Fünf Tage mit dem Trappisten Bruder Rafael Arnäiz Baron (2/5)

In Erinnerung an seine ersten Eindrücke bei den Trappisten sagte er sechs Jahre später, der Herr habe sein Gemüt bewegt, um ihn zum Nachdenken anzuregen. 1931 wurde er Mitglied der Katholischen Aktion und beteiligte sich fortan sowohl an den Konferenzen des heiligen Vinzenz von Paul als auch an nächtlichen Anbetungen. Trotz seiner tiefen Frömmigkeit war er ein großer Feinschmecker und kannte viele Restaurants; im Alltag zeigte er sich jedoch kein bisschen wählerisch und aß, was man ihm vorsetzte. Er war einerseits von überbordender und ansteckender Fröhlichkeit, andererseits zu gegebener Zeit auch sehr nachdenklich.

Bei seinem zweiten Besuch in San Isidro entdeckte Rafael den tiefen Sinn der klösterlichen Stille:
„Die Leute sagen, dass die Stille im Kloster traurig ist … Das ist völlig falsch … Das Schweigen im Trappistenkloster ist die freudigste Sprache, die sich der Mensch vorstellen kann … Aus der Seele des Trappisten, der scheinbar so armselig und in der Stille lebt, sprudelt ein herrlich munterer Gesang voller Liebe und Freude dem Schöpfer entgegen, seinem Gott und liebevollen Vater, der für ihn sorgt und ihn tröstet …“

Im September 1931 schrieb er während eines Aufenthaltes bei den Trappisten:
„Der Trappist lebt in Gott und für Gott. Gott ist sein einziger Lebenszweck in dieser Welt. Welcher Unterschied zu den sogenannten Christen, für die Gott nur ein zweitrangiges Wesen ist, mit dem man morgens um 8 Uhr ein Stelldichein hat und den man um 9 Uhr wieder verlässt – bis zum nächsten Morgen zur selben Stunde, um ihn dann sofort erneut zu vergessen! … Der Künstler mit seiner hohen Empfindsamkeit ist vom Kloster und dem Leben der Trappisten ähnlich beeindruckt, wie von einem Bild oder einer Sonate. Als Christ und gläubiger Mensch sieht er mehr dahinter. Er erfährt Gott auf greifbare Art und Weise. Danach fühlt er sich gestärkt im Glauben, und wenn der Herr ihm die Gnade gewährt, hat er sogar ein bisschen an Selbsterkenntnis gewonnen; er ist dort allein mit Gott und seinem Gewissen, er ändert seine Art zu denken, die Dinge zu empfinden, und … auch sein Verhalten und Auftreten in der Welt.“

In den Jahren 1932-1933 leistete Rafael seinen Militärdienst und setzte anschließend sein Architekturstudium in Madrid fort. Er stellte einen genauen Stundenplan für sich zusammen, der morgens mit der Frühmesse begann und abends mit dem Rosenkranz schloss. Er schrieb an seine Eltern:
„Ich habe festgestellt, dass mir alles besser gelingt, wenn ich mich am Anfang des Tages in Gottes Hände begebe.“

Ein Dokumentarfilm über das Leben der Zisterzienser aus Anlass der 800-Jahrfeier der französischen Abtei Sept-Fons vertiefte den guten Eindruck, den er bei seinem Besuch in San Isidro gewonnen hatte, und führte dazu, dass er beschloss, ins Kloster zu gehen. Er verbrachte den 24. und 25. November 1933 bei den Trappisten; sein Aufnahmegesuch wurde angenommen.

Am liebsten wäre er gleich im Kloster geblieben, ohne sich von jemandem zu verabschieden, nicht einmal von seinen Eltern, denn er fürchtete die Reaktion seines eigenen Herzens. Doch der Apostolische Nuntius (der Botschafter des Papstes), dem er sich anvertraut hatte, riet ihm: „Ich denke, Sie müssen sich von Ihren Eltern verabschieden und ihren Segen einholen.“

Rafael verbrachte also die eineinhalb Monate bis zu seinem Eintritt ins Kloster bei seiner Familie. Er wartete zunächst das Weihnachtsfest ab, obwohl es ihm sehr schwer fiel, und eröffnete schließlich am Nachmittag des 7. Januar 1934 seiner Mutter mit tränenerstickter Stimme: „Mutter, Gott ruft mich … Ich will ins Trappistenkloster.“ Sie senkte den Kopf und sagte nur: „Sohn!“ Sie informierte Rafaels Vater, der nach einem Augenblick der Rührung Gott für diesen Entschluss pries; anschließend fragte er seinen Sohn: „Wann willst du los? Ich werde dich fahren.“ Sie einigten sich auf den 15. Januar.

san-rafael-arnaizDer junge Postulant fügte sich gut in sein neues Leben ein. Er glaubte, am Ziel seiner Wünsche und seiner Berufung angekommen zu sein: „Gott hat den Trappistenorden für mich erschaffen, und mich für den Trappistenorden jetzt kann ich selig sterben, ich bin Trappist!“

Einige Monate später zeichnete sich jedoch plötzlich eine akute Diabetes bei ihm ab: Im Mai nahm er innerhalb von acht Tagen 24 kg ab und wurde nahezu blind. Rafael musste zu seinem Leidwesen zu seiner Familie zurück, um sich pflegen zu lassen, verließ das Kloster jedoch in der Hoffnung, eines Tages wiederkommen zu können. Die sofort eingeleitete ärztliche Behandlung schlug an, Rafael ging es bald besser. Er litt darunter, in ein Leben zurückkehren zu müssen, das er so schweren Herzens verlassen hatte. Der junge Klosteranwärter beschrieb sich als einen Griesgram, den man in seinem Schweigen und in seiner Sammlung stört: er sei auf der Suche nach sich selbst. Er begann wieder zu rauchen, Geige zu spielen und zu malen.

Am 3. Juni schrieb er einen Brief an seinen Onkel Polin: „Was nun geschieht, ist ganz einfach: Gott liebt mich eben sehr … Im Kloster war ich glücklich, ich hielt mich für den Glücklichsten unter den Sterblichen, ich hatte mich von den Geschöpfen loslösen können und suchte nur noch nach Gott … Aber eine Sache blieb mir noch: meine Liebe zum Kloster und zu den Trappisten; und JESUS, der im Hinblick auf die Liebe seiner Söhne sehr fordernd und eifersüchtig ist, wollte, dass ich mich von meinem geliebten Kloster trenne, wenn auch nur vorübergehend.“

Rafael erkannte schnell die befreiende Wirkung dieser Prüfung auf sein Herz.

 

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