Teresa von Avila – Kämpferin gegen Luther und seine Revolution

Aufmerksam geworden durch diesen ARTIKEL bei katholisches.info habe ich mich genauer umgesehen, was es mit der heiligen Teresa als Gegnerin Luthers auf sich hat. In dem Buch Teresas „Der Weg der Vollkommenheit“ notiert sie im 1. Kapitel die Begründung dafür, warum sie „dieses Kloster“ (San José) „in so großer Strenge“ gegründet hat. Neben dem ersten Grund, Gott zu dienen, kommt sie schnell auf die zweite wichtige Begründung: sie erkennt, dass mit Waffengewalt „einem so großen Übel“ nicht ausreichend begegnet werden kann. Dieses Übel ist Luther und seine Bewegung, die die Sakramente abschafft, Priester umbringt und Kirchen zerstört usw. „Die Welt steht in Flammen“ und Teresa erkennt, dass gerade die „Christen“ es sind, die „dich am meisten quälen“. Dieses Kloster gründet Teresa, damit die Nonnen keine Zeit verlieren mögen und in aller Strenge und in aller Vollkommenheit ihre Gelübde erfüllen. Sie möchte, dass „an den Martern, die dir die Juden antaten“ nicht noch mehr zugefügt werden durch die Revolutionäre Luthers.

Im Folgenden der betreffende Text aus >Teresa von Avila. Der Weg der Vollkommenheit.< Kapitel 1 (Hervorhebungen von mir):

Über den Grund, der mich bewog, dieses Kloster in so großer Strenge zu gründen, und worin für die Schwestern sein Nutzen bestehen sollte, und wie sie um die leiblichen Bedürfnisse unbekümmert sein sollen, und vom Wert der Armut.

1. Am Anfang, als man mit der Gründung dieses Klosters begann (aus den Gründen, die ich in dem Buch, das ich erwähnte, schon niedergeschrieben habe, zusammen mit einigen der Großtaten Gottes, durch die er zu verstehen gab, daß man ihm in diesem Hause eifrig dienen würde1), war es nicht meine Absicht, daß es im Äußerlichen eine so große Strenge gäbe, noch daß es ohne festes Einkommen wäre, vielmehr wollte ich – eine schwache und erbärmliche Frau 2 –, daß es nach Möglichkeit an nichts fehle, auch wenn ich damit mehr gute Absichten verfolgte als meine Bequemlichkeit.

2. Nachdem ich von den Schäden in Frankreich durch diese Lutheraner 3 erfahren hatte, und wie sehr diese unheilvolle Sekte im Anwachsen war, setzte mir das sehr zu, und wie wenn ich etwas vermöchte oder etwas bedeutete, weinte ich mich beim Herrn aus und bat ihn, diesem großen Übel abzuhelfen. Ich glaube, ich würde als Abhilfe für eine der vielen Menschenseelen, die ich verlorengehen sah, tausend Leben hergeben. 4 Doch da ich mich als Frau sah, erbärmlich und ohne Möglichkeit, 5 im Dienst des Herrn etwas Nützliches zu leisten 6 – denn es war und ist nach wie vor mein Verlangen, daß angesichts der vielen Feinde und der wenigen Freunde, die er hat, diese gut wären –, beschloß ich, das ganz wenige, das ich vermag und an mir liegt, zu tun, 7 und das ist, die evangelischen Räte mit aller Vollkommenheit, zu der ich fähig wäre, zu befolgen und dafür zu sorgen, daß die paar Schwestern, die hier sind, das gleiche täten, im Vertrauen auf die große Güte Gottes, dessen Hilfe dem, der sich seinetwegen entschließt, alles aufzugeben, nie fehlt. Und wenn die Schwestern so 8 wären, wie ich sie mir in meinen Wünschen ausmalte, dann hätten unter ihren Tugenden 9 meine Fehler keine Kraft; so könnte ich den Herrn in manchem zufriedenstellen, damit wir alle, wenn wir im Gebet für die beschäftigt sind, die Verteidiger der Kirche und Prediger und gelernte Theologen sind, die sie verteidigen, diesem meinem Herrn helfen, so gut wir können, 10 denn diejenigen, denen er so viel Gutes getan hat, halten ihn so niedergedrückt, daß es so aussieht, als ob ihn diese Verräter von neuem ans Kreuz bringen wollten und es nichts gäbe, wo er sein Haupt hinlegt. 11

3. O mein Erlöser, mein Herz kann gar nicht so weit kommen, ohne sich sehr zu quälen! Was ist das heute mit den Christen? Müssen es immer welche von ihnen sein, die dich 12 am meisten quälen? An denen du die besten Werke vollbringst, die dir am meisten schulden, die du zu deinen Freunden erwählst, unter denen du wandelst und denen du dich in den Sakramenten mitteilst? Haben sie, Herr meiner Seele, an den Martern, die dir die Juden antaten, noch nicht genug? 13

4. Gewiß, Herr, wer sich heutzutage von der Welt 14 trennt, leistet gar nichts. Dir erweisen sie schon so wenig Achtung, was erwarten wir uns da? Verdienen wir es vielleicht mehr, daß sie uns Achtung erweisen? Haben wir ihnen etwa bessere Werke getan, so daß uns die Christen jetzt ihre Freundschaft bewahren? Was ist das? Was erwarten wir, die wir durch die Güte des Herrn ohne jene pestartige Seuche sind? Diese sind ja schon des Bösen. Eine gehörige Strafe haben sie mit ihren eigenen Händen verdient und sich durch ihre Vergnügungen so recht ewiges Feuer eingehandelt! Soll es ihnen doch dort so ergehen, auch wenn es mir unablässig das Herz bricht, so viele Menschen zu sehen, die verloren gehen; doch möglichst wenig Unheil! 15 Ich möchte jeden Tag nicht noch mehr verlorengehen sehen.

5. O meine Schwestern in Christus! Helft mir, das von ihm zu erbitten; dazu hat der Herr euch hier zusammengeführt; das ist eure Berufung, das haben eure Geschäfte zu sein; das sollen eure Wünsche sein; dafür sind eure Tränen, das eure Bitten, 16 und nicht, meine Schwestern, wegen Geschäften der Welt hier! Ich lache bei mir und gräme mich wegen der Dinge, mit denen man uns hier kommt und beauftragt, daß wir Gott 17 sogar wegen Geschäften und Prozessen um Geld für diejenigen bitten, denen ich wünschte, sie würden Gott anflehen, das alles mit Füßen zu treten. Sie haben freilich gute Absichten, und, um die Wahrheit zu sagen, empfehle ich sie Gott auch, bin aber überzeugt, daß er mich niemals erhört.

Teresa verlangt, die evangelischen Räte in aller Vollkommenheit zu befolgen.

Die Welt steht in Flammen! Sie wollen über Christus von neuem das Urteil sprechen, wie es heißt, 18 denn sie erheben tausend Anklagen gegen ihn und wollen seine Kirche zu Boden stürzen; 19 und da sollen wir Zeit vergeuden mit Dingen, durch die wir, wenn Gott sie gewährte, einen Menschen weniger im Himmel hätten? Nein, meine Schwestern, nein, es gibt keine Zeit, um mit Gott über Geschäfte von wenig Bedeutung zu verhandeln.

6. Gewiß, wenn es nicht geschähe, um der menschlichen Schwachheit entgegenzukommen, die darin Trost findet, daß man ihr in allem hilft, wie freute ich mich dann, wenn man einsähe, daß nicht das die Dinge sind, um die man Gott in San José anflehen soll.

Anmerkungen
1 Vgl. V 32–36.
2 Siehe unten Anm. 5 zu CE 1, 2.
3 Teresa meint die Hugenotten (Kalvinisten) Frankreichs, wobei jedoch hinter diesem religiösen Konflikt der andauernde Kampf zwischen Frankreich und Spanien um die Hegemonie in Europa zu sehen ist. Die religiöse Einfärbung erleichterte es den Monarchen, die Menschen zum Einsatz von Gut und Leben dafür zu gewinnen. Die „Lutheraner“ – was auch immer Teresa darunter versteht – sind in ihrem Denken stark präsent: Sie spielen bei der Gründung von San José eine Rolle (V 32, 6.9–10), das „Anwachsen dieser unheilvollen Sekte“ verändert bestimmte Vorstellungen für ihre Gründung. Möglicherweise hat Teresa im Palast der Doña Luisa de la Cerda in Toledo, wo sie von Ende Dezember 1561 bis Juni 1562 weilte, von den Unruhen der Kalvinisten in Mittel- und Südfrankreich nach dem Edikt von Saint-Germain vom 17. Januar 1562 erfahren. Die Lutheraner sind für sie „Häretiker“; vgl. auch CE 4, 2; 58, 2; 61, 8; V 7, 4; 21, 1; 40, 5.14; usw. Sie bezeichnet sie als „Verräter“ und „unheilvolle Sekte“ (CE 1, 2), die Christus „von neuem ans Kreuz bringen“ will (ebd.) und ein „Feuer“ (CE/CV 3,1) entfacht, das „die Welt in Flammen“ setzt (CE/CV 1, 5). Deswegen sind sie „ein großes Übel“ (CE/CV 3,1). Sie schaffen die Sakramente, vor allem die Eucharistie, ab, bringen Priester um, zerstören Kirchen usw. (CE 4,2 bzw. CV 3, 8; CE 58,2 bzw. CV 3, 3; CV 35, 1). All das zeigt ihre sehr begrenzte und einseitige Information über sie. Doch weiß sie auch, und damit steht sie damals fast allein da, daß man „mit Waffengewalt einem so großen Übel nicht abhelfen“ kann (CE 3, 1).
4 Vgl. CE 10,4 bzw. CV 6, 9; und ferner V 21, 1; F 1, 7.
5 Mit diesen und ähnlichen Worten greift Teresa scheinbar die Einstellung der Männer, vor allem der letrados ihrer Zeit auf, ohne jedoch deren schlechte Meinung über die Frau zu teilen. Durch diese kluge Taktik gelingt es ihr, als Frau nicht nur zu überleben, sondern den Männern ihrer Zeit auch etwas zu sagen. Vgl. die Anm. zur vorgetäuschten Demut zu CE pról 3 und ferner z. B. F 5, 2.
6 Hier und an vielen anderen Stellen, z.B. in V 21, 2; 27, 13; 30, 21; 33, 11; 6M 6, 3; F 1, 7, wird deutlich, daß Teresa am liebsten Aufgaben übernommen hätte, die damals Priestern vorbehalten waren.
7 Ein wichtiger Grundsatz der Spiritualität Teresas: Tun, was einem möglich ist, und sei es auch nur wenig. Siehe auch V 31, 18; CE 1, 2; 11, 8; 12, 1; 31, 2; 65, 5; CV 8,1; 17, 7; 37, 3 und besonders 7 M 4,15.
8 Teresa schreibt tales cuales, was zeigt, daß sie eine konkrete Vorstellung davon hatte, wie ihre Neugründung aussehen sollte. Wie? Jedenfalls nicht einfach eine Reform!
9 Virtudes, siehe Anhang I.
10 Anfanghafte Vorstellungen über die apostolische Ausrichtung ihrer Gründung begegnen dem Leser auch schon in V 21,1 und V 32, 6.
11 Vgl. Lk 9, 58.
12 Teresa redet Gott immer mit Vos – Ihr an, das jedoch im Deutschen antiquierter klingt und einen anderen Gefühlswert hat, als von der Autorin intendiert war; für sie widersprach die Höflichkeitsform keineswegs einem sehr vertrauten Umgang, vgl. etwa V 8, 5. Darum wird durchweg mit „du“ übersetzt.
13 Bezüglich der Zuweisung der Schuld am Tod Jesu an die Juden ist Teresa, die selbst aus einer jüdischen Familie stammte, ganz Kind ihrer Zeit, doch ist sie in ihrer Meinungsäußerung sehr zurückhaltend.
14 Mundo, siehe Anhang I.
15 Zum Verständnis und zur Übersetzung dieses Einschubs – -mas del mal no tanto!“ – siehe V 19,12 und T. Álvarez, Ficha Teresiana. A propósito de un inciso de Camino 1,4.
16 Man beachte den anaphorischen Parallelismus (gezielte Wiederholung eines Wortes zu Beginn aufeinanderfolgender Satzteile), ein typisches Stilmittel, das die Autorin auch an anderer Stelle benutzt, um ihre Leser für ihre Anliegen zu gewinnen; vgl. etwa CE 6,4; 11, 1; 16, 4; 38, 1; 69,3 usw. Siehe dazu J. A. Marcos, Mística y subversiva, 143–156.
17 Dios, siehe Anhang I.
18 Wohl eine Anspielung auf die Flugblätter, mit der die kirchliche und weltliche Obrigkeit die Leute über das Vordringen der neuen Lehre informierte, nicht zuletzt auch um die verschiedenen Maßnahmen zugunsten der königlichen Politik zu rechtfertigen.
19 Siehe zu diesen Klagen und Fakten, die Teresa hier und in CE 1, 1; 3, 1; 4, 2; 62,3 erwähnt, die Intervention von Charles de Guise, des Cardinal de Lorraine, beim Konzil von Trient am 23. November 1562: „Die Hand Gottes hat uns getroffen! . . . Im ganzen Reich gibt es Streitereien, Haß, Raub, verbissene Kriege, schlimmer als Bürgerkriege, überall Trauer, überall Schmerz und zuhauf die Fratze des Todes. Nicht einmal Gottes heilige Tempel werden geschont; Priester und Patres werden an den Füßen der Altäre, die sie umfangen, niedergemacht; die sichtbaren Zeichen der Sakramente werden mit Füßen getreten und verbrannt. Überall flammen Scheiterhaufen aus aller Art von kirchlichen Gewändern empor und große Feuer von weggeworfenen Bildern, genährt von Büchern, die nicht nur aus Kirchen, sondern aus altehrwürdigen Bibliotheken stammen .. . Aus den Altären gerissene Heiligenreliquien versinken in Asche, die hernach in die Flüsse geworfen wird. Mich packt der Schauder, wenn ich davon rede, daß nicht einmal die Gräber von Päpsten, Kaisern, Königen, Fürsten, Bischöfen und gemeinen Menschen in Ruhe gelassen werden, am wenigsten die von denen die ob ihrer großen Verdienste um die Kirche Gottes in Denkmälern liegen. Überall wird Gottes Name gelästert. . . Und schließlich, was mit Abstand das schlimmste ist, das heilige Opfer wird bei ihnen allenthalben nicht mehr gefeiert. . . Das Volk wird zum Aufruhr angestachelt und nach Abwerfung des Jochs der Monarchie, wie sie sagen, wird in Predigten öffentlich die Anarchie proklamiert. Bedenkt das alles gut, durchlauchte Redner, und was sich jetzt in Frankreich vor euren Augen abspielt, wo ihr die Hände in den Schoß legt, das werdet ihr bereuen, dann allerdings zu spät, wenn euch dann Frankreich mit seinem Gewicht und so ganz in eurer Nähe in den Untergang mitreißt“ (Concilium Tridentinum, Bd. 9, 162–165 [163]). Die Anklänge sind unüberhörbar, was zeigt, wie Teresa bei aller Begrenztheit und Einseitigkeit das Geschehen in Kirche und Welt mitbekam, intuitiv richtig einschätzte und von sich aus tat, was ihr möglich war.

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Erlöste und Verdammte – Ein sachlicher Beitrag zur sog. Reformation

Eine Buchbesprechung

Erlöste und Verdammte

Der an der Georg-August-Universität Göttingen lehrende protestantische Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann hat 2016 bei C.H. Beck ein sehr wichtiges und lesenswertes Werk zur Geschichte der Reformation vorgelegt, das inzwischen in vierter Auflage vorliegt. Auch katholische Leser können eine Menge von diesem Buch lernen. Insgesamt umfaßt „Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation“ mehr als 500 Seiten. Verweise haben nicht als Fuß-, sondern als Endnoten Aufnahme gefunden. Zahlreiche farbige Abbildungen illustrieren die Reformationsgeschichte zusätzlich.

Die ersten drei Kapitel, die selbst wiederum in kleinere Einheiten gegliedert sind, beschäftigen sich unmittelbar mit Martin Luther und der Situation in Deutschland vor und in den ersten Jahren nach dem berühmten „Thesenanschlag“ von Wittenberg. Auch besondere geschichtliche Entwicklungen, welche letztlich die Verbreitung der Reformation zumindest begünstigt, wenn nicht gar ermöglicht haben, werden kurz präsentiert. Dazu zählt natürlich der Buchdruck, aber auch der humanistische Aufbruch, der beispielsweise in der Rückkehr zu den Quellen in der Forschung Ausdruck fand.

Es dauerte nicht lange, bis nach dem „Thesenanschlag“ vom 31. Oktober 1517 auf katholischer Seite intellektueller Widerstand geleistet wurde. Während Luther seine Theologie noch „entwickelte“, wurde von katholischen Theologen bereits erkannt, wohin die lutherischen Positionen letztlich führen würden: „Wohl deutlicher, als es Luther zu diesem Zeitpunkt bewusst war, erkannte der brillante Theologe Cajetan, dass das Insistieren auf der persönlichen Heilsgewissheit das heilsanstaltliche Gefüge der Papstkirche erschüttern musste. Luthers Infragestellung der päpstlichen Verfügungsgewalt über den Schatz der Kirche […] wurde von Cajetan als fundamentaler Angriff auf die Autorität des Stellvertreters Christi identifiziert. Auch hier sah der Kardinal die Konsequenzen der Luther’schen Ablasskritik bereits deutlicher als dieser selbst, der sich noch in Übereinstimmung mit einem orthodoxen Hauptstrang der kirchlichen Lehrentwicklung wähnte.

Im vierten Kapitel blickt Thomas Kaufmann über den deutschen Horizont hinaus nach Europa und erweitert den Zeitraum seiner Analyse bis 1600. Einen großen Raum nimmt hier naturgemäß der lange Zeit in Genf tätige Reformator Johannes Calvin ein, der neben Luther die andere Hauptströmung des Protestantismus begründete. Im Blick auf Europa geht es auch kurz um die katholische Reform, die sich besonders im Konzil von Trient manifestierte, aber auch in der Gründung einiger neuer Gemeinschaften, die sich die Stärkung des katholischen Glaubens auf die Fahne geschrieben hatten. Die prominenteste dieser Gemeinschaften ist zweifellos die Gesellschaft Jesu, besser bekannt als Jesuiten.

Das fünfte und das sechste Kapitel sind für den an der Reformation interessierten Laien weniger interessant als die vorangehenden Seiten, sind jedoch für Historiker sicherlich von Relevanz. In diesen Kapiteln geht es in komprimierter Form um die Bedeutung der Reformation für die Moderne, wozu auch ein Blick darauf gehört, wie die Reformationsjubiläen in Deutschland begangen wurden.

In diesem Zusammenhang ist eine Beobachtung von Thomas Kaufmann allerdings auch an dieser Stelle erwähnenswert: „Entgegen dem, was die Reformatoren beabsichtigten und selbst praktizierten, hat das Schriftprinzip einer Relativierung exegetisch begründeter religiöser Wahrheitsansprüche den Weg gebahnt; dies kann Indifferenz oder Toleranz befördern, Zweifel oder Weitherzigkeit evozieren.

Und weiter: „Natürlich haben die Reformatoren, denen es um eine Vertiefung und Erneuerung des Christentums ging, solche Entwicklungen zu Distanz oder gar Abkehr keineswegs gewollt. Nicht also die Reformation als solche, wohl aber die mit der Reformation eingetretene Pluralisierung des lateineuropäischen Christentums und die konfessionelle Konkurrenz haben säkularistischen, laizistischen und atheistischen Tendenzen Vorschub geleistet. Das heutige religionskulturelle Bild des lateinischen Europa, dessen Säkularität sich im globalen Vergleich als Sonderfall darstellt, ist auch das Ergebnis der durch die Reformation in Gang gesetzten Langzeitentwicklungen auf diesem Kontinent.“ Leider beläßt der Autor es bei diesem Fazit. Es wäre schön gewesen, wenn diese Entwicklungslinien zumindest auf einigen wenigen Seiten nachgezeichnet worden wären.

Thomas Kaufmann hat eine grandiose und lebendige Reformationsgeschichte geschrieben. Er schreibt nicht als Protestant, sondern als Historiker, der sich vornehm zurückhält und neutral, auf den Fakten basierend, darstellt. Seine persönliche Sicht der Dinge ist höchstens in ein paar Sätzen zu erahnen. Die katholische Kirche wird fair und realistisch porträtiert, mit allen Schattenseiten, aber auch mit dem stets gegenwärtigen Licht.

Erstveröffentlicht bei KIRCHLICHE UMSCHAU (Oktober 2017)

Thomas Kaufmann
Erlöste und Verdammte
Eine Geschichte der Reformation
München (C.H.Beck) 2016
508 Seiten; € 26,95
ISBN 978-3-406-69607-7

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Exerzitien mit der hl. Elisabeth von der heiligsten Dreifaltigkeit, Karmelitin

Am 9. November 1906 ist die Karmelitin Elisabeth von der heiligsten Dreifaltigkeit gestorben. Sie wurde selig- und heiliggesprochen. Ihr Gedenktag wird, besonders in den verschiedenen Zweigen des Karmelitenordens, am 8. November begangen.

Die letzten Worte der jungen, bereits 26-jährig verstorbenen
unbeschuhten Karmelitin aus Dijon,
Elisabeth von der heiligsten Dreifaltigkeit:
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„Ich gehe zum Licht,
zur Liebe und zum Leben.“

Die karmelitische Webseite „500 Jahre Teresa von Avila“ bringt seit einigen Tagen Aufzeichnungen Sr. Elisabeths von ihren „Letzten Exerzitien“.
Sie sind herzlich eingeladen Sr. Elisabeth auf ihrem kontemplativen Weg zu begleiten!

Mehr zur hl. Elisabeth von der heiligsten Dreifaltigkeit – HIER

Zwei herzlich empfohlene Bücher:

M. v. Greiffenstein
Die hl. Elisabeth von der heiligsten Dreifaltigkeit
Alverna-Verlag 2017
258 Seiten. CHF 22.00; Euro 18.40
ISBN 978-3-9524562-9-3

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Buchbesprechung HIER

 

 

Dom Eugen Vandeur OSB
O mein Gott Dreifaltiger
Sarto-Verlag 2017,
136 Seiten; 8,90€
ISBN: 978-3943858846

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Das katholische Europa im Jahr 2048?

Eine Buchempfehlung

Kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. hat in dem 2016 erschienenen Buch „Letzte Gespräche“ seine Sorge um die Zukunft Europas und des Christentums geäußert: „Wie Europa sich entwickeln wird, wie weit es noch Europa sein wird, wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren, wissen wir nicht. […] Das Wort des Evangeliums kann natürlich aus Kontinenten verschwinden. Wir sehen ja, die christlichen Kontinente des Anfangs, Kleinasien und Nordafrika, sind nicht mehr christlich. Es kann auch in Räumen verschwinden, wo es groß war.“

Der im Vatikan verpönte schwarzafrikanische Kurienkardinal Robert Sarah äußerte ebenfalls seine Sorge um Europa. Nicht nur der Kultur, auch den Menschen drohe in Europa der Tod durch Trennung von den eigenen Wurzeln und durch den Abbruch der Weitergabe seines Erbes. „[D]ie größte Sorge besteht darin, dass Europa den Sinn für seine Ursprünge verloren hat. Es hat seine Wurzeln verloren. Und ein Baum, der keine Wurzeln hat, stirbt ab. Ich habe Angst, dass der Westen stirbt. Es gibt viele Anzeichen dafür. Niedrige Geburtsraten. Und ihr seid schließlich von anderen Kulturen überströmt, von anderen Völkern, die euch fortschreitend in ihrer Zahl dominieren und eure Kultur vollkommen verändern werden, eure Überzeugungen, eure Werte.

Der deutsche Philosoph und Katholik Prof. Robert Spaemann sagte erst kürzlich: „Eine Kirche, die sich anpaßt, wird nicht mehr imstande sein, zu missionieren“. Wird die Kirche sterben? Oder wird es Martyrer geben, die ihr Leben für Gott und seine Kirche ihr Leben hinopfern?

Ausgerechnet eine russisch-orthodoxe Schriftstellerin hat bereits im Jahre 2005 die Gedanken der zitierten Kirchenmänner in einen Roman einfließen lassen, in dem sie Jahrzehnte vorausschauend das Elend Europas und des Christentums beschreibt. Jelena Tschudinowa veröffentlichte ihren Roman zunächst in Russland, ehe er nun unter dem Titel „Die Moschee Notre-Dame. Anno 2048“ auch in deutscher Sprache erscheinen konnte. Diese Ausgabe wurde von der Autorin mit einem Nachwort versehen, in dem sie sich speziell an die deutschen Leser wendet. Zwar schreibt sie, ihr Buch sei „nicht prophetisch“, „sondern eine Warnung“, ja, sie „hoffe sogar“, dass man ihr Buch „vergessen könne“, wenn man alles „in den Griff bekommen habe“. Doch vielleicht bleibt wirklich nur die Hoffnung, „dass es dem herrlichen Kölner Dom erspart bleiben wird, in eine Moschee verwandelt zu werden“, denn dies ist das Schicksal von Notre-Dame in Paris.

Doch gibt es in Tschudinowas Paris einen neuen lebendigen Katholizismus. Ihn siedelt sie im Umfeld jener Katholiken an, die erkannt haben, dass die sogenannten Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils die Kirche nicht nur in eine schwere Krise beschert, sondern an den Rand der Vernichtung geführt hat. Es handelt sich um jene, die widerstanden haben und von der Römischen Kirche als schismatisch ausgegrenzt wurden. Deren Nachfolger leben verteilt in fünf Ghettos in Paris, zusammen mit jenen, die nicht zum Islam übergetreten sind. Sie treffen sich immer wieder, wie zur Zeit der Katakomben-Christen in den ersten Jahrhunderten des Christentums, zu Heiligen Messen und bereiten sich auf ihr Martyrium vor.

Nicht nur im Blick auf einen arroganten und militanten Islamismus kann man sich dem Roman nähern. Auch und gerade im Blick auf das Christentum und die katholische Kirche im Besonderen ist die Lektüre des Buches eine Herausforderung. Wir erleben es ja, wie sich die Kirche immer tiefer einlässt auf die weltlichen Dinge. Rom lässt sich vereinnahmen von linken politischen Strömungen. Traditionelle katholische Positionen zum Lebensschutz und zur Familie werden verleugnet. Das kirchlich-liturgische Leben wird profaniert und verflacht mehr und mehr. Gleichzeitig aber entstehen in der Kirche neue Bewegungen, die das katholische Erbe bewahren und schützen wollen. Es wird wiederbelebt, was in einer Zeit, die durch ihre Anbiederung und Anpassung an die Welt und ihre zweifelhafte theologisch-psychologische Gesellschafts- und Weltverbesserungspolitik verloren gegangen ist. Nicht unerwähnt kann bleiben, dass auch wieder neue geistliche und monastische Zentren entstehen, verteilt über den ganzen Erdkreis.

Ist es vor diesem Hintergrund noch verwunderlich, wenn Jelena Tschudinowa in ihrem Roman den Papst abdanken lässt? Es mag drastisch klingen, wenn bei ihr der Petersdom als Müllkippe für den Abfall Roms dient. Tatsächlich beschreibt die Autorin ein düsteres Bild Westeuropas. Sind nicht unsere Großstädte heute schon teilweise ghettoisiert? Dass im Roman ausgerechnet Paris zu einem Kristallisationspunkt wird, ist nicht verwunderlich. Hier gewinnt die radikale Richtung des Islams mit Hilfe der Scharia die Oberhand und erdrückt den Katholizismus auf allen Ebenen. Sogar die Weinberge Frankreichs werden gerodet, damit kein Wein mehr für Heilige Messen erzeugt werden kann: „Schließlich werden die Weinberge abgeholzt, die Zufluchtsorte entdeckt werden. Das letzte Missale wird vernichtet und der letzte Priester getötet werden.“

Der Roman ist nichts für zarte Gemüter, weder sprachlich noch durch seine Beschreibungen der Ereignisse; wohl aber für solche, die die Zeichen der Zeit erkannt haben oder erkennen wollen. Schon früh wird klar, wer die Helden sind. Es sind diejenigen, die katholisch geblieben sind oder katholisch geworden sind: bewusst, aus Überzeugung und ganz in der katholischen Tradition verwurzelt. Die russisch-orthodoxe Jelena Tschudinowa erweist sich als Kennerin der der katholischen Kirche. Sie weiß: „Jahrhundertelang hat die römische Kirche ‚Nur ich habe recht‘ verkündet! Im 20. Jahrhundert hat der Liberalismus sie zerfressen und sie hat gesagt, ‚jeder hat auf seine Art recht‘. Das war das Ende des Katholizismus.“ Doch die Hoffnung ist eine Tugend. „Wenn es keine Liturgie mehr gibt, wird das Ende aller Tage kommen.“ Dieses Wort lässt die Autorin den jungen Priester Lotaire sagen. Ganz sicher steht dieser zu seiner Berufung und zum Kreuz Christi: „Ich will, dass es die Liturgie gibt. Solange es noch einen Priester gibt, wird es auch einen Tropfen Wein und eine Handvoll Weizenmehl geben. Dafür sterben wir, dafür nehmen wir Qualen auf uns.

Erstveröffentlicht durch KATHOLISCHE UMSCHAU (Oktober 2017)

Die Autorin des Buches „Die Moschee Notre-Dame Anno 2048“, Jelena Tschudinowa, läßt den 33-jährigen katholischen Priester Lotaire weiter sagen:

„Ich denke, sie, diese Priester des 20. Jahrhunderts, schmoren in der Hölle, die sie ebenfalls für eine Metapher hielten. Sie haben den Niedergang der römisch-katholischen Kirche zu verantworten und dass sie schließlich aufgehört hat zu existieren. Ihnen ist der närrische Wahlspruch zu verdanken, dass alle im Recht seien, Sie, und Sie und natürlich auch Sie, jeder auf seine eigene Art und Weise. Alle Völker gehen zu Gott, nur hat jedes eben seinen eigenen Weg! In diesem Fall braucht man auch gar nicht mehr zu missionieren!

Aber ohne die Gewissheit, dass sie das einzige Gefäß der Wahrheit ist, kann die Kirche Christi nicht überleben. Es ist ein Auge ohne Sehkraft, ein Körper ohne Seele. Jahrhundertelang hat die römische Kirche ‚Nur ich habe recht verkündet!‘ Im 20. Jahrhundert hat der Liberalismus sie zerfressen und sie hat gesagt, ‚jeder hat auf seine Art recht‘. Das war das Ende des Katholizismus. Danach kam der Modernismus, das heißt eine leicht theatralisierte humanistische Quasselbude.

Weißt du, was man uns im Seminar gelehrt hat? Wenn eine Hostie zu Boden gefallen ist, muss der Priester niederknien, an dieser Stelle den Stein ablecken, einen speziellen Meißel nehmen und jene Schicht des Bodens, die die Hostie berührt hat, pulverisieren. Danach muss man dieses Steinpulver auflesen. Kurz gesagt, es ist sehr viel zu beachten. Dies alles mag idiotisch erscheinen, wenn man einmal von der Ausnahme absieht, dass man daran glaubt, es mit dem Fleisch Christi zu tun zu haben.

Wenn man aber meint, die Hostie sei nur symbolisch das Fleisch Christi, sie ersetze es also, dann kann man sie aufheben, ruhig in die Tasche stecken und später ohne Federlesen über diese Stelle hinweggehen, so wie es die Modernisten siebzig Jahre lang getan haben. Mehr noch, die überzähligen Oblaten wurden nach der Messe einfach weggeworfen! Stell dir nur vor, der Körper Christi ist Abfall, überflüssig. Und wer will schon für eine Oblate sterben, die man direkt aus der Patene in den Mülleimer schüttet?

Als nun der wirkliche Feind kam, der sich als alleiniger Träger der Wahrheit ansah und die ach so nachgiebigen liberalen Katholiken klammheimlich als Dummköpfe betrachtete, da wollte niemand sterben. Und an ihrer Stelle ist es die römische Kirche gewesen, die gestorben ist.“

Jelena Tschudinowa
Die Moschee Notre-Dame. Anno 2048. Roman.
Aus dem Russischen von Barbara Lehmann.
Mit einem Nachwort der Autorin
Renovamen-Verlag 2017
434 Seiten, gebunden mit Lesebändchen; 22,00 €
ISBN: 978-3956211287

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Abschied ohne Wehr

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes – , schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

Rainer Maria Rilke
Aus: Neue Gedichte (1907)

oder melodramatisch: Time to say goodbye
 … Adesso si li vivrò …
It’s time to say goodbye

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