Christus das Licht

Die Menschen haben ein Gesicht,
ein unwiederbringliches Gesicht verloren,
und wer möchte nicht jener Pilger sein,
der in Rom
das Schweißtuch der Veronika
erblickt und gläubig flüstert:

„Jesus Christus, mein Gott, wahrer Gott,
so also hat dein Gesicht ausgesehen?“

Wüssten wir in Wahrheit, wie es aussah,
so besäßen wir den Schlüssel zu den Gleichnissen
und wüssten, ob der Sohn des Zimmermanns
auch der Sohn Gottes war.

Paulus sah es als Licht, das ihn niederwarf.
Johannes sah es als Sonne,
wenn sie in ihrer höchsten Leuchtkraft steht.
Teresa von Jesus sah es viele Male,
in ein ruhiges Licht getaucht,
und konnte doch nie
die Farbe der Augen genau angeben.

(Jorge Luis Borges, El Hacedor (1960), Paradiso, XXXI, 108
Übertragung ins Deutsche von Paul Badde)

Volto Santo von Manoppello – Foto Paul Badde

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Gedenken an Heinrich Pfeiffer und das Volto Santo

Pater Heinrich Pfeiffer SJ – RIP

22. Februar 1939 – 26. November 2021

P. Heinrich Pfeiffer in San Nicola in Manoppello, 16.11.2004 (Foto Paul Badde)

Erinnerung an Heinrich Pfeiffer aus dem Buch „Das Muschelseidentuch“ von Paul Badde (2004):

Ich kannte das Tuch nun seit Jahren und seitdem auch fast alle Argumente dafür und dawider. Ich hatte Bücher gewälzt, Kataloge geblättert, stapelweise Bolletini und unzählige Fußnoten studiert. Die Argumente für und gegen die Echtheit des Antlitz-Bildes wiederholen sich. Fast kaum ein Besucher, der sich nicht erst einmal an der »Hässlichkeit« des Gesichtes stört, Ellen, meine allerbeste Frau, und meinen Freund Peter eingeschlossen (»grässlich«) – oder auch mein Freund Christian (»grauenhaft«). Und fast alle sind sich zuerst einmal in einem einig: »So nicht!« Ich konnte sie irgendwie alle verstehen.

[…] Und am allerbesten sieht es natürlich ohnehin Schwester Blandina. Kein Mensch in der Geschichte – von der Madonna einmal abgesehen – hat wohl so viele Stunden davor verbracht wie sie in den letzten paar Jahren. »Nein!«, sagt jedoch Pater Lino im Konvent, »ich persönlich – und das können Sie ruhig schreiben – habe gesehen, wie Padre Domenico jeden Morgen um vier Uhr – um vier Uhr! – schon im Gebet vor dem Volto Santo kniete. Er hat mehr Zeit als jeder andere davor verbracht!«

»Stellen Sie sich einmal hierhin«, sagt Blandina einmal wieder zu mir, »hier ist er so besonders schön.« Ich stelle mich an ihre Stelle und sehe ein vollkommen anderes Bild. Weil ich einen Kopf größer bin, sehe ich durch das Bild die Neonleuchte an der Säule dahinter, von der Blandina an der gleichen Stelle gar nichts sieht. Zehn Leute vor dem Tuch sehen alle etwas anderes – alle durch ihren verschiedenen Winkel. Deshalb versperren Fotos auch eher den Weg, als dass sie ihn hierhin ebnen. Es gibt in der Stirn, den Schläfen und unter dem rechten Auge ein inneres helles Blutrot in den Fasern, das fast nur sichtbar wird, wenn es keine direkte Beleuchtung gibt – oder das erst am Computer wieder hervorgeholt werden kann. Dieses Gesicht verlangt nach Ikonen. Es verlangt nach Übersetzungen. Jedes Foto von jedem alten Meister ist wirklichkeitsgetreuer als von diesem changierenden Lichtbild. Es lässt sich nicht vervielfältigen, ebenso wie sich Personen – bisher noch – nicht klonen lassen.

Eines Abends im Dezember drängt mir Schwester Blandina eine schwere Taschenlampe auf, als ich im Dunkel von ihrer Einsiedelei zum Konvent der Kapuziner hinuntergehen will. »Nein«, sage ich, »brauch ich nicht.« »Doch«, sagt sie, »man kann da draußen seine Füße nicht sehen.« »Nein«, sage ich, »ich nehme die Sterne« – und nehme ihre Lampe mit. Am nächsten Morgen bringe ich sie ihr vor dem Heiligen Antlitz zurück, wo wir uns verabredet haben. Ich habe wieder zwei Stühle nach oben geholt; wir schauen uns das Bild an, die Kirche ist wieder menschenleer, Blandina hat die Beleuchtung ausgeschaltet. Draußen regnet es. Da schalte ich die Taschenlampe an und richte den schmalen Lichtkegel auf die Stirn, wandere zu den Augen hinunter, zum Mund. Der Wechsel von statischem zu bewegtem Licht ist verblüffend. Das Bild ändert nicht seine Natur, aber seinen Ausdruck, es ändert völlig das Empfinden des Betrachters. »Oh!«, ruft Blandina, »oh, oh!«

Das hat sie noch nie gesehen, die das Bild doch jetzt schon so lange kennt. Ich reiche ihr die Lampe hin, dann tastet sie das Gesicht mit dem Lichtkegel ab wie Maria Magdalena das Gesicht Jesu abgetastet haben mag, im Leben mit ihren Blicken, bei seinem Tod mit ihren Fingerspitzen. In dem tastenden Licht ist dieser Blick, als gehöre er jemandem, der gerade durch die Mauern in dieses Zimmer getreten ist. So muss er Thomas angeschaut haben.

Und so ähnlich kommt er den Menschen hier zweimal pro Jahr entgegen – wenn das Bild sich jedem, der es anschauen kommt, selber mitteilt: wenn es aus der Kirche in einer Prozession ins Freie tritt.

Die längere dieser Prozessionen findet am dritten Sonntag im Mai statt, die kürzere am 6. August, dem Festtag der Verklärung Christi auf dem Berg Tabor. Beide Male ist es eine Aussetzung des Lichtbildes an natürliches Licht, einmal am hellen Tag, das andere Mal vor der Dämmerung: ein Akt unglaublicher Verlebendigung. […]

Dann wird das Volto Santo aus der Kirche getragen.

Ich warte an der linken Säule des Portals. Sobald das Heilige Gesicht die Kirche verlässt, wechselt es in ein helles Silbergrau gegen den Himmel. Und von nun an wechselt es mit jedem Schritt sein Aussehen, in jeder Kurve. Auf diesem Weg verändert das Bild an jeder Ecke und jeder Biegung des Weges und aus jedem Winkel sein Aussehen – bei strikt gleichbleibender Identität.

»Wie freundlich er doch schaut!«, sagt Ellen an der ersten Kurve, »er hat gelacht, als er aus der Kirche herausgetragen wurde. Hast du das gesehen?« […]

Die Einführung der Prozession war ein genialer Einfall. Denn nur so – im natürlichen Licht – gibt das Bild ja sein volles Aroma frei wie ein geöffneter Flakon sein Parfüm. Früher muss der Kontrast zum Rest des Jahres noch viel intensiver gewesen sein, als sich das »Heilige Antlitz« das ganze Jahr über verborgen in einer schattigen Seitenkapelle der Kapuzinerkirche befand. Bis zur Erfindung Thomas Edisons sah es – in diesem permanenten Dunkel und Dämmer – vermutlich wirklich so dunkel aus wie das Mandylion des Vatikans oder das aus Genua. Keine noch so raffinierte Beleuchtung aber kommt der Steigerung der Erfahrung nahe, die von diesem Gesicht ausgeht, wenn es unterwegs der Sonne im Morgen-, Tages- und Abendlicht ausgesetzt wird. Es ist das wahre Licht dieses Gesichts.

Inzwischen sind wir durch das romanische Löwen-Portal in die San-Nicola-Kirche eingezogen. Pater Pfeiffer zelebriert als Ehrengast aus Rom die Festmesse, in der er vom Paradies predigt, selig, gerötet, immer lächelnd. In diesem Himmelsgarten ist er zwar noch kein Ehrenbürger, wohl aber – seit Jahren schon und immerhin – in Manoppello. Er lädt uns zum Abendessen in einen Landgasthof außerhalb des Städtchens ein, wo er natürlich auch Ehrenkonditionen genießt und die einfache Küche noch eine Ahnung davon vermittelt, dass früher einmal alle Köche der Päpste Abbruzzeser zu sein hatten.

[PB] »Pater Pfeiffer […] ich hatte noch ein paar Fragen vergessen. Wenn es wirklich wahr ist, dass in diesem kleinen Abruzzenstädtchen das einzige authentische und wahre Bild Christi auf der Erde verwahrt wird, wenn das so ist, sind dann nicht all Ihre Argumente Kinkerlitzchen, die nicht wirklich erklären können, warum das vierhundert Jahre einfach unbekannt geblieben sein soll? Wenn das wahr ist, hätte es sich doch längst wie ein Lauffeuer verbreiten müssen! Alles andere ist doch einfach unglaublich. Warum, frage ich Sie also noch einmal, warum soll Ihnen das irgendjemand glauben und nicht stattdessen Sie – oder jeden und jede andere, die Ähnliches behaupten – viel einfacher für verrückt halten? Warum?«

[HP] »Warum, fragen Sie? Warum soll man dem christlichen Credo glauben, wie es eins Komma zwei Milliarden Katholiken und rund zwei Milliarden Christen insgesamt tun – oder zumindest tun sollten, wenn sie sich Christen nennen? Das muss man doch nicht: ›Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an seinen einzigen Sohn …‹ Das muss man doch nicht glauben und kann es doch auch kaum. Dass der ›Schöpfer des Himmels und der Erde‹ jemals Mensch geworden sein soll, wie Christen es für wahr halten, das scheint in sich doch einfach verrückt – und so haben die Juden diesen Glauben, der aus ihrer Mitte hervorgegangen war, doch auch von Anfang an gesehen. Und so sehen sie ihn ja auch heute noch, zusammen mit den Muslimen und Buddhisten und Hindus und Heiden und Agnostikern und Atheisten. Dass Gott für Katholiken seitdem nie mehr fern ist, sondern ganz und gar präsent sein soll in einem kleinen Stück geweihten Brotes, das in jeder römischen Kirche in einem goldenen Tresor über oder neben dem Hauptaltar verwahrt wird – der Schöpfer des Himmels und der Erde, eingeschlossen in die Materie und hinter einem Riegel! –, das scheint einfach vollkommen absurd. Es ist eine Herausforderung an Sinn und Verstand!

Doch das ist der Glaube der römischen Kirche, auch wenn er de facto selbst von immer weniger Katholiken geteilt wird. Denn es bleibt ja einfach unglaublich. Ist es da, frage ich nun Sie, nicht eine viel geringere Herausforderung an Sinn und Verstand, dass Gott von dieser seiner Menschwerdung zweitens auch noch ein authentisches Bild hinterlassen haben soll und dass – drittens – dieses Bild, das früher nur der byzantinische Kaiser mit dem höchsten Klerus zu ganz besonderen Gelegenheiten in den kaiserlichen Gemächern von Konstantinopel für jeweils nur wenige Minuten im Kerzenschein sehen durften, dass dieses gleiche Bild heute für jedermann offen im Licht von Halogenstrahlern zu sehen ist, der es anschauen will? Dass es jederzeit, und so lang man will, hier in den Abruzzen zu besichtigen ist? Keiner muss irgendetwas glauben. Doch was ist denn da das größere und was ist das kleinere Wunder? Das ist das eine. Eine andere Sache, die mit Glauben oder Nichtglauben überhaupt nichts zu tun hat, ist die Tatsache, dass es sich bei dem ›Heiligen Gesicht‹ von Manoppello schlicht um eine technische Unmöglichkeit handelt, die jeder, der will, selbst und mit bloßem Auge überprüfen kann.«

[PB] »Nehmen wir nun aber einmal an – und sei es nur für einen Moment –, dass dieser oder der nächste Papst Ihren Argumenten folgen und nach Manoppello pilgern würde, wie Johannes Paul II. noch im Jahr 1998 nach Turin gepilgert ist. Nehmen wir weiter an, dass das Schleierbild danach für alle Forschungen und Untersuchungen freigegeben würde. Nehmen wir weiter an, dass Sie – entweder zu Ihren Lebzeiten oder danach – in allen oder den meisten Ihrer Theorien und Hypothesen bestätigt und gerechtfertigt würden. Was würde sich dadurch ändern, für die Kirche und für die Welt?«

[HP] »Es würde ein gewaltiges Erdbeben geben. Es ist das letzte Maß des Menschen, das damit in die Kirche zurückkommen wird. Es ist das Inbild jeder Person und seiner Freiheit – ganz Mensch und doch ganz unserer Willkür entzogen. Vor diesem Blick werden sich viele Streitfragen und Irrlehren in nichts auflösen. Vor diesem Blick schmilzt jede Feindschaft um in Erbarmen. Denn die Kirche hat ein einziges Haupt, und das ist Christus. Er ist der Herr. Und hier ist ein wahres Bild von ihm. Älter als jeder Text! Wenn wir also auch materiell noch gemeinsam ein wahres Bild von ihm haben, ist die Wiedervereinigung der Christenheit viel leichter – mit den protestantischen Kirchen ebenso wie mit den orientalischen Kirchen und der Orthodoxie der Griechen und Russen, bei denen die Ikone von jeher einen unvergleichlich höheren Rang innehatte als im Westen. Im Osten hatte das Bild – auch ohne dieses Original und diese Bildmutter all ihrer Christusikonen – schon immer den gleichen Rang wie die Heilige Schrift; im Osten galt das Bild schon immer selbst als Schrift. Das wird mit dieser Entdeckung noch einmal eine ungeahnte Dimension bekommen. Für die Ökumene wird die volle Wiederentdeckung und Anerkennung und Annahme der Ur-Ikone des wahren Christusbildes also eine geradezu revolutionäre Bedeutung haben, mit enormen Folgen; daran ist überhaupt kein Zweifel möglich. Vielleicht liegt Manopello darum – an der Adriaküste – ja auch an der alten Schnittstelle und Bruchlinie zwischen der östlichen und westlichen Christenheit. Eine andere gravierende Auswirkung wird die Wiederentdeckung dieses Bildes jedoch auch für die Rolle des Papsttums spielen und spielen müssen.«

[PB] »Wieso?«

[HP] »Weil das, was die Menschen und Pilger früher nach Rom gezogen hat, die Veronika war: Das war das wahre Bild Christi. Den Päpsten fehlte also während der letzten 400 Jahre das wichtigste Stück, das die Leute angezogen hat: nämlich die Veronika. Ihretwegen sind sie gekommen. Den Papst wollten die Pilger eigentlich nicht sehen. Der war ein Potentat wie alle anderen. Und oft war er auch nicht gerade ein Vorzeigeexemplar; er war nicht besser als jeder andere Herrscher auch. Das hat sich heute Gott sei Dank sehr geändert – und das wird und muss auch so bleiben.

Als Nachfolger des Petrus, also jenes Apostels, auf dessen schwachen Schultern die Kirche von Jesus selbst errichtet worden ist, wird die Bedeutung der Päpste noch wachsen. Ihre Rolle als Stellvertreter – als Vicarius Christi – aber, die wird sich nicht nur gewaltig ändern, sondern überhaupt wieder von ihren Schultern genommen werden. Denn diese Rolle war ursprünglich überhaupt nicht bei den Päpsten, und das Verständnis der Rolle des Stellvertreters stammt auch überhaupt nicht aus dem Westen, sondern dem Osten, aus dem byzantinischen Verständnis des oströmischen Kaisertums. Dort in Konstantinopel galt nämlich immer der Kaiser als der erste Vikarius Christi – seit den Tagen Kaiser Konstantins des Großen, seit dem Jahr 313. Und das war nur möglich, wenn er sich dabei auf ein Bild berufen konnte, das ihm irgendwie in den Schoß gefallen sein musste. Denn im Osten konnte immer nur ein Bild den Kaiser selbst vertreten, nie eine andere Person. Wenn der Kaiser selber nicht in die Provinzen kommen konnte, hat er sein Bild geschickt – und das Bild wurde an den Stadttoren mit Kerzen und Fackeln empfangen, als wäre es der Kaiser selber. Keine Person konnte ihn vertreten, immer nur sein eigenes Bild!

Allein das Bild war immer Stellvertreter des Kaisers; das fing auf den Münzen an und ging bis zu den Bildern der Staatspräsidenten, die wir heute noch in den Amtsstuben hängen haben. Daher kommt das. Und so wie das Bild des Kaisers der Stellvertreter des Kaisers war, so kann auch nur das Bild Christi wahrer und unkorrumpierbarer Stellvertreter Christi sein. Dass wir nun das stellvertretende Bild Christi wieder vor uns haben, das wird nicht nur der Schlussstein für die Ökumene sein. Das wird auch ein Erdbeben geben in der Kirche. Ich habe Kollegen, die sagen mir: ›Wenn du Recht hättest, wäre es eine Revolution.‹ – Die können die Sache aus dem einfachen Grund nicht anerkennen und für wahr halten, weil sie ihnen zu groß erscheint. Das ist das Problem – auch wenn das Glück noch viel größer ist.«

[…]

»Das wundervolle Bild von Manoppello ist in der Welt und die Welt erkennt es nicht«, sagte eine Frau am Nebentisch […]

VOLTO SANTO – wahre Ikone, das Schleierbild von Manoppello. Foto Paul Badde

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Pater Domenico da Cese OFMCap. Ein Leben in Bildern – Buchempfehlung

Bereits das erste Wort des vorliegenden Buches der Ordensschwester Petra-Maria Steiner über den Kapuziner Pater Domenico da Cese ist geeignet, Menschen aufzurütteln aus dem Tiefschlaf eines verweltlichten Lebens. Sr. Petra-Maria lässt, bevor sie selbst das Wort ergreift, zunächst aber den Karmelitenpater Joseph de Sainte Marie zu Wort kommen: „Herr Jesus Christus, Du betest für die, die Dich kreuzigen und kreuzigst jene, die Dich lieben.“

Damit bezeugt die Ordensfrau nicht nur das Geheimnis des Lebens und Leidens, sondern sie führt direkt hinein in die Lebensgeschichte des „Dieners Gottes Pater Domenico da Cese“. Er, der als Junge von zehn Jahren voraussehen konnte, dass ein Erdbeben seinen Heimatort verwüsten würde, und es doch nicht vermeiden konnte, dass er selbst mit seinem Vater bei der Frühmesse in der Kirche von den herabstürzenden Baumassen begraben wurde. Doch er wurde von einem Fremden aus den Trümmern gerettet. Der Junge erkannte das Gesicht des Retters, doch fand er diesen Menschen nachher nicht mehr im Getriebe nach seiner Rettung. Erst Jahrzehnte später sah er das Gesicht wieder, als er, schon seit Jahrzehnten Kapuziner, nach Manoppello versetzt wurde und im „Volto Santo“ das Antlitz seines Retters Jesus erkannte.

Eine „Hinführung von Paul Badde“ führt in das Leben Pater Domenicos ein und bezeichnet ihn als denjenigen, der den „Staffelstab der Heiligkeit“ von Pater Pio übernommen habe. Die enge Verbindung dieser beiden italienischen Kapuzinerpatres wird aber nicht nur durch Manoppello deutlich.

Pater Domenico erblickte am 27. März 1905 als Emido Petracca das Licht der Welt. Den Gedanken Kapuziner zu werden bekam der Zwölfjährige, als die Minderbrüder in Cese, seinem Heimatort, eine Volksmission durchführten. Mit 16 Jahren trat Emido am 3. November 1921 bei den Kapuzinern ein. Zunächst musste er seine Gymnasialstudien machen, bevor er endlich ab 1922 das Noviziat beginnen konnte. So konnte aus dem Jungen Emido „Fra Domenico“ werden. Während seiner Studienzeit musste er noch den Wehrdienst ablegen. 1928 legte er seine Ewige Profess ab, und am 11. Oktober 1931 wurde Fra Domenico die Priesterweihe erteilt. 1940 musste er Soldat werden. Von ihm wird bezeugt, dass er „durch seine religiöse Authentizität beeindruckt“ habe und unangenehm gewesen sei „in seiner Radikalität zur Wahrheit“. Am 18. Oktober 1941, dem letzten Tag als Soldat in Kroatien, wird das folgende Ereignis berichtet, bei dem mehrere Zeugen zugegen waren: „Während ich den Rosenkranz betete und die schmerzhaften Geheimnisse betrachtete, floss bald aus allen heiligen Wunden des Kreuzes reichlich warmes, rotes Blut heraus.“ „Das Blut des Gekreuzigten kam aus der Seite und aus der ganzen Brust und Dornenkrone. Es bildeten sich Tropfen. Als wir das sahen, kamen uns die Tränen und wir weinten.“ Als Pater Domenico am nächsten Tag wieder in sein Kloster zurückkehren konnte, litt er für mehrere Tage unter hohem Fieber zwischen 41 und 43 Grad.

Nach vielen segensreichen Jahren an verschiedenen Orten sollte Pater Domenico 1967 nach Manoppello versetzt werden, was ihm überhaupt nicht passte. So bat er erstmals in seinem Leben seine Oberen darum, ihm den Wunsch zu erfüllen und ihn nicht mehr zu versetzen. Er begründete dies mit einer chronischen Krankheit, die an seinem damaligen Wohnort gut behandelt werden konnte. Doch sein Vorgesetzter bestand darauf, dass er zu gehorchen habe. In Manoppello war Pater Domenico beim Volto Santo. Er erkannte, „dass jenes Schweißtuch, das im Grab auf dem Kopf Jesu gelegen hatte, das Volto Santo ist und dass es den ersten Moment der Auferstehung zeigt“. Dieses Heiligtum ließ Pater Domenico „das große Geheimnis des Heiligen Messopfers tiefer erfassen“. Fortan war er der erste Botschafter des Volto Santo. Durch seine Initiativen wurden dazu in den siebziger Jahren die ersten Vorträge und Konferenzen durchgeführt.

Als nach 45 Jahren erstmals 1978 wieder das Turiner Grabtuch öffentlich ausgestellt wurde, wollte auch Pater Domenico dabei sein. Am 13. September konnte er vor dem heiligen Grabtuch verweilen. Am Abend wurde auf dem Bürgersteig von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Am 17. September 1978 ist Pater Domenico im Krankenhaus verstorben. Nur wenige Menschen wussten zu seinen Lebzeiten, dass er, wie sein Mitbruder Pater Pio, die Wundmale Jesu an seinem Leib trug. Erst nach seinem Tod wurde dies erkannt. „Könnte es sein, dass er erwählt war, ganz im Verborgenen das Leiden seines Herrn mitzutragen und mitzusühnen, wenn es der Wille des Vaters war?!“

Sr. Petra-Maria Steiner
Pater Domenico da Cese OFMCap. Ein Leben in Bildern.
„Vita Communis – Maria, Mutter der heiligen Familie“, 2018
Ca. 150 Seiten

Erstveröffentlicht bei kath.net

 

 

 

Das großformatige Buch umfasst über 140 Seiten, zeigt ein „Leben in Bildern“ und versucht den Lesern und Betrachtern das Leben des „Diener Gottes Pater Domenico da Cese“ näher zu bringen. Leider ist das im Selbstverlag erschienene, sehr empfehlenswerte Buch, nur über diese Anschrift zu beziehen:

Vita Communis – Maria, Mutter der Heiligen Familie
Schwester M. Katharina
Schwester Petra-Maria
Ossweiler Weg 45
D-71334 Waiblingen-Hegnach
Tel.: 07151 / 50 49 77
E-Mail: vita-communis@t-online.de

https://www.vitacommunis.de/impressum/index.htm

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Salve Sancta Facies – Hymnus auf das Heilige Antlitz

volto-santo-manoppello

Sei gegrüßt, heiliges Gesicht
unseres Retters.
Gottes Glanz scheint auf in Dir:
in schneeweiß helles Tuch versenkt
und der Veronika geschenkt
als Zeichen Deiner Liebe.

Sei gegrüßt, Zierde der Zeiten,
Spiegel des heiligen,
Sehnsucht der Engel.
Mach uns von jedem Makel rein
und führe uns vor Dich hinein
in den Chor der Seligen.

Sei gegrüßt unser Ruhm
in der Mühsal dieses Lebens:
schwach, gebrechlich, schnell dahin.
Führe uns der Heimat zu,
barmherziges Bild, o süßes Du
zur Ansicht Deines Angesichts,
in dem nur noch Christus ist.

Sei gegrüßt, schöner Schleier.
Edles Spiel zu unserem Trost.
Lebendige Erinnerung
an den, der uns zur wahren Freude
und einem guten Ende
ein sterbliches Körperchen annahm.

(nach Papst Innozenz III.,
aus dem Lateinischen von Paul Badde.
Vatican Magazin 1,2012)

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Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag

Es war ein einziges Wort, das für die Spaltung der Ost- und Westkirchen entscheidend wurde. Das war, als die Bischöfe des Westgotenreichs im Mai 581 im Konzil von Toledo dem damals 200 Jahre alten katholischen Glaubensbekenntnis des Konzils von Nizäa-Konstantinopel das lateinische Wort „filioque“ hinzufügten. Das heißt auf deutsch: „und dem Sohn“. Seitdem beten die Christen des Westens in ihrem Credo: „wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“, wo es bis heute in den Ostkirchen in der alten Fassung weiter heißt: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht.“ Dogmatischen Rang erhielt dieser Zusatz im Westen unter Papst Benedikt VIII. und dann noch einmal im Jahr 1215, als die Entfremdung zwischen Ost und West schon weit gediehen war.

Doch im Grunde war es dieses eine und einzige Wort, das zum Stolper- und Meilenstein im Prozess der Spaltung zwischen der Ost- und Westkirche wurde. Abertausende höchst gelehrte Worte haben diese Spaltung danach und später nur vertieft und konnten sie nie heilen.

Und nun hat ein einziges Bild die Ost- und Westkirche unterhalb des Radars aller Nachrichtenkanäle auf eine Weise zusammengeführt, wie vielleicht noch nie zuvor. Das war, als an diesem Sonntag 70 orthodoxe Bischöfe mit zwei Kardinälen und etlichen römisch-katholischen Bischöfen und Geistlichen in dem Abruzzenstädtchen Manoppello die Göttliche Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos vor dem Schleierbild des „Heiligen Gesichts“ gefeiert haben, das dort über 300 Jahre lang in einer Seitenkapelle der Michaelskirche verborgen wurde, bis es im Jahr 1923 nach dem großen Erdbeben von 1915 erstmals in einem neu errichteten Aufbau über dem Hauptaltar öffentlich ausgestellt wurde, wo es seitdem Tag für Tag verehrt werden kann.

Zehn Jahre nach dem Besuch Papst Benedikts XVI. 2006 in diesem Heiligtum war jetzt der Besuch dieser gemischten orthodoxen Synode mit ihren lateinischen Brüdern das bedeutendste Ereignis im Prozess der Wiederentdeckung dieser geheimnisvollen Urikone Christi, die in Konstantinopel lange als „Hagion Mandylion“ verehrt wurde, nachher in Rom als „Sanctissimum Sudarium“ galt, bevor der Schleier dort auch noch „Sancta Veronica Ierosolymitana“ genannt wurde.

Ganzer Artikel von Paul Badde in DT vom 21.9.2016

Volto Santo die Manoppello (Foto Paul Badde)
Volto Santo die Manoppello
(Foto Paul Badde)

 

Benedikt und das menschliche Antlitz Gottes

(Paul Badde befragt Erzbischof Bruno Forte, der im Jahre 2006 unmittelbar dabei gewesen ist, als Papst Benedikt das Volto Santo in Manoppelle besuchte und verehrte.)

Wie erklären Sie denn den Widerstand gegen das Volto Santo, zum Beispiel aus Turin, selbst heute noch?

Das Grabtuch von Turin ist seit langem in aller Welt bekannt und verehrt. Dagegen scheint das Heilige Gesicht von Manoppello für manche immer noch als eine unerhörte Neuigkeit, die nicht in der gleichen Weise von der Wahrnehmung und Tradition aus dem Glauben des Gottesvolks gestützt wird. So ist es in Wirklichkeit aber nicht, wie ich hier gerade kurz in Erinnerung gerufen habe.

Zwischen diesen beiden unvergleichlichen Zeugnissen gibt es nicht nur überhaupt keinen Widerspruch, sondern es ist sogar längst eine perfekte Übereinstimmung und Entsprechung nachgewiesen worden. Die Trappistin Blandina Paschalis Schlömer hat an einer Vielzahl von übereinstimmenden Punkten die extreme Kompatibilität zwischen dem Antlitz auf der Sindone und dem Antlitz im Sudarium zwingend herausgestellt. Es deutet also vieles darauf hin, dass es zwischen den beiden Tüchern eine Beziehung gibt, die im heiligen Grab in Jerusalem begründet wurde. Jedenfalls zeigen das Grabtuch in Turin und das Schweißtuch in Manoppello auf unerklärliche und geheimnisvolle Weise denselben Menschen, einmal tot, einmal lebendig. Es ist Jesus Christus. Es ist der Herr.

Und was antworten Sie den Stimmen, die behaupten, das Christus-Porträt in dem Schleier von Manoppello sei einfach nur „gemalt“, und zwar von Menschenhand, wohl in der Zeit der Renaissance?

Im Schleier von Manoppello hat man in Untersuchungen unter dem Elektronenmikroskop auch in außergewöhnlichen Vergrößerungen keine Farbspuren gefunden. Das Bild ist nicht gemalt, sondern ein wahres Lichtbild – und das macht es noch einmal wertvoller, weil es uns damit quasi das einzige authentische Bild liefert, das wir vom Erlöser der Welt haben!

Benedikt und das menschliche Antlitz Gottes: Paul Badde im Gespräch mit Erzbischof Forte. Vor zehn Jahren kam Papst Benedikt nach Manoppello, um Christus zu sehen.

CNA – Deutsche Ausgabe 6.8.2016

Antlitz Christi im Heiligen Schweißtuch (Volto Santo in Manoppello)
Antlitz Christi im Heiligen Schweißtuch
(Volto Santo in Manoppello)