der Herrschaft und den Taten des Antichrist wird uns in den Kontroversen dieser Tage so oft vor Augen geführt, daß es gut sein wird nach allem, was ich bereits über den letzten Feind der Kirche zu sagen Gelegenheit hatte, nun zu betrachten, was die Prophezeiungen der Schrift über Rom sagen; das will ich versuchen, und zwar wie früher unter der Führung der frühen Väter.

Beachten Sie nun, was über Rom gesagt wird in jener Stelle, die der Engel mit den Worten beschließt, die ich soeben zitiert habe, und was wir daraus ableiten dürfen.

Die große Stadt wird beschrieben unter dem Bild eines Weibes, grausam, ausschweifend und gottlos. Es wird beschrieben als geschmückt und gekleidet in allen weltlichen Glanz und alle Köstlichkeit, in Purpur und Scharlach, in Gold und kostbare Steine und Perlen, vergießend und trinkend das Blut der Heiligen, bis es trunken ward von ihm. Überdies wird das Weib genannt mit dem Namen „Das große Babel“, um zu bezeichnen seine Macht, Reichtum, Profanität, Hochmut, Sinnlichkeit und Verfolgungsgeist nach dem Muster jenes frühen Feindes der Kirche.

Ich brauche hier nicht zu betonen, wie all dies wirklich dem Charakter und der Geschichte Roms entsprach zu der Zeit, als der heilige Johannes davon sprach. Es gab nie ein ehrsüchtigeres, hochmütigeres, hartherzigeres und weltlicheres Volk als die Römer; niemals eines (denn kein anderes hatte solche Gelegenheit), das die Kirche so verfolgte. Christen erlitten unter ihren Händen nach der gewöhnlichen Berechnung zehn Verfolgungen, und darunter schauerliche, insgesamt sich ausdehnend über 250 Jahre. Die Zeit würde einem mangeln, wollte man einen Bericht von den Qualen geben, die sie von Rom erlitten, so daß die Beschreibung des Apostels hinterher als Prophezeiung so vollkommen erfüllt wurde, wie sie zu ihrer Zeit als historischer Bericht genau war und stimmte.

Diese schuldige Stadt, vom heiligen Johannes als ein verlorenes Weib dargestellt, soll sitzen auf „einem scharlachfarbenen Tiere, voll von Namen der Lästerung, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern“.

Hier werden wir von der prophetischen Beschreibung zurückverwiesen auf das 7. Kapitel des Buches Daniel, in dem die vier großen Reiche der Welt angedeutet werden unter den Gestalten von vier Tieren, einem Löwen, einem Bären, einem Leoparden und einem namenlosen Ungeheuer, „verschieden“ von den übrigen, „furchtbar und schrecklich und über die Maßen stark“, „und es hatte zehn Hörner“.

Dieses sicherlich ist genau dasselbe Tier, welches der heilige Johannes sah: die zehn Hörner sind seine Kennzeichen. Nun ist aber dieses vierte Tier in Daniels Vision das Römische Imperium. Deshalb ist „das Tier“, auf welchem das Weib saß, das Römische Imperium. Und das stimmt ganz genau zusammen mit der wirklichen Lage in der Geschichte; denn von Rom, der Herrin der Welt, kann man wohl sagen, daß sie sitze auf dieser Welt, die sie unterworfen und gezähmt und zu ihrer Kreatur gemacht habe, und im Triumph sich von ihr tragen lasse.

Weiter erklärt der Prophet Daniel, die zehn Hörner des Tieres seien „zehn Könige, die sich erheben werden“ aus dem Imperium heraus. Damit stimmt der heilige Johannes überein, wenn er sagt: „Die zehn Hörner, welche du gesehen hast, sind zehn Könige, die das Reich noch nicht empfangen haben, aber wie Könige werden sie eine Zeit Macht empfangen mit dem Tier.“ Überdies sagt Daniel in einer früheren Vision, das Imperium sei dazu bestimmt, „geteilt“ zu werden, „zum Teil stark, zum Teil gebrochen“ (Dan 2,49f.).

Weiter noch, dieses Imperium, das Lasttier des Weibes, sollte sich am Ende gegen sie erheben und sie verschlingen, wie ein wildes Tier sich erheben mag gegen seinen Wärter; und es sollte dieses tun in der Zeit seiner geteilten oder vervielfältigten Existenz. „Die zehn Hörner, die du gesehen hast, und das Tier werden die Hure hassen und sie wüst machen und bloß und werden ihr Fleisch essen und sie mit Feuer verbrennen.

Das sollte das Ende der großen Stadt sein. Schließlich sollten drei der Könige, vielleicht alle, von dem Antichrist unterjocht werden, der plötzlich auftreten soll, während sie noch in Macht sind. Denn so ist der Gang der Prophezeiung Daniels:

Nach denselbigen aber wird ein anderer aufkommen, der wird gar anders sein als die vorigen und wird drei Könige demütigen. Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten verstören und wird sich unterstehen, Zeiten und Gesetze zu ändern. Sie werden aber in seine Hand gegeben werden eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit.

Diese Macht, die über die zehn Könige sich erheben sollte, ist der Antichrist, und ich möchte, daß Sie beachten, wie Rom und der Antichrist in der Prophezeiung einander gegenüberstehen. Rom soll fallen, bevor der Antichrist sich erhebt, denn die Könige haben Rom zu zerstören, und der Antichrist soll dann erscheinen und die zehn Könige ersetzen. Soweit wir nach den Worten zu urteilen wagen, scheint dieses klar zu sein. Erstens, der heilige Johannes sagt:

Die zehn Hörner werden hassen und verzehren“ das Weib; zweitens, Daniel sagt: „Da ich aber die Hörner schaute, siehe, da brach hervor zwischen denselbigen ein anderes, kleines Horn, vor welchem (oder durch welches) drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden.

Jetzt aber wollen wir betrachten, wieweit diese Prophezeiungen erfüllt worden sind und was davon noch nicht erfüllt zu sein scheint…

Lesen Sie das Buch: Der Antichrist

John Henry Kardinal Newman
Der Antichrist nach der Lehre der Väter
Verlagsbuchhandlung Sabat 2019
176 Seiten; 14,95 €
ISBN: 978-3-943506-68-6

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Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie

Autor: Adolphe Tanquerey

Bei seiner Ansprache anlässlich des Weihnachtsempfangs für die römische Kurie am 21. Dezember 2018 übergab Papst Franziskus den Anwesenden ein Buch-Geschenk mit den Worten: „Es ist ein Klassiker: Das Kompendium der aszetischen und mystischen Theologie von Tanquerey. Ich glaube, dass sie gut ist. Man lese nicht alles in einem Zug durch, sondern suche im Inhaltsverzeichnis nach einzelnen Themen: diese Tugend, jene Haltung oder eine andere Sache. Es wird gut tun für die innere Reform eines jeden von uns und für die Reform der Kirche.“

Adolphe Tanquerey wurde am 1. Mai 1854 in Blainville in der Normandie, im äußersten Norden von Frankreich, geboren. Gestorben ist er in Südfrankreich, in Aix-en-Provence, am 21. Januar 1932. Er war Mitglied der Sulpicianer, einer Priester-Kongregation, die 1642 von Jean-Jacques Olier, dem Pfarrer von Saint-Sulpice in Paris, gegründet worden war.Ihr Ziel bestand darin, in Seminaren für eine gute Priesterausbildung zu sorgen.

Sein Theologiestudium absolvierte Tanquerey einige Jahre in Rom, wo er den Doktorgrad in Theologie erwarb. Die Priesterweihe empfing er 1878. Er wirkte als Professor für Dogmatik und Moraltheologie, u. a. in Baltimore (USA), sowie als Oberer in Häusern seiner Kongregation. Ab 1902 lehrte er in Paris (Saint-Sulpice), und ab 1907 in Issy. Ebenso wurde er dazu bestimmt, als Leiter der Sulpizianer-Novizen (1915-26) die eigenen Mitglieder auszubilden und zu formen. Zuletzt lebte er in Aix-en-Provence.

Auch als geistlicher Schriftsteller machte sich Adolphe Tanquerey einen Namen. Als seine beiden wichtigsten Werke, die, gestützt auf Thomas von Aquin und Alfons von Liguori, eine weite Verbreitung fanden, gelten die „Synopsis theologiae dogmaticae“ und die „Synopsis theologiae moralis et pastoralis“. Sein bekanntestes Werk ist jedoch sein „Précis de théologie ascétique et mystique“, der „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ (deutsch 1935).

Bei diesem Kompendium der aszetischen und mystischen Theologie handelt es sich nicht um ein geschichtliches Lehrbuch. Vielmehr ist es in der Beschreibung der Schulen der geistlichen Wissenschaft, angefangen bei den Kirchenvätern bis hin zu Alfons Maria von Liguori praktisch orientiert. Auch wenn Tanquerey eine gewisse Vorliebe für die Geistesrichtung der französischen Frömmigkeitsschule zeigt, so ist er keineswegs einseitig. Er ist darauf bedacht, ein Gesamtbild der geistlichen Lehre vorzulegen, – geeignet und geschaffen für das tägliche Leben.

Aszetische Theologie will „Heilige gestalten“, sie lehrt das „Wesen der Heiligkeit und die Mittel, die zu ihr führen“. Aszese will die Menschen zur christlichen Vollkommenheit führen. Dabei bezeichnet das aus dem Griechischen stammende Wort „jede mühevolle Handlung, die sich auf die körperliche oder sittliche Erziehung des Menschen bezieht“.

Die mystische Theologie bezeichnet genau jene Wissenschaft, in der die Aszetik die erste Stufe zur Vollkommenheit bildet. Sie führt in ihrem weiteren Verlauf bis zur Schwelle der Beschauung. Mystik meint hier den Einigungsweg mit Gott. Dazu, den Menschen diesen Weg aufzuzeigen, dient das vorliegende Werk des französischen Theologen Adolphe Tanquerey.

Akribisch erläutert er Begriffe und Grundsätze. So erklärt er das Gebet für Anfänger, spricht über die Sünden und ihre Abtötung, geistliche Kämpfe und Versuchungen. Der geistliche Lehrer Tanquerey bleibt jedoch nicht dabei stehen. Er führt jene, die ihm auf diesem Weg folgen, der zur Vereinigung mit Gott führen kann, über die körperlichen und geistigen Anstrengungen hin auf jenen Weg, der für Fortgeschrittene dienlich ist. So erklärt er nun den „Weg der Erleuchtung“, der mit Hilfe der göttlichen Tugenden begangen werden kann. Nicht verschwiegen werden jene Kämpfe, die durch das Wiederaufleben von Hauptsünden angegangen werden müssen. Besonders die Lauheit wird hier zu einem großen Widersacher. Dabei ist die Unterscheidung der Geister ein wichtiges Korrektiv. Im dritten Teil des Buches wird der „Weg der Einigung“ beschrieben.

Wenn Tanquerey das Gebet behandelt, welches er als Erhebung der Seele zu Gott bezeichnet, zitiert er die heilige Therese von Avila mit den Worten: „Der einzige Ehrgeiz desjenigen, der sich mit dem Gebet zu beschäftigen beginnt, soll im ernsten Bestreben liegen, seinen Willen dem göttlichen gleichförmig zu machen.“ Denn, so sagt sie, „darin besteht voll und ganz die höchste Vollkommenheit, die man auf dem geistlichen Wege erreichen kann. Je vollkommener diese Gleichförmigkeit ist, desto mehr empfängt man von Gott und desto schneller kommt man auf diesem Wege vorwärts“. Danach beschäftigt sich der Autor ausführlich mit dem Gebet: seinem Wesen, seiner Wirksamkeit als Mittel, um zur Vollkommenheit zu gelangen, sowie der „Art und Weise, unser Leben in ein andauerndes Gebet zu verwandeln“.

Der „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ ist, wie Papst Franziskus sagte, „ein Klassiker“. Darin enthalten ist die reine katholische Lehre. Allein sie führt die Menschen zum Heil durch den Heiland, Jesus Christus – nicht die Suche in fernöstlichen Meditationsformen. Die Kirche hat schon immer reichliche Mittel zur Heiligung angeboten. Diese auch zu benützen liegt an der Freiheit jedes Einzelnen. Dazu bedarf es einer inneren Gesinnung. Diese zu erwecken möge das Gebet verhelfen, das der Autor am Ende des Buches niederschreibt: „O Jesu vivens in Maria“.

„O Jesus, der du in Maria lebst,
komm und lebe in meiner Seele.,
durch deinen Geist der Heiligkeit,
durch die Fülle deiner Macht,
durch die Vollkommenheit deiner Wege,
durch die Wahrheit deiner Tugenden,
durch die Teilnahme an deinen Geheimnissen,
siege in mir über alle feindliche Macht,
durch deinen Geist,
zur Ehre deines Vaters.“

Adolphe Tanquerey
Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie.
Deutsch, Paris, Tournay, Rom 1935,
Nachdruck 2020 durch Sarto Verlag.
1136 Seiten; 29 Euro
ISBN: 978-3964060303

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Als ob jemand seinen Arm um meine Schultern legt

Geneviève Duboscq (1933–2018) ist in Deutschland fast unbekannt – dafür ist sie in Frankreich umso bekannter: Vor allem als Heldin des sogenannten D-Day, als die Alliierten im Juni 1944 in der Normandie landeten.

Die Eltern lebten mit Geneviève und ihren Geschwistern in Saint-Mère-Eglise (Manche). Die Mutter war eine Bahnwärterin auf der Strecke von Paris nach Cherbourg, der Vater ein Straßenhändler.

Geneviève Dubosq war erst zwölf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern die Ankunft der Amerikaner erlebte. Die Ereignisse der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 brennen sich wie Bilder in das Herz des Mädchens ein. Sie sieht, wie die Fallschirmjäger nicht auf festem Boden landen, sondern in tiefe Sümpfe stürzen. Viele Soldaten der Luftlandedivision ertrinken. Andere, die in ihre Fallschirmen verwickelt sind, werden von deutschen Soldaten erschossen. Genevièves Eltern lassen sich vom Mut ihrer Tochter anstecken; alle helfen gemeinsam den amerikanischen Soldaten und behandeln sie trotz großer Gefahr für ihr eigenes Leben.

Ein Jahr nach den Landungen am D-Day gerät ihr Bruder beim gemeinsamen Spiel auf eine Mine. Er stirbt sofort, sie wird schwer verletzt. Für fünf Jahre ist sie fast ständig im Krankenhaus. Sie hat ein Auge verloren und in ihre Beine sind hunderte Metallstücke eingedrungen. Unzählige chirurgische Eingriffe und Operationen muss sie über sich ergehen lassen. Mit denselben Beinen wird diese erstaunliche Persönlichkeit Jahre später noch Aufsehen erregen, als sie sich auf den Fußweg ins Heilige Land aufmachte.

Die Geschehnisse verarbeitet Geneviève, indem sie ihre Erfahrungen notiert. Was geschehen ist, wird bekannt – sogar bei der Regierung der USA. So kommt es, dass die US-Präsidenten Ronald Reagan, Bill Clinton und Barack Obama sie anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten des D-Day in Frankreich einladen. Geneviève Duboscq ist ihr persönlicher Gast.

Im Jahr 1978 veröffentlicht sie ihre Kindheitserinnerungen mit den Ereignissen des Juni 1944. Das Buch „Bye-bye Geneviève“ wird ein Bestseller.

Fünfzehn Jahre nach dem Krieg wird Geneviève ihr fünftes Kind zur Welt bringen. Leider ist der Junge von einer unheilbaren Krankheit betroffen. Geneviève fordert Gott und sich selbst heraus und verspricht: Wenn Noël überlebt, wird sie nach Jerusalem pilgern. Ihr Sohn wurde am 24. Dezember 1959 geboren – und überlebt.

1965 begann eine abenteuerliche Reise, als sie sich wie eine mittelalterliche Pilgerin auf den Weg nach Jerusalem machte. Mit dabei hatte sie nur einen Esel, aber kein Geld. Sie war abhängig vom Wohlwollen und der Milde der Menschen, denen sie auf der Straße begegnete. Bei dieser 4 000 Kilometer langen Pilgerreise entstand ihr zweites Buch: „Und Gott rettete meinen Sohn“.

Nachdem sich eine Alzheimer-Krankheit Geneviève Duboscqs bemächtigte, ihre Sinne trübte und die körperlichen Aktivitäten lähmte, musste sie ihrem hohen Alter Tribut zollen. Sie starb am 28. Februar 2018 im Alter von 85 Jahren.

Aus dem Buch „Und Gott rettete meinen Sohn“:

Die Beichte:

„Um vier Uhr morgens wird die Türe aufgemacht. Ein Franziskanerpater wird die erste Messe lesen. Ob ich mitfeiern wolle? Aber sicher, aber davor möchte ich noch beichten. Ich nehme den ganzen Mut, der mir noch geblieben ist, zusammen und bitte den Priester darum, der einwilligt, vielleicht ein wenig überrascht, aber er lässt sich nichts anmerken. Ich werde vom Weinen geschüttelt und habe Mühe, ihm darzulegen, wie es um mich steht. Aber der Priester macht mir mit einfühlsamen Worten klar, dass ich nicht die Erste bin, der es so ergeht. Und er fügt die Worte hinzu, die ich nie vergessen werde: »Das ist so, wenn Gott einem seiner Kinder einen Auftrag gibt. Er möchte ihre Seelen prüfend darauf vorbereiten. Bewahren Sie Ihre Ruhe, diese Prüfung geht vorbei. Es wird alles in Ordnung kommen.« Als ich aus dem Beichtstuhl gehe, habe ich die starke Empfindung, als ob jemand seinen Arm um meine Schultern legt und mir beim Aufstehen hilft – ich schaue mich um. Ich kann niemand sehen und dennoch spüre ich diesen Arm, der mich stützt, wie ich es auch selbst oft mache, wenn ich einem Kranken aufhelfe. Diese wohltuende Empfindung lässt nach, als ich in einer Bank knie und auf den Beginn der Messe warte.“

Geneviève Duboscq:
Und Gott rettete meinen Sohn
Patrimonium-Verlag 2020
364 Seiten; 22,80 Euro
ISBN: 978-3864171260
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Geneviève Duboscq:
Bye Bye Geneviève. Die Kriegserlebnisse einer Zwölfjährigen im Jahr 1944
Patrimonium-Verlag 2019
300 Seiten; 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86417-123-9
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