Die Menschen im Spiegel

Heute bin ich an der Reihe, morgen auch du.

Speculum miseriæ et fragilitatis humanæ.
Hodie mihi cras tibi.

Eine Prüfung für Stolz und Eitelkeit.
Oder:
Ein Spiegel menschlichen Elends und Gebrechlichkeit.

Ein Skelett mit Schlangen und Ratten. Radierung von C. Grignion. – Photo https://wellcomecollection.org/works/au2m2w6y

Charles Grignion der Ältere (1721–1810) wurde in London als Sohn von Hugenotten geboren. Er war ein bekannter und produktiver Kupferstecher und Buchillustrator.

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Leidenschaften in der eigenen Brust

Was hat man auf der Welt anderes,
als dass man täglich gegen den Teufel Krieg führen,
als dass man gegen seine Speere und Geschosse
in beständigem Ringen sich abkämpfen muss?

Mit der Habsucht, mit der Unzüchtigkeit, mit dem Zorn, mit dem Ehrgeiz haben wir zu ringen, mit den fleischlichen Lastern, mit den weltlichen Lockungen haben wir einen beständigen und beschwerlichen Kampf zu bestehen. Umlagert und von allen Seiten von den Anfechtungen des Teufels bedrängt, vermag die Seele des Menschen kaum dem einzelnen Fehler entgegenzutreten, kaum dem einzelnen zu widerstehen. Ist die Habsucht niedergeworfen, so erhebt sich die Wollust; ist die Wollust unterdrückt, so tritt der Ehrgeiz an ihre Stelle; ist der Ehrgeiz überwunden, so erbittert uns der Zorn, es bläst der Hochmut uns auf, es lockt uns die Trunksucht, der Neid stört die Eintracht, und die Eifersucht zerreißt die Freundschaft. Du lässt dich dazu drängen, zu fluchen, was das göttliche Gesetz verbietet, du lässt dich dazu verleiten, zu schwören, was doch nicht erlaubt ist.

(Cyprian, Bischof von Karthago, Märtyrer, geb. um 200 in Karthago, einem Vorort des heutigen Tunis, Tunesien, gest. am 14. September 258: Über die Sterblichkeit – De Mortalitate)

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Wehe!

Wo sind die Verläumder
und jene, die achtlos und ohne Sorge leben?
[…]
Wo die Weisheit der Weisen,
die Sprachfertigkeit der Rhetoren
und die eitle Wissenschaft?
Wehe!
Alle werden sie umherirren
und ruhelos sein wie Geistesgestörte;
all ihre Weisheit wird verschlungen.
Oh Brüder!
Bedenkt, was uns geziemt,
die wir über jede unserer Taten
Rechenschaft abzulegen haben, im Großen wie im Kleinen!
Selbst noch für jedes unnütze Wort werden wir uns
vor dem gerechten Richter verantworten!

(Bischof Ignatij Brjantschaninow: Über den Menschen)

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HEUTE

Sitze in deiner Zelle wie im Paradies.

Wirf die Erinnerung an die Welt hinter dich
und achte auf deine Gedanken wie ein guter Fischer auf die Fische.

Der Weg, dem du folgen musst, liegt in den Psalmen – verlass ihn nie.

Wenn du gerade erst ins Kloster gekommen bist,
und trotz deines Eifers nicht vollbringen kannst, was du möchtest,
nutze jede Gelegenheit, die Psalmen in deinem Herzen zu singen
und sie im Geist zu verstehen.

Und wenn du bemerkst, dass du beim Lesen zerstreut bist,
gib nicht auf;
eile zurück und versuche deinen Verstand erneut
auf die Worte zu richten.

Sei dir vor allem bewusst, dass du in der Gegenwart Gottes bist,
und nimm die Haltung eines Menschen an,
der ehrfürchtig vor seinem Kaiser steht.

Lass alles von dir
und sitze wie ein kleines Vögelchen zufrieden in der Gnade Gottes,
das nichts anderes schmeckt und isst,
als das, was seine Mutter ihm gibt.

Kleine Regel des Hl. Romuald

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Wer MIR nachfolgen WILL …

„Es muss daran erinnert werden, dass jede Leidenschaft
Quell des Todes ist und einen Menschen für immer töten kann,
wenn er nicht bereut und sich nicht ändert, sie nicht aufgibt.“

„Wer Mir nachfolgen will“, sagt der Herr, „der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach“ (Mk 8,34).

Der Herr zwingt niemanden, Ihm zu folgen.

Er überlässt es jedem, frei zu wählen, ob er Ihm nachfolgt oder nicht, für Ihn lebt, für die Wahrheit und Heiligkeit, für ein ewiges Sein mit Ihm, oder ob er für sich selbst lebt, dabei seinen Leidenschaften frönt, der „ehebrecherischen und sündigen“ Welt und dem Teufel dient, der sucht, wie er den Menschen vernichten und in die ewige Qual stürzen kann.

Der Herr lässt unseren freien Willen unangetastet.

Wenn wir in die Geschichte der Kirche schauen, auf die Beispiele der Heiligkeit, die sich im Leben der Kirche manifestieren, werden wir sehen, dass die Apostel, die Ehrwürdigen und alle Heiligen Christus nachgefolgt sind. Sie opferten um des Herrn willen alle Güter der Welt und sogar ihr eigenes Leben und wurden nicht in ihrer Hoffnung enttäuscht, das himmlische Königreich zu erben.

Es stellt sich die Frage: Was bedeutet es, sich selbst zu verleugnen?

Es bedeutet, unserem sündigen Willen, unseren bösen Neigungen, unseren Leidenschaften und jeglicher Sünde zu entsagen, dem, was uns bindet, verdunkelt, entehrt und uns daran hindert, Christus nachzufolgen.

Warum folgt ein Großteil der Menschen dem Herrn nicht nach?

Aufgrund von Unglauben oder Kleingläubigkeit, wegen der Bindung an dieses Leben und an seine Annehmlichkeiten, aber auch wegen geistlicher Unwissenheit. Der Weg, der ins himmlische Königtum führt, ist für sie nicht attraktiv, weil es ein schmaler Weg ist, der geistliche Anstrengungen, Kampf und Selbstaufopferung erfordert.

Der Weg aber, der breit und, wie es ihnen scheint, frei ist, fordert von ihnen keine Anstrengungen und bietet nur Vergnügungen und Annehmlichkeiten im Leben. Ihr Motto lautet: „Nimm dir alles vom Leben“. Das Ergebnis einer solchen „Freiheit“ aber sind großes Elend und Unglück. Und was das Traurigste und Erschreckendste ist: Viele werden enttäuscht und beenden ihr Leben durch Selbstmord.

Der menschenliebende Herr verkündet durch den Mund des Propheten sowohl damals, viele Jahrhunderte vor dem Erscheinen des Heilands in der Welt, wie auch heute, dass „Er nicht den Tod des Sünders will, sondern dass der Sünder sich von seinem Weg abwendet und am Leben bleibt“ (Hes 33,11). Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Tim 2,4). Dazu müssen wir selbstlos unser Kreuz auf uns nehmen und Ihm nachfolgen, indem wir gegen die Sünde und die Leidenschaften kämpfen, die uns bedrängen.

Wer sich weigert zu kämpfen, wer seine Seele in diesem Kampf schont, verurteilt die Seele zum ewigen Verderben (Mk 8,35).

Es muss daran erinnert werden, dass jede Leidenschaft Quell des Todes ist und einen Menschen für immer töten kann, wenn er nicht bereut und sich nicht ändert, sie nicht aufgibt. Deshalb gebietet uns der Herr, uns selbst zu verleugnen und Ihm zu folgen, indem wir das Kreuz auf uns nehmen. In dieser Selbstverleugnung liegt unsere Rettung.

(Aus einer Predigt des Russ.-Orthod. Erzbischof Tichon vom 3. Oktober 2021)

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Nicht sich selbst in Versuchung bringen

„Die Versuchungen werden von Gott zugelassen, damit wir unsere versteckten Leidenschaften (Sünden) finden. Diese sollen wir dann bekämpfen, um unsere Seele zu heilen.

Selbst die Versuchungen sind ein Teil von Gottes Gnade. Deswegen sollst du Gott vertrauen und Ihn um Hilfe bitten, so dass Er dir bei deinem Kampf hilft. Die Hoffnung in Gott mündet nie in Verzweiflung. Die Versuchungen bringen Demut einher.

Gott weiß, wie viel jeder Mensch aushält und lässt nur Versuchungen zu, die unserer Kraft entsprechen.

Wir sollen jedoch wachsam sein und aufpassen, dass wir uns selbst nicht in Versuchung führen.

Vertraut dem guten, starken und lebendigen Gott und Er wird euch zur Erlösung führen. Nach den Versuchungen folgt immer die geistliche Freude. Gott sieht die Menschen, die aus Liebe zu ihm die Versuchungen und die Trauer durchstehen. Also seid nicht feige und fürchtet euch nicht.“

Heiliger Nektarios

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Wie durch rostige Nägel

Es lebte einmal ein hitzköpfiger, aufbrausender junger Mann. Eines Tages gab ihm sein Vater einen Beutel mit rostigen Nägeln: er solle jedesmal, wenn er seinen Zorn nicht zurückhalten konnte, einen Nagel in einen der Pfosten des Zaunes schlagen.

Gleich am ersten Tag musste er einige Dutzend Nägel in den Zaun schlagen. In den folgenden Wochen wurden es weniger. Der junge Mann lernte, sich zurückzuhalten. Mit jedem Tag nahm darum die Anzahl der Nägel ab, die er einzuschlagen hatte. Der Sohn hatte verstanden: es ist einfacher und leichter, seine Hitzköpfigkeit zu kontrollieren, als Nägel in das Holz zu schlagen.

So kam der Tag, an dem er kein einziges Mal seine Selbstbeherrschung verloren hatte. Das erzählte er stolz seinem Vater. Dieser antwortete ihm, er solle nun immer dann, wenn es ihm gelungen war, seinen Zorn zu beherrschen, einen von ihm eingeschlagenen Nagel aus den Zaunpfosten herausziehen.

Die Zeit verging, und es kam der Tag, an dem der Sohn seinem Vater sagten konnte, dass kein einziger Nagel mehr in den Pfosten des Zaunes stecken würde. – Da nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand, führte ihn zum Zaun und sprach:

„Du hast dich gemacht, mein Junge.
Aber siehst du auch, wie viele Löcher jetzt die Pfosten haben?
Der Zaun wird niemals wieder so sein, wie er früher einmal war.
Wenn du also jemandem etwas Böses sagst,
bleibt in seiner Seele
eine ebensolche Verwundung zurück
wie es die Löcher im Holz des Zaunes sind.“

Wo Asketen leben

Ich erinnere mich, dass ich einmal Mitte der 80er Jahre mit Vater Ioann (Krestjankin) durch das Pskower Höhlen-Kloster spazierte. Plötzlich lief ein aufgeregter junger Mann „bleich mit brennendem Blick“ auf den Vater zu und begann laut zu klagen:

„Vater, Moskau ist so eine ekelhafte Stadt, ein neues Babylon! Die Leute sind gottlos, schrecklich!”

Und plötzlich hielt Vater Ioann mit seiner Hand ihm den Mund zu und sagte streng:

„Was sagst du? In Moskau werden jeden Tag 40 Göttliche Liturgien in 40 Kirchen gefeiert! Dort leben so erstaunliche Asketen, die der Welt unbekannt sind, irgendwo im 8. Stock eines 12-stöckigen Hochhauses … Wahre Heilige, die man sich nicht einmal vorstellen kann.“

Ich war damals überrascht, weil ich dachte, dass alle Asketen nur in abgelegenen Klöstern lebten, irgendwo in Solowki oder in Ägypten. Und jetzt – und es ist wahr – sehe ich selbst erstaunliche Asketen – gewöhnliche Laien, die mich lehren und retten, indem sie mich demütigen und zeigen, wie es in unserer Zeit möglich ist, wirklich asketisch auf christliche Weise zu leben.

(Metropolit von Pskow und Porchow Tichon, Schewkunow)

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