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Pater Pio – Sein Leben, Lieben und Leiden

Vor 50 Jahren, am 23. September 1968, ist Pater Pio gestorben. Dass er ein Heiliger war, haben schon unzählige Menschen zu seinen Lebzeiten erfahren, zum Teil sind vielfältige Wunder an ihnen geschehen. Inzwischen wurde Pater Pio schon längst heiliggesprochen. Man sagt, er sei der bekannteste Heilige.

Doch der Kapuzinerpater aus Italiens Süden wurde nicht immer so beachtet wie heute. Vielmehr erging es ihm wie schon vielen anderen Heiligen vor ihm, die in ihrem Erdendasein oft verachtet, nicht ernstgenommen, verspottet und der Lüge und des Betrugs bezichtigt wurden. Dem jungen Kapuziner Pater Pio erging es nicht anders, besonders seit er die Wundmale Christi, die Stigmata, an seinem Leibe empfangen hatte. Im Verlaufe vieler Jahre wurde er unzähligen Untersuchungen und Prüfungen unterworfen; sowohl theologischen wie medizinischen. Monsignori aus dem Vatikan und viele Mitbrüder des Kapuzinerordens waren oft mehr als skeptisch. Der Verdacht des Betrugs stand stets im Raum. Es ging soweit, dass man dem frommen Kapuziner verbot, offen die Sakramente zu spenden. Er durfte über Jahre hinweg nur privat zelebrieren und keine Beichten hören. Heute weiß jedes Kind, dass Pater Pio ein Heiliger des Beichtstuhls gewesen ist.

Obgleich in den letzten Lebensjahren Pater Pios keine negativen Stellungnahmen von Seiten des Vatikan geäußert wurden, vielmehr reichlich Bischöfe nach San Giovanni Rotondo reisten um sich zusammen mit ihm auf einem Foto zu schmücken, so gab es doch erhebliche Kritik an ihm. Ganz besonders wieder in den Jahren seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Allzusehr schien ihnen der mystisch begnadete und stigmatisierte Kapuziner jenes Kirchenbild zu verkörpern, das sie glaubten, gerade überwunden zu haben. So erinnert sich der Rezensent allzu gut an jene Jahre unmittelbar nach dem Konzil, da gerade so mancher deutsche und moderne Kapuziner ein Füllhorn der Häme und des Schmutzes über Pater Pio ausgoss. Da begann gerade der Abschied vom Beichtsakrament. Was sollte man also mit einem anfangen, der „gleich dem Pfarrer von Ars“ im Beichtstuhl in den „Menschenherzen lesen“ konnte.

Leider gab es in jener Zeit wenig wirklich gute Literatur zu Pater Pio. Von ihm wurde hauptsächlich in Kirchenblättchen berichtet, die, weil oft nur frömmlerisch daherkommend, nicht für ernst genommen wurden oder reißerisch daherkamen, wie etwa eine damalige kirchliche Wochenzeitung. Um so dankbar waren viele, als der deutsche Franziskaner Pater Ferdinand Ritzel (1922–1981) sein Pater-Pio-Buch veröffentlichte (P. Ferdinand Ritzel OFM. Pater Pio – Seine geistliche Gestalt – Sein weltweites Wirken. Credo-Verlag-Wiesbaden 1970). In diesem Buch wurde erstmals wirklich systematisch das Leben des Kapuziners vorgestellt, seine Berufung und seine „geistliche Lehre“ gewürdigt.

Dem herausgebenden Media-Maria-Verlag gilt mein besonderer Dank für die nochmalige Veröffentlichung dieses Buches, das hier unter dem Titel „Pater Pio – Sein Leben, Lieben und Leiden“ zum 50. Todestag des Heiligen erschienen ist. Ferdinand Ritzel beschreibt in seinem Buch, wie er zu Pater Pio kam, den er zweimal besuchen konnte. Er, der nach dem Zweiten Weltkrieg Franziskaner wurde und 1951 von Kardinal Faulhaber die Priesterweihe erhielt, fand in der Mystik „die eigentliche Sinngebung seines Ordenslebens“. Somit hatte er einen besonderen Zugang zum Geschehen in San Giovanni Rotondo und zu Pater Pio.

Der Autor Ritzel konnte, befähigt durch seinen persönlichen Kontakt sowie sein umfangreiches Studium der vorhanden Dokumente zu Pater Pio (auch jene zur Einleitung des Seligsprechungsprozesses), eine eindrucksvolle Biografie vorlegen, die unübertroffen ist.

Pater Pio ist bis heute der einzige stigmatisierte Priester, was manchen erstaunen dürfte. In seinen letzten Lebenstagen verminderten sich die Blutungen der Wundmale an seinem Leib. Bei seiner letzten Heiligen Messe fielen Schuppen von seinen Händen; das konnte jeder sehen. Als er am nächsten Tag, am 23. September 1968, morgens um 2.30 Uhr starb, waren alle Wunden verschlossen und keine Narbe ist zurückgeblieben.

Pater Ferdinand Ritzel sagt über den stigmatisierten Kapuziner: „Pater Pio ist mir wahrhaft Vater meiner Seele.“ Hier begegnet uns der Begriff der „Seelenführung“, der heute gänzlich aus dem Gebrauch gekommen ist. Was Pater Pio unter „Seelenführung“ verstand und wer überhaupt Seelenführung nötig hat, mag den Leser erstaunen.

Pater Pio „war davon überzeugt, dass die Notwendigkeit eines erfahrenen Seelenführers in dem Maße wächst, wie sich die Seele Gott nähert. Anfänger, die sich nie über eine gewisse Gewöhnlichkeit und Mittelmäßigkeit emporschwingen, brauchen keinen Seelenführer. Sie würden ihm mit dem Schwergewicht ihrer geistlichen Trägheit zur Last fallen. Aber je mehr man auf den Wegen Gottes voranschreitet, desto mehr wird das Thema Seelenführung aktuell. Bei Pater Pio war es in den letzten Jahren so gewesen, dass er seinen Beichtvater beständig in seiner Nähe hatte, um von ihm Licht und Weisung zu erbitten, wenn Gott ihm das Licht für seine eigene Seele vorenthielt. – Pater Pio verstand die Seelenführung als Frucht wahrhaft apostolischen Geistes, der einen jeden Priester erfüllen sollte, und als einen Dienst, den der Priester den Seelen guten Willens zu leisten hat.

Als Rezension erstveröffentlicht bei CNA

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P. Ferdinand Ritzel OFM
Pater Pio – Sein Leben, Lieben und Leiden
Verlag Media Maria 2018
352 Seiten; 18,95 Euro
ISBN 978-3945401897

 

 

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† 23. September 1968 – Die Schulterwunde des Pater Pio

Der polnische Kardinal Deskur, ein Freund des späteren Papst Johannes-Paul II. berichtet von einer Begegnung des jungen Bischofs Karol Józef Wojtyła bei Pater Pio in San Giovanni Rotondo. Der Bischof habe ihn gefragt, so berichtet der Kardinal, welche Wunde, welches der Stigmata ihm am meisten wehtue. Überzeugt, er würde, auf die Herzwunde hinweisen, war Wojtyła sehr überrascht, als Pater Pio zu ihm sagte: „Nein, am meisten tut mir das an der Schulter weh, von dem niemand etwas weiß und um das sich auch niemand kümmert.

Es existiert das Zeugnis, welches ein Laienbruder des Kapuzinerklosters in San Giovanni Rotondo gegeben hat. Pater Pio vertraute einmal Bruder Modestino Fucci an, dass einer seiner größten Schmerzen derjenige sei, wenn er sein Unterhemd wechselte. Bruder Modestino berichtet, dass das Gespräch in jener Zelle, die der stigmatisierte Ordensmann die meiste Zeit über bewohnte, stattfand. Auch er dachte, wie der spätere Papst Johannes-Paul II., dass der Schmerz durch die Wunde, die er an der Brust hatte, verursacht würde.

Erst drei Jahre nach dem Tod des „Heiligen vom Gargano“, am 4. Februar 1971, versteht Bruder Modestino richtig. Der Vorsteher des Klosters hatte ihn beauftragt, er solle die Kleidungsstücke Pater Pios und all dasjenige, was er benutzt hatte, in eine dafür vorgesehene Verpackungen bringen und diese versiegeln. Dabei fällt ihm ein wollenes Unterhemd in die Hände, das der Pater mit den Stigmata benutzt hatte. Er bemerkt „ein unverkennbares Zeichen eines kreisförmigen Blutfleckes von etwa zehn Zentimetern Durchmesser am einen Ende der rechten Schulter, in der Nähe des Schlüsselbeins“.

Der furchtbare Schmerz also, über den Pater Pio klagte, wenn er sich das Unterhemd auszog, konnte somit nur durch diese geheimnisvolle Wunde verursacht worden sein, von der niemand Kenntnis hatte.

Bruder Modestino erinnert sich an ein Gebet zu Ehren der Schulter unseres Herrn, die ihm durch das harte Holz des Kreuzes aufgerissen worden war, das drei seiner heiligsten Knochen freigelegt und ihm dadurch bitterste Schmerzen zugefügt hatte. Wenn also sich bei Pater Pio alle Schmerzen der Passion wiederholt hatten, war nicht auszuschließen, dass er auch diejenigen erlitten hatte, die durch die Wunde an der Schulter hervorgerufen worden waren.

Bruder Modestino ließ es damit noch nicht beruhen. Er sucht das Gespräch mit Pater Pellegrino, der Pater Pio lange Zeit gepflegt hatte. Pater Pellegrino sagte: „Wenn ich etliche Male dem Pater half, das wollene Unterhemd zu wechseln, das er trug, habe ich fast immer, bald auf der rechten und bald auf der linken Schulter, einen kreisförmigen Blutfleck bemerkt.

Bruder Modestino will aber mehr wissen, am besten einen Beweis haben. Darum betete er jeden Abend zu Pater Pio: „Lieber Vater, wenn du wirklich diese Wunde an der Schulter hattest, dann gib mir ein Zeichen dafür.“

Einmal, als er schlief, weckte ihn um fünf nach eins in der Nacht ein plötzlicher, heftiger Schmerz an der Schulter. Er berichtet darüber: „Es war so, als hätte jemand mir mit einem Messer das Fleisch vom Schlüsselbein abgeschabt. Hätte dieser Schmerz noch einige Minuten länger gedauert, dann wäre ich, glaube ich, gestorben. Gleichzeitig hörte ich eine Stimme, die zu mir sagte: ,So habe ich gelitten.‘ Und ein intensiver Duft hüllte mich ein und erfüllte meine ganze Zelle. Ich fühlte das Herz überfließen vor Liebe zu Gott.

Und ich erlebte noch eine seltsame Empfindung: Dieses unerträglichen Leidens beraubt zu sein war mir noch schmerzhafter. Der Körper wollte es wegstoßen, aber meine Seele verlangte danach.

Jetzt hatte ich verstanden!

Verwirrter denn je hatte ich die Gewissheit, dass Pater Pio außer den Stigmata an den Händen, an den Füßen und an der Seite, darüber hinaus die Geißelung und die Dornenkrönung erlitten hatte und jahrelang als ein neuer Simon von Cyrene allen und für alle Jesus geholfen hatte, das Kreuz unseres Elends, unserer Schuld und unserer Sünden zu tragen. Und dieses Hemd trug unauslöschlich das Zeichen dafür!

(Vgl. Andrea Tornielli: Das Geheimnis von Pater Pio und Karol Wojtyla. Verlag Media-Maria 2014)

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Beten vor der unbekannten Schulterwunde des Herrn

Vom heiligen Bernhard von Clairvaux wird überliefert, dass er selbst einmal im Gebet Jesus Christus die Frage stellte, welches sein größter körperlicher Schmerz während der Passion gewesen sei. Jesus soll ihm dazu die folgende Antwort gegeben haben:

„Vom Tragen des Kreuzes hatte ich auf der Schulter eine drei Finger tiefe Wunde und drei bloßgelegte Knochen.
Diese Wunde hat mir mehr Qual und Schmerz bereitet als die anderen.
Bei den Menschen aber ist sie nicht bekannt.
Doch du enthülle dies den getreuen Christen und wisse, dass jede Gnade, die sie durch diese Wunde erbeten werden, ihnen auch gewährt wird.
Und all jenen, die aus Liebe zu mir den Schmerz dieser Wunde erwägen und mich jeden Tagen ehren mit drei Pater noster, Ave Maria und Ehre sei dem Vater, jenen werde ich die lässlichen Sünden verzeihen, ich werde nicht mehr an die schweren Sünden denken, sie werden nicht eines plötzlichen Todes sterben, zum Zeitpunkt des Todes werden sie von der Jungfrau Maria besucht und mit der Gnade werden sie die Barmherzigkeit erlangen!“

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Siehe auch – https://tudomine.wordpress.com/2017/04/07/schulterwunde-des-herrn/

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† 23. September 1968 – Pater Pio, seine Verwundung vom 20. September 1918

Es war am Morgen des 20. des vergangenen Monats auf dem Chor, nach der Feier der heiligen Messe, als mich eine Ruhe überkam, ähnlich einem süßen Schlummer. Alle inneren und äußeren Sinne und selbst die Fähigkeiten der Seele befanden sich in einer unbeschreiblichen Regungslosigkeit. Bei all dem herrschte vollkommene Stille in mir und um mich herum, und darauf folgte sofort ein tiefer Friede und eine Hingabebereitschaft zur vollkommenen Entäußerung sowie ein Ruhen in der eigenen Vernichtung. All das geschah in Blitzesschnelle.

Und während dies alles vor sich ging, sah ich vor mir eine geheimnisvolle Gestalt, ähnlich jener, die ich am Abend des 5. August gesehen hatte. Sie unterschied sich von dieser einzig darin, dass von ihren Händen, den Füßen und der Seite Blut tropfte.

Ihr Anblick entsetzte mich!
Was ich in jenem Augenblick empfand, wüßte ich Euch nicht zu sagen. Ich fühlte mich sterben und wäre auch gestorben, wenn der Herr nicht eingegriffen und mein Herz gestärkt hätte, das mir aus der Brust zu springen drohte.

Die Erscheinung verschwand, und ich merkte, dass meine Hände, Füße und die Seite durchbohrt waren und Blut hervorquoll. Stellt Euch die Qual vor, die ich damals erfuhr und die ich fortwährend, fast täglich, aufs Neue erfahre.

Aus der Herzwunde fließt ständig Blut, besonders vom Donnerstag abend bis zum Samstag. Mein Vater, ich sterbe vor Schmerzen an dieser Qual und an der daraus folgenden Verwirrung, die ich im Innersten der Seele empfinde. Ich fürchte zu verbluten, wenn der Herr nicht das Stöhnen meines armen Herzens erhört und dieses Geschehen von mir nimmt.

Wird mir Jesus, der so gut ist, diese Gnade gewähren?
Wird er wenigstens die Verwirrung von mir nehmen, die ich wegen dieser äußeren Zeichen empfinde?
Laut werde ich meine Stimme zu Ihm erheben und nicht aufhören, ihn zu beschwören, dass er in seiner Barmherzigkeit,
zwar nicht die Qualen und nicht den Schmerz von mir nehme, denn das sehe ich als unmöglich an und fühle, dass ich mich am Schmerz berauschen will, sondern diese äußeren Zeichen, die für mich eine unbeschreibliche und unerträgliche Verwirrung und Demütigung bedeuten.

Die Gestalt (…) führt ihr Werk ohne Unterbrechung fort, zur höchsten Qual meiner Seele.
Ich höre in meinem Inneren ein ständiges Getöse, ähnlich einem Wasserfall, der immer Blut ausströmt.
Mein Gott! Deine Strafe ist gerecht und recht dein Urteil, aber habe schließlich Erbarmen mit mir.
Herr, mit deinem Propheten werde ich immer zu dir sagen: Domine, ne in furore tuo arguas me, neque in ira tua corripias me! [Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn, noch züchtige mich in deinem Grimm. Ps 6,2; 38,1]

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† 23. September 1968 – Pater Pio über eine Geißel seiner Zeit

Einige Tage später, am 22.10.1918 schrieb Pater Pio erneut an seinen Mitbruder Pater Benedetto. Diesmal, auf seine Bitte hin, den Vorgang seiner Verwundung an Händen und Füßen. Doch zuvor geht er auf die Krise seiner Zeit an. Wir befinden uns noch im letzten Weltkriegsjahr 1918.

Die derzeitige Geißel hat in den Plänen Gottes als erstes zum Ziel, den Menschen der Gottheit näherzubringen. Das zweite und unmittelbare Ziel ist, Verfolgungen gegen die Kinder Gottes, die als gerechte Folge des gegenwärtigen Krieges einen Teil dieser Kinder treffen könnte, aufzuheben.

Habt also keine Angst, denn es wird nicht so weit kommen, dass die Ungerechtigkeit die Rechtschaffenheit erdrückt, sondern die Bosheit wird sich selbst ersticken, und die Gerechtigkeit wird triumphieren.

Was soll ich Euch sagen, wenn Ihr mich fragt, wie es zu meiner Kreuzigung gekommen ist?

Mein Gott, welche Verwirrung und Demütigung empfinde ich, wenn ich offenbaren muß, was du in dieser deiner armseligen Kreatur gewirkt hast!

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† 23. September 1968 – Pater Pio nach der Stigmatisation

Am 20. September empfängt Pater Pio die Wundmale Jesu.

Erst im fortgeschrittenen Oktober ist er wieder in der Lage zu schreiben. Während seine Mitbrüder Kapuziner und alle Menschen meinen, er lebe nun wie ein Engel, wie ein Geist und ständig in der Anschauung Gottes, werden sie in seinen Briefen eines Besseren belehrt.

Am 17.10.2018 schreibt er wieder an Pater Benedetto. Es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, wie sich Pater Pios Rede mal an den Adressaten, mal an Gott richtet.

Gott ist meinem Geist unbekannt!
O Heil meiner Seele, wo bist du?
Wo hast du dich versteckt? Wo finde ich dich wieder?
Wo soll ich dich suchen?
O Jesus, siehst d nicht, dass meine Seele dich um jeden Preis fühlen will?
Sie sucht dich überall aber du läßt dich nicht finden, außer wenn du rasend bist vor Zorn und sie mit äußerster Verwirrung und Bitterkeit erfüllst, indem du ihr zu verstehen gibst, was sich für dich ziemt und was dir zukommt.
Wer könnte den Ernst meiner Lage beschreiben?!
Was ich im Widerschein Deines Lichts erkenne, vermag ich mit menschlichen Worten nicht zu sagen, und wenn ich den Versuch mache, stammelnd etwas sagen zu wollen, erkennt die Seele, dass sie sich geirrt und mehr denn je von der Wirklichkeit der Dinge entfernt hat.

O mein Heil, werde ich dich für immer entbehren müssen?!
Ich möchte am liebsten schreien und mich lauthals beklagen, aber ich bin zu schwach, und meine Kräfte spielen nicht mit. Was kann ich also anderes tun, als diese Klage zu deinem Thron aufsteigen zu lassen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? …

Meine ganze Seele ergießt sich über das klare Bild meines Elends!
Mein Gott! Wie soll ich diesem traurigen Anblick standhalten: möge sich der Widerschein deines Strahls von mir zurückziehen, denn ich halte diesen offenen Kontrast nicht aus.
Mein Vater, ich sehe all meine Bosheit und meine Undankbarkeit in ihrem ganzen Umfang: ich sehe den verdorbenen alten Menschen in sich zusammengekauert dahocken, so als wolle er Gottes Abwesenheit mit gleicher Münze heimzahlen, indem er ihm die Rechte verweigert, die ihm unbedingt zustehen. Und welche Kraft dazu notwendig ist, um ihn hochzuziehen!
Mein Gott, mögest du mir bald zu Hilfe kommen, denn ich fürchte mich vor mir selbst, mir boshaftem und undankbarem Geschöpf seinen Schöpfer gegenüber, der es immer vor seinen mächtigen Feinden beschützt hat.

Ich habe deine so erhabenen Gnaden nicht zu nutzen gewußt, und jetzt sehe ich mich dazu verdammt, nur in meiner Unfähigkeit zu leben, niedergebeugt und im Begriff zu entgleisen, während deine Hand über mir immer schwerer und schwerer wird.
Weh mir!
Wer wird mich von mir selbst befreien?
Wer wird mich aus diesem Todeskörper herausziehen?
Wer wird mir die Hand reichen, damit ich nicht von diesem gewaltigen und tiefen Ozean fortgerissen und verschlungen werde?
Werde ich mich damit abfinden müssen, von diesem Sturm, der immer bedrohlicher wird, mitgerissen zu werden?
Werde ich das fiat aussprechen müssen beim Anblick jener geheimnisvollen Gestalt, die mich ganz wund gemacht hat und nicht abläßt von dem harten, bitteren, stechenden und durchdringenden Werk und der Zeit keine Zeit läßt, dass die alten Wunden vernarben, sondern auf diesen schon wieder neue öffnet, und das zur unendlichen Qual für das arme Opfer?

Ach mein Vater, kommt mir zu Hilfe, ich flehe Euch an!
Mein ganzes Inneres regnet Blut, und oft genug ist das Auge gezwungen zuzusehen, wie es auch nach außenhin fließt. Ach, möge diese Qual doch ein Ende haben, diese Strafe, diese Demütigung, diese Verwirrung! Ich kann es nicht länger aushalten und ertragen.

Wieviel möchte ich Euch noch sagen, mein Vater, aber die Flut der Schmerzen erstickt mich und läßt mich verstummen.

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† 23. September 1968 – Pater Pio vor der Stigmatisation

Noch kurz vor seiner Stigmatisation beschreibt Pater Pio am 6. September 1918 in einem Brief an Pater Agostino seinen Zustand, der schon so lange Zeit angehalten hat:

Was ist bloß geschehen?
Satan weicht nicht von meiner Seite mit seinen lebhaften Versuchungen, und ich schaue immer untätig zu, weil ich unfähig bin, mich seiner zu entledigen durch einen Willen, den ich mir energisch wünschte.

Der Feind stürmt weiter vor, weiter und immer weiter und weiter, und er trifft mich im Innersten. Der heilige Gehorsam, der als letzter Pfeiler die zusammenstürzende Burg noch aufrecht hielt, ist nun auch in Gefahr. Mein Gott! …

Was wird mit diesem deinem Geschöpf geschehen?

Die Versicherungen gehen im Sturm der Ängste und der Qualen unter, denn der, welcher allmächtig ist, kann das Licht und den Eindruck des Trostes zerstören, eben weil die Seele in den Qualen bleiben muß, und nach dem Tropfen Honig ist sie gezwungen, den Kelch der bittersten Bitternis an die Lippen zu setzen, um ihn weiter, bis zur Neige, auszutrinken.

O Gott der Liebe, so mögen sich denn deine ewigen und gerechten Ratschlüsse an deiner Kreatur erfüllen, doch laß ihr die Kraft, contra spem [gegen alle Hoffnung] zu hoffen!

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