Mönch begleitet Mörder bis zur Hinrichtung

Eine Katechese zu Leben, Tod und Todesstrafe

In der Quartals-Zeitschrift „Der Ruf des Königs“ der Kongregation „Servi Jesu et Mariae“ (SJM) findet sich eine Katechese von Pater Martin Linner mit dem Titel: „Vergib uns unsere Schuld – Die fünfte Vaterunser-Bitte„.

Es geht um „Schuld, Versuchung und das Böse“. Nichts, was auch nur ein einziger Mensch nicht kennen würde. Wir alle beten immer wieder:

Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern,
und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Pater Linner berichtet von einem Mann, der als Mönch in der Benediktiner-Abtei „Clear Creek„, in den einsamen Wäldern von Oklahoma lebt. Bruder Vianney-Marie Graham ist Laienbruder und widmet sich viele Stunden des Tages dem Gebet der Kirche (das Göttliche Offizium) sowie dem meditativen und privatem Beten. So ist sein zurückgezogenes Mönchsleben in Gebet und Arbeit (ora et labora) ein Leben für die ganze Welt, besonders für notleidende Menschen und Sünder.

Ein Mönch und das Leid der Welt

Taten der Schuld und Verletzungen durch Schuld berühren die Existenz des Menschen zuinnerst. Bruder Vianney-Maries Gebete gehen daher oft zu den „Verlassenen der Verlassenen“ im Hochsicherheitsgefängnis von McAlester. Der kontemplative Mönch bittet seinen Abt schließlich um die Erlaubnis, einigen Gefangenen schreiben zu dürfen, „um ihnen zu sagen, dass sie nicht verzweifeln sollen, dass  ihnen Gott barmherzig sein will, unabhängig von ihren Verbrechen.“

Das zeigt uns die Heilige Schrift von Anfang an: Nach der Erschaffung des Menschen kommt es  umgehend zum Sündenfall – mit dramatischen Folgen. Wie reagiert Gott? Seine Antwort auf die in  Schuld verstrickten Menschen ist ein Wort des Heiles: Er verheißt den Erlöser (vgl. Gen 3,15).

Bruder Vianney-Marie will auch die Erlösung der Menschen und sucht nach den „schlimmsten Fällen“. Dabei stößt er auf James Malicoat, einen Mann, der seine 13 Monate alte Tochter durch eine Vielzahl an Schlägen über zwei Wochen hin derart brutal verletzte, dass sie am 21. Februar 1997 starb. „Als ich von diesem Verbrechen zum ersten Mal hörte, dachte ich: Er  braucht mehr als jeder andere Mensch einen Freund.“

Der Benediktiner erhält von seinem Prior die Erlaubnis, an Malicoat zu schreiben. Mit Bedacht wählt er dafür das Fest Mariä Himmelfahrt – die Fürsprache Mariens soll dem Todeskandidaten den Weg zum Himmel öffnen. Nach anderthalb Monaten, am 1. Oktober 2001, dem Fest der heiligen Theresia von Lisieux, antwortet Malicoat. Ein regelmäßiger Briefkontakt entsteht. Obgleich die kontemplativen Mönche von Clear Creek selten das Kloster verlassen, bittet Vianney-Marie nach zwei Jahren brieflichen Austauschs um Erlaubnis, James Malicoat im Todestrakt besuchen zu dürfen. „Ich wollte wenigstens ein Treffen, damit er sehen kann, dass es die Person wirklich gibt, der er schreibt.“

Im Super-Maximum-Security-Gefängnis 

Vianney-Maries erster Besuch im Death Row nimmt ihn körperlich ziemlich mit. „Die Atmosphäre dort war schrecklich.“ Mönch und Mörder sehen sich durch Panzerglas und unterhalten sich über Telefonhörer. Malicoat ist verschlossen. Doch der Ordensmann schreibt weiter und kommt wieder. Langsam wächst das Vertrauen Malicoats in den Benediktiner. Er beginnt von seinem Leben zu erzählen – stockend, abgehackt: „Ich weiß nicht, warum ich meine Tochter Tessa getötet habe.“ Er berichtet von schlimmen körperlichen Misshandlungen in seiner Kindheit und Jugend. Er selbst war gewalttätig. Seinen leiblichen Vater hat er nie kennengelernt. Er wisse nicht, ob ihn jemand liebe. Seiner Ehefrau war er untreu. … Abgründe tun sich auf.

Die Schuld und ihre Folgen

Die fünfte Vaterunser-Bitte setzt eine Welt voraus, in der es nicht nur Schuld gibt – gegenüber Gott und den Menschen –, sondern viele Verletzungen, die folgenschwer sind. Wie oft ruft Schuld neue Schuld hervor. So auch bei James Malicoat. Wie oft entsteht eine Spirale von Vergeltung und Hass. Mit dieser Bitte lehrt uns Jesus, dass „Schuld nur überwunden werden kann durch Vergebung, nicht durch Vergeltung“ (Benedikt XVI.).

Jesus, der Heiland

Für uns alle, aber besonders für Menschen wie James Malicoat, ist der Herr „aus seiner Göttlichkeit aufgebrochen, um auf uns zuzugehen, uns zu versöhnen“ (Benedikt XVI.). Eindrucksvoll ist die Geste Jesu, wenn er sich beim letzten Abendmahl vor seinen Jüngern niederkniet, nicht nur um ihre schmutzigen Füße zu waschen, sondern sie mit seiner demütigen Liebe innerlich zu reinigen.

Im Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht (Mt 18,23-35) beschreibt Jesus die überbordende  Barmherzigkeit Gottes: Der König erlässt einem Diener die Schuld von 10.000 Talenten – eine ungeheure Summe, die umgerechnet 60  Millionen Denaren,  d.h. 60 Millionen Tageslöhnen eines Arbeiters entspricht.

James Malicoat kann an diese Barmherzigkeit nicht  glauben. „Hab keine Angst!“, schreibt ihm der Laienbruder. „Der Teufel wird versuchen, dich in Verzweiflung zu bringen. Vertraue auf Gott und  sage ihm, dass es dir leid tut.“ Fünf Jahre sind Mönch und Mörder nun schon in Kontakt. Die Aufarbeitung von verübter, aber auch erlittener Schuld ist mühsam. Der Laienbruder ist geduldig und betet.

Die Bitte um Vergebung

Bei einem erneuten Besuch fragt ihn der Ordensmann schließlich ganz direkt: „James, willst du mit deiner Tochter Tessa sprechen?“ „Der Schock, der über Malicoats Gesicht ging, war die erste emotionale Reaktion, die ich bei ihm feststellte. An so etwas hatte er wohl nie gedacht. Und doch begann er, stammelnd, zu seinem toten Kind zu sprechen: »Tessa, kannst du mir verzeihen?« Ich saß geduldig auf der anderen Seite des Panzerglases und hörte Malicoat zu. Dann vertraute er mir die Sorgen seiner Mutter an, die in all den Jahren voller Schmerz den Tag seiner Hinrichtung kommen sah.“

Um Vergebung bitten, setzt Reue voraus. Die zeigt Malicoat nicht nur in seinem Testament: „Ich  möchte jeden wissen lassen, wie leid es mir tut. Es tut mir leid, dass ich den Tod eines anderen Menschen verschuldet habe. Es gibt nichts, was ich tun kann, um das rückgängig zu machen.“

Die Saat wächst

Es sind mühevolle Jahre des Aufbaus von Gottvertrauen und der Zurückhaltung, um Malicoat nicht zu überfordern. Es bahnt sich langsam eine Freundschaft an. Trotzdem reagiert der Häftling oft unruhig und deprimiert. Die Last der Schuld droht ihn zu erdrücken.

Schuld ist eine Wirklichkeit, eine Macht, die Zerstörung und Verletzung hervorgebracht hat. Die Überwindung und Vergebung der Schuld kann sich daher nicht einfach auf  Ignorieren oder Vergessen beschränken.

So sagt Benedikt XVI.: „Vergebung kostet etwas – zuerst den, der vergibt: Er muss in sich das ihm geschehene Böse überwinden, es inwendig gleichsam verbrennen und darin sich selbst erneuern, so dass er dann auch den anderen, den Schuldigen, in diesen Prozess der Verwandlung, der inneren Reinigung hineinnimmt und sie beide durch das Durchleiden und Überwinden des Bösen neu werden.“ Das tut Jesus.

Für Malicoat ist der Gedanke an Vergebung noch weit weg. In einem Brief vom 26. Juni 2006 informiert er den Benediktiner, dass seine Hinrichtung nun für den 22. August angesetzt ist. „Ich habe nichts dagegen, dass sie michtöten“, schreibt er. „Ich habe Dinge getan, auf die ich nicht stolz sein kann. So muss ich vor Gott hintreten.“

Am Kreuz

Müssen wir das wirklich? Unsere Grenzen, das Böse aus eigener Kraft zu heilen, überwindet die Liebestat Christi am Kreuz. Von ihm sagt der Prophet Jesaja: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.  …  Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen. … Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (53,4f ).

Gott hat die ganze Welt mit einem Wort erschaffen, sagt der heilige Kardinal John Henry Newman. Aber unsere Schuld vergibt er durch den Lösepreis seines eigenen Sohnes. Jesus selbst ist gekommen, „um sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45). Kann James Malicoat dieses Wunder der Gnade annehmen?

Der Mönch glaubt an die Macht von Gebet und Opfer. Er bittet seine Mitbrüder um Unterstützung und gründet eigens eine Gebetsgemeinschaft. In benachbarten Pfarreien werden Gebetsvigilien abgehalten.

Jesus lässt den Menschen an seinem Erlöserleiden geheimnisvoll mitwirken (vgl. Kol 1,24). Das spürt auch Bruder Vianney-Marie. Der an sich robuste Benediktiner hat Albträume und schwere Anfechtungen. Er ahnt, wie es dem heiligen Pfarrer von Ars oder dem heiligen Pater Pio im Kampf um die Seelen erging.

Ein Sakrament

Die Vergebung von Schuld geht von Gott aus (vgl. Lk 5,21). Diese Gabe ist dem Herrn so  bedeutungsvoll, dass er dafür ein eigenes Sakrament eingesetzt und seine Jünger zu dessen Verwaltern bestellt hat – die heilige Beichte: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22f ).

Der innere Kampf

Der Hinrichtungstermin wird auf den 31. August 2006 verschoben. Malicoat stimmt der Anwesenheit eines Priesters bei der Hinrichtung zu, Bruder Vianney-Marie soll ihn begleiten. Doch am Hinrichtungstag will Malicoat davon nichts mehr wissen. Der Mönch und der mitgekommene Priester, Kaplan Kirk Larkin, warten und beten. Nach 45 endlos scheinenden Minuten bittet Malicoat endlich die beiden zu sich. „Er ist wie versteinert“, sagt sein Anwalt. „Sie haben keine Ahnung, unter  welcher Spannung diese Jungs in ihrer letzten Stunde stehen.“

Im Angesicht des Todes

Bruder Vianney-Marie erblickt in seinem Gegenüber einen gebrochenen Mann. Er ist erschüttert. Er stellt Kaplan Larkin vor und bittet Malicoat einen Akt des Glaubens zu setzen und zu beichten. Dann übergibt er Larkin den Telefonhörer.

Kirk Larkin ist erst seit zwei Jahren Priester – trotz seiner 47 Jahre. Er weiß, was es heißt, den Ruf Gottes sehr spät zu hören. Erst mit über 30 begann er regelmäßig die Messe zu besuchen. Später gesteht Larkin, dass er sich dieser Aufgabe nicht gewachsen sah: „Zuerst habe ich nein gesagt, doch dann dachte ich: Vielleicht hat Gott mich dazu berufen.“

Vergebung der Schuld

Priester und Mörder sitzen sich gegenüber: „Ich will nicht beichten!“, erklärt Malicoat dem Neupriester entschieden. „Ich möchte Sie nicht mit den schrecklichen Dingen meines Lebens belasten.“

Larkin macht dem Todeskandidaten Mut. Er geht mit ihm das Glaubensbekenntnis durch und fragt bei jedem Artikel, ob Malicoat zustimmen könne.

Der Laienbruder geht währenddessen im hinteren Teil des Raumes auf und ab und betet den Rosenkranz. „Ich fühlte ein schreckliches Gewicht auf meinen Schultern. Aber gleichzeitig habe ich noch nie so viel Gebetsunterstützung gespürt wie an diesem Tag.“

Dann sieht er, wie Kaplan Larkin seine rechte Hand segnend über James Malicoat erhebt. Da weiß er:  Ein Schwerverbrecher hat seinen Schöpferum die Vergebung seiner Schuld gebeten. Und Gott hat ihm alle Schuld vergeben. „Ich hätte vor Freude an die Decke springen können.“

Letzte Minuten

Kaplan Larkin winkt Bruder Vianney-Marie herbei, der zu Malicoat meint: „James, du bist jetzt nicht nur mein Freund, du bist mein Bruder. Du hast genau die gleichen Gnaden.“Die beiden schauen sich still an. Schließlich fragt der Mönch: „Bist du bereit zu gehen?“ – „Ja“, ist die klare Antwort. Dabei strahlt der Todeskandidat friedliche Ruhe aus und zeigt, wie die Vergebung von Schuld auch äußerlich einen Menschen verändert.

Priester und Mönch sind bei der Hinrichtung mit der Giftspritze zugegen. „Ein grausamer Akt“, meint  der Benediktiner später. „Doch James zeigte sich gelassen und furchtlos.““Jesus, Maria und Josef, nehmt seine Seele in den Himmel auf“, betet Bruder Vianney-Marie, während Malicoat stirbt.

Kaplan Larkin erinnert sich an die Reaktion des Mönchs. „Bruder Vianney-Maria wurde gleichsam körperlich verletzt, als James Malicoat hingerichtet wurde.“

Vergebung durch Gebet

Der Laienbruder erfuhr erst später, dass Malicoat am selben Tag, dem 31. August, starb, an dem auch der dreifache Mörder Henri Pranzini im Jahr 1887 hingerichtet worden war. Von  Pranzinis hartnäckiger Unbußfertigkeit hatte die damals 14-jährige Theresia von Lisieux in der Zeitung gelesen und daraufhin immer wieder gebetet: „Lieber Gott, bitte, vergib Pranzini die schwere Schuld!“ An der Hinrichtungsstätte ergriff dieser schließlich das Kreuz des  ihn  begleitenden  Priesters  und  küsste  es  dreimal.

„Niemand kann mir sagen, dass diese Heilige nicht für James gebetet habe“, ist der Mönch überzeugt. Nicht zu vergessen die Fürsprache Mariens, an deren Himmelfahrtstag  alles begann…

Einige Tage nach der Hinrichtung erhielt Bruder Vianney-Marie einen zwei Tage davor verfassten Brief. Darin hatte Malicoat geschrieben: „Sie werden sehen, das Gebet ist nie umsonst.“

Schuld als Mangel

Leben und Taten James Malicoats zeigen: Sünden sind Schulden. Und Schulden sind immer ein Mangel, ein „Mangel an Gutem“ (hl. Augustinus). Man könnte auch sagen: ein Mangel an Liebe – und jede Sünde somit eine Lieblosigkeit. Mit dem Bild des „Liebestanks“ beschreibt die Kinderpsychologie  das Bedürfnis nach einem ausreichenden Maß an Liebe, welches das Kind zu einem gesunden körperlichen und seelischen Wachstum befähigt. Ist der Tank gefüllt, dann ist das Kind im Gleichgewicht, dann ist es glücklich. Ist er leer, kommt es zu psychischen und auch physischen Entwicklungsstörungen.  Das gilt in ähnlicher Weise auch für Erwachsene.

Fülle an Liebe

Schuld entleert jeden Liebestank. Die Beseitigung der Schuld verlangt zugleich die Beseitigung des Mangels an Liebe, die erneute Erfüllung mit Liebe. Das tut Gott. In ganz einzigartiger Weise im Bußsakrament. Die Schuld, der Mangel wird beseitigt und die Seele mit der Liebe Gottes angefüllt.

Bruder Vianney-Marie und James Malicoat sind Zeugen der vergebenden Liebe Gottes.

Zuerst veröffentlicht bei CNAdeutsch

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Dokumentation – James Patrick Malicoat,
Hinrichtung am 31. August 2006 um 18:09 Uhr.

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Abbey Our Lady of Clear Creek

Benediktinerabtei Clear Creek, Priestermönch bei täglicher Privatmesse

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