Wer MIR nachfolgen WILL …

„Es muss daran erinnert werden, dass jede Leidenschaft
Quell des Todes ist und einen Menschen für immer töten kann,
wenn er nicht bereut und sich nicht ändert, sie nicht aufgibt.“

„Wer Mir nachfolgen will“, sagt der Herr, „der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach“ (Mk 8,34).

Der Herr zwingt niemanden, Ihm zu folgen.

Er überlässt es jedem, frei zu wählen, ob er Ihm nachfolgt oder nicht, für Ihn lebt, für die Wahrheit und Heiligkeit, für ein ewiges Sein mit Ihm, oder ob er für sich selbst lebt, dabei seinen Leidenschaften frönt, der „ehebrecherischen und sündigen“ Welt und dem Teufel dient, der sucht, wie er den Menschen vernichten und in die ewige Qual stürzen kann.

Der Herr lässt unseren freien Willen unangetastet.

Wenn wir in die Geschichte der Kirche schauen, auf die Beispiele der Heiligkeit, die sich im Leben der Kirche manifestieren, werden wir sehen, dass die Apostel, die Ehrwürdigen und alle Heiligen Christus nachgefolgt sind. Sie opferten um des Herrn willen alle Güter der Welt und sogar ihr eigenes Leben und wurden nicht in ihrer Hoffnung enttäuscht, das himmlische Königreich zu erben.

Es stellt sich die Frage: Was bedeutet es, sich selbst zu verleugnen?

Es bedeutet, unserem sündigen Willen, unseren bösen Neigungen, unseren Leidenschaften und jeglicher Sünde zu entsagen, dem, was uns bindet, verdunkelt, entehrt und uns daran hindert, Christus nachzufolgen.

Warum folgt ein Großteil der Menschen dem Herrn nicht nach?

Aufgrund von Unglauben oder Kleingläubigkeit, wegen der Bindung an dieses Leben und an seine Annehmlichkeiten, aber auch wegen geistlicher Unwissenheit. Der Weg, der ins himmlische Königtum führt, ist für sie nicht attraktiv, weil es ein schmaler Weg ist, der geistliche Anstrengungen, Kampf und Selbstaufopferung erfordert.

Der Weg aber, der breit und, wie es ihnen scheint, frei ist, fordert von ihnen keine Anstrengungen und bietet nur Vergnügungen und Annehmlichkeiten im Leben. Ihr Motto lautet: „Nimm dir alles vom Leben“. Das Ergebnis einer solchen „Freiheit“ aber sind großes Elend und Unglück. Und was das Traurigste und Erschreckendste ist: Viele werden enttäuscht und beenden ihr Leben durch Selbstmord.

Der menschenliebende Herr verkündet durch den Mund des Propheten sowohl damals, viele Jahrhunderte vor dem Erscheinen des Heilands in der Welt, wie auch heute, dass „Er nicht den Tod des Sünders will, sondern dass der Sünder sich von seinem Weg abwendet und am Leben bleibt“ (Hes 33,11). Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Tim 2,4). Dazu müssen wir selbstlos unser Kreuz auf uns nehmen und Ihm nachfolgen, indem wir gegen die Sünde und die Leidenschaften kämpfen, die uns bedrängen.

Wer sich weigert zu kämpfen, wer seine Seele in diesem Kampf schont, verurteilt die Seele zum ewigen Verderben (Mk 8,35).

Es muss daran erinnert werden, dass jede Leidenschaft Quell des Todes ist und einen Menschen für immer töten kann, wenn er nicht bereut und sich nicht ändert, sie nicht aufgibt. Deshalb gebietet uns der Herr, uns selbst zu verleugnen und Ihm zu folgen, indem wir das Kreuz auf uns nehmen. In dieser Selbstverleugnung liegt unsere Rettung.

(Aus einer Predigt des Russ.-Orthod. Erzbischof Tichon vom 3. Oktober 2021)

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Nicht sich selbst in Versuchung bringen

„Die Versuchungen werden von Gott zugelassen, damit wir unsere versteckten Leidenschaften (Sünden) finden. Diese sollen wir dann bekämpfen, um unsere Seele zu heilen.

Selbst die Versuchungen sind ein Teil von Gottes Gnade. Deswegen sollst du Gott vertrauen und Ihn um Hilfe bitten, so dass Er dir bei deinem Kampf hilft. Die Hoffnung in Gott mündet nie in Verzweiflung. Die Versuchungen bringen Demut einher.

Gott weiß, wie viel jeder Mensch aushält und lässt nur Versuchungen zu, die unserer Kraft entsprechen.

Wir sollen jedoch wachsam sein und aufpassen, dass wir uns selbst nicht in Versuchung führen.

Vertraut dem guten, starken und lebendigen Gott und Er wird euch zur Erlösung führen. Nach den Versuchungen folgt immer die geistliche Freude. Gott sieht die Menschen, die aus Liebe zu ihm die Versuchungen und die Trauer durchstehen. Also seid nicht feige und fürchtet euch nicht.“

Heiliger Nektarios

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Wie durch rostige Nägel

Es lebte einmal ein hitzköpfiger, aufbrausender junger Mann. Eines Tages gab ihm sein Vater einen Beutel mit rostigen Nägeln: er solle jedesmal, wenn er seinen Zorn nicht zurückhalten konnte, einen Nagel in einen der Pfosten des Zaunes schlagen.

Gleich am ersten Tag musste er einige Dutzend Nägel in den Zaun schlagen. In den folgenden Wochen wurden es weniger. Der junge Mann lernte, sich zurückzuhalten. Mit jedem Tag nahm darum die Anzahl der Nägel ab, die er einzuschlagen hatte. Der Sohn hatte verstanden: es ist einfacher und leichter, seine Hitzköpfigkeit zu kontrollieren, als Nägel in das Holz zu schlagen.

So kam der Tag, an dem er kein einziges Mal seine Selbstbeherrschung verloren hatte. Das erzählte er stolz seinem Vater. Dieser antwortete ihm, er solle nun immer dann, wenn es ihm gelungen war, seinen Zorn zu beherrschen, einen von ihm eingeschlagenen Nagel aus den Zaunpfosten herausziehen.

Die Zeit verging, und es kam der Tag, an dem der Sohn seinem Vater sagten konnte, dass kein einziger Nagel mehr in den Pfosten des Zaunes stecken würde. – Da nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand, führte ihn zum Zaun und sprach:

„Du hast dich gemacht, mein Junge.
Aber siehst du auch, wie viele Löcher jetzt die Pfosten haben?
Der Zaun wird niemals wieder so sein, wie er früher einmal war.
Wenn du also jemandem etwas Böses sagst,
bleibt in seiner Seele
eine ebensolche Verwundung zurück
wie es die Löcher im Holz des Zaunes sind.“

Wo Asketen leben

Ich erinnere mich, dass ich einmal Mitte der 80er Jahre mit Vater Ioann (Krestjankin) durch das Pskower Höhlen-Kloster spazierte. Plötzlich lief ein aufgeregter junger Mann „bleich mit brennendem Blick“ auf den Vater zu und begann laut zu klagen:

„Vater, Moskau ist so eine ekelhafte Stadt, ein neues Babylon! Die Leute sind gottlos, schrecklich!”

Und plötzlich hielt Vater Ioann mit seiner Hand ihm den Mund zu und sagte streng:

„Was sagst du? In Moskau werden jeden Tag 40 Göttliche Liturgien in 40 Kirchen gefeiert! Dort leben so erstaunliche Asketen, die der Welt unbekannt sind, irgendwo im 8. Stock eines 12-stöckigen Hochhauses … Wahre Heilige, die man sich nicht einmal vorstellen kann.“

Ich war damals überrascht, weil ich dachte, dass alle Asketen nur in abgelegenen Klöstern lebten, irgendwo in Solowki oder in Ägypten. Und jetzt – und es ist wahr – sehe ich selbst erstaunliche Asketen – gewöhnliche Laien, die mich lehren und retten, indem sie mich demütigen und zeigen, wie es in unserer Zeit möglich ist, wirklich asketisch auf christliche Weise zu leben.

(Metropolit von Pskow und Porchow Tichon, Schewkunow)

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Bekenntnis – Reue – Bitte

Allmächtiger, ewiger Gott,
ich bekenne Dir,
dem nichts verborgen ist,
alle meine Sünden,
die ich von den Tagen
meiner Kindheit an
bis auf diese Stunde,
und besonders in diesem Monat,
wider Deine göttliche Majestät
und das Heil meiner armen Seele
begangen habe.
Du weißt, wie nachlässig ich
mein geistliches Leben geführt,
wieviel Gutes ich unterlassen
und wie sehr und wie oft ich
gegen Dich in Gedanken,
Worten und Werken
gesündigt habe.

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(Nun nenne einige deiner Sünden und bekenne sie vor Gott, besondersdie Verfehlungen gegen […] (deine Standespflichten) und gegen das Schweigen. Über diese und alle deine Sünden betrübe dich herzlich.)

Nun folgt ein Reuegebet.
Dann heißt es:
Wirf dich auf den Boden in Form des Kreuzes nieder
und sprich von Grund deines Herzens:

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Allerliebster Herr Jesu Christe!
Sieh, da liege ich vor Dir,
gebe und opfere mich
mit allen meinen Sünden
in Deine grundlose Barmherzigkeit,
in das Verdienst Deines bitteren
Leidens und Sterbens,
in Deine heiligen fünf Wunden,
in das Mitleid und Verdienst
Deiner heiligen Gebärerin,
der hochgebenedeiten
Jungfrau Maria,
und aller Heiligen,
und ich opfere mich Dir
als eine Gefangene
und ewige Dienerin.
Deinen Dienst
will ich nie verlassen.

O du gütiger, barmherziger
Herr Jesu Christe!

Erbarme Dich über mich
arme, unwürdige Sünderin,
die Du mit Deinem
kostbaren Blut erlöst hast.

Erbarme Dich meiner
in der Zeit der Gnade
und Barmherzigkeit,
damit ich in der Zeit
des Jüngsten Gerichtes
nicht verdammt werde.

Vergib mir barmherzig
und verzeih, was ich je
gegen Dich getan habe.
Mache mich zu einer nützlichen,
Dir wohlgefälligen Dienerin
und behalte mich ewig
in Deiner Gnade.

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Ein Gebet aus dem Gebetbuch der Caritas Pirckheimer
(es folgen noch mehrere Aufopferungsgebete und Vaterunser …)

Aus: Theologisches 7/8 2012: Magdalena Gmehling, Glaubensstarke Kämpferin für Wahrheit und Recht, zum 480. Todestag der Caritas Pirckheimer. – (1467-1532).

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Nach besten Kräften mitwirken

Gott will, dass auch wir nach besten Kräften mitwirken.

Das erste Mittel besteht darin, dass du dich durch eifriges Betrachten zu der festen Überzeugung von deiner Armseligkeit und deinem Unvermögen durchringst, wie du aus dir selbst überhaupt nichts Gutes auszuführen imstande bist, wodurch du dir den Himmel verdienen könntest.

Das zweite ist, dass du durch häufiges, inbrünstiges und demütiges Gebet ein solches Misstrauen erflehst; denn es ist ja eine Gottesgabe. Um aber dieses Misstrauen zu erlangen, musst du selbst davon überzeugt sein, dass es dir gänzlich fehlt, und dass du dasselbe aus eigener Kraft nicht zu erlangen vermagst. Deshalb nahe dich oftmals der göttlichen Majestät im Vertrauen, Gott werde es dir in seiner Güte gewiß geben, und erwarte mit Zuversicht die Stunde, welche die göttliche Vorsehung dafür bestimmt hat; zweifellos wirst du es erhalten!

(Lorenzo Scupoli (1530-1610) – Der geistliche Kampf)

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Gnade und Tugend

In diesem geistlichen Kampfe ist dir das Misstrauen gegen dich selbst so notwendig, dass du ohne dasselbe – und davon sei fest überzeugt – nicht nur den erwünschten Sieg nicht zu erringen, sondern auch nicht einmal die geringste deiner Leidenschaften zu überwinden imstande bist.

Beherzige das wohl und vergiss es nie!
Infolge unserer verdorbenen Natur sind wir gar leicht geneigt, eine zu hohe Meinung von uns selbst zu haben.

Obwohl wir an sich doch nur ein Nichts sind, reden wir uns ein, wir seien doch etwas, und überschätzen deshalb ohne jeglichen Grund unsere eigenen Kräfte und bauen vermessentlich auf uns selbst.

Dieser Fehler, den wir nur schwer erkennen, missfällt Gott sehr, weil er von uns die aufrichtige Überzeugung von jener untrüglichen Wahrheit wünscht, dass jede Gnade und Tugend von ihm als dem Urquell alles Guten herrührt und dass von uns selbst nicht einmal ein guter Gedanke stammen kann, der ihm wohlgefällig wäre (vgl. 2 Kor 3, 5).

Ebenso ist auch dieses so notwendige Misstrauen gegen uns selbst gleichfalls ein Werk seiner göttlichen Hand, die Gott seinen geliebten Freunden bald mittels heiliger, innerer Erleuchtungen, bald mittels harter Schicksalsschläge, bald in heftigen und fast unüberwindbaren Anfechtungen und bald in anderen, von uns nicht wahrnehmbaren Mitteln zu reichen pflegt.

(Lorenzo Scupoli (1530-1610) – Der geistliche Kampf)

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Wohlgefälliger Dienst

Verlegst du dich mit allem Eifer darauf, die ungeordneten Neigungen deines Herzens und auch die kleinste widerspenstige Leidenschaft zu ertöten und zu zertreten, so erweisest du Gott einen größeren und wohlgefälligeren Dienst, als wenn du dich bis aufs Blut geißeln und durch strenge Fasten und Enthaltsamkeit die alten Einsiedler und Mönche übertreffen oder, Tausende von Seelen zu Gott bekehren würdest, dabei aber einige ungeregelte Neigungen freiwillig in dir unterhalten würdest.

Freilich ist die Bekehrung der Seelen an sich Gott lieber als die Bekämpfung irgendeiner Begierde. Nichtsdestoweniger darfst du nicht das wollen und ausführen, was erhabener und vorzüglicher ist, sondern das, was Gott in erster Linie fordert und will. Zweifellos verlangt und wünscht er von dir zuerst, dass du den Kampf aufnimmst und auf die Überwindung deiner Leidenschaften bedacht bist, als dass du bei irgendeiner freiwilligen, ungeordneten Neigung große und erhabene Werke vollbringst.

Christliche Seele! Nun kennst du das Wesen der christlichen Vollkommenheit und weißt, dass du zu ihrer Erlangung einen ununterbrochenen und hartnäckigen Kampf gegen dich beginnen musst; darum ist es auch notwendig, dass du dich mit brauchbaren Waffen versiehst, die in diesem geistlichen Kampfe zum Siege unentbehrlich sind.

Dieselben sind folgende:
Das Misstrauen gegen dich selbst,
das Vertrauen auf Gott,
die Tugendübung und das Gebet.

(Lorenzo Scupoli (1530-1610) – Der geistliche Kampf)

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