Das große Instrument des Betens: Die Psalmen

Sie sind von Gott geschenkte Worte – im Psalmgebet verbinden wir uns mit David, Christus und der Kirche. Das neue Werk von P. Rodrigo H. Kahl OP erschließt den Reichtum des römischen Psalters.

VON P. DR. SVEN LEO CONRAD FSSP

Von jeher übt das Buch der Psalmen eine große Faszination aus. Hier ist von der Not des Beters die Rede, vom Lob seines Gottes und von der Erhebung aus Schmach und Erniedrigung durch die Feinde. Ja, selbst menschlicher Zorn wird zum Ausdruck gebracht und zu Gott getragen als Bitte um Erlösung. Praktisch alle Situationen eines menschlichen Lebens finden also im Psalter ihren sprachlichen Ausdruck. Papst Benedikt XVI. nennt es von daher das „Gebetbuch schlechthin“ (Katechese, 22.06.11) und drückt damit aus, wie wir das Psalmenbuch verstehen müssen.

Während wir jedoch in unserem Alltag Gebet als etwas verstehen, was sich in unserem Innersten formt und tief aus unserem eigenen Herzen aufsteigt oder – wenn wir an festgeformte Texte denken – als Gedanken, die Heilige oder heiligmäßige Menschen uns vorgebetet und hinterlassen haben, so sind die Psalmen doch unendlich mehr. Als Buch der Heiligen Schrift sind sie vom Heiligen Geist inspiriert. Das bedeutet, sie haben „Gott zum Verfasser“ und zugleich im menschlichen Autor „ein beseeltes und vernünftiges Werkzeug“ (Pius XII., Divino afflante spiritu), dessen sich Gott bedient. Sie sind somit Gotteswort im Menschenwort. Wenn Gott aber der Verfasser der Psalmen ist, dann zeichnet sie vor allen anderen Gebeten aus, daß nur hier „er uns die Worte gibt, mit denen wir ihn anreden, im Gespräch unser Leben vor ihn tragen können und so das Leben selbst in eine Bewegung auf Gott hin verwandeln“ (Benedikt XVI., Verbum Domini 24). Unwillkürlich mag man hier an Roöm 8,26 denken: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.“ Gott selbst also schenkt uns die Worte, mit denen wir zu ihm beten sollen. Von daher kann es nicht verwundern, daß der Psalter nicht nur das Stundengebet, sondern die gesamte Liturgie prägt. So sind etwa die Proprientexte der Messe in der Regel den Psalmen entnommen.

Ein weiterer Gedanke ist für das Verständnis dieses einzigartigen Buches grundlegend. Man kann die Psalmen als heilsgeschichtliches Offenbarungszeugnis nehmen, in dem wir David und in ihm den Alten Bund als Beter der Psalmen erkennen. Wenn Psalm 3 beginnt mit: „O Herr, wie zahlreich sind die geworden, die mich bedrängen? Viele erheben sich gegen mich“, dann können wir hier den Gerechten des Alten Bundes erblicken, vielleicht David auf der Flucht vor Saul. Doch letztlich bleibt auch das Buch der Psalmen wie das gesamte Alte Testament auf Christus hin ausgerichtet. Den genannten Vers können wir dem Herrn angesichts seiner Verfolger, angesichts von Sünde und Tod, in den Mund legen, die er besiegen wird. So erkennen wir Christus als den eigentlichen Beter der Psalmen! Da wir als Getaufte Glieder seines Mystischen Leibes sind, werden in ihm diese Worte aber auch zu den unsrigen. Wir können sie sprechen als Ausdruck all der Bedrängnisse und Nöte unseres eigenen Lebens und unserer Zeit. Als Beter der Psalmen erscheinen also David, Christus und wir selbst in der hl. Kirche und keine Ebene des Schriftverständnisses schließt die anderen aus.

Bleibt noch ein Wort darüber zu sagen, welche Version des Psalters für die Liturgie maßgeblich ist. Wir unterscheiden beim Alten Testament die hebräische Bibel, die griechische Version und die lateinische. Die griechische Septuaginta entstand als Übersetzung aus dem Hebräischen im 3. Jahrhundert v. Chr. im Raum Alexandrien, also im Judentum der Diaspora. Sie war die Hl. Schrift zur Zeit Jesu und der jungen Kirche und gilt ebenso wie die hebräische Bibel als inspiriert. Dabei gibt es Abweichungen zum heutigen hebräischen Text. An manchen Stellen setzt die Septuaginta aber ältere hebräische Versionen voraus. Der hl. Hieronymus nahm sie zur Grundlage des Psalterium Gallicanum, der lateinischen Vulgata, und dieses wurde maßgebend für das kirchliche Stundengebet.

„Der Psalter der Vulgata ist im Abendland das große Instrument des Betens geworden. Aber gerade durch seine griechische Mutter, die Septuaginta, trifft er sich harmonisch mit den Psalmen der Ostkirchlichen Liturgien.“

Pater Rodrigo H . Kahl OP, der seit fast 30 Jahren an unserem Priesterseminar St. Petrus lehrt, hat nun ein entscheidendes Hilfsmittel vorgelegt, das das Verstehen der liturgischen Psalmenfassung erleichtert. In seinem Werk hat er alle 150 Psalmen meisterhaft getreu dem Text der Vulgata übersetzt und in Fußnoten auf Besonderheiten der lateinischen Sprache verwiesen, die der Übersetzung zugrundeliegen. Zudem bietet er auch einige Hilfen zum geistlichen Verständnis des Psalters.

Der Leser wird den einzelnen Psalmvers erst auf Deutsch lesen, dann auf Latein und dann auf die Fußnoten achten. In diesem direkten Vergleich der Sprachen werden ihm einzelne Worte auffallen, in die er sich betrachtend versenken kann. Schritt für Schritt durchdringt man zunächst die einzelnen Psalmverse, dann die jeweiligen Psalmen als ganze. Unser Beten wird hierdurch geformt und bereichert. Dieses Buch gehört in die Hand jedes Gläubigen, der sich das Beten der Kirche von innen her zu eigen machen will.

Papst Pius XII. zitiert in seiner Liturgieenzyklika Mediator Dei das schöne Wort des hl. Ambrosius: „Der Psalm … ist Segen für das Volk, Lob Gottes, Preislied des Volkes, Beifall aller, Wort der Gesamtheit, Stimme der Kirche, lautes Bekenntnis des Glaubens, volle Ergebung in den allerhöchsten Willen, Erlösungsglück, Jubelruf, Jauchzen der Freude.“ Im Geiste der Liturgischen Bewegung hat schon dieser Papst die Gläubigen dazu aufgerufen, sich dem Stundengebet der Geistlichen und Klöster anzuschließen. Doch der Mitvollzug des Stundengebetes erfordert ein Grundverständnis dessen, was die Psalmen sind und im Leben der Kirche bedeuten.

(Aus dem INFORMATIONSBLATT 07/2021 der Petrusbruderschaft)

 

Rodrigo H. Kahl OP
Die liturgischen Psalmen der lateinischen Kirche
lateinisch-deutsch
Textfassung der Vulgata – Wörtliche Übersetzung
Traditionelle geistliche Deutungen
Verlagsbuchhandlung Sabat 2021
560 Seiten; 24,95 Euro
ISBN: 978-3943506709

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Kardinal George Pell im Gefängnis, Bd. 1

Am 13. Juni 2019 notiert Kardinal Pell in sein „Gefängnistagebuch“, was Father Peter Cross ihm an jenem Tag sagte, als er zum Bischof geweiht wurde: „Das bedeutet, dass du den Rest deines Lebens damit verbringen wirst zu tun, was man dir sagt.“

Diese Wirklichkeit erfuhr Pell, der eine großartige Laufbahn in der kirchlichen Hierarchie machte, als Bischof immer wieder. Zwischen den beiden Buchdeckeln des ersten von drei Bänden seines Gefängnistagebuchs begegnen dem Leser solche Tatsachen. Auch von unglaublichen Wahrheiten, von denen er nur wenig oder überhaupt keine Vorstellungen hat, ist die Rede.

George Kardinal Pell, der vor wenigen Tagen, am 8. Juni, sein 80. Lebensjahr vollendete und damit nicht mehr zu den Papstwählern gehört, wurde im Jahr 2001 von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof von Sydney und zwei Jahre später zum Kardinal ernannt. Er gehörte eher zu den konservativeren Kirchenfürsten, was sich auch darin zeigte, dass er beim Weltjugendtag in Köln (16.-21. August 2005) zu jenen Würdenträgern gehörte, welche die täglich stattfindenden Pontifikal- und Hochämter im klassischen römischen Ritus zelebrierte. Von Papst Franziskus wurde Pell im Jahr 2014 zum Leiter der vatikanischen Finanzen bestimmt und zu einem der Mitglieder seines Kardinalsrates.

Bald danach wurden Vorwürfe bekannt, die Kardinal Pell sexuellen Missbrauch vorwarfen. Aus diesem Grunde begab er sich 2017 aus dem sicheren Rom nach Sydney, um sich vor Gericht gegen diese Anschuldigungen verteidigen zu können.

„Am Nachmittag erhielt ich einen Schriftsatz von einem der Kläger, in welchem dem Bundesstaat Victoria, einem Schwesternorden, der Kinder- und Familienhilfe und mir jede Menge angeblicher Vergehen vorgeworfen werden. Seine Beschuldigungen gegen mich waren von der Staatsanwaltschaft zurückgezogen worden, ehe die Sache vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurde. Der Kläger war ein Drogenabhängiger mit einem Vorstrafenregister. Er warf mir unangemessenes Verhalten in einer Einrichtung vor, die ich in elf Jahren nur ein paarmal besucht hatte, und in einem Schwimmbad, das ich nie besucht und von dessen Existenz ich nicht einmal gewusst hatte. Er hatte mich im Fernsehen »wiedererkannt«, nachdem er mich, wie er behauptete, 40 Jahre zuvor in diesem Schwimmbad einmal gesehen hatte. […]“

Kardinal Pell, geboren 1941, Priester seit 1966 und Bischof seit 1987, wurde am 13. März 2019 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

„Ich habe einen Besen bekommen und meine kleine Zelle gefegt. Die Farbe auf dem Boden ist immer noch abgeblättert, es gibt keinen Vorhang, und während ich hier sitze und schreibe, ist die offene Toilette nur gut einen Meter von mir entfernt. Doch das ist für den Moment mein Zuhause.“

Seinen Prozess bezeichneten später sogar Gegner Pells und Gegner der Kirche als skandalös. Das Gericht hatte entschieden, dass der Bischof im Jahr 1966 in der Kathedrale von Melbourne im Anschluss an die Hl. Messe in der Sakristei und bei offen stehender Tür zwei Chorknaben sexuell missbraucht habe.

Die obersten Richter Australiens hoben dieses Urteil am 7. April 2020 auf. Kardinal Pell wurde unverzüglich freigelassen. Einige Monate danach, am 30. September 2020, kehrte er wieder nach Rom zurück.
George Kardinal Pell war 404 Tagen im Gefängnis. In dieser Zeit schrieb er ein Tagebuch. Sein Gefängnistagebuch „Unschuldig angeklagt und verurteilt“ besteht aus 4 Bänden, deren erster Band nun in deutscher Sprache beim Verlag Media-Maria erschienen ist.

Was Pell in seinem Buch notierte sind spontane Gedanken, Gebete, Lebenserinnerungen – und über 400 Seiten, die seine Leser herausfordern. Natürlich geht es immer wieder um die Gerichtstage, um die Verteidigung und deren Strategien. Niemand wird sich bei der Lektüre seiner Analysen, Erkenntnisse, aber auch seiner Betroffenheit und Enttäuschungen nicht berühren und beindrucken lassen. Pell kennt das Leben. Er kennt auch jene Abgründe denen die Menschen ausgesetzt sind.

„Heutzutage sind junge Christen stärkeren feindlichen Mächten ausgesetzt, als ich es vor 50 Jahren war, angesichts von gescheiterten Ehen, rückläufigen Kirchenbesucherzahlen, Drogen, Pornografie und den fragwürdigen Wohltaten der Social Media.“

„Dass viele Menschen unzufrieden und rastlos sind, beweisen die Ehen, die in die Brüche gehen, die Alkohol- und Drogenprobleme und die Pornografiesucht.“

Pell macht sich Gedanken über Papst und Kirche. Er blickt zurück und nach vorne. Oft sieht er sich in einem „Netz der Täuschung“. Dann sind ihm Briefe, die er in großer Zahl aus aller Welt zugeschickt bekommt und beim Gefängnis-Zensor durchgehen, willkommen und Trost.

„Ein australischer Priester teilte mir mit, dass er gerade sechs Muslime in die katholische Kirche aufgenommen, sie getauft und gefirmt habe, wovon zwei von ihrer Familie verstoßen worden sind. Als er bei einer von ihnen nachfragte, warum sie diesen Schritt tun wolle, antwortete sie ganz schlicht, dass sie »Jesus lieben wolle, wie hoch auch immer der Preis dafür sei«.“

Frommer Lesern seines Buches werden es dem Kardinal danken, dass er sich immer wieder an Gebete erinnert oder neue verfasst und sie aufgeschrieben hat.

„Lieber Herr Jesus, gib mir die Kraft, morgen meine Fassung und meine christliche Würde zu bewahren und mich nicht vom Zorn darüber hinreißen zu lassen, wie ungerecht das alles ist. Möge Maria, deine Mutter, unsere Mutter und daher auch meine Mutter, bei mir sein, damit ich ein annehmbares Opfer zum Wohl der Kirche bringen kann.“

Wie am Anfang dieses Textes sei auch am Schluss noch einmal an den 13. Juni 2019 erinnert, da Kardinal Pell im Gefängnis seinen Gefängnistagebucheintrag mit diesem kurzen Gebet beendet:

„Du, der du wolltest, dass die neunte Stunde
Eine Stunde des Gebetes sei:
Höre uns, während wir in der Stunde des Gebetes beten,
und bewirke, dass unser Gebet und unsere Bitten sich erfüllen, und rette uns.“

Man kann gespannt sein, wie es im zweiten Band des Gefängnistagebuches, das noch in diesem Jahr erscheinen soll, weiter gehen wird.

George Kardinal Pell
Unschuldig angeklagt und verurteilt – Band I
Das Gefängnistagebuch
Vorwort von George Weigel
Verlag Media Maria 2021
416 Seiten; 24,90 Euro
ISBN: 978-3947931255

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Ratschläge für das geistliche Leben

„Steigt der Geist auf unerklärliche Weise zu dem Einen auf, der jenseits des Begreifens ist, so ist es ihm unmöglich, sich nicht in diesen zu verlieben. Denn er begegnet einer unsäglichen und unbegreiflichen Schönheit, die aus Ihm entströmt wie aus einer mächtigen Quelle. In diesem Zustand, eingetaucht ins göttliche Licht, ähnelt der Geist einem Fischernetz, das wegen des Gewichts der vielen Fische, die es enthält, zu reißen droht. In Staunen steht der Geist vor Gottes Schönheit und ist berauscht wie von Wein. Wie von Sinnen gerät er außer sich und wird er von einer Bewunderung erfasst, die alles Begreifliche übersteigt; denn er ist außerstande, die Schau solch außergewöhnlicher Schönheit über aller Schönheit zu ertragen. Darum ist er von der Liebe Banden gebunden und brennt er vor lauter Durst nach Gott“

(Philokalie, Kapitel 24, hl. Kallistos über die geistliche Wonne).

Diese unbegreifliche Schönheit des Heiligen Geistes und den Durst nach Gott wollen die „Ratschläge für das geistliche Leben“ vermitteln. Sie entstammen der Feder des heiligen Nikodemos vom Berg Athos, auch Nikodemos der Hagiorite genannt, der 1749 auf der Insel Naxos auf (Kykladen, Griechenland) geboren wurde. Er studierte in Smyrna (heutige Ízmir) und wurde anschließend Sekretär an der Metropoliankirche des Metropoliten von Naxos. Hier lernte er Mönche aus verschiedenen Athos-Klöstern kennen und ging 1775 selbst auf den Berg Athos, wo er Mönch wurde im Groß-Kloster Dionysiou. Gestorben ist Nikodemos im Alter von 60 Jahren am 14. Juli 1809. 1955 wurde er heiliggesprochen und gilt als großer geistlicher Lehrer.

Der heilige Nikodemos hat eine Vielzahl von Schriften von großem spirituellem Wert hinterlassen. In der postbyzantinischen Zeit jener Epoche war es sein Anliegen, die geistigen Schätze der Orthodoxie zu bewahren, die vor allem im Innern von vielfältigen Angriffen, aber auch vom Vergessen der eigen Tradition gefährdet waren. Heute nehmen die Schriften dieses Heiligen in der Orthodoxie weltweit eine zentrale Position ein.

Zahlreiche seiner Werke wurden in vielen Sprachen übersetzt. Nun liegen uns seine „Ratschläge für das geistliche Leben – Symboleutikon Enchiridion“ in deutscher Sprache vor, die von dem rührigen deutschen Verlag „Edition Hagia Sophia“ herausgegeben wurden. Ein Biograph bezeichnet diese Arbeit nicht nur als „Erzeugnis des Gedächtnisses und des Verstandes“; vielmehr sei sie „das Erzeugnis des Gedächtnisses der Seele, die von Gott durchtränkt“ sei.

Nikodemos weiß als gebetserprobter Mönch wovon er spricht. Was er schreibt beruht ganz auf der christlichen Tradition wie auf der Gebetserfahrung eines reichen Mönchs- und Eremitenlebens.

In zwölf großen Kapiteln werden wesentliche Aspekte des geistlichen Lebens behandelt. Es ist beeindruckend, dass dieses Werk vom heiligen Nikodemus auf einer einsamen Insel niedergeschrieben wurde, wo er sich für einige Zeit aufhielt und wo er keinerlei Bücher zur Verfügung hatte. Die vielleicht reifste geistliche Frucht seines asketischen Lebens fasst in diesem sicheren Wegweiser für das geistliche Leben die reichen Erfahrungen der Heiligen Väter zusammen.

Der fromme und gelehrte Mönch wird neben der theoretischen Beschreibung immer auch ganz praktisch und bezieht sich stets auf das wirkliche Leben und die Einflüsse, denen der fromme, suchende Mensch ausgesetzt ist. Auch für heutige, moderne Menschen taugen die Ratschläge des Athos-Mönches.

Als einen kleinen Einblick sei auf das 9. Kapitel hingewiesen: „Wie man über die Phantasie wacht“. Wir lernen, dass die Phantasie Leidenschaften erzeugt und wir darum prüfen müssen, wie sich Phantasie von den Sinnen unterscheidet. Die moderne Welt erzeugt permanent Phantasien und regt ununterbrochen die Sinne an. Dabei sind die Bilder die sich ihnen einprägen oft teuflischer Natur, denn der Teufel verwendet die Phantasie als „Organ der Verblendung“. Die Welt gaukelt dem Menschen alles Mögliche vor, vor allem jenes, das ihm nicht gut tut, das, was gegen die göttliche Ordnung verstößt. Darum ist es wichtig zu erfahren, „wie man die Phantasie gebrauchen sollte“.

Nikodemus schreibt deshalb: „du müsstest über deine Phantasie ebenso wachen wie über die äußerlichen Sinne“, eigentlich sogar noch mehr „über unsere Phantasie […] als über unsere Sinne“.

„Leidenschaftsbestimmte Phantasie hat größere Kraft und Gewalt über den Menschen als die Sinne selbst. Hat eine leidenschaftsbestimmte Phantasie einmal vom Menschen Besitz ergriffen, so wird er zum willigen Knecht dieser Vorstellung. Er wird nicht mehr imstande sein zu sehen, obschon er den Sehsinn hat, zu hören, obgleich er Ohren hat, zu riechen oder zu tasten. Obschon er all seine Sinne offen hat, macht er den Anschein, sie verschlossen und vollauf untätig zu halten.“

Vor uns liegt ein leidenschaftliches und geisterfülltes Buch für leidenschaftliche Gottsucher.

Heiliger Nikodemos vom Berg Athos
Ratschläge für das geistliche Leben
– Symboleutikon Enchiridion –
Edition Hagia Sophia 2018
256 Seiten; 19,80 Euro
ISBN: 978-3963210129

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Rom und der Antichrist

Heiliger John Henry Newman über den Antichrist:

Die Verknüpfung Roms mit der Herrschaft und den Taten des Antichrist wird uns in den Kontroversen dieser Tage so oft vor Augen geführt, daß es gut sein wird nach allem, was ich bereits über den letzten Feind der Kirche zu sagen Gelegenheit hatte, nun zu betrachten, was die Prophezeiungen der Schrift über Rom sagen; das will ich versuchen, und zwar wie früher unter der Führung der frühen Väter.

Beachten Sie nun, was über Rom gesagt wird in jener Stelle, die der Engel mit den Worten beschließt, die ich soeben zitiert habe, und was wir daraus ableiten dürfen.

Die große Stadt wird beschrieben unter dem Bild eines Weibes, grausam, ausschweifend und gottlos. Es wird beschrieben als geschmückt und gekleidet in allen weltlichen Glanz und alle Köstlichkeit, in Purpur und Scharlach, in Gold und kostbare Steine und Perlen, vergießend und trinkend das Blut der Heiligen, bis es trunken ward von ihm. Überdies wird das Weib genannt mit dem Namen „Das große Babel“, um zu bezeichnen seine Macht, Reichtum, Profanität, Hochmut, Sinnlichkeit und Verfolgungsgeist nach dem Muster jenes frühen Feindes der Kirche.

Ich brauche hier nicht zu betonen, wie all dies wirklich dem Charakter und der Geschichte Roms entsprach zu der Zeit, als der heilige Johannes davon sprach. Es gab nie ein ehrsüchtigeres, hochmütigeres, hartherzigeres und weltlicheres Volk als die Römer; niemals eines (denn kein anderes hatte solche Gelegenheit), das die Kirche so verfolgte. Christen erlitten unter ihren Händen nach der gewöhnlichen Berechnung zehn Verfolgungen, und darunter schauerliche, insgesamt sich ausdehnend über 250 Jahre. Die Zeit würde einem mangeln, wollte man einen Bericht von den Qualen geben, die sie von Rom erlitten, so daß die Beschreibung des Apostels hinterher als Prophezeiung so vollkommen erfüllt wurde, wie sie zu ihrer Zeit als historischer Bericht genau war und stimmte.

Diese schuldige Stadt, vom heiligen Johannes als ein verlorenes Weib dargestellt, soll sitzen auf „einem scharlachfarbenen Tiere, voll von Namen der Lästerung, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern“.

Hier werden wir von der prophetischen Beschreibung zurückverwiesen auf das 7. Kapitel des Buches Daniel, in dem die vier großen Reiche der Welt angedeutet werden unter den Gestalten von vier Tieren, einem Löwen, einem Bären, einem Leoparden und einem namenlosen Ungeheuer, „verschieden“ von den übrigen, „furchtbar und schrecklich und über die Maßen stark“, „und es hatte zehn Hörner“.

Dieses sicherlich ist genau dasselbe Tier, welches der heilige Johannes sah: die zehn Hörner sind seine Kennzeichen. Nun ist aber dieses vierte Tier in Daniels Vision das Römische Imperium. Deshalb ist „das Tier“, auf welchem das Weib saß, das Römische Imperium. Und das stimmt ganz genau zusammen mit der wirklichen Lage in der Geschichte; denn von Rom, der Herrin der Welt, kann man wohl sagen, daß sie sitze auf dieser Welt, die sie unterworfen und gezähmt und zu ihrer Kreatur gemacht habe, und im Triumph sich von ihr tragen lasse.

Weiter erklärt der Prophet Daniel, die zehn Hörner des Tieres seien „zehn Könige, die sich erheben werden“ aus dem Imperium heraus. Damit stimmt der heilige Johannes überein, wenn er sagt: „Die zehn Hörner, welche du gesehen hast, sind zehn Könige, die das Reich noch nicht empfangen haben, aber wie Könige werden sie eine Zeit Macht empfangen mit dem Tier.“ Überdies sagt Daniel in einer früheren Vision, das Imperium sei dazu bestimmt, „geteilt“ zu werden, „zum Teil stark, zum Teil gebrochen“ (Dan 2,49f.).

Weiter noch, dieses Imperium, das Lasttier des Weibes, sollte sich am Ende gegen sie erheben und sie verschlingen, wie ein wildes Tier sich erheben mag gegen seinen Wärter; und es sollte dieses tun in der Zeit seiner geteilten oder vervielfältigten Existenz. „Die zehn Hörner, die du gesehen hast, und das Tier werden die Hure hassen und sie wüst machen und bloß und werden ihr Fleisch essen und sie mit Feuer verbrennen.

Das sollte das Ende der großen Stadt sein. Schließlich sollten drei der Könige, vielleicht alle, von dem Antichrist unterjocht werden, der plötzlich auftreten soll, während sie noch in Macht sind. Denn so ist der Gang der Prophezeiung Daniels:

Nach denselbigen aber wird ein anderer aufkommen, der wird gar anders sein als die vorigen und wird drei Könige demütigen. Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten verstören und wird sich unterstehen, Zeiten und Gesetze zu ändern. Sie werden aber in seine Hand gegeben werden eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit.

Diese Macht, die über die zehn Könige sich erheben sollte, ist der Antichrist, und ich möchte, daß Sie beachten, wie Rom und der Antichrist in der Prophezeiung einander gegenüberstehen. Rom soll fallen, bevor der Antichrist sich erhebt, denn die Könige haben Rom zu zerstören, und der Antichrist soll dann erscheinen und die zehn Könige ersetzen. Soweit wir nach den Worten zu urteilen wagen, scheint dieses klar zu sein. Erstens, der heilige Johannes sagt:

Die zehn Hörner werden hassen und verzehren“ das Weib; zweitens, Daniel sagt: „Da ich aber die Hörner schaute, siehe, da brach hervor zwischen denselbigen ein anderes, kleines Horn, vor welchem (oder durch welches) drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden.

Jetzt aber wollen wir betrachten, wieweit diese Prophezeiungen erfüllt worden sind und was davon noch nicht erfüllt zu sein scheint…

Lesen Sie das Buch: Der Antichrist

John Henry Kardinal Newman
Der Antichrist nach der Lehre der Väter
Verlagsbuchhandlung Sabat 2019
176 Seiten; 14,95 €
ISBN: 978-3-943506-68-6

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Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie

Autor: Adolphe Tanquerey

Bei seiner Ansprache anlässlich des Weihnachtsempfangs für die römische Kurie am 21. Dezember 2018 übergab Papst Franziskus den Anwesenden ein Buch-Geschenk mit den Worten: „Es ist ein Klassiker: Das Kompendium der aszetischen und mystischen Theologie von Tanquerey. Ich glaube, dass sie gut ist. Man lese nicht alles in einem Zug durch, sondern suche im Inhaltsverzeichnis nach einzelnen Themen: diese Tugend, jene Haltung oder eine andere Sache. Es wird gut tun für die innere Reform eines jeden von uns und für die Reform der Kirche.“

Adolphe Tanquerey wurde am 1. Mai 1854 in Blainville in der Normandie, im äußersten Norden von Frankreich, geboren. Gestorben ist er in Südfrankreich, in Aix-en-Provence, am 21. Januar 1932. Er war Mitglied der Sulpicianer, einer Priester-Kongregation, die 1642 von Jean-Jacques Olier, dem Pfarrer von Saint-Sulpice in Paris, gegründet worden war.Ihr Ziel bestand darin, in Seminaren für eine gute Priesterausbildung zu sorgen.

Sein Theologiestudium absolvierte Tanquerey einige Jahre in Rom, wo er den Doktorgrad in Theologie erwarb. Die Priesterweihe empfing er 1878. Er wirkte als Professor für Dogmatik und Moraltheologie, u. a. in Baltimore (USA), sowie als Oberer in Häusern seiner Kongregation. Ab 1902 lehrte er in Paris (Saint-Sulpice), und ab 1907 in Issy. Ebenso wurde er dazu bestimmt, als Leiter der Sulpizianer-Novizen (1915-26) die eigenen Mitglieder auszubilden und zu formen. Zuletzt lebte er in Aix-en-Provence.

Auch als geistlicher Schriftsteller machte sich Adolphe Tanquerey einen Namen. Als seine beiden wichtigsten Werke, die, gestützt auf Thomas von Aquin und Alfons von Liguori, eine weite Verbreitung fanden, gelten die „Synopsis theologiae dogmaticae“ und die „Synopsis theologiae moralis et pastoralis“. Sein bekanntestes Werk ist jedoch sein „Précis de théologie ascétique et mystique“, der „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ (deutsch 1935).

Bei diesem Kompendium der aszetischen und mystischen Theologie handelt es sich nicht um ein geschichtliches Lehrbuch. Vielmehr ist es in der Beschreibung der Schulen der geistlichen Wissenschaft, angefangen bei den Kirchenvätern bis hin zu Alfons Maria von Liguori praktisch orientiert. Auch wenn Tanquerey eine gewisse Vorliebe für die Geistesrichtung der französischen Frömmigkeitsschule zeigt, so ist er keineswegs einseitig. Er ist darauf bedacht, ein Gesamtbild der geistlichen Lehre vorzulegen, – geeignet und geschaffen für das tägliche Leben.

Aszetische Theologie will „Heilige gestalten“, sie lehrt das „Wesen der Heiligkeit und die Mittel, die zu ihr führen“. Aszese will die Menschen zur christlichen Vollkommenheit führen. Dabei bezeichnet das aus dem Griechischen stammende Wort „jede mühevolle Handlung, die sich auf die körperliche oder sittliche Erziehung des Menschen bezieht“.

Die mystische Theologie bezeichnet genau jene Wissenschaft, in der die Aszetik die erste Stufe zur Vollkommenheit bildet. Sie führt in ihrem weiteren Verlauf bis zur Schwelle der Beschauung. Mystik meint hier den Einigungsweg mit Gott. Dazu, den Menschen diesen Weg aufzuzeigen, dient das vorliegende Werk des französischen Theologen Adolphe Tanquerey.

Akribisch erläutert er Begriffe und Grundsätze. So erklärt er das Gebet für Anfänger, spricht über die Sünden und ihre Abtötung, geistliche Kämpfe und Versuchungen. Der geistliche Lehrer Tanquerey bleibt jedoch nicht dabei stehen. Er führt jene, die ihm auf diesem Weg folgen, der zur Vereinigung mit Gott führen kann, über die körperlichen und geistigen Anstrengungen hin auf jenen Weg, der für Fortgeschrittene dienlich ist. So erklärt er nun den „Weg der Erleuchtung“, der mit Hilfe der göttlichen Tugenden begangen werden kann. Nicht verschwiegen werden jene Kämpfe, die durch das Wiederaufleben von Hauptsünden angegangen werden müssen. Besonders die Lauheit wird hier zu einem großen Widersacher. Dabei ist die Unterscheidung der Geister ein wichtiges Korrektiv. Im dritten Teil des Buches wird der „Weg der Einigung“ beschrieben.

Wenn Tanquerey das Gebet behandelt, welches er als Erhebung der Seele zu Gott bezeichnet, zitiert er die heilige Therese von Avila mit den Worten: „Der einzige Ehrgeiz desjenigen, der sich mit dem Gebet zu beschäftigen beginnt, soll im ernsten Bestreben liegen, seinen Willen dem göttlichen gleichförmig zu machen.“ Denn, so sagt sie, „darin besteht voll und ganz die höchste Vollkommenheit, die man auf dem geistlichen Wege erreichen kann. Je vollkommener diese Gleichförmigkeit ist, desto mehr empfängt man von Gott und desto schneller kommt man auf diesem Wege vorwärts“. Danach beschäftigt sich der Autor ausführlich mit dem Gebet: seinem Wesen, seiner Wirksamkeit als Mittel, um zur Vollkommenheit zu gelangen, sowie der „Art und Weise, unser Leben in ein andauerndes Gebet zu verwandeln“.

Der „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ ist, wie Papst Franziskus sagte, „ein Klassiker“. Darin enthalten ist die reine katholische Lehre. Allein sie führt die Menschen zum Heil durch den Heiland, Jesus Christus – nicht die Suche in fernöstlichen Meditationsformen. Die Kirche hat schon immer reichliche Mittel zur Heiligung angeboten. Diese auch zu benützen liegt an der Freiheit jedes Einzelnen. Dazu bedarf es einer inneren Gesinnung. Diese zu erwecken möge das Gebet verhelfen, das der Autor am Ende des Buches niederschreibt: „O Jesu vivens in Maria“.

„O Jesus, der du in Maria lebst,
komm und lebe in meiner Seele.,
durch deinen Geist der Heiligkeit,
durch die Fülle deiner Macht,
durch die Vollkommenheit deiner Wege,
durch die Wahrheit deiner Tugenden,
durch die Teilnahme an deinen Geheimnissen,
siege in mir über alle feindliche Macht,
durch deinen Geist,
zur Ehre deines Vaters.“

Adolphe Tanquerey
Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie.
Deutsch, Paris, Tournay, Rom 1935,
Nachdruck 2020 durch Sarto Verlag.
1136 Seiten; 29 Euro
ISBN: 978-3964060303

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Als ob jemand seinen Arm um meine Schultern legt

Geneviève Duboscq (1933–2018) ist in Deutschland fast unbekannt – dafür ist sie in Frankreich umso bekannter: Vor allem als Heldin des sogenannten D-Day, als die Alliierten im Juni 1944 in der Normandie landeten.

Die Eltern lebten mit Geneviève und ihren Geschwistern in Saint-Mère-Eglise (Manche). Die Mutter war eine Bahnwärterin auf der Strecke von Paris nach Cherbourg, der Vater ein Straßenhändler.

Geneviève Dubosq war erst zwölf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern die Ankunft der Amerikaner erlebte. Die Ereignisse der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 brennen sich wie Bilder in das Herz des Mädchens ein. Sie sieht, wie die Fallschirmjäger nicht auf festem Boden landen, sondern in tiefe Sümpfe stürzen. Viele Soldaten der Luftlandedivision ertrinken. Andere, die in ihre Fallschirmen verwickelt sind, werden von deutschen Soldaten erschossen. Genevièves Eltern lassen sich vom Mut ihrer Tochter anstecken; alle helfen gemeinsam den amerikanischen Soldaten und behandeln sie trotz großer Gefahr für ihr eigenes Leben.

Ein Jahr nach den Landungen am D-Day gerät ihr Bruder beim gemeinsamen Spiel auf eine Mine. Er stirbt sofort, sie wird schwer verletzt. Für fünf Jahre ist sie fast ständig im Krankenhaus. Sie hat ein Auge verloren und in ihre Beine sind hunderte Metallstücke eingedrungen. Unzählige chirurgische Eingriffe und Operationen muss sie über sich ergehen lassen. Mit denselben Beinen wird diese erstaunliche Persönlichkeit Jahre später noch Aufsehen erregen, als sie sich auf den Fußweg ins Heilige Land aufmachte.

Die Geschehnisse verarbeitet Geneviève, indem sie ihre Erfahrungen notiert. Was geschehen ist, wird bekannt – sogar bei der Regierung der USA. So kommt es, dass die US-Präsidenten Ronald Reagan, Bill Clinton und Barack Obama sie anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten des D-Day in Frankreich einladen. Geneviève Duboscq ist ihr persönlicher Gast.

Im Jahr 1978 veröffentlicht sie ihre Kindheitserinnerungen mit den Ereignissen des Juni 1944. Das Buch „Bye-bye Geneviève“ wird ein Bestseller.

Fünfzehn Jahre nach dem Krieg wird Geneviève ihr fünftes Kind zur Welt bringen. Leider ist der Junge von einer unheilbaren Krankheit betroffen. Geneviève fordert Gott und sich selbst heraus und verspricht: Wenn Noël überlebt, wird sie nach Jerusalem pilgern. Ihr Sohn wurde am 24. Dezember 1959 geboren – und überlebt.

1965 begann eine abenteuerliche Reise, als sie sich wie eine mittelalterliche Pilgerin auf den Weg nach Jerusalem machte. Mit dabei hatte sie nur einen Esel, aber kein Geld. Sie war abhängig vom Wohlwollen und der Milde der Menschen, denen sie auf der Straße begegnete. Bei dieser 4 000 Kilometer langen Pilgerreise entstand ihr zweites Buch: „Und Gott rettete meinen Sohn“.

Nachdem sich eine Alzheimer-Krankheit Geneviève Duboscqs bemächtigte, ihre Sinne trübte und die körperlichen Aktivitäten lähmte, musste sie ihrem hohen Alter Tribut zollen. Sie starb am 28. Februar 2018 im Alter von 85 Jahren.

Aus dem Buch „Und Gott rettete meinen Sohn“:

Die Beichte:

„Um vier Uhr morgens wird die Türe aufgemacht. Ein Franziskanerpater wird die erste Messe lesen. Ob ich mitfeiern wolle? Aber sicher, aber davor möchte ich noch beichten. Ich nehme den ganzen Mut, der mir noch geblieben ist, zusammen und bitte den Priester darum, der einwilligt, vielleicht ein wenig überrascht, aber er lässt sich nichts anmerken. Ich werde vom Weinen geschüttelt und habe Mühe, ihm darzulegen, wie es um mich steht. Aber der Priester macht mir mit einfühlsamen Worten klar, dass ich nicht die Erste bin, der es so ergeht. Und er fügt die Worte hinzu, die ich nie vergessen werde: »Das ist so, wenn Gott einem seiner Kinder einen Auftrag gibt. Er möchte ihre Seelen prüfend darauf vorbereiten. Bewahren Sie Ihre Ruhe, diese Prüfung geht vorbei. Es wird alles in Ordnung kommen.« Als ich aus dem Beichtstuhl gehe, habe ich die starke Empfindung, als ob jemand seinen Arm um meine Schultern legt und mir beim Aufstehen hilft – ich schaue mich um. Ich kann niemand sehen und dennoch spüre ich diesen Arm, der mich stützt, wie ich es auch selbst oft mache, wenn ich einem Kranken aufhelfe. Diese wohltuende Empfindung lässt nach, als ich in einer Bank knie und auf den Beginn der Messe warte.“

Geneviève Duboscq:
Und Gott rettete meinen Sohn
Patrimonium-Verlag 2020
364 Seiten; 22,80 Euro
ISBN: 978-3864171260
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Geneviève Duboscq:
Bye Bye Geneviève. Die Kriegserlebnisse einer Zwölfjährigen im Jahr 1944
Patrimonium-Verlag 2019
300 Seiten; 22,80 Euro
ISBN: 978-3-86417-123-9
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„Weckt eure Liebe auf!“

Das aktuelle deutschsprachige Buch von Kardinal Sarah trägt den Untertitel:

„Exerzitien für Ehepaare“

„In der natürlichen Schöpfungsordnung gleicht jede Ehe einem kostbaren Kelch denn Gott ist ihr Urheber.“ Wie der Kelch des eucharistischen Opfers, „wird die Ehe, diese natürliche und von Gott geschaffene und gewollte Wirklichkeit, die im Kelch ihr Abbild findet, zur Würde des Sakramentes erhoben.“

Kardinal Sarah sieht und betrachtet im ersten Teil seines Buches die Gemeinschaft der Ehepartner in Christus. Er erläutert, wie die Ehe als „Wirklichkeit des Bundes im Herrn und Schöpfer alles Guten“ ihren Ursprung und ihren „wahren Grund und ihr Ziel“ findet.

Im zweiten Teil betrachtet Sarah die Ehe und die Ehepartner im Lichte der Herausforderungen unserer Zeit. Er spricht von Kampf, von Opfer und Furcht. Auch Martyrium und Heiligkeit sind Begriffe, die er verwendet. Hierbei zeigt er auf, dass die Ehe, wenn sie im Sakrament Christi gegründet ist, jene Gnadengaben erhält, die nicht nur persönliche Schwierigkeiten auszuräumen, sondern sogar in einer Welt bestehen kann, in der die Werte unseres Glaubens verleumdet und verachtet werden.

Es folgen zwei Anhänge, wobei der erste dem Gebet der Ehepartner gewidmet ist. Der Kardinal gibt eine Einführung und erläutert, wie er sich vorstellen kann, dass Eheleute miteinander beten. Für jeden Wochentag liefert er Gebets-, Schrift- und Betrachtungs-Texte. Das folgende, besondere Gebet, beendet die tägliche gemeinsame Gebetszeit:

O Gott, wir kommen zu dir.
Leite du uns nach dem Willen Gottes.
Mach uns fähig. Eheleute und Eltern nach dem Herzen deines Sohnes zu sein.
Gewähre, dass sich unsere Vereinigung jeden Tag vertieft.
Gib uns ein Herz, das unseren Ehegatten, unsere Kinder und unseren Nächsten immer mehr liebt.
Bewahre uns in der Treue zum Wort Gottes.
Erneuere in uns die Gaben des Heiligen Geistes.
Mögen wir immer das Herz des Armen haben, das uns nur zu Gott hinführt.
O Maria, bewahre uns vor allem Bösen, besonders in der Stunde unseres Todes. Amen.

Robert Kardinal Sarah.
Weckt eure Liebe auf! – Exerzitien für Ehepaare
fe-medienverlag 2021
152 Seiten; 12,90 Euro
ISBN: 978-3863573041

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Untergang des zweiten Rom

Konstantinopel, 29. Mai 1453

Fast 1000 Jahre nach dem Untergang des weströmischen Reiches fallen Ostrom und das Morgenland an Sultan Mehmed, während das Abendland zu Europa wird, mit einem dritten Rom als neuem Nachbarn im Osten.

Ein enger Gang führt dahinter zu einer schmalen Treppe, auf einen zweiten Flur hoch, zu einem engen ummauerten Balkon hinaus, von wo wir eine ferne Rauchwolke über dem Meer zum Himmel hochsteigen sehen. Das ist Byzanz. Da hinten brennt Konstantinopel. Das ist das Ende des zweiten Roms Kaiser Konstantins, sein neues Jerusalem, wo Staat und Kirche wie nirgendwo sonst mehr in Europa zur fast vollständigen Deckung gekommen sind – wenn auch in einer klaren Hierarchie: unter der Herrschaft der Selbstherrscher und Kaiserpäpste, und einer bestechend einfachen Staatsdoktrin. Wer innerhalb dieses Reiches lebt, gehört zum Volk Gottes. Hier geht es zugrunde.

Denn nun ist Sultan Mehmed gerade in die Schöne eingedrungen. Hinter den Mauern geht es apokalyptisch zu, das Wehgeschrei nimmt kein Ende. Janitscharen vergewaltigen in der Hagia Sophia die schönsten Nonnen der Stadt und besaufen sich mit Messwein auf dem Altar.

Der letzte Kaiser Ostroms ist nur noch an seinen goldenen Adlerschuhen unter Bergen von Gefallenen zu identifizieren. Auch er heißt wieder Konstantin – wie sein Vorgänger, der das christliche Rom 1100 Jahre zuvor begründet hat.

„Menschen von allen Seiten strömten der großen Kirche zur Heiligen Weisheit zu“, heißt es dazu in einem Bericht über den letzten Tag, bevor die Mauern Konstantinopels brachen.

„Kaum ein Bürger, mit Ausnahme der Soldaten auf den Mauern, blieb dem verzweifelten Bittgottesdienst fern. Priester, in deren Augen die Union mit Rom eine Todsünde war, raten an den Altar, um zusammen mit ihren unionistischen Brüdern die Messe zu zelebrieren. Jedermann war gekommen, um die Beichte abzulegen und das Abendmahl zu empfangen, ohne zu achten, ob der Priester ein Orthodoxer oder ein Katholik war. Die goldenen Mosaiken mit den Abbildern Christi schimmerten im Licht von tausend Lampen und Kerzen. Unter ihnen bewegten sich zum letzten Mal die Priester in ihren herrlichen Messgewändern im feierlichen Rhythmus der Liturgie. In diesem Augenblick war die Kirche geeint.“

Einen Tag später war die alte Schwester des Westens gefallen.

Seit diesem 29. Mai 1453 wird „Europa“ zum Namen für das alte Abendland.

Und Konstantinopel wird zu Istanbul, zur „Hohen Pforte“ der islamischen Welt.

Im alten Morgenland erklärt aber kurz danach der Mönch Filofej das kerzenknisternde, ikonenschimmernde und hölzerne Moskau vor dem Ural zur Nachfolgerin Konstantinopels: zum „dritten Rom“.

Von diesem Tag an werden Rom und Moskau zu den eifersüchtigsten Nebenbuhlerinnen um das Herz Europas: das neue Byzanz im Osten, wo die Kirche seit Theodosius eine Sklavin der Herrscher war, und das alte Rom im Westen, wo die Kirche seit Ambrosius ein Widerpart aller Herrscher ist.

Moskau, die neue Dame im Europäischen Haus! Es ist noch keine sechshundert Jahre her, dass die ersten slawischen Völker – denen Moskau nun vorsteht – im Auftrag zuerst des Kaisers von Byzanz und dann der Päpste von Bayern und Mähren her zum Christentum bekehrt worden sind. Das hatten zwei Griechen fast ganz allein besorgt, die beiden Brüder Kyrillos und Methodios, und auch sie wieder, wie vorher schon die Iren unter den Franken, mit dem wichtigsten kulturellen Instrument jener Zeit überhaupt unter dem Arm: mit dem Buch.

Für die schriftlosen Slawen haben sie dafür eigens eine neue Schrift entwickelt, die bald für den Osten so bedeutend wird, wie es die Regel des Benedikt für den Westen schon geworden ist. Wie ein Kontrastmittel zeichnet seitdem das griechische und kyrillische neben dem lateinischen Alphabet die Texte und Landkarte einer einzigartigen Konfliktgeschichte zwischen Ost und West in Europa. …

(Aus: Paul Badde. Abendland)

Paul Badde
Abendland
Die Geschichte einer Sehnsucht
FE-Medienverlag 2020
ISBN: 978-3863572907
464 Seiten; 17,80 Euro

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Entweder mit Jesus Christus oder gegen Jesus Christus

Der heilige Bischof Ezequiel Moreno y Diaz, geboren am 10. April 1848 in Alfaro in Spanien, war Mitglied im Orden der Augustiner, den seine Ordensoberen zuerst auf die Philippinen und dann nach Kolumbien gesandt haben. Im Süden des Landes wurde er 1895 Bischof von Pasto in den Anden. Als er wegen schwerer Krankheit nach Spanien zurückkehren musste, starb er dort am 19. August 1906. Sein Gedenktag ist am 19. August.

Bischof Ezechiel Moreno y Díaz trug nicht nur zur Überwindung des Bürgerkrieges in Kolumbien bei. Vor allem zeichnete er sich als entschiedener Verteidiger des katholischen Glaubens aus; sowohl nach außen wie nach innen.

Tatsächlich gab es innerkirchlich Bestrebungen, neue politische und gesellschaftliche Lehren, wie den Liberalismus, verteidigen zu müssen und als Notwendigkeit anzusehen, auch für die katholische Kirche. Hierbei fühlen sich Katholiken in Deutschland daran erinnert, dass es auch hier starke Bestrebungen gibt, die Kirche zu politisieren, ja, sie gängigen politischen Bestimmungen unterzuordnen. Zu den größten Befürwortern und Förderern solcher Ansichten und Bestrebungen gehören Priester und Bischöfe.

Was wir in der katholischen Kirche benötigen sind nicht nur Gläubige, die fest im kath. Glauben verwurzelt sind, beten und die Sakramente empfangen. Vor allem ist notwendig, dass sich Priester und Bischöfe bekehren und wieder zu den Grundfesten zurückkehren, auf denen die Kirche erbaut wurde.

In schwieriger Zeit und unter heftigen Angriffen hat der „heilige Bischof aus den Anden“ vorgemacht, wie der Glaube verteidigt und das religiöse Leben des Volkes wieder erneuert werden kann:

„Es handelt sich nicht um den Kampf bis aufs Blut, und ich rufe nicht dazu auf. Dass es doch nie so weit kommen möge! Ich sage nur, dass angesichts der Verbreitung des Liberalismus und seines Hochmuts und seiner Arroganz wir alle, Hohe und Niedere, Kleriker und Laien, Junge und Alte, Reiche und Arme, Männer und Frauen dazu verpflichtet sind, unseren Glauben nach der Möglichkeit eines jeden einzelnen mit erlaubten Mitteln zu verteidigen und gegen den Liberalismus zu kämpfen, seine Verbreitung zu verhindern und seinen Werken und Lehren möglichst ein Ende zu bereiten.“

In einem Rundschreiben antwortete der Bischof seinen Kritikern und zeigt den rechten Weg. Ezechiel Moreno y Díaz schrieb: „Möge Gott geben, dass dieses Schreiben bei euch die heilsamen Ergebnisse zeitigt, die ich beabsichtige und wünsche“.

Auszüge aus diesem Rundschreiben von Bischof Ezechiel Moreno y Díaz:

entweder-mit-oder-gegen-jesus-christus

Konstantin Stäbler
Der heilige Bischof aus den Anden
196 Seiten; 13,99 Euro
ISBN: 978-3753420042

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