Danach habe ich mich geschämt

Roberto de Mattei schreibt in der Übersetzung von Giuseppe Nardi über „Erfolg und Scheitern von ′68“. Darin findet sich folgender Abschnitt, der mich beim Lesen an meine Jugend erinnert hat.

Zitat:
′68 war keine politische Revolution, sondern eine moralische Revolution, die beabsichtigte, den Menschen von den traditionellen Moralvorstellungen zu „befreien“, um eine „herrschaftsfreie Gesellschaft“ zu errichten, in der die Lebensenergie sich spontan in einer neuen sozialen Kreativität ausdrückt. Der Marxismus war dahingehend zu überwinden, weil er seine revolutionäre Offensive nur auf den politischen Aspekt im engeren Sinn beschränkte, ohne auf den wirklich familiären und persönlichen Bereich einzuwirken. Die Revolution sollte hingegen in das tägliche Leben hineingetragen werden, um das Wesen des Menschen selbst zu verändern, ohne sich auf den äußeren und oberflächlichen Aspekt zu beschränken, zu dem sie die klassische, marxistische Perspektive zu verurteilen schien. Die Parole „Verbieten verboten“ brachte die Ablehnung jeder Autorität und jedes Gesetzes zum Ausdruck im Namen einer Befreiung der Instinkte, der Bedürfnisse und der Wünsche. Die sexuelle Freiheit und die Drogen waren die beiden Zutaten, um die neue Lebensphilosophie zu bekräftigen.
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Die angesprochene „moralische Revolution“ ging hinein in die Familien und in den Religionsunterricht. Wer Anfang der 50er Jahre geboren wurde befand sich in jener Zeit mitten in der Pubertät. „Aufklärung“ war ein großes Thema. Die Burschen tuschelten unter sich darüber, – nach den Hausaufgaben in der Freizeit oder beim Sport. Auch in der katholischen Jugendgruppe wurde darüber geflachst, und, wenn der Gruppenführer dabei war, ernsthaft gesprochen. Das heißt, man konnte Fragen stellen und bekam vielleicht seine Neugierde ein wenig gestillt. Auf jeden Fall waren die Informationen anders als im familiären Gespräch, oder besser, im Gespräch mit Vater oder Mutter.

Dann kam „Helga“. Das war ein Aufklärungsfilm, der erste dieser Art. Im Untertitel hieß der Film, der im Kino gezeigt wurde „Helga – Vom Werden des menschlichen Lebens“. Das klang unverfänglich. War dieser Film möglicherweise die Befreiung der Eltern von vielleicht lästigen Fragen, mehr noch, von schwierigen Antworten? Im Religionsunterricht kam auch der Kaplan nicht um das Thema „Aufklärung“ und um „Helga“ herum. Schließlich war er es, der den Vorschlag machte, wir Schüler sollten unsere Eltern um Erlaubnis fragen, den Film in Kino sehen zu dürfen. Untermauert wurde der Vorschlag des Kirchenmannes mit seinem Hinweis, dieser Aufklärungsfilm sei von der Bundesregierung gedreht worden und die Gesundheitsministerin (Käte Strobel, SPD) habe ihn eigens überwacht und empfohlen. Dann konnte der Film also nur gut sein und sicher ganz im Sinne der katholischen Kirche.

Tatsächlich bekam ich die elterliche Erlaubnis, weil ja der Kaplan die Empfehlung ausgesprochen hatte. Mit ein paar Klassenkameraden waren wir sonntags nachmittags im Kino. Natürlich haben wir interessiert hingesehen, manchmal auch weggesehen oder die Augen geschlossen. Nach dem Film, ich erinnere dies ganz genau, habe ich mich geschämt.

Der nach heutigem Ermessen eher harmlose Film, – zumindest im Vergleich mit so manchen heutigen Fernsehfilmen -, war für viele der Einstieg in sexuelle Ungezügeltheit. Ja, auch daran erinnere ich mich. Die sexuelle Befreiung, die moralische Revolution, hatte begonnen. In den späten 60er und vor allem in den 70er Jahren wurden unzählige Sex-Filme gedreht, die auch im TV gezeigt wurden. Heute weiß man, dass es Pornofilme waren. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen -wahrscheinlich vor allem Männer- solchen Schund angesehen haben. Und wie man gelegentlich hört und liest, ist das Geschäft mit Pornofilmen vor allem durch das Internet immer noch im Höhenflug. Heute ist sexuell alles erlaubt; am Schlimmsten: die Abartigkeiten werden sogar gelehrt.

Die falsche moralische Revolution hat bis heute weitgehend den Sieg davon getragen. Die Menschen haben sich befreit von traditionellen Moralvorstellungen. Doch wurde etwa eine „herrschaftsfreie Gesellschaft“ errichtet? Drückt sich die Lebensenergie der Menschen durch eine „neue soziale Kreativität“ aus? Oder wurden tatsächlich nicht eher die niederen Instinkte des Menschen geweckt? Jene Wünsche, die heute mit „Spaß haben“ wollen so harmlos daherkommen. „Just for fun“ soll alles sein, und zwar jetzt und sofort. Jene „sexuelle Befreiung“, das Abschaffen der Moral und natürlich, in deren Sog, die Drogen, waren jene Zutaten, die eine Lebensphilosophie begründeten, die heute als modernes Lebensgefühl bestimmt wird.

Was ist schon dabei. Das ist heute einfach so, und es macht doch jeder.

Oder?

Wollen wir uns damit zufriedengeben? Haben wir schon kapituliert?

+

 

 

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2 Kommentare zu „Danach habe ich mich geschämt

  1. Ich sage mal ganz spontan, so, dass die Zeiten nach ’68 uns einen ungeheuren Wohlstand gebracht haben, eine ungeahnte Mobilität und das man vielleicht das durchaus auch im Zusammenhang mit der Befreiung der Sexualität vom Kinderkriegen sehen kann.
    Ich habe dafür immer das Bild vom Haus mit Garten, dem Synonym für Familie aus den 60ern, so ein Haus mit Garten und ein bisschen Hühner und vlt eine Ziege, bindet Energie, so eine Familie bezieht sich auf sich selber, und braucht ihre Energie um die Zukunft in Form von Nachwuchs zu generieren, wenn man es technisch ausdrücken will.
    Da letzteres nun in unserer Welt nicht als Wert gilt, hat man die Männer und Frauen davon sozusagen freigestellt und das erziehen und betreuen sozusagen in Hort un Krippe rationalisiert und professionalisiert.
    Das hat nun wirklich ungeheure Energien freigesetzt und uns Konsumgüter für alle beschert, von denen selbst reiche Damen vor 100 Jahren noch nicht mal wussten, dass man sie haben können könnte.
    Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon! sagt Jesus Christus, da aber auch in sehr christlichen Kreisen, der Wert eines Menschen an dem gemessen wird, was er hat, wo er schon alles war und was für einen lukrativen Job er hat, deshalb haben, trotz der Enzyklika Humanae vita, die Kirchen der Anbetung des goldenen Klabes wenig entgegenzusetzen gehabt,
    Und auch hier schließt sich der Kreis, war es, damals, doch der Hohepriester Aaron der selbiges gegossen hatte und dafür die Schätze der Leute dankbar annahm.

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